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Musik & Fußball

Beachen im Winter

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Beach Motel van Cleef, 23. & 24. Januar 2026, St. Peter Ording                                                                                                                

Das erste Festival des Jahres 2026 hält zwei Lebens-Premieren für mich bereit:

Ich bin zum ersten Mal an der Nordsee. Und es ist mein erstes Festival, bei dem ich tatsächlich alle Acts sehe.

Letzteres verdanke ich besonders der Mitfahrgelegenheit bei einer lieben Freundin, die es mir ermöglicht, dem winterlichen Reisestress mit ÖVM auszuweichen und rechtzeitig vor der Eröffnung mein Quartier zu beziehen. Vielen Dank dafür! Die Anreise mit Bus und Bahn wäre aber durchaus eine Option. Gegenüber der Moteleinfahrt befindet sich die Bushaltestelle „Ordinger Deich“. Beim Planen hilft der DB-Navigator.

Ab jetzt greift die mustergültige Planung und Organisation der Veranstalter: Kurze Wege, keine Überschneidungen bei den Auftritten und der eine oder andere geschickt eingefädelte „Doppelschnapp“. (Ausdrücke haben die …) Und das ist das Programm der beiden Tage:

Freitag

Nach der Bilderbuchanreise erklimme ich kurz den Deich, um noch bei Tageslicht einen Blick auf den Strand zu erhaschen. Hmm, ganz schön weit weg, für mich heute zu weit. Außerdem ist es tierisch kalt, und essen möchte ich auch noch ein Häppchen. Vielleicht morgen? (Spoiler: Auch da komme ich dem Strand nicht näher, die Ausr… – äh: Gründe sind dieselben. Irritiert bin ich davon, dass man da offenbar mit dem Auto bis fast ans Wasser heranfahren kann, um das schwere Surfzeug nicht so weit schleppen zu müssen. Oder deute ich da etwas nicht richtig? Baden da im Sommer Leute? Und klappt das, ohne sich ständig mit den Surfern ins Gehege zu kommen? Nächstes Mal schaffe ich vielleicht den Blick aus der Nähe.

Zurück im Motel gibt es die verdiente Mahlzeit im Restaurant [dii:ke], das klappt sogar ohne vorherige Reservierung, die im Allgemeinen empfohlen wird, wenigstens am Anreisetag. Ich bin danach bestens gestärkt für einen langen Abend.

Ab 19 Uhr geht es für mich weiter mit den Premieren. Ich habe keine auftretende Band, Künstlerin oder Künstler vorher schon auf einer Bühne gesehen, die Musik der meisten höre ich überhaupt zum ersten Mal. Auf mich stürmt so viel neues ein, dass ich es kaum sortieren, geschweige denn mir merken kann. Aber persönliche „Ranglisten“ widerstreben mir in der Musik sowieso grundsätzlich.

Also verzichte ich, bis auf kurze Eindrücke von einzelnen Auftritten, auf „Reviews“.

Eefje de Visser

Die Musik der Holländerin gefällt mir richtig gut, sie ist sonst mit Band unterwegs, heute singt sie (das meiste in ihrer Muttersprache, vermute ich jedenfalls) und begleitet sich selbst auf der Gitarre, die Soundbeiträge ihrer Kolleg*innen kommen aus der „Konserve“ (ich weiß leider keine elegantere Bezeichnung, sorry).

Adam Angst

Der lauteste Auftritt steht am Ende eines sonst ruhigen, musikalisch introvertierten, manchmal melancholisch stimmenden ersten Abends. Da ist dann auch „Action“ im Publikum zu spüren.

Sonnabend

Die Angst vor dem Gewinnen*

*In den 1980ern gab es mal eine Band dieses Namens. Na, wer weiß es? Auflösung ganz unten.

Der Sonnabend hält zuerst eine besondere Attraktion bereit: 12 Uhr Tombola – jedes Los gewinnt! Das stimmt tatsächlich, die Abholschlange wächst schneller als die vor dem Losverkauf, lange Zeit ist nicht sofort absehbar, wo man sich gerade anstellt. „Was gibt‘sn hier?“ fragten wir in meinen jungen Jahren immer vor dem Anstellen. Langsam vorrückend kann ich schon mal einige Preise betrachten. Ich stelle fest, dass die Losnummern für zwei St.-Pauli-Trikots nicht mit meinen gezogenen übereinstimmen, das lasse ich für mich als Hauptgewinn gelten. Glück gehabt!

 

Marcus Wiebusch live at the Gym

Der Januar ist noch nicht vorüber, und ich war sogar schon im Fitnessstudio. Heldenhaft, und das ging so:

Der als „Open Air“ konzipierte „Jever live Nicht-so-Früh-Shoppen“ wird aus Temperaturgründen nach innen verlegt. Nach innen bedeutet heute und hier: in den Folter-, ich meine Fitnesskeller meines Hotelgebäudes, (fast) genau unter meinem Zimmer. Als ich sehe, wie sich vor meinem Fenster die Wartenden zu formieren beginnen, reihe ich mich unverzüglich ein, so dass ich beim „stagerush“ einen freien Platz zwischen einem furchteinflößenden Krafttrainingsgerät und einem Hantelregal, aber – viel wichtiger – rechts von der improvisierten Bühne „front of stage“ finde, einer der besten der vielleicht 60 Plätze im Raum, schon wieder Glück gehabt!

Drei mutige Kiddies, ich tippe mal, der „Anführer“ noch nicht ganz G-Jugend, die anderen noch jünger, können die Enge und Unübersichtlichkeit des Raumes ausnutzen, sich der elterlichen Fürsorge zu entziehen, und lassen sich an einem Flecken, keine zwei Meter vom Künstlerpodest entfernt, ganz schön dicht an den Gegengewichten eines Trainingsgerätes nieder, das dem ungeplanten Stabilitätstest zum Glück standhält.

Dass der musikalische Vortrag schon begonnen hat, ficht sie nicht an in ihrer für ihr mutmaßliches Alter relativ „stillen“, unbekümmerten Kommunikation (Flüstern kommt erst in der Grundschule dran), die der Künstler mit einem knappen Seitenblick, unterstrichen durch ein sanft, aber verbindlich gezischtes „Sssst!!“ pädagogisch wertvoll und nachhaltig beendet.

Das knapp 30minütige Set ist als eine Art „Wunschkonzert“ angelegt. Marcus Wiebusch bittet darum, Jahreszahlen zwischen 1990 und 2025 zu nennen, um entsprechende Songs auszuwählen. Das funktioniert gut, was vom Künstler wiederholt mit dem Prädikat „sehr gute Wahl“ bewertet wird. Gute Vorbereitung, da kennt einer sein Publikum genau. So stellt sich schnell eine Art Lagerfeueratmosphäre ein, „Unplugged“ in seiner ursprünglichsten Form. Einfach schön.

Die Songs bei setlist.fm: Klick

Craig Finn

Darauf war ich besonders gespannt. Es ist ein beeindruckender Auftritt mit dem Spirit großer nordamerikanischer Singer/Songwriter in einer gedachten Linie von Woody Guthrie über Pete Seeger bis zu Bruce Springsteen in der Tom-Joad-Zeit, ein sehr authentischer Vortrag, ich bedaure sehr, von dem Künstler bisher noch nie etwas gehört zu haben. Zwischen den Songs gibt Craig Finn umfangreiche Erläuterungen über deren Entstehung und die manchmal skurrilen Umstände, alles sehr persönlich, wie zum Beispiel der Priester, der nicht an Gott glaubt, die richtige Aussprache von „Amarillo“, aber auch das Erleben des Terroranschlages auf das World Trade Center am 11. September 2001 auf dem Dach seines Kollegen Newmyer mit Blick auf die Twin Towers. All das nimmt mich als Zuhörer gefangen und geht lange nicht aus dem Kopf, erst recht unter dem Eindruck der krassen aktuellen Realität in Finns Heimatland.

Wie schwer mag es dem großartigen Sänger und Erzähler wohl gefallen sein, an diesem Sonnabend auf der Bühne zu stehen? Wenige Stunden vorher liefen im deutschen Fernsehen erschütternde Bilder aus seiner Heimatstadt Minneapolis-St. Paul, wo gerade zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage ein Mensch auf offener Straße einer Gewaltorgie maskierter US-„Bundesangestellter“ zum Opfer gefallen ist.

Dankenswerter Weise hat GHvC ein paar signierte Exemplare des aktuellen Albums „Always been“ am Start, von denen ich mir eines sichern konnte, was mich in die Lage versetzt, mich etwas genauer mit C.F. und seinen Songs vertraut zu machen. Alles in allem: für mich eine wunderbare Neuentdeckung.

 

Endlich unter Strom und ein Gruß von der Bühne

Nur einmal hatte ich Thees zuvor mit Band gesehen, das war beim „Wasted in Jarmen“ 2017. Später kam „Corona“ dazwischen und nach dem „Neubeginn“ wandelte er erfolgreich auf Akustikpfaden. Also ist es praktisch wieder eine Premiere, nun kann ich meine Lieblingslieder vom „Junkies…“-Album endlich mal mit voller Kraft erfahren, wie auch einige von den „alten Sachen“ , einfach grandios. Dass ich vor „17 Worte“ sogar persönlich von der Bühne gegrüßt werde, setzt dem Abend die Krone auf. Extreme Monchi voice: „Hammä!“

Noch Fragen? Ja, wann gibt es ein neues Album? Wie wäre es mit einer Tour?

Zur Setlist: Klick

 

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Gesamtfazit: Sollte ich wiederholen, also fange ich besser schon mal mit dem Sparen an.

 

* Angeberwissen:Cliff Barnes and the fear of winning. Habt ihr selbst gewusst, ’ne?

 

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