Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Hard to say I’m sorry

Ein Kommentar

Wir schreiben den 31. Januar, es ist der letzte Tag der Winter-Transferperiode. Ein für seine unorthodoxe Transferphilosophie geschätzter Betriebssportverein unterstützt eine weitere, nicht minder beliebte Sportgemeinschaft bei der Umsetzung ihres beispielhaften Jugendkonzeptes; bei Sky Sport News überschlagen sich die Ballack-Headlines in der heavy rotation; Hansa Rostock sieht nach einem auch in der Höhe vollauf verdienten 2:1-Sieg am Wochenende über den dänischen Zweitligisten FC Vestsjælland einer großen sportlichen Zukunft, mindestens jedoch dem sicheren Aufstieg in die Bundesliga – wahrscheinlich sogar noch in dieser Saison – entgegen.

Aber was muss man in einem berühmten Magazin für Fußballkultur lesen? Unter dem Titel „Arrogante Waterkant“ greifen die 11 Freunde in ihrer Online-Ausgabe die peinlich berührende Fremdscham auf, die den Betrachter des Kieler Entschuldigungsvideos,  das vergangenen Sonnabend im Westfalenstadion über die Anzeigetafel flimmerte, unweigerlich überkommt. Seien wir doch mal ehrlich: Das Kieler Filmchen, vor allem die verkrampfte darstellerische Leistung der Holstein-(Schau)spieler bestätigt vor allem eines – das Gegenteil von „Gut“ ist „Gut gemeint“. Es ist also die geradezu heilige Pflicht eines Magazins wie „11 Freunde“, Machwerke dieser Art satirisch aufzuarbeiten.

In welches Wespennest er mit seiner ganz witzig beginnenden, zum Ende hin aber zunehmend bemüht originell wirkenden „Enthüllungsstory“ gestochen hat, war dem Autoren Benjamin Kuhlhoff wahrscheinlich nicht bewusst,  nach der Verbreitung des Artikels via Facebook platzte allerdings die Bombe, hier mal ein paar Kostproben aus den Kommentaren:

„Der Artikel hat eher BILD Niveau und ist man von Euch gar nicht gewöhnt. Habt ihr eigentlich auch gar nicht nötig. Na ja, ich habe eher den Eindruck, dass da ein immer noch zutiefst beleidigter Dortmund Fan den Artikel verfasst hat. Zumindest wirkt Eure „Analyse“ etwas an den Haaren herbeigezogen und ich habe mich beim Lesen schon fremdgeschämt. In diesem Sinne – Moin Moin aus Hamburch!

„Holstein Kiel hat sich schon entschuldigt und der BVB hat die Entschuldigung auch schon angenommen, also warum macht ihr so ein Theater?!“

„Das sind Artikel auf dem Niveau eines kleinen, engstirnigen BvB-Südkurven-Anhängers. Ich dachte schon das nach dem Pulitzerpreis-verdächtigen Anti-Bayern-Geschreibsel der Tiefpunkt erreicht ist. Ich brauche die eine BILD-Zeitung schon nicht, und eine billige Kopie davon erst recht nicht.“

‎“11 Freunde = Verschwörungstheoretiker des Fußballs…
unfassbar, was die hier für einen schwachsinn in dem artikel schreiben“

„Ist euch eigentlich bewusst, dass ihr euch gerade absolut lächerlich macht?
Ich meine, es ist jedem selbst überlassen, ob er eine Entschuldigung annimmt oder nicht. Aber sich solchen Schwachsinn aus den Fingern zu saugen… unfassbar dämlich, ganz ehrlich!
Oder glaubt ihr etwa ernsthaft, dass z.B. auch nur einer der Spieler, Bescheid weiß, dass schon die Mona Lisa die Fahne nur mit 2 Fingern gegriffen hat?? Ist ja auch weltbekannt, dieses Bild.. Wie lange musstet ihr eigentlich dafür recherchieren?
Bitte kommt blos schnell wieder von solch einem erbärmlichen Niveau weg. Das hat eure Seite nicht verdient!“

Soll man im Angesicht derart drastisch und demonstrativ zur Schau gestellter Ironieresistenz über regionale oder Vereinsgrenzen hinweg eigentlich lachen oder weinen? Ist es um die deutsche Fußballkultur wirklich so schlimm bestellt, wie es die zitierten Beiträge (und das ist nur die Spitze des Eisberges!) suggerieren? Sieht ganz danach aus, wenn man sich vor Augen führt, dass die KSV Holstein für den kleinen Fauxpas doch tatsächlich 12.000 Euro (in Worten: Zwölftausend!) Strafe zahlen musste.

Natürlich war das Timing der Kieler Gesangseinlage nach der Pokalauslosung nicht wirklich gelungen, aber ganz ehrlich: Wen, außer ein paar Bürohengsten in der Otto-Fleck-Schneise, regt so etwas denn wirklich auf?

Die Vereinsvorstände? – Wahrscheinlich gab es noch in der Nacht nach der Auslosung ein klärendes Telefonat und die Sache war erledigt.

Die Spieler? – Die Geschmähten werden die Gelegenheit bekommen, die Angelegenheit auf dem Platz gerade zu rücken und danach arrogant grinsend die Gratulationen und entschuldigend-demütigen Blicke und Gesten der in jeder Hinsicht Unterlegenen entgegenzunehmen. Kommt es dagegen zur sportlichen Sensation, können sie sich noch ganz andere Lieder anhören.

Und die Fans? – Da ist es ähnlich wie auf dem Platz: Bei halbwegs normalem Spielverlauf können und werden die Dortmunder den Gastgebern ihre Gesänge hundertfach um die Ohren hauen, anderenfalls schnell und unauffällig die Heimreise antreten, verfolgt von einem aus tausenden Kehlen schallenden „Hu********“.

Aber nein, der „moderne“ Fußball muss sich sauber, adrett und familienfreundlich präsentieren, da stört selbst die kleinste Frotzelei im siegestrunkenen Überschwang, sei sie auch noch so unbedeutend, bei der TV-gerechten Inszenierung der Ware Fußball. Bilder und Töne, „die wir nicht sehen und hören wollen“, braucht man bestenfalls für Kampagnen gegen „sogenannte Fans“.

Es ist also damit zu rechnen, dass wir auch in Zukunft mit solchen öffentlichen Selbsterniedrigungen verwöhnt werden. Geht es nach den oben zitierten Kommentaren, können ja die 11 Freunde schon mal den Anfang machen.

Ein Kommentar zu “Hard to say I’m sorry

  1. Daumen hoch Uwe …. Wieder den Nagel perfekt getroffen ! Hattest Du mal was mit deiner Deutschlehrerin ? Danke für mindestens fünfmal Schmunzeln beim Lesen

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