Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Wohin wir gehören

2 Kommentare

F.C. Hansa Rostock – VfB Lübeck 1:1, Ostseestadion, 22. Mai 2021, 3. Liga, 38. Spieltag

Vorfreude, schönste Freude

Wer kennt sie nicht, die Worte aus dem gleichnamigen ostdeutschen Adventsklassiker von Erika Engel-Wojahn (Text) und Hans Naumilkat (Melodie). Und sind wir mal ehrlich, hatte diese (wie nun endlich feststeht) Aufstiegssaison nicht immer wieder vorweihnachtliche Züge, ehe das Hoffen, Sehnen und Bangen und Glauben im letzten Spiel im Rausch der Emotionen kulminierte und mit dem erlösenden Schlusspfiff eine ganze Stadt buchstäblich explodieren ließ?

So, wie die Kinder in jeder Strophe des Liedes das ersehnte Ereignis vorbereiten (Kuchen backen, Kranz schmücken) und an jedem Adventssonntag ein Licht entzünden, sammelte die Mannschaft in zum Teil spektakulären Spielen Punkt um Punkt und trieb so die Vorfreude ins Unermessliche, zündete im Bunde mit dem oft bemühten „Fußballgott“ oft sekundengenau Kerze um Kerze, von denen mir die folgenden vier noch heute das Herz wärmen. Kein Kunststück, werden jetzt einige sagen, aber haben wir es nicht oft genug genau andersherum erlebt? – Eben!:

Türpitz trifft gegen Verl (90.+3)

Seht, das erste Lichtlein brennt

Roßbach trifft gegen den FCK (90.+6)

Und das zweite Lichtlein brennt

Kolke hält den Elfmeter gegen Uerdingen (90.+2)

Und das dritte Lichtlein brennt

Türpitz trifft in Meppen (90.+1)

Und das vierte Lichtlein brennt:  Freude im Advent!

Es ist diese beinahe kindliche Vorfreude auf das große Ereignis, die sich mehr und mehr einstellt, je näher der letzte Spieltag rückt. Entgegen der inneren Stimme, die mahnend auf Hansa als klassischen Zielgeraden-Loser verweist (Klar, den Weihnachtsmann gibt es, aber einen Hansa-Aufstieg?!), drängt ein ungeahnter, unwiderstehlicher Anflug von Optimismus die pathologische Skepsis zur Seite: Das wird was diesmal!

Und dann kommt die Nachricht: Es dürfen Fans im Stadion dabei sein. Nun brauche ich nicht die ganze Diskussion über Pro und Contra noch einmal aufzuwärmen, ihr habt sie alle mitverfolgen können. Auch persönlich spricht mehr gegen einen Stadionbesuch als dafür, da sind ja noch gesundheitliche Aspekte zu berücksichtigen. Ohne ins Detail zu gehen: Eine Infektion mit diesem Virus kann ich nicht zusätzlich auch noch gebrauchen. Als ich dann erfahre, dass mein guter Freund S. „vielleicht fahren“ will, neigt sich die Waage mehr und mehr Richtung „Scheiß drauf!“ Ich mach einfach den blöden Schnelltest. Kann ja immer noch zu Hause bleiben.

Und dann passierte es: Die Nachricht kommt, die nichts anderes besagt als „Du darfst.“

Beim Lesen des negativen Testergebnisses wird mir plötzlich bewusst, dass ich zum ersten Mal in diesem Jahr meine Wohnung nicht zum Einkaufen, einem Spaziergang, für eine kleine Runde auf dem Fahrrad oder einen Arztbesuch verlasse. Nach 5 Monaten Isolation habe ich zum ersten Mal wieder etwas vor, kann mich auf etwas freuen. Und der Moment, als mir die Vorfreude in die Glieder schießt, wird für mich zur prägenden Erinnerung an diesen Aufstieg, die an diesem Wochenende auch nicht mehr übertroffen wird.

Der Tag

Beim Aufwachen schwirrt ein Ohrwurm durch meine Gehörgänge. Keine Ahnung, wieso. Es ist nirgendwo ein Radio oder anderes Abspielgerät in Betrieb, auch in der Nachbarschaft ist es noch still. Vielleicht sind es die vielen „Da gehören sie doch hin“-Texte, die ich zuletzt gehört und gelesen hatte, die nun aus dem Unterbewusstsein ans Licht drängen. Es ist der zuckersüße Schmachtfetzen „Up where we belong“ (Jennifer Warnes & Joe Cocker), der das Motto des Tages werden soll. Nach oben, wo wir hingehören. Beim genaueren „Hinhören“ bemerke ich, dass Joe Cocker den Text etwas verändert hat, vielleicht saß er ja am Vorabend neben dem Fußballgott am Tresen. Vergesst Richard Gere, dieser Song ist nun ein Lied für Rostock und seinen F.C. Hansa:

Lord lift us up where we belong

Where the seagulls cry

O‘er the lighthouse high

Lord lift us up where we belong
Far from the world below
… irgendwas mit „blue-white smoke“ (Sorry, die Aufwachphase.)

Das nenne ich mal ein klassisches Zeichen. Was soll jetzt noch schief gehen?

Nichts. Wenn wir mal vom Lübecker Führungstreffer absehen. Soufian Benyamina wirkt, als würde er sich dafür entschuldigen wollen. Ok, wir vergessen die Sache, aber tu das nie wieder!

Einen detaillierten Spielbericht könnt ihr gern woanders lesen, mir bleibt einfach nur ein Nachmittag wie im Rausch im Gedächtnis.

Ein Wiedersehen mit vielen guten Freunden, auf das wir alle so lange warten mussten. Das wunderbare Erlebnis gefüllter Stadionränge mit echtem Sound, dem ich mich 90 Minuten lang und darüber hinaus einfach nur ausliefere.

Struppi, wenn du das liest: Versucht doch mal, auf die ohrenbetäubende Beschallung der Tribünen nach Spielen zu verzichten, gerade bei einem Anlass wie diesem ist das noch störender als sowieso schon. Also hört auf mit dem Scheiß. Wenn ich Disco brauche, dann gehe ich auch dahin. Das schließt die blödsinnige Tormusik ausdrücklich ein.

Und was habe ich die kollektive Lästerei in unserem Block über das Spielgeschehen vermisst. Höhepunkt ein Kommentar in der kurzen Stimmungsflaute zwischen 0:1 und 1:1: Zuschauer im Stadion gefährden den Aufstieg. Auf dass uns diese hanseatische Gelassenheit erhalten bleibe.

Natürlich kann ich mir abschließend nicht verkneifen, meinen herausragenden Fußballweitblick zu unterstreichen, den ich im 11 Freunde Sonderheft zur Saison 2020/21 unter Beweis gestellt habe. Nachzulesen hier

.

2. Liga Hansa ist dabei!

Und überhaupt: Mögen alle, die im Stadion und bei den Feierlichkeiten dabei sein durften, sich immer daran erinnern, wie schön das Gefühl des Aufstieges ist, der Genuss des sportlichen Erfolges. Bitte vergesst das nicht, auch wenn es nun eine Liga höher unvergleichlich schwieriger wird.

2 Kommentare zu “Wohin wir gehören

  1. Ich geb zu, mich haben die doch schon vielen Menschen im Stadion erschreckt, aber Deine Euphorie ist so mitreißend. Ich freue mich für Dich, dass die Hansa-Kogge nun auf der nächsthöheren Welle schwimmt!

    • Danke schön. Hoffen wir, dass es gut geht.
      Mir bedeutet es vor allem viel, endlich mal wieder unter Menschen gewesen zu sein.
      Liebe Grüße nach Wien. Bleib gesund.

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