Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Es ist doch nur ein Film

Ein Kommentar

Polizeiruf 110 – Einer für alle, alle für Rostock

Da hat sich das Erste ja wieder ein Ding geleistet. Riesige Empörung, wohin man schaut, wie kann man nur am Sonntagabend zur besten Sendezeit dem Gebühren zahlenden Konsumenten ein solches Machwerk zumuten? Also ich, für meinen Teil, habe mich in den 90 Minuten köstlich amüsiert, was allerdings nicht ausschließlich an der Qualität der ausgestrahlten Polizeiruffolge „Einer für alle, alle für Rostock!“ lag.

Wer sich den Rostocker Polizeiruf gibt, weiß, dass dieser vor allem von der maßlosen Überzeichnung der Haupt-Charaktere und einer grotesk klischeehaften Einbeziehung und Abbildung des Umfeldes lebt, sprich: von der Stadt Rostock und von Teilen ihrer Einwohnerschaft, wobei immer wieder ein ganz spezieller Humor zutage tritt, der nicht jedermanns Sache sein dürfte.

Das gab es auch schon in früheren Folgen, ich denke da an die legendäre Frage an den Kollegen „Wer weiß noch, dass du mit meiner Frau vögelst?“, woraufhin ein im Hintergrund mit der Spurensuche beschäftigter Beamter selbige kurz unterbricht, um zu bestätigen: „Ich!“ Oder die großartige „Koksschwalbe“: „Sie verkauft Koks und fährt eine Schwalbe.“ Und nun DAS aktuelle Zitat, das jetzt schon auf dem Weg zur Legende ist: „Ficken ist das Höchstmaß an Romantik in Rostock.“ Demnächst vielleicht als Banner vor der Südtribüne im Ostseestadion?

Zeitgleich zur Ausstrahlung bricht auf Twitter ein virtuelles Fan-Battle mit einem (angeblichen) Mitglied der Saalefront aus, das ebenso tapfer wie vorurteilsbehaftet gegen eine virtuelle Übermacht von Anhängern diverser Vereine anzuschreiben versucht. Die Frage, ob nun der Polizeiruf oder die verstörende Allianz Rostock/Magdeburg/Erfurt/Chemie Leipzig etc. pp. gegen Halle weiter von der Realität entfernt ist, hat beinahe philosophische Dimension. Zum Nachlesen bitte hier entlang.

Ansonsten dreht sich die Diskussion hauptsächlich darum, ob man Rostock oder MeckPomm oder „den Osten“ so zeigen darf oder muss, und welche Auswirkungen das wohl wieder auf den Tourismus haben wird. Nun, wer sich sein (Vor)urteil bereits gebildet hat, sieht sich wahrscheinlich bestätigt, dazu hätte es aber auch nicht des Filmes bedurft. Insofern – einfach entspannt bleiben.

Dabei fällt allerdings auf: Lediglich ein einzelner User schwingt wiederholt die Nazi-Keule, bedient sich dabei aber auch ausschließlich seiner persönlichen „Erkenntnisse“. Da hätte ich durchaus mehr erwartet, obwohl der Film außer dem martialisch-militanten Auftreten der eigenartigen „Ultragruppe“ weder in den Dialogen, noch mit auch nur angedeuteter optischer Symbolik derartige Schlüsse nahelegt. Auch die besondere Abneigung zur gegnerischen Gruppierung aus Hamburg (immerhin färbt so ja doch ein bisschen Realität ab) lässt keinerlei Rückschlüsse zu, das wird als reines Gewalt-Ding inszeniert, ein bisschen „friedliche Prügelei“ eben.

Komplett an der Wirklichkeit vorbei geht in meinen Augen die Darstellung der „Ultra“-Gruppe im Film. Die Herren (und Dame) sind doch ganz schön in die Jahre gekommen, und auch sonst entsprechen ihr Auftreten, ihre Ausdrucksweise und auch die Stadionszenen nicht wirklich dem, was ich in deutschen Stadien (nicht nur Rostock) wahrnehme. Buchen wir es einfach unter künstlerischer Freiheit ab, irgendwie muss ja auch der dramaturgische Faden gespannt werden. Für Schmunzeln sorgt so oder so, zumindest bei Kennern des Hansa-Umfeldes, die Figur eines szenenahen Zahnarztes.

Eine Kriminalfilm ist keine auf Fakten basierende Dokumentation und wird das auch nie sein. Auch das berühmt-berüchtigte „Schicksalsspiel“ hatte (jedenfalls hoffe ich das) nie diesen Anspruch, wobei da allerdings – und jetzt zitiere ich mal einen befreundeten Beteiligten, der das schließlich wissen muss – die Auswahl der Statisten deutlich besser gelungen war.

Mit der Auswahl Rostocks als Handlungsort für diesen Fall haben die Schöpfer der Polizeiruf-Folge vieles richtig gemacht, das große Interesse schon im Vorfeld und die Reaktionen während und nach der Ausstrahlung geben den Autoren recht: Ein (dermaßen stark) polarisierender Streifen ist in jedem Fall besser als Heile-Welt-Allerlei a la „Landarzt“, „Bergdoktor“ oder „Forsthaus Falkenau“. Selbst übergroße Ablehnung ist besser als völliges Desinteresse. Schreibt, was ihr wollt, aber schreibt meinen Namen richtig!

Auf eine „realistische“ Geschichte mit Fußball-Hintergrund werden wir wohl noch ewig warten dürfen, wenn das angesichts der so vielfältigen Wahrnehmung dieses Themas überhaupt möglich ist. Bis dahin freue ich mich aber auf weitere Rostocker Polizeirufe mit meinen Lieblingsermittlern Bukow und König.

Ein Kommentar zu “Es ist doch nur ein Film

  1. Hi und super geschrieben. Wir haben den Polizeiruf interessiert verfolgt und waren hin und her gerissen und dann doch begeistert. Auch wir sind Fans von Bukow und König, gerade weil sie nicht weichgespült sind und weil sie auch so schön daneben sein können. Das ist halt im Leben so! Hauptsache meine westlichen Freunde können das richtig einordnen. Falls da Probleme sind, helfe ich bei der Aufklärung-so wie immer…
    Mach weiter so Alter !
    Beste Grüße von Christian

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