BSV Kickers Emden – VfB Oldenburg 4:2, 26. April 2026, Ostfriesland-Stadion, Regionalliga Nord
Nach dem Hansa-Fiasko gegen Regensburg brauchen wir alle dringend etwas Aufmunterung, da kommt so ein regional bedeutsames „Derby“ gerade richtig. Fragt sich nur, wieso „Knödel“ schon 10 Tage vorher, also sogar VOR Schweinfurt, noch mitten im Rausch der Ulm-Zerstörung, weiß, dass wir das nötig haben werden. Egal, er hat’s eben drauf, kann man nicht lernen.
Wie auch immer, es hat ja etwas Beruhigendes, wenn sich die Umstände der persönlichen Planung anpassen.
Ein „Derby“ steht also auf dem Plan: Kickers Emden gegen VfB Oldenburg, das Stadion bietet Platz für 7200 Menschen, 3600 werden erscheinen. Da könnte es nicht schaden, sich vorab um Tickets zu bemühen, sicher ist sicher. Unser Spiritus rector ist mit seinem Schiri-Ausweis safe und verschafft sich darüber telefonisch Gewissheit. Ein Profi eben! (das sagte ich schon, oder?)
Was reimt sich auf Risiko? – „Ostfriesico“!
Ich gehe noch am Samstagabend ans Werk, und bestelle zwei Tickets online, also fast. Das klappt nämlich nicht, ich habe eine falsche Postleitzahl. Wie jetzt? Was gibt es aus friesischer Sicht an meinem Wohnort, der Landeshauptstadt Schwerin, auszusetzen? Die Entfernung zum Spielort beträgt etwa 350 Kilometer, es ist ein anderes Bundesland, mit diesem „Derby“ oder einem der Vereine habe ich nichts zu schaffen.
Also woran liegt es? Kurzer Mailaustausch (Sonnabend 23 Uhr! Respekt, das macht nicht jeder) mit dem Ergebnis:
Es ist ein Risikospiel, alle Käufer ab Oldenburg und weiter entfernt sind für den Kauf von Tickets im Heimbereich gesperrt. Interessante Einteilung, das hat einen Hauch von „keine Freunde, überall Feinde“.
Ich bekomme einen Link zum Ticketkauf für den Gästeblock. Ist nett gemeint, aber meine persönliche Erfahrung aus zahlreichen Risikospielen sagt mir, dass es wenig vorteilhaft ist, als Hopper(schwein) bei einem Risikospiel in einem unbekannten Auswärtsmob unbeteiligt herumzustehen und am besten noch zu fotografieren. Wir werden es dann doch lieber an der Tageskasse versuchen.
Auf der Straße zum Friesen
Unsere Generationen vereinende Kernreisegruppe SN-EMD besteht aus drei Elementen im Alter von U8 bis Ü60, ab Überquerung einer früheren Grenze komplettiert Best-Ager Dannsen das Team und löst zeitnah das „Ticketproblem“. Wie der Teufel es will, hat der Gute doch einen Briefkasten direkt am Ostfriesland-Stadion, und schon wandern Tickets ins Wallet. Sachen gibt’s.
Die Fahrt wird auf der A1 bei Hamburg zur ultimativen Geduldsprobe, als bei einer Sperrung zweier Fahrspuren wegen Bauarbeiten längerer Stillstand entsteht. Wir stehen nicht im Stau, wir sind der Stau! Unser Zeitpolster nimmt allmählich ab, es zeichnet sich ab, dass es sogar mit dem Anstoß knapp werden könnte. Das wäre natürlich fatal, wir kennen alle die Regeln! Aber hey, wir reisen mit „Knödel Tours“, Balkan-erprobt und mit allen Wassern gewaschen. Wir verzichten auf die Tankpause. Wusstet ihr, dass sich Kraftstoff sparen lässt, wenn der Tank schon fast leer ist? Logisch, schließlich ist der Karren dann leichter, was den Verbrauch reduziert.
Der raffinierte Plan geht auf, kurz vor dem Ziel, der Sprit reicht noch für 8 Kilometer, wächst plötzlich links von der Fahrbahn eine Tanke aus dem Schlick und es bestätigt sich einmal mehr: Warnleuchten sind überbewertet.
Ein Stellplatz für unser Gefährt 100 Meter vom Stadioneingang ist schnell gefunden, drei Minuten später durchqueren wir den Einlass.
Es entspinnt sich eine Szene wie aus Little Britain: Ticketgott Dannsen wird kurz aufgehalten, der Ordner betrachtet nach einem Signal des Scanners skeptisch das Wallet-Ticket: „Das ist ein falsches.“ – „Ist doch aus Eurem Shop.“ – „Aber ein anderes Spiel“ – „[Häh?] Hier steht doch Emden gegen Oldenburg“ – „Welches Datum?“ – „26.April. (?!?!)“ – „…“ – „Heute!“ – „…“ – „Jetzt!!“ – nochmaliger Scan – Computer sagt: Grün. Wir dürfen rein. Die Kraft des Faktischen!
Auf den Rängen Routine, auf dem Rasen Hoppingporn,
Vor unseren Augen wird ein feuchter Hoppertraum Realität: Sechs Tore, 5 (in Worten: FÜNF!) rote und 11 (ELF!) gelbeKarten gegen Spieler und Staff auf beiden Seiten, das Publikum kommt aus dem Staunen nicht heraus und vergisst fast das Pöbeln. Am lautesten wird es auf Heimseite beim gelegentlichen Wechselgesang zwischen beiden Geraden „KICKERS!“ – „EMDEN!“. Oldenburg klinkt sich sporadisch mit „SCH…!“ ein. Sonst ist es vergleichsweise ruhig, da der Großteil der Anwesenden durch das Spielgeschehen von der Supportpflicht „abgelenkt“ wird. So liegt die atmosphärische Last beiderseits auf den Schultern der „Aktiven“.
Oldenburg ist innerhalb des Blockes in zwei Gruppen geteilt, der ultra-ähnliche Teil zieht seine Setlist durch, die etwas ruhigeren Gästeanhänger (bei denen ich vermutlich auch stehen würde) beteiligen sich vor allem am Gegner-Diss, also die übliche Routine wie in vielen anderen Stadien auch.
Insgesamt verbringen wir einen erstaunlich ruhigen Sonntagnachmittag, gemessen an den Erwartungen, die durch die Risiko-Prophylaxe geweckt worden waren. Nicht mal ein Wasserwerfer, nur ein einziger Heli-Überflug in der Anfangsphase der ersten Halbzeit, das war dann schon alles. Die Abwanderung nach dem Spiel regelt sich komplett ohne uniformierte Eingriffe, nicht mal Verkehrsregulierung. Derby ist heute auf dem Platz und an den Seitenlinien. Der friesische Friede ist ausgebrochen, genau das, was wir nach dem Jahn-Trauma gebraucht haben.