SSV Ulm – F.C. Hansa Rostock 0:5, 8. November 2025, Donaustadion, 3. Liga, 14. Spieltag
Hanseatour de Force
Der Spieltermin fällt für mich auf eine Art Jubiläum, es sind genau sieben Jahre seit einer wichtigen Operation vergangen. Anlässlich dieses persönlichen „Gedenktages“ gönne ich mir mal wieder ein verlängertes Auswärtswochenende im „Hanseator“-Style, das erste seit dem letzten Saisonfinale in Hannover im Mai, diesmal nur aufgrund der bekannten Bahn-Bauarbeiten und der „etwas“ größeren Reisedistanz als im Frühjahr mit erheblichem Mehraufwand.
In Zahlen: Den Freitag und den Sonntag widme ich fast ausschließlich dem „Abenteuer Schienenstrang“, das sind jeweils 10 Stunden Fahrzeit für ca. 770 Kilometer, einschließlich Umstieg in Berlin, wobei ich an beiden Tagen problemlos den jeweiligen Anschluss schaffe.
Nur auf der Heimfahrt gerät diese hervorragende Bilanz leicht ins Wackeln, da die Durchquerung der Hauptstadt nach einer spontanen Streckensperrung („Unbefugte“ an oder auf den Gleisen, dit is Bärlin, wa?) mein Zeitfenster am Hauptbahnhof von geplanten 40 auf 15 Minuten verringert, bei gleichzeitiger Vergrößerung des Laufweges wegen Gleiswechsels.
Die vorgesehene Proviantaufnahme kann ich mir da gleich abschminken, aber es hat sowieso nichts mehr auf. Na ja, geschenkt, klassisches „first world“ Problem.
Leicht beklemmend fühlt sich später die Fahrt durch Nordbrandenburg hinein nach M.-V. an, wo die jahreszeitbedingte Finsternis in Verbindung mit Gerüchten über Wegelagerer im grenznahen Niemandsland die Phantasie mehr als nötig befeuert. Die armen Menschen, die das da jeden Tag erleben müssen. Wenigstens können die sich auf den nächsten Sonnenaufgang freuen.
„Eigentlich“ will ich in Ulm, um Ulm und um Ulm herum neben dem Fußball auch ein paar Kulturpunkte sammeln, aber da habe ich die Ermattung nach stundenlangem erstklassigen Herumsitzen wohl unterschätzt, auch wenn es vergleichsweise „bequem“ ist. Und viel attraktiver als das oben beschriebene „Outback“ stellt sich – oberflächlich betrachtet – Ulm bei fehlendem Tageslicht auch nicht dar. Kein Wunder, dass dort schon lange vor Otto Lilienthal jemand zu fliegen versuchte. So bin ich am Ende froh, wenigstens mein Hotel nach kurzem „Irrgängle“ im Gassengewirr aus eigener Kraft zu erreichen. Das ist für mich seit der oben erwähnten Operation, die mich leider auch ein bisschen Orientierungssinn gekostet hat, nicht mehr selbstverständlich.
Was ich natürlich nicht versäume, wenn ich schon mal in Schwaben bin, ist ein leckeres Siegesmahl im „Herrenkeller“ (ausdrückliche Besuchsempfehlung) mit Maultasche und – nach dem Spatzengemetzle – natürlich Spätzle. Soviel Zeit muss sein.
Am Abreisetag nutze ich die Zeit zwischen Check-out und Zugabfahrt für einen schnellen Blick auf das berühmte Ulmer Münster, vielleicht habe ich ja irgendwann mal mehr Zeit, am liebsten im Sommer.
Das Spiel
Ich muss zugeben, dass ich zum SSV Ulm vor der aktuellen Saison kaum Berührungspunkte hatte, bis auf das zur „Legende“ gewordene TV-Statement von Janusz Góra nach dem denkwürdigen Spiel 1999 im Ostseestadion (2:1), das ich auch nicht im Stadion gesehen hatte, nach der damaligen Saison waren beide Vereine höchst unterschiedliche Wege gegangen.
Und nun sind wir 26 Jahre später wieder in der gleichen Spielklasse, den Ground Donaustadion muss ich natürlich „machen“, die Liga komplettiert sich nicht von allein. Erfreulicherweise komme ich beim freien Ticketverkauf im „gemischten“ Block F2 zum Zuge, wo ich dann auch das Spiel entspannt genießen kann. Dass ich dieses Wort mal ohne Anführungszeichen schreiben kann, ist auch eine schöne Erfahrung.
Im Vorfeld hatte ich mir mal die Vereinshymne des SSV reingezogen, ein bemerkenswertes Stück fürwahr, mit Reimen von einem anderen Stern: genau/SSV, schwarz-weiß/heiß, forever/clever, now/SSV. Das ist große Lyrik, auf die keine KI jemals käme. Leider haben die Autoren die naheliegende Kombination Spatzen/Tatzen gescheut. Damit bekäme die Mannschaft zwangsläufig mehr Zugriff auf Spiel und Zweikämpfe, als ihr heute gelungen ist.
Spaß beiseite, der Hansa-Auftritt im Donaustadion ist denkwürdig, eine Demonstration. Dass die Mannschaft mit dem Schwung des Last-Minute-Punktgewinnes gegen Verl so überzeugend nahezu das ganze Spiel beherrscht und auch noch erfolgreich im Torabschluss agiert, hätte ich wirklich nicht erwartet. Ich weiß nicht, ob Ulm vielleicht nur einen besonders besch…eidenen Tag erwischt hat, aber die Publikumsreaktionen schon zur Halbzeit vermitteln eher den Eindruck eines unmittelbar vor dem Überlauf stehenden Fasses. Ich drücke die Daumen, dass der verhängnisvolle Trend noch irgendwie umgekehrt werden kann, denn ganz schlecht fand ich das Wochenende da nicht.
11. November 2025 um 00:17
Wow, 770 Kilometer und 10 Stunden in der Bahn sind ein eindrucksvolles Engagement, um ein Fussballspiel zu sehen! Wohingegen ich durchaus bereit bin fuer mein Equivalent, d.h. gute Live-Musik, eine laengere Anreise in Kauf zu nehmen, kommt mein bisher weitestes Konzert nicht an Deine Dimensionen heran: Ein Neil Young Solo-Konzert im July 2018 in Boston, fuer welches ich rund 400 Kilometer und ca. 6 Stunden mit dem Auto fuhr. 🙂