Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Mein Stadion brennt

Ein Kommentar

Rammstein – Europe Stadium Tour, Rostock, Ostseestadion, 16. Juni 2019

Ich würde mich nicht unbedingt als Rammstein-Fan im klassischen Wortsinn bezeichnen, kenne die Musiker nicht alle unvorbereitet und auf Knopfdruck beim Namen, kann auch nicht sämtliche Albuminhalte auswendig der Reihe nach aufsagen oder gar alle Lieder mitsingen, finde die Band allerdings interessant (nicht zuletzt, weil sie nicht einfach nur da ist, sondern eben auch polarisiert – sowohl musikalisch, als auch mit ihren Texten.Das macht ihre Musik hörenswert, vielfältig und interessant. Folgerichtig habe ich alle bisher veröffentlichten Longplayer in meinem Besitz, wobei es einige Bands und Künstler gibt, deren Erzeugnisse weit häufiger den Weg in die Abspielgeräte finden.

Extrem faszinierend finde ich die Live-Auftritte, die Show im Ostseestadion ist meine dritte persönliche Begegnung mit der Band nach 2009 (Rostock, Hansemesse) und 2011 (Berlin, O2 World).Eine Rammstein-Show verlässt man mit vielfältigen Eindrücken, die Bühnenpräsentation der anspruchsvollen Songs gelingt nahezu perfekt und sehr nah an der Studioqualität. Gerade hinsichtlich dessen ist mir vor allem die „Made in Germany“-Show 2011 in Berlin herausragend ins Gedächtnis gebrannt.

Klangliche Grenzen setzt mitunter der lokale Sound der Veranstaltungsstätte, was leider nun auch für beide von mir besuchten Rostocker Konzerte gilt, wobei die Hansemesse mir akustisch als besonders negativ in Erinnerung bleiben wird.

Der Abend im Ostseestadion ist vor allem von einer unbeschreiblichen Lautstärke gekennzeichnet, jedenfalls dort, wo ich das Konzert verfolge – Nordtribüne/Oberrang. Ein alles überlagernder Krach lässt kaum Melodien erkennen, der Gesang geht im allgemeinen Lärmbrei unter, ebenso die vielleicht zwei bis drei persönlichen Sätze, die der Sänger direkt an das Publikum richtet. Schade, so kann ich die mir zum Teil noch unbekannten Texte kaum verstehen, dabei lohnt sich das Hinhören wirklich, wie ich inzwischen, nach dem Kauf und ersten Durchhören des neuen Albums sicher weiß.

So stellt sich während des Konzertes zumindest einmal ein gewisses Unbehagen ein, und zwar während der Darbietung von „Deutschland“ angesichts einer Textzeile wie „Deutschland, Deutschland über allen“, die außerhalb des Gesamtkontextes nahezu zwangsläufig an den (extremen) Rand des Interpretationsspielraumes drängt. Diesem Drängen wird in einschlägigen Kreisen gern nachgegeben, wie beispielsweise ein (nichtoffizieller) Verkaufsstand am Wegesrand Richtung Stadion verdeutlicht, an dem mit Deutschland- Devotionalien in den Farben des „Reiches“gehandelt wird. Erster Gedanke: Wenn das eine ironisch-subtile Anspielung auf die eben erwähnte Textzeile sein soll, ist die aber gründlich misslungen. Das Publikum, das sich um diesen Stand herum versammelt hat und dort mit „Astra“ in hohem Tempo in „Konzertstimmung“ bringt, macht ohnehin nicht den Eindruck, beim Hören von Musik besonders viel Wert auf Zwischentöne zu legen. Nichts wie weg da.

Letztlich hat der Kram mit Band und Konzert nichts zu tun, es finden sich keinerlei Bezüge zu Rammstein oder dem Veranstaltungsort auf der angebotenen Ware. Erstaunlich ist einfach, dass der Betreiber des Standes seinem Gewerbe offenbar unbehelligt von irgendwelchen Behörden (schwer vorstellbar, dass für so etwas Lizenzen erteilt werden, aber man weiß ja nie) nachgehen kann, nicht gerade üblich bei derartigen Großveranstaltungen, und das nicht nur in Rostock. So wie es später im Stadion aussieht, hat sich der kommerzielle Erfolg des Textilverkäufers wohl in Grenzen gehalten, zumindest im von meinem Platz aus überschaubaren Bereich ist keiner dieser Lappen in Aktion zu sehen.

Von all dem abgesehen, erlebe ich ein gigantisches Konzert, besonders mit überwältigenden visuellen Eindrücken. Nach meinem Empfinden ist der Einsatz von Pyrotechnik im Vergleich zu früheren Jahren quantitativ etwas herunter gefahren worden, qualitativ gibt es aber gar nichts zu beanstanden. Die Effekte sind zielgerichtet auf die Songs abgestimmt und sitzen auf den Punkt.Mein persönliches Highlight ist, wie Keyborder Flake bei „Mein Teil“ von Till zunächst im Kessel gegart und später dann noch außerhalb flambiert wird, es ist schon ein hartes Leben als Rockstar. Eine kleine Ahnung davon, was der arme Flake durchmacht, bekomme ich später, als die Hitzewelle der „Sonne“sogar die etwa 70 Meter Entfernung zu unserer Tribüne überwindet und mir den Bauch wärmt. Und schließlich fasziniert immer wieder, wie Till Lindemann die Bindung zum Publikum pflegt und zelebriert und dabei ohne die üblichen Mätzchen a la „Seid ihr gut drauf?“ oder „Everybody sing yeah yeah!“ auskommt.

Etwas Besonderes gibt es im Vorprogramm zu sehen und hören. Das Duo „Jatekok“, zwei französische Pianistinnen, bringt auf zwei Klavieren vierhändig Rammstein-Songs zu Gehör. Das ist gerade zu Beginn äußerst gewöhnungsbedürftig, da es sehr schwierig ist, die Lieder überhaupt zu erkennen. Mit der einen oder anderen Ballade klappt das dann aber sehr gut, so singt das Publikum bei „Ohne dich“ fast schon euphorisch mit, fast schon ein Gänsehaut-Moment. Immerhin bekommen die beiden Damen sehr höflichen Applaus, auch wenn zu erkennen ist, dass Teile des Publikums mit so viel musikalischer Virtuosität doch etwas überfordert sind.

Alles in allem ist es ein in großen Teilen eindrucksvoller „okayer“ Abend, lediglich die für meine Ohren nicht optimale Tonmischung und die überzogen brachiale Lautstärke verhindern eine bessere Bewertung. Vielleicht gibt es ja irgendwann doch ein weiteres Wiedersehen und eine Gelegenheit, mich komplett zu überzeugen.

 

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Setliste

Intro: Feuerwerksmusik (Händel) / Was ich liebe / Links 2-3-4 / Tattoo / Sehnsucht / Zeig dich / Mein Herz brennt / Puppe / Heirate mich / Diamant / Deutschland (Remix by Richard Kruspe) / Deutschland / Radio / Mein Teil / Du hast / Sonne / Ohne dich

B-Stage Engel

Encore 1 Ausländer / Du riechst so gut / Pussy

Encore 2 Rammstein / Ich will

Ein Kommentar zu “Mein Stadion brennt

  1. Von Rammstein besitze ich nur die ersten beiden Werke auf CDs – „Herzeleid“ und „Sehnsucht“. Und dazu die erste Live-Scheibe – „Live aus Berlin“.

    Für „Sehnsucht“ wäre ich gern auf ein Rammtein-Konzert gegangen, aber ich bin schon um die Jahrtausendwende ausgestiegen und habe seitdem ihr Werk nicht mehr weiterverfolgt.

    Dein Bericht weckt in mir gemischte Gefühle: Ich kann es mir gut vorstellen, dass bei der Musik von Rammstein irgendeine Stadion-Akustik nicht gerade optimal ist – wären wir in den Hallen besser aufgehoben? Andererseits trauere ich immer wieder meiner verpassten Möglichkeit nach, im Februar 2005 in der Erfurter Messehalle dabeisein zu können.

    Aber ja…!

    Schön, dass Du Deinen Blog wieder belebst.

    Liebe Grüße aus Wien,

    S.

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