Bruce Springsteen & The E Street Band – Land of Hope and Dreams Tour
Frankfurt/M., Waldstadion, 18. Juni 2025
Nach dem gemeinsamen Bruce-Tag mit Blog-„Kollegin“ Sori in Berlin, die ihre Eindrücke von diesem Konzert hier beschrieben hat, bin ich nach und in Frankfurt am Main planmäßig wieder auf „Solopfaden“ unterwegs. Das bedeutet, dank äußerst praktischer Streckenplanung, An- und Rückreise jeweils am Tag vor und nach der Show im ICE, wobei ich in beiden Richtungen ohne lästiges Umsteigen mein Reiseziel erreiche. Gerade im Hamburger Hauptbahnhof ist es ein wahrer Segen, das Durcheinander draußen völlig entspannt durch das Fenster betrachten zu können. Vor diesem Hintergrund kann ich die 30 Minuten Verspätung in der Ankunft am Heimatbahnhof Schwerin am Donnerstag gelassen weglächeln, wie es mir unterwegs ein Bahnmitarbeiter vorgemacht hat: Eine Reisende, die sich bei der Online-Ticketbuchung offenbar mit dem Reisedatum vertan hatte, darf ihre Fahrt ohne gültigen Fahrausweis einfach fortsetzen. Als der ebenso freundliche wie kulante Zugbegleiter das Abteil wieder verlassen hat, kommentiert die Verursacherin die elegante Auflösung der Situation mit der bemerkenswerten Feststellung: „Bei der Bahn weiß man ja nie.“ Genau, wieso liest dieser Erbsenzähler auch nach, was auf dem Ticket steht?! Deutscher geht es mal wieder nicht.
Der Tag
Was soll ich anziehen?
Ich habe bekanntlich einen strengen Dresscode für Konzertbesuche, der besteht aus genau zwei Regeln:
#1: KEIN Merch des Headliners!
#2: Bruce Springsteen spielt – f#ck #1!
Und so bin ich eben drei Tage lang mit verschiedenen Springsteen-Shirts unterwegs. Der wortlose Austausch „wissender“ Blicke mit Gleichgesinnten bei Begegnungen am Veranstaltungsort gehört zu den schönen Ritualen rund um die Auftritte unseres Lieblingskünstlers. Oft bleibt es nicht bei Blicken, das ist auch in Hessen nicht anders.
We’ll walk in the sun …
Um die lange Zeit zwischen Frühstück und Show zu überbrücken, habe ich mir vorgenommen, mir die Frankfurter Altstadt anzusehen, die hat ja optisch viel zu bieten, was ich mir als oberflächlicher Betrachter während weniger kurzer Durchfahrten zum Fußball schwer vorstellen kann. Was soll’s, Weltanschauung kommt von Welt anschauen, und mir tut sowieso jeder Schritt gut.
Ich beginne am Römer, den ich bisher nur aus Fernsehübertragungen von DFB-Empfängen nach großen Fußballturnieren kannte. Der Touri-Hotspot kann sich echt sehen lassen. Um 10 Uhr, an einem „normalen“ Wochentag (sofern ein Tag, an dem sich der Boss in einer Stadt aufhält, überhaupt normal sein kann), sind noch angenehm wenige Menschen hier unterwegs.
Weniger angenehm empfinde ich die schon jetzt sehr aufdringlichen Sonnenstrahlen, das wird übrigens bis weit in die abendliche Show hinein ein kleines Problem für mich bleiben. Ich nehme erst mal unter einem Sonnenschirm im Außenbereich eines noch geschlossenen Lokals Platz, bis dort die Reinigungsarbeiten beginnen. Ich suche erst mal weiter nach einem Platz mit Sitzgelegenheit und Schatten, was zunehmend schwieriger wird.
Ich erinnere mich an die entsprechenden Empfehlungen im Zuge meiner Hotelbuchung und gehe hinunter zum Mainkai, grab my ticket und get on board für eine knapp einstündige Bootstour. Auf dem klimatisierten Zwischendeck genieße ich durch Panoramafenster eine beeindruckende Sicht auf die beiden Mainufer und die „Mainhattan“ Skyline. Mit einem gekühlten Getränk und Frankfurter Würstchen, die sich durch nichts von ihren Wiener Kolleginnen unterscheiden (das wollte ich schon immer wissen) lässt sich dieser Sommer aushalten.
Als ich von Bord gehe, sind immer noch mehr als sieben Stunden bis zum Konzert zu überbrücken. Ich entscheide mich, der Hitze zu entfliehen, und fahre wieder ins Hotel: Duschen, kurzer Schönheitsschlaf und frisches T-Shirt anziehen, jetzt kann ich mich unter Menschen wagen.
Nach gediegenem Mittagsmahl im „Fennischfuchser“ gleich gegenüber setze ich mich in die Straßenbahn, die mich auf direktem Weg zum Stadion bringt. Beim Aussteigen will ich mir Gewissheit verschaffen, ob die Rückfahrt von der gleichen Station aus startet, und frage eine Mitreisende danach. Diese entpuppt sich als Tramp aus Antwerpen, weiß es zwar auch nicht sicher, aber es wird schon passen, einigen wir uns. Da wir beide allein unterwegs sind, verbringen wir die Zeit bis zum Einlass mit anderen Fans in einem kleinen Tunnel (Schatten!) und tauschen ein paar persönliche Bruce-Geschichten aus. Wir haben beide 1988 unser erstes Springsteen-Konzert erleben dürfen, dass meines in Berlin-Weissensee war, sorgt für Begeisterung. Auch am Circo Massimo 2016 waren wir beide dabei. Sie selbst wird von Frankfurt aus nach San Sebastian und danach auch noch Mailand weiterreisen, jetzt darf ich „neidisch“ sein. Was soll’s, das ist schließlich kein Wettbewerb.
Witzig ist die Geschichte ihrer persönlichen Reisevorbereitung. Nach dem großen Stromausfall in Spanien und Portugal vor wenigen Wochen ist die richtige Ausrüstung gefragt. Um den Handyakku zu schonen (wofür auch immer, beim Shutdown könnte ja auch das Mobilnetz ausfallen), ist ihr der Besitz einer Stirnlampe wichtig. Diese wurde aber nicht bis zur Abreise geliefert, nun nimmt eine Nachbarin die Sendung an, um sie irgendjemandem mitzugeben, der auch aus Belgien nach San Sebastian kommen wird. Von so viel Zuversicht sollte ich mir mal eine Scheibe abschneiden.
Vor dem Einlass trennen sich unsere Wege, ich habe einen Sitzplatz, meine neue Bekannte (ich habe nicht mal nach dem Namen gefragt) ist im FOS dabei. Unsere „Verabredung“ zur Rückfahrt mit der Straßenbahn scheitert leider im dichten Menschengewimmel an der Haltestelle. In the crowd I feel at home, aber ich bin schon froh, überhaupt den richtigen Rückweg gefunden zu haben, ohne mich zu verlaufen.
Hitze und Krach
Mein Platz befindet sich auf dem Unterrang der Ostkurve und zeichnet sich durch zwei Eigenschaften aus, die besonders stark ausgeprägt sind:
Die Sonne durchwandert, wie jeden Nachmittag den westlichen Abschnitt ihrer Tagesbahn, wird mich also sehr lange und intensiv direkt mit Wärme und Licht „verwöhnen“. Dabei findet sie auch, als sie endlich langsam über dem Stadiondach abzutauchen beginnt, weiterhin den Weg durch einen Spalt zwischen Dach und oberer Tribünenmauer, nicht sehr groß, aber es reicht, um mich weiterhin zu rösten.
Ich könnte mich ja vielleicht bis zum Konzertbeginn (19:30) noch ein bisschen aus dem Stadioninneren entfernen, war aber so leichtfertig, einer Sitznachbarin zu versprechen, auf ihre Sachen zu achten, wenn sie jetzt noch ein bisschen raus in den Schatten geht. Ