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Musik & Fußball

Ein Stern zu viel

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KKS Lech Poznań – FK Crvena Zvezda 1:3, 6. August 2025, Miejski Stadion, UEFA Champions League, Qualifikation

Dienstag

Unverhofft kommt oft

18 Uhr: „Knödel“, heute Geburtstagskind, bedankt sich telefonisch für den WhatsApp-Glückwunsch vom Mittag. Nett, macht nicht jeder, bei mir hängt das immer von der Anzahl der erhaltenen Grüße ab. So ist er halt. Aber der Jubilar hat noch einen weiteren Grund, den direkten Kontakt zu suchen: Hast du morgen etwas vor?

Ich weiß im Sekundenbruchteil, worauf es hinausläuft, wenn die Hopperlegende das fragt. Hmm, Gerade erst war die Ganztagstour in den Schacht, und ich will ja „eigentlich“ allgemein kürzertreten. All die Hoppingzines im Regal, die ich zu Kompensationszwecken angehäuft habe, lesen sich auch nicht von selbst (für Neugierige: Druckfrisch sind bei mir am Start der „Haderlump“ (KMS), Ausgabe 7, und das Jubiläumsheft (Glückwunsch zum Zehnten!) „Ortsfremd“ (MZ).

Aber ich sage erst mal Nein (nichts vor). Das ändert sich im „Sekundenbruchteil“, als ich vernehme: Wie wäre Lech Poznan gegen Roter Stern? Ich bekomme Bedenkzeit, nicht ohne ein motivierendes: Bist doch im Training, gerade erst an einem Tag nach Aue und zurück.

20 Uhr: Morgen habe ich nun etwas vor. So schnell kann‘s gehen.

Mittwoch

Reiseroute

9:30 Uhr: Unsere vierköpfige Crew startet in Schwerin. Wir haben bis zum Anstoß 11 Stunden Zeit bei einer prognostizierten Fahrzeit von knapp viereinhalb Stunden für 466 Kilometer bis zum Stadion in Poznań. Ganz schön heftig, oder? Aber so liegt über der Fahrt von Beginn an eine gewisse Grundentspanntheit, die allen möglichen Hindernissen oder Situationen ein bisschen vom Schrecken des Unkalkulierbaren nimmt.

Und natürlich findet sich noch ein weiteres Spiel ganz in der Nähe, mit dem wir uns die Zeit zwischen Ankunft und abendlichem Anpfiff vertreiben können, sogar für ein kleines Mittagsmahl ist noch Zeit, das alles ist natürlich von Beginn an Bestandteil der Planung, wer hätte es gedacht?

15 Uhr: Wir befinden uns am hübschen Marktplatz von Środa Wielkopolska, etwa 40 Kilometer von Poznań entfernt. Beim Finden einer kostenfreien Parklücke kann ich mich sogar mal nützlich machen, jahrelanger Unterricht in einer slawischen Sprache kann sich noch Jahrzehnte später auszahlen. Mit unserem Eintreffen auf einer kleinen Restaurantterrasse mit Marktblick erhöht sich die Zahl der dortigen Gäste auf das Fünffache, was den jungen Mitarbeiter am Tresen etwas angespannt werden lässt, ob er es denn alles schaffen würde.

Kooperativ, wie wir sind, gehen wir für unsere Bestellung eben hinein, abholen müssen wir es später aber nicht selbst, lange warten auch nicht. Da war er wohl ganz umsonst so aufgeregt.

Nun müssen wir aber auch los, unser erstes Spiel beginnt um 16:30 Uhr.

Warta Poznań – Olimpia Elbląg 1:0, Stadion Średzki, Puchar Polski

ImVorrundenspiel des Polnischen Fußballpokals trifft Warta (1. Liga) auf Olimpia (2. Liga). Die Zahlen bezeichnen die Ligaebene unterhalb der höchsten polnischen Spielklasse Ekstraklasa, es ist also eine Begegnung zwischen einem Zweit- und Drittligisten. Warum dieses Spiel nicht auf dem Platz einer der beiden Mannschaften stattfindet, ist mir nicht bekannt, auch nicht, warum der unterklassigere Verein nicht „Gastgeber“ ist. So richtig wichtig scheint das selbst vor Ort niemandem zu sein.

