Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Kein Sex mit der Ex

Ein Kommentar

Ich weiß gar nicht, ob ihr es wusstet, aber ich habe nicht mein ganzes Fanleben mit dem FC Hansa Rostock verbracht. Ja, ich habe da tatsächlich eine Leiche im Keller – wer mich näher kennt, weiß sogar ihren Namen. In meinen jungen Jahren besuchte ich regelmäßig die Spiele eines Fußballclubs in meiner Bezirksstadt, sah zahlreiche Oberligaspiele, war bei drei erfolgreichen Pokalendspielen dabei (das letzte übrigens gegen Hansa) und atmete internationale Atmosphäre bei großen Europacup-Schlachten, bevor es mich aus beruflichen Gründen Ende 1987 nach Mecklenburg verschlug, wo ich inzwischen als – je nach Betrachtungsweise – gelungenes oder abschreckendes Beispiel für schleichende Assimilation herhalte.

Kenner des DDR-Fußballs haben natürlich längst erkannt, von welchem Fußballclub die Rede ist. Es handelt sich um den 1. FC Lokomotive Leipzig, einen der erfolgreichsten DDR-Klubs in den 1980er Jahren, seit dessen größtem internationalen Erfolg auf den Tag genau 25 Jahre vergangen sind. Am 13. Mai 1987 trat die Mannschaft in Athen zum Finale im Cup der Pokalsieger gegen Ajax Amsterdam an. Das Spiel ging durch ein Tor von Marco van Basten mit 0:1 verloren, für immer ins Gedächtnis eingebrannt haben sich aber vor allem das legendäre Halbfinalrückspiel und René Müllers doppelter Geniestreich beim Elfmeterschießen gegen Girondins Bordeaux zwei Wochen zuvor im Leipziger Zentralstadion.

Gestern nun, ein Vierteljahrhundert später, bot sich auf der Rückreise von einem Geburtstagsbesuch in meiner Heimatstadt Altenburg die Gelegenheit, endlich das zur FIFA-WM 2006 umgebaute und „dank“ eines großzügigen Sponsors inzwischen leider auch umbenannte Zentralstadion wieder zu sehen, ich war zwar noch einmal bei einem Bundesligaspiel des VfB Leipzig vor Ort, aber außer einer klaren Niederlage gegen den Hamburger SV gab es damals nichts erinnernswertes. Höchste Zeit also, der früheren Liebe nach vielen Jahren mal wieder einen Besuch abzustatten, erst recht angesichts des auf dem Programm stehenden Spieles.

Es war der vorletzte Spieltag der Oberliga Süd des NOFV, Gegner im letzten Heimspiel war kein Geringerer als die II. Mannschaft der SG Dynamo Dresden. Eine Menge Brisanz lag schon in der sportlichen Konstellation, der FCL musste möglichst gewinnen, um im Idealfall schon heute den Aufstieg in die Regionalliga perfekt zu machen, mindestens aber den Vorsprung auf den unmittelbaren Verfolger zu verteidigen. Seinen besonderen Reiz bezog das Spiel vor allem aber aus dem Aufeinandertreffen zweier großer, traditionsreicher sächsischer Fanszenen, die seit Jahrzehnten eine innige gegenseitige Feindschaft pflegen.

Angesichts dieser Bedeutung und Brisanz des Spieles hoffte man auf Gastgeberseite auf 10000 Zuschauer, dieser Wert wurde deutlich verfehlt, dennoch können sich die offiziell 6534 Besucher bei einem Oberligaspiel durchaus sehen lassen. Von Dresdener Seite dürften insgesamt knapp 1000 Fans dabei gewesen sein, ein Großteil von ihnen traf erst 15 Minuten vor dem Anstoß ein, recht spät also, dafür aber mit einem fulminanten Auftritt. Bis zu diesem Zeitpunkt wirkte der Gästesektor doch ziemlich enttäuschend, was die Zahl der Gästefans betraf. Und so kam es mangels Masse auch kaum zum vor solchen Spielen üblichen Austausch von Nettigkeiten zwischen den Blöcken, vereinzelte Sticheleien aus Leipziger Richtung blieben weitestgehend unbeantwortet. Dies änderte sich kurz nach 13:12 Uhr schlagartig.

Von der Dammkrone oben erklingt der traditionelle, mehr als dreißig Jahre alte Anti-Lokruf: „Welche Hure, welcher Bock …?“, danach stürmen etwa 100 Dresdner in Richtung des Trennzaunes zum Heimbereich, dabei wird die von oben nach unten über die Sitze gespannte Sperr-Plane gleich mal entsorgt. Das können die Lokisten als aufmerksame Gastgeber natürlich nicht auf sich sitzen lassen, und so macht sich eine stattliche Anzahl abenteuerlustiger Freunde des Sports auf, um ihre Gäste angemessen willkommen zu heißen. Auch hier ist eine Plane zu überwinden, was in wenigen Sekunden erledigt ist. Somit laufen zwei große Gruppen in ihren schwarzen Vereinsfarben aufeinander zu, während zwischen ihnen ein dritter schwarzer Block versucht, beide Gruppen zum Stehen zu bringen. Dies gelingt auch und so kommt nun die Zeit für die Artillerie. Das Dauerfeuer etlicher Böller übertönt kurzzeitig sogar den Lärm des über der Szenerie kreisenden Hubschraubers, dann werden beide Seiten in ihre Blöcke zurück gedrängt, weitere Annäherungsversuche während des Spieles wird es nicht geben. Im Gästeblock wird jetzt noch schnell eine eroberte Zaunfahne („Gate A Halle/S.“) präsentiert, dann ist erst mal Zeit durchzuatmen.

Inzwischen geht es auch endlich auf dem Platz los, die Spieler haben sofort Betriebstemperatur. Nach nur fünf Minuten geht Dynamo in Führung, als zwei Lok-Verteidiger sich nicht einig werden, wer nun den Ball klärt, und dabei zusammenstoßen, während der Dresdener Spieler zur Grundlinie geht, nach innen flankt und einen dankbaren Abnehmer findet. Zwei Minuten später gibt es Eckball für Lok, dieser wird am kurzen Pfosten verlängert und am langen Pfosten dann unhaltbar zum Ausgleich eingenickt, das hätte ich gern auch öfter mal bei unseren Zweitligaspielen gesehen. In der 14. Minute dann fällt nach schönem Steilpass und geschicktem Heber über den herauseilenden Torwart das 2:1 für Lok, womit bereits der Endstand erreicht ist.

Im weiteren Verlauf der ersten Halbzeit habe die Blau-Gelben mehr Ballbesitz, viel Torgefahr springt dabei jedoch nicht mehr heraus. Zeit also, sich ein wenig dem äußeren Rahmen zu widmen. Von Dynamo-Seite ist während des gesamten Spieles fast gar nichts zu hören, entweder war die Anreise zu anstrengend oder die Jungs hatten nach der langen Saison einfach keine Lust. Lediglich eine einzelne verirrte Rakete ging nach der Lok-Führung noch auf die Reise in Richtung Heimblock, dann war bis zur Pause Ruhe.

Das Heimpublikum war in der ersten Halbzeit supporttechnisch ganz gut unterwegs, hin und wieder gab es Wechselgesänge zwischen West- und Südkurve, an Pöbeleien beteiligten sich fast 100 Prozent. Aufgrund der vielen leeren Plätze schallte es ganz ordentlich im weiten Rund, ich würde gern mal erleben, wie sich das in einem voll besetzten Stadion mit zwei aktiven Supporterblöcken anhört. Die Akustik ist jedenfalls recht ordentlich.

Weniger ordentlich kommen dagegen die Animationsversuche des Stadionsprechers nach Toren rüber, der wohl der Versuchung, einen Hauch große Fußballwelt, wie man sie aus dem Fernsehen kennt, ins fußballerisch derzeit kleine Leipzig zu bringen: „Danke! Danke! Danke!“ – „Bitte! Bitte! Bitte!“ Das ist wirklich ganz furchtbar! Bei dieser Beschallung ist man über ausbleibende weitere Treffer fast schon erleichtert. Musiktechnisch dagegen kann man sich nicht beschweren – zwar kommt man auch in Leipzig nicht ohne die allgegenwärtigen AC/DC (aber immerhin „Dirty Deeds“ anstelle von „Hells Bells“ oder „Thunderstruck“) beim Einlaufen der Mannschaften aus, dafür werden die Ohren aber beispielsweise auch mit Perkele (Yellow ’n Blue) verwöhnt. Feine Sache.

In der zweiten Halbzeit haben dann alle schwer zu kämpfen, um nicht auf der Stelle einzuschlafen. Das Spiel plätschert ereignislos vor sich hin, auch der Heimblock hat nun den Support weitestgehend eingestellt, die meisten Lokisten, vor allem im dem Gästebereich am nächsten liegenden Block ganz unten haben sowieso fast nur Augen für ihre lieben Freunde jenseits des Zaunes. Lediglich eine kleine Kindergruppe auf der Osttribüne schafft es noch einmal, den Rest des Stadions zum Wechselgesang zu animieren, fast so wie damals beim Turn- und Sportfest: Osttribüne, Achtung!

Dann schlagen die Wellen kurz vor dem Ende doch noch einmal hoch. Ein Dynamo-Spieler fliegt mit Gelb/Rot vom Platz und holt das Publikum aus dem Wachkoma zurück. Im Gästeblock erinnert man sich daran, dass da noch etwas zu erledigen ist, und flambiert die eingangs präsentierte Zaunfahne. Beim Löschen des Feuers steigt eine schicke weiße Rauchsäule in den Nachmittagshimmel und kündet vom Ende des Spieles, während der Stadionsprecher noch einmal die Lacher auf seiner Seite hat, als er die heimwärts strebenden Zuschauer ermuntert: „Feiert eure Mütter!“

So bleibt unterm Strich ein ganz netter Nachmittag an für mich historischer Stelle, fußballerisch hatte ich in der abgelaufenen Saison durchaus schon Schlechteres gesehen, das Duell auf den Rängen enttäuschte aber, da die einen offensichtlich nicht wollten und die anderen (derzeit) nicht mehr können. Das Wiedersehen mit meiner früheren „Liebe“ löste keine emotionale Krise aus, ein Rückfall ist nach so vielen Jahren ohnehin ausgeschlossen, auch wenn ich die Entwicklung in Probstheida mit einer gewissen Grundsympathie aus der Ferne weiter verfolgen werde.

Dem FCL drücke ich die Daumen, dass es am kommenden Wochenende mit dem Aufstieg klappt, der Stadt Leipzig ist zu wünschen, dass ein richtiger Fußballverein die Nummer Eins ist. Wenn das erledigt ist, sollte das Zentralstadion auch offiziell wieder bei seinem wirklichen Namen genannt werden. Und ihr, lieber FC Lok, gebt „Loki“, die gruselige Löwenimitation, an den Zoo zurück.

Bitte! Bitte! Bitte! – Danke! Danke! Danke!

Ein Kommentar zu “Kein Sex mit der Ex

  1. Schöner Bericht, bin selbst Exil Leipziger und bis auf ein paar Punkte geht es mir im Grunde wie dir. Hoffen wir das die blau gelben zurückkehren…

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