Hanseator

Musik & Fußball

Aus der Traum

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1. FC Saarbrücken – F.C. Hansa Rostock 3:4, 16. Mai 2026, Ludwigsparkstadion, 3. Liga, 38. Spieltag

Riskante Balanceakte

Meine Gedanken nach diesem dramatischen Nachmittag sind ständig bei dem Hansafan, der während des Spiels im Gästeblock schwer verunglückt ist. Ich möchte mich nicht an Spekulationen über Ursachen und Unfallhergang beteiligen, nur ein paar grundlegende Gedanken dazu äußern:

Nach Ankunft auf meinem Tribünenplatz (Block T) wandert mein Blick rundherum im Uhrzeigersinn über alle Tribünen im Ludwigsparkstadion. Der „Scan“ stoppt schräg gegenüber im Gästeblock, wo gerade die ersten Zaunfahnen aufgehängt werden. Rechts am oberen Blockrand wird die große „ALLES FÜR DEN FCH!“-Fahne innen an einem Zaun befestigt. Bei genauerem Hinsehen fällt mir auf, dass der ausführende Hansafan dazu den Zaun überklettert hat und mit den Fußspitzen außen(!) auf der schmalen Mauer balanciert, während beide Hände mit dem Anbinden der Textilie voll ausgelastet sind. Das wirkt zwar unaufgeregt und routiniert, so dass ich mir keine unmittelbaren Sorgen um den sportlichen jungen Mann mache, zumal ich regelmäßig in vielen Stadien Fahnen an den wildesten Plätzen zu sehen bekomme. Aber Ich denke doch noch „Hoffentlich passiert da nicht irgendwann mal etwas“, dann vollendet mein Blick die Stadionrunde und ich bin bis zum Anpfiff mit anderen Dingen beschäftigt.

Mit dem schweren Unfall später hat das alles nichts zu tun, ich werde da auch keinen Zusammenhang konstruieren. Das habe ich auch erst mitbekommen, als aus meiner Perspektive die Herzdruckmassage erkennbar wird. Danke und Respekt an die Einsatzkräfte vor Ort und an die Fans, die geistesgegenwärtig mit Fahnen und Bannern den Sichtschutz herstellten.

Ich weiß nicht, was den Verunglückten bewogen hat, den Zaun überklettern zu wollen, ebenso wenig, ob Umstehende die Unfallsituation in ihrer Dramatik und Dynamik unmittelbar wahrnehmen konnten und vielleicht in der Entstehung hätten eingreifen können, aber wie gesagt: Keine Spekulationen! Nur die Bitte an alle, noch mehr auf sich selbst und die Nächsten achtzugeben. Bis jetzt (Veröffentlichung dieses Artikels) ist mein Kenntnisstand, dass die medizinische Behandlung noch im Gange ist, ich wünsche dem verletzten Fan dafür schnellen Erfolg und gute Genesung.

Nichts gegen die Bahn!

Zum Finale einer langen Drittliga-Saison gönne ich mir mal eine ausgiebige Abschlusstour, sprich: ein „richtig“ langes Wochenende mit „Extension“, also von Freitag bis Montag. Die beiden „Randtage“ gehören der Hin- und Rückreise, ich bin  „caught in the middle of a railroad track“, wie es so schön bei AC/DC heißt.

Bei der Buchung der Züge Ende März beginnt schon das „Zittern“, ob das denn wohl alles hinhaut. Im Vorfeld hatte sich abgezeichnet, dass die Generalsanierung der Strecke Berlin-Hamburg länger dauern würde als vorgesehen (Ende Mai statt April. Danke, Winter!), so dass ich täglich mit Streckenänderungen oder gar Streichungen rechnete, der Knackpunkt war das erste Teilstück (Schwerin-Hamburg).

Und siehe da, eine Woche vor dem Termin die Info: Fahrplanänderung, es geht in Schwerin nicht um 9 Uhr los, sondern schon 7 Uhr. Das bedeutet, 6 Uhr vor der Haustür in den Bus zu steigen, um sicher zur Abfahrt am Bahnhof zu sein. Und darüber hinaus erhöhte sich die Aufenthaltsdauer am Hamburger Hauptbahnhof von einer Stunde auf drei, denn die Anschlussverbindung nach Süden blieb unverändert. Schön, da muss ich beim Umsteigen nicht hetzen, aber vergnügungssteuerpflichtig sind drei Stunden in HH-Hbf., weiß Gott, nicht.

Als „Entschädigung“ erscheint zu meiner Abreise wenigstens ein TV-Team (Nordmagazin) am Bahnsteig. Oder sind die für den ersten IC nach Ende der Bauarbeiten da? Ein Exklusivinterview mit mir wollen sie jedenfalls nicht. Was denkt ihr?

Na gut, Schluss mit den Bahn-Gruselgeschichten. Alles Weitere an diesem Wochenende klappt mustergültig. Einzige Anregung meinerseits: Bei verspäteter Zielankunft ab einer Stunde gibt es Fahrgastrechte, wie wäre es mit gleichem, wenn ich, um pünktlich anzukommen, mehr als eine Stunde früher aufbrechen muss? Gern geschehen.

Komm ich im Fernsehen?

Schon zum Saisonstart hatte ich die Übernachtung in Saarbrücken klargemacht, ein Hotel, nur 5 Minuten zu Fuß von Hauptbahnhof entfernt, verheißt kurze Wege und somit an den zwei Tagen (netto) des Aufenthaltes Zeit für Aktivität außerhalb des hanseatischen Kosmos, sprich: es kann gehoppt werden. Das bedeutet konkret: Neben dem Hauptspiel FCS – Hansa schaue ich mich ein bisschen in Ostfrankreich um, und zwar im „richtigen“, nicht nur bei den „Möchtegerns“. Sach- und ortskundige Unterstützung leistet mir am Sonnabend der wunderbare Nick, ein guter Freund und seines Zeichens Gastgeber des „Hörfehler“-Podcast, sehr zu empfehlen für alle, die sich für Fußballhistorie und -kultur interessieren, Hört da gern mal rein: Klick

Zum Hopping-Teil „Grand Est“ folgt zeitnah (Ziel: in der Woche nach dem Landespokal) ein eigenständiger Beitrag, 2 Spiele auf 3 Grounds: Merlebach, Nousseviller und Forbach.

Ein ebenfalls stattfindendes Megaevent bekomme ich zu spät mit: In Saarbrücken ist das Finale der Champions League. Im Tischtennis! 1. FC Saarbrücken – Alliance Nimes-Montpellier, also „Ostfrankreich“ gegen Südfrankreich. Klingt nach hohem Risiko. Kein Wunder, dass die Polizei gar nicht mehr weiß, wie sie das alles bloß schaffen soll. Gladiators 1991? No show. 😉

Saarbrücken gewinnt übrigens als erstes deutsches Team zum vierten Mal den Titel. Glückwunsch!

Ludwigsparkstadion

Ich bin zum ersten Mal nach dem Umbau da. Erst mal wird es ganz nostalgisch-heimelig. In der Toilette unter meiner (Heim-)Tribüne finde ich eine äußerst stylische Wismut-Aue-Gedächtnis-Pissrinne vor. Zum Glück erlebe ich da keinen Massenandrang und möchte mir den auch nicht vorstellen. Haben die da einfach die vorhandene Räumlichkeit bisschen überstrichen und dann drumherum gebaut? Sehr seltsam. Egal, schnell erledigen und dann nie wieder.

Die Sicht auf das Spielfeld ist aus der 2. Reihe originell gehalten. Nach vorn verschwert ein Geländer die Beobachtung vieler Spielszenen. Aber die Krönung ist der Treppenaufgang zwischen mir und dem Mundloch links. Gefühlt 75 von 90 Minuten ist dort eine beständige „Volkerwanderung“ aus dem Block hinaus und wieder zurück im Gange, wobei die Hälfte der Leute jedesmal noch 30 Sekunden und länger vor dem Ausgang inne hält, wahrscheinlich um nichts vom Spiel zu verpassen.

Ein aufmerksamer Ordner versucht kurzzeitig, da ein bisschen einzuwirken, gibt aber bald auf und stellt sich dann selbst und mit Unterstützung eines Kollegen hin, um mir fortan die Sicht zu nehmen. Unglaublich!

Das Entertainment vor dem Spiel stimmt das Publikum ganz ordentlich auf das Kommende ein, Höhepunkt wird die umfangreiche Würdigung und Verabschiedung des Spielers Manuel Zeitz nach 20 Jahren im Verein, angefangen mit 30 Minuten „Manus Playlist“ aus den Lautsprechern (gar kein schlechter Musikgeschmack übrigens). Dann folgen einige Videogrüße an die Vereinslegende, die sich aber doch ganz schön strecken.

Im Gästeblock beginnt ca. 20 Minuten vor dem Anpfiff das Einsingen, was bei Teilen des Heimpublikums zu Verstimmung führt, die sich auf unserer Tribüne in nicht jugendfreier Pöbelei Richtung Hansafans Bahn bricht. Schön übers Stöckchen gesprungen. Die Verabschiedung des eigenen Helden ist schon wieder vergessen. Der Punkt für das Agenda-Setting geht heute in den Gästeblock.

Die Virage Est erweist sich da als abgeklärter und zieht ihre sehr sehenswerte Choreo für den Spieler unbeirrt durch, das hat Klasse.

Als Manuel Zeitz ausgewechselt wird, sind sich dann alle einig, der Spieler bekommt stehende Ovationen, auch die in Nähe der Mittellinie befindlichen Hansaspieler reihen sich in das Spalier der Saarbrücker Mannschaft ein, ein schöner Moment. Alles Gute für die Zukunft!

Ostfrankreich.  Ei jo, n’est pas?

Besonders laut wird das Publikum um uns herum, wenn ein Tor für den FCS fällt, da liefert die Heimelf heute auch zuverlässig. Natürlich wirkt die Phase von 0:2 auf 3:2 entsprechend als „Brandbeschleuniger“. Und gepöbelt wird nach allen Regeln der Kunst.

Witzig sind die wiederholten „Ostfrankreich!“-Rufe. Irgendwas mit „Ost“ drin gibt ja auch immer Swag-Punkte, wer will es ihnen verdenken. Einen interessanten Gesichtspunkt wirft mein lieber Begleiter ein, der aus „Neinkarje“ kommt und es wissen muss: „Und morgen regen sie sich wieder über Franzosen in der Bahnhofstraße auf.“ C’est la vie.

Sport

Wir sehen ein aufregendes, abwechslungsreiches Spiel, das an das Torfestival gegen Stuttgart II vor einer Woche anknüpft, nur leider eben auch in den tabellarischen Auswirkungen, die für uns leider nicht reichen.

Dabei ist mein Plan nach dem Desaster gegen Ingolstadt doch nicht völlig gescheitert. Leider hat sich meine Annahme als richtig erwiesen, dass die schwierigste Hürde für uns Hansa Rostock bleibt. Und so bleibt mir nur, dem VfL Osnabrück und Energie Cottbus zum Aufstieg zu gratulieren und RWE viel Erfolg zu wünschen. Bleibt alle nicht so lange weg.

Träumen darf ein jeder

Die Saison ist beendet, das 38. Spiel in der Liga bleibt für Hansa zugleich das letzte, und nicht etwa die nervige Relegation. Anders, als ich mir das lange Zeit vorgestellt hatte, besser vielleicht erträumt. Jaja, immer diese realitätsfernen Träumereien.

„You may say I’m a dreamer. But I’m not the only one.“ (John Lennon, „Imagine“)

„Doch was wäre diese Erde, wenn da keine Träume wären?“ (Dritte Wahl, „Brot und Spiele“)

Wir werden in der nächsten Saison neu Anlauf nehmen, am besten gleich vom ersten Spieltag an und ohne Durststrecke(n)

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