Als Zuschauermagneten würde ich den „Pokalfight“ nicht gerade bezeichnen. In dem recht neuen Stadion findet sich auf der Haupttribüne eine (geschätzt) mittlere dreistellige Zuschauerzahl ein, die es vernehmlich mit den Grünen (Warta) hält. Ein etwa 10köpfiger Gäste-„Mob“ verfolgt das Spiel außerhalb des Stadions hinter dem Zaun, zurückhaltend beobachtet von einem Ordner, tritt aber bis auf sporadische Schlachtrufe nicht erwähnenswert in Erscheinung.

Entgegen unseren Erwartungen bleibt auch die Zahl der anwesenden Hopper überschaubar, in Futbology sind 38 eingeloggt, gerade angesichts des Highlights am Abend hätten wir schon mit ein paar mehr gerechnet.

Das ist aber auch besser, denn der Einlass gestaltet sich sehr zögerlich. Wir brauchen bei einer vielleicht aus 10 Personen bestehenden „Schlange“ eine knappe Viertelstunde, um zur Kasse (besetzt mit immerhin zwei Personen) vorzudringen. Die Tickets liegen bereit, das Bezahlen ist in Sekunden erledigt, es bleibt ein Rätsel, warum das trotzdem so lange dauert. Vielleicht ist das ja alles wirklich noch zu „neu“?

Immerhin erleben wir den Anpfiff auf der Tribüne, wir laufen praktisch zeitgleich mit den Mannschaften ein. Das war knapp. Ihr kennt ja die strengen Regeln für die „Anerkennung“ eines Punktes.

Das Spiel passt sich Umfeld und Umständen an. Die „Gastgeber“ haben kaum Mühe, den Gegner weitestgehend von ihrem Tor fernzuhalten. Mit mehr Ballbesitz gelingen auch wiederholt Vorstöße in den „olimpischen“ Strafraum, aber mit dem Zielen haben sie es auch nicht so. Außer, man lässt sie das in Ruhe zelebrieren, und siehe da – etwa 10 Minuten vor dem Schluss zappelt der Ball nach einem Elfmeter im Olimpia-Netz.

Von jetzt an zittern wir dem Schlusspfiff entgegen: Bitte keine Verlängerung oder noch schlimmeres, wir haben ja nur zwei Stunden bis zum nächsten Spiel! Alle Beteiligten haben ein Einsehen, und wir starten umgehend Richtung „Enea Stadion“.

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Lech vs. Roter Stern

Anfahrt durch den dichten Verkehr der großpolnischen Metropole und Parkplatzsuche in Stadionnähe werden zur ultimativen Geduldsprobe. Dabei bleibt keine Zeit, die sehr attraktiven Plattenbauten angemessen zu würdigen, an denen wir vorbeikommen. Also hole ich das hier nach. Das kann sich tatsächlich sehen lassen.

Die Uhr tickt und tickt, irgendwann und irgendwo findet sich dann tatsächlich eine letzte kleine Lücke, unmittelbar zwischen zwei Torausfahrten und vor einer Packstation, aber wir passen irgendwie hinein. Paketlieferanten kommen hier heute abend sowieso nicht durch die Blechlawine. Zu Fuß sind für uns jetzt noch 1300 Meter zu absolvieren. Ich bin überrascht, zu welchem Gehtempo ich manchmal fähig bin. Das ist aber auch nötig, um den Anschluss an meine jungen Mitreisenden nicht zu verlieren, die aber trotzdem beständig ein Auge auf mich haben. Danke dafür.

