Hanseator

Musik & Fußball

Eine Postkarte aus Hamburg

Ein Kommentar

Sincerely, Thees Uhlmann. DAS FINALE, 10. Januar 2026, Elbphilharmonie Hamburg

„Elli“ feat. NINA vs. Elphi (Girls just seem to have fun!)

Bis hier … und immer weiter

Am Anfang steht die Wahl des geeigneten öffentlichen Verkehrsmittels für die Fahrt zum ersten Live-Event des neuen Jahres. Die Deutsche Bahn offeriert während der monatelang Streckensperrung Berlin-Hamburg zwei Möglichkeiten, von Schwerin nach Hamburg zu gelangen: Mit Regionalzügen über Bad Kleinen und Lübeck oder auf direktem Weg im Ersatzbus ohne Zwischenhalt.

In meiner langfristigen Reiseplanung hatte ich zunächst und lange Zeit die SEV-Variante favorisiert, zumal von deren Zielort Steinfurther Allee aus eine U-Bahn-Verbindung direkt vor meine Hoteltür in Eimsbüttel besteht. Gegen diese Variante spricht jedoch die Erfahrung, dass die Autobahn A24 nach Hamburg hinein gerade freitags immer für Situationen an der Schwelle zum Verkehrsinfarkt gut ist, auch ohne eisglatte und/oder schneeverwehte Fahrbahnen. Eis und Schnee schweben natürlich auch als Damoklesschwert über den Bahnstrecken des flachen Mecklenburger und Holsteiner Landes.

Nach einer Woche mehr und mehr eskalierender Wetterprognosen hinsichtlich des Tiefs „Elli“, in die sich ab Donnerstag überflüssigerweise auch noch „Katastrophen-App“ NINA einmischt, muss ich mich entscheiden. Puh, ist das nun Schönheit der Chance oder doch Qual der Wahl? Das Rennen macht die Schiene, ausschlaggebend sind die Umsteigepunkte, die mir die Möglichkeit lassen abzubrechen, wenn es mir unterwegs zu bunt wird, im Bus könnte ich das nicht. Als „point of no return“ schwebt mir Lübeck vor. „If I can make it there …“ 😊

Also soll es geschehen. Im Bahnabteil habe ich immer ein Auge für die Landschaft, das andere beobachtet die Navigator-App. Der Umstieg in Bad Kleinen gelingt lehrbuchmäßig, vielleicht können wir das ja in Lübeck wiederholen? Zu schön, um wahr zu sein. Kurz vor Ankunft in Lübeck meldet sich die App mit einer guten und einer schlechten Nachricht. Erst die schlechte: Der Anschlusszug in Lübeck fällt aus. Und die gute? Es fährt ein anderer, Ziel ist Hamburg Hbf., bisschen später zwar, aber er fährt. Auf hoher See und in der Luftfahrt gibt es bei langen Reisen ins Ungewisse den Punkt, nach dessen Überquerung eine Rückkehr zum Startort nicht mehr möglich ist. Dass dieser mystische Punkt mit der Abfahrt des „Ersatzzuges“ aus Lübeck überschritten ist, wissen in dem Moment weder Reisende noch Bahnpersonal.

Unsere Fahrt endet in Ahrensburg, was Sekunden, bevor der Zug dort zum Stehen kommt, durchgesagt wird. Ich fühle mich einen Moment wie Phileas Fogg (na, gibt es hier Literaturfreunde?), dabei wollte ich doch nur in 80 Minuten nach Hamburg!

An einer Bushaltestelle vor dem Bahnhof kommt das Glück zurück: Erstens fahren dort Linienbusse zu nahegelegenen U-Bahn-Stationen in Ahrensburg-West und Volksdorf. Zweitens bleibt bei Abfahrt niemand unfreiwillig an der Haltestelle zurück, soweit ich das erkennen kann, nicht mal, drittens, die Besitzerin eines Cellos in einem riesigen weißen Koffer oder wenigstens ihr Instrument. Viertens schließt sogar die Bustür hinter mir als letztem, im Einstieg stehend, obwohl wir das beide eigentlich gar nicht „dürften“.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo ich einfach mal feststellen muss und möchte, wie unsagbar entspannt die Leute, in deren Gesellschaft ich unterwegs bin, mit den Umständen, miteinander und mit dem ÖPNV-Personal umgehen. Großen Respekt besonders an letztere. Wenn man bedenkt, wegen welcher Belanglosigkeiten die sich gewöhnlich von Hinz und Kunz beschimpfen lassen müssen, und heute eine schlechte Nachricht nach der anderen zu „verkaufen“ und irgendwie Auswege zu finden haben, was sie überaus freundlich und kompetent meistern.

Wir schaffen es also in die U-Bahn und nach etwa 5 Stunden Reisedauer stehe ich vor der Haustür meines Hotels. Die ist verschlossen, und es ist niemand vor Ort. Tatsächlich erreiche ich via. Rufumleitung jemanden am Hoteltelefon, der mir einen Zahlencode für den Tresor mit Haus- und Zimmerschlüssel nennt. Ich bin am Reiseziel und beschließe: Alles ist gut. Was juckt es mich, dass ich mich eine Nacht lang fühle wie Kevin McAllister in N.Y.C., nur ohne Taubenfrau (sind Filmfreunde anwesend?), wobei ich am Vormittag feststelle, dass doch noch ein paar weitere, offenbar lautlose, Gäste da sind, und dass ich beide Tage auf Frühstück verzichten muss. Aber das ist nochmal eine andere Geschichte.

Die „Gnade des kurzen Weges“

Zum Abschluss des Reise-Teils möchte ich nochmals die glücklichen Umstände preisen, die mich sicher am Ziel ankommen ließen.

Dieses Glück haben manche nicht, die auf ihrem Weg nach Hamburg unterwegs irgendwo „stranden“ oder die Fahrt gar nicht erst antreten können. Deren Zahl kenne ich nicht, immerhin sind für mich im Publikum nur wenige Lücken zu erkennen. Damit erweist sich die Entscheidung gegen eine Absage aus Veranstaltersicht wohl als richtig, so enttäuschend das für viele ist.

In jedem Fall bleibt bei beiden Shows der Platz neben mir unbesetzt. Meine liebe Freundin und Bloggerkollegin Sori, mit der ich die Konzerte gemeinsam besuchen wollte, kann die Reise gar nicht erst antreten, da ihr Nachtzug aus Wien am Freitagabend im Zuge der Einstellung des Fernverkehrs in Norddeutschland komplett gestrichen wird. Wir hatten uns lange Zeit sehr darauf gefreut. Ich möchte daher diesen Text ihr widmen. Irgendwann holen wir das nach.

Der Konzertort

Über das musikalische Ereignis hinaus ist schon der bloße Besuch der Elbphilharmonie ein Erlebnis. Ich möchte mich gar nicht erst über Architektur und Bauausführung ausbreiten, davon verstehe ich nichts, aber der Aufenthalt in diesem Gebäudegiganten ist vom Betreten bis zum Verlassen Erlebnis pur. Ein befreundeter Bauunternehmer, den ich am Abend treffe, ist schwer begeistert und kann es sich nicht verkneifen, immer wieder die Betonwand im Großen Saal anzufassen. Einfach nur berühren! Das ist bestimmt eine hohe Form der Anerkennung in Fachkreisen.

Von baulichen Finessen abgesehen, beeindruckt mich die Zweckmäßigkeit von Einrichtung und Abläufen. Die Geschwindigkeit, mit der dank durchdachter Wegeführung und gut kommuniziertem Zeitplan Einlass, Platzeinnahme und Verlassen des Gebäudes ablaufen, habe ich so noch nicht erlebt: nicht die geringste Spur eines Wartestaus mit ungeduldigem, genervtem Gedränge.

Aber der absolute Hammer sind die Garderoben. Ihr alle kennt die üblichen Tresen, wo aus einem riesigen Pulk von allen Seiten die Marken kreuz und quer in die nächste freie Mitarbeiterhand überreicht und nach manchmal mühseliger Suche meist das richtige Kleidungsstück an den richtigen Empfänger zurückgegeben wird. Nicht so in der Elphi. Die Hakenreihe (in der Fachsprache hier: der Gang) ist auf der Marke vermerkt, womit das beliebte Gesellschaftsspiel „Finde das richtige Ende der Schlange“ hier nicht stattfindet. Ganz ehrlich: Der größtmögliche Störfaktor in diesem Prozess bin ich, wenn das Aus- oder Wiederanziehen zu lange dauert. Genial!!

Die kurze Entfernung zur nächsten U-Bahn-Station und damit einhergehend der Umstand, dass ich (auch „dank“ Absage der Aftershow) schon eine Stunde nach Verklingen des letzten Akkordes in mein Hotelbett falle, rundet den logistischen Aspekt des Konzertbesuches ab.

Two shows are better than one

Was ist besser als ein Konzert von Thees Uhlmann in der Elbphilharmonie? Ganz einfach: ZWEI Konzerte.

Ich war ja schon vor einem Jahr beim Auftakt dessen dabei, was zu einer zwölfmonatigen Tour durch den deutschsprachigen Raum im Jahr 2025 aufblühen sollte: 5 aufeinanderfolgende Abende im St. Pauli Theater unter dem Motto „5 nights at the opera“. (Dass das namensinspirierende Queen-Album im gleichen Jahr 50. „Geburtstag“ feierte, rundet die historische Dimension der Tour mit dem grandiosen Start und dem gigantischen Finale noch zusätzlich ab, bei allen musikalischen Unterschieden, soviel Pathos muss erlaubt sein.

Ich bin nun auch bei beiden Finalshows dabei und stelle erfreut fest: Thees hat das Konzept echt ein Jahr durchgezogen, aus meiner (Laien-)Sicht ein Riesending als Solist und ohne irgendwelche „Effects“ oder Bandkollegen, die spontan einspringen, um auf der Bühne auch mal kurz durchzuatmen, wovon ich mich auch per Bildschirm beim Rockpalast (ARD Mediathek) überzeugen konnte.

Die Setlist bleibt in ihrer Grundstruktur von „Danke für die Angst“ bis „Die Schönheit der Chance“ bis zum Ende erhalten, es ist toll, welche Vertrautheit sich da immer wieder einstellt, einschließlich der Mundharmonika-Gastauftritte, die atmosphärisches Highlight aller Gigs sind. Auch die Zwischentexte haben einen gewissen Wiedererkennungswert, aber ohne auch nur ansatzweise „langweilig“ herüber zu kommen. Das liegt einfach an Thees‘ Art, das Publikum mit beiläufig klingenden „Nebensätzen“ um den Finger zu wickeln. Sehr schön, wie sich Thees auch mal in Richtung der hinter ihm sitzenden Zuschauer umdreht, damit die ihn auch mal von vorn sehen. Ansonsten dürfen die sich knapp zwei Stunden über die Livepräsentation des Hauptbestandteils eines berühmten 80er Albumcovers, zuzüglich des „typischen“ Seitenblickes freuen. 😉

Bei den Moderationen zwischen den Songs empfinde ich einen kleinen Unterschied zwischen dem Zusatzkonzert und dem „richtigen“ Finale: Am Nachmittag wirkt Thees auf mich noch wesentlich „lockerer“, albert ein bisschen mehr herum, während am Abend  besonders die Freude über das Zustandekommen und den Erfolg der Tour, die ausverkauften Finalshows und die unschätzbare Unterstützung und Hingabe aller Beteiligten neben und hinter der Bühne, beim GHvC-Label und an allen Auftrittsorten im Fokus stehen, getragen von Dankbarkeit für langjährigen Support der Familie sowie guter Freundinnen und Freunde von den ersten Schritten in der Wilhelmsburger „Honigfabrik“ bis zum Doppler in der Elphi. Schwingt da doch ein bisschen Wehmut mit?

Nun ist die Solotour Geschichte, nicht jedoch (natürlich) das Musiker-Dasein des Thees Uhlmann. So etwas lässt sich ohnehin nicht „abstellen“ wie ein Fernseher. Ein neues Album ist bereits in Arbeit, und das nächste Wiedersehen ist in Sicht: beim „Beach Motel“ in knapp zwei Wochen. Dann sehe ich übrigens zum ersten Mal in meinem Leben die Nordsee. „Musch mache“, wie der Künstler sagen würde.

 

Setlist

Danke für die Angst

New York

17 Worte

Zugvögel

Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach HipHop Videodrehs nach Hause fährt

Im Sommer nach dem Krieg

Was wird aus Hannover

Schreit den Namen meiner Mutter

Kaffee und Wein

Wie sieht‘s aus in Hamburg

Lat: 53.7 Lon: 9.11667

Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf

5 Jahre nicht gesungen

Die Toten auf dem Rücksitz

Avicii

Sommer in der Stadt

Römer am Ende Roms

Das hier ist Fußball

Ich sang die ganze Zeit von dir

Junkies und Scientologen

Die Schönheit der Chance

POST scriptum

Das muss ich abschließend noch loswerden. Ich verschicke auf Reisen (Fußball oder Musik) gern die eine oder andere Postkarte. Davon wollte ich auch diesmal nicht abweichen. Praktischerweise gibt es in der Elbphilharmonie einen Souvenirshop, wo ich natürlich eine Karte erwarb, diese noch vor dem ersten Konzert beschrieb, adressierte und frankierte (das kann man auch ohne Briefmarke mit einem Code aus der Post/DHL-App), um sie auf dem Heimweg in einen Briefkasten zu stecken. Leider weiß ich bis jetzt nicht, wohin ich das gute Stück tatsächlich gesteckt habe, in einen Briefkasten jedenfalls nicht. Auch nicht in die Tasche mit meinen Papieren, Brille und Telefon. Ich fürchte (hoffe?), die ist auf einem der Stehtische im Foyer liegengeblieben. Vielleicht wurde oder wird sie ja gefunden, dann seien Sie doch bitte so nett und lassen das gute Stück der rechtmäßigen Empfängerin zukommen, Adresse steht drauf und das Porto ist bezahlt. Sollte das nun auch noch klappen, dann werde ich mich persönlich für die Heiligsprechung der Elphi stark machen. Als Ausgleich könnt ihr ja einem gewissen Hamburger Stadtteil das „Sankt“ wegnehmen.

Andere zum Konzert

BeneGigs Blog

NDR Kultur

Ein Kommentar zu “Eine Postkarte aus Hamburg

  1. Avatar von sori1982

    Danke für die Widmung, lieber Hanseator!

    Es bricht mir dennoch das Herz.
    Ich kann mich noch gut an den Donnerstagnachmittag, 2. Oktober 2025 erinnern. Ich war bei „meiner“ U-Bahn-Station in Wien, um mich auf den Weg zu einem Konzert zu machen. Davor war ich mit Konzertfreunden zum Essen verabredet. Die U-Bahn kam nicht. Ich griff zum Mobiltelefon, um in der App nachzusehen, welche Störung vorlag. Da kam Deine Nachricht, dass Uhl in der Elbphilharmonie auftreten wird. Die U-Bahn war mittlerweile da und fuhr dennoch nicht los. Du hättest mich sehen müssen. Ich war die Einzige in der Garnitur mit einem idiotischen Grinsen, während die anderen verkniffene Gesichter zogen, weil die U3 sich nicht rührte.
    Was habe ich mich gefreut, als Du Tickets ergattern konntest.
    Und dann haben wir auf die Zusatzshow spekuliert. Ich lag richtig mit meiner Annahme, dass Uhl einen Nachmittags-Termin einschieben würde. Große Freude, dass Du auch wieder beim Ticketkauf erfolgreich warst.
    Zwei Mal Thees Uhlmann in der Elbphilharmonie. Ich hatte mich sehr gefreut, aber ja… wenn ich auf meine besuchten Konzerte der vergangenen Jahre/Jahrzehnte zurückblicke: Der Großteil hat stattgefunden. Ich konnte alle meine Springsteen-Konzerte besuchen. Es gehört zum Konzertleben, dass das Schicksal mir die Zunge ausstreckt und „Ätsch!“ ruft.
    Also blicke ich optimistisch auf das „restliche“ Konzertjahr 2026. Es kann nur noch besser werden.

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