Das „Enea Stadion“ (ich benutze jetzt mal den Sponsorennamen) erhebt sich nach ein paar Abbiegungen wie ein Leuchtturm in der Abenddämmerung, der Anblick der Tausenden, die von allen Seiten auf den Fußballtempel zuströmen, ist gigantisch. Wir kommen an einer alten Lokomotive vorbei, die in Erinnerung an die Eisenbahner-Wurzeln des KKS Lech da steht: Kolejorz, da klopft doch ganz kurz mal mein altes, längst verdrängtes „Lokistenherz“ etwas schneller.

Was ich von außen ahne, wird drinnen schnell für mich zur Gewissheit: Das dürfte das lauteste Stadion sein, in dem ich je ein Fußballspiel gesehen habe und wohl auch nicht wieder erleben werde. (Die Jüngeren unter euch mit viel Hoppingpraxis in anderen Ländern können sich gern darüber lustig machen, aber so empfinde ich den Abend tatsächlich, und ich bin meiner Reisegruppe dankbar, dass sie mir das ermöglicht hat.

Ja, die Atmosphäre ist unglaublich. Am „Einsingen“ schon eine halbe Stunde vor dem Anpfiff nimmt gefühlt das komplette Stadion teil. Ich verstehe zwar kein Wort, aber zumindest dem Aufstehen und Mitklatschen kann ich mich nicht verweigern. Der Vorsänger scheint im ganzen Stadion zu hören zu sein, bei uns auf der Gegentribüne auf jeden Fall. Er kommt ohne theatralische Ansprachen aus: ein bis zwei Worte, dann stimmen Tausende in die Gesänge ein. So geht das fast das ganze Spiel weiter.

In der Gästeecke kämpfen vielleicht 3000 Fans darum, auch mal „zu Wort“ zu kommen. Erfolg haben sie gegen die stimmliche Übermacht nicht. Übrigens auch nicht, nachdem das Spiel auf dem Platz schnell die gewünschte Richtung einnimmt. Ein verdientes 1:3 steht am Ende auf der Anzeigetafel. Ich denke, das Weiterkommen nach dem Rückspiel sollte die Serben vor keine sportlichen Probleme stellen.

Auch optisch wurde vom Heim-Anhang viel geboten: Ober- und Unterrang hinter dem Tor sind einheitlich in blau bzw. weiß gekleidet, dazu werden jede Menge Zaunfahnen präsentiert und im Spielverlauf wiederholt ausgetauscht.

Sehr beeindruckend finde ich die Auftaktchoreografie zum Thema „Reach for the stars“, die auf dem Titelfoto dieses Beitrages zu sehen ist.

In der zweiten Halbzeit hängt über der „Kibolski Klub“-Fahne lange Zeit eine in den serbischen Nationalfarben mit der Aufschrift „Kosovo je Srbija“ (Kosovo ist Serbien), ich vermute einen Gruß an Gleichgesinnte und „Hool-Kollegen“ auf der anderen Seite. Das stört für mich leider den positiven Gesamteindruck. Ich bin gespannt, ob da Schritte der UEFA folgen, die ja behauptet, keine „politischen“ Botschaften in den Stadien zu dulden. Hier fände ich das gerechtfertigt, das gehört nicht zum Fußball, wobei ich es hier belassen möchte. Unterm Strich bleibt für mich ein schwer beeindruckender Abend, den ich nicht vergessen werde.

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Nicht vergessen werde ich auch den Rückweg zum Auto. Irgendwie biegen wir im Straßengewirr einmal zu früh oder zu spät ab und laufen in die Irre. Meine erfahrenen Begleiter haben zum Glück vorausschauend den Standort gespeichert, und so kommen wir irgendwie doch wieder dort an, wo wir hinwollen.

Der Abreiseverkehr ist noch zähflüssiger als vor dem Spiel, aber auch da kommen wir noch heraus.

Donnerstag

Gegen 3 Uhr betreten unsere Füße wieder Mecklenburger Boden. Hmm, etwa so lang wie der Schachtausflug. Da hat „Knödel“ also auch noch Recht behalten. 

(C) Video: „Knödel on Tour“ (YouTube)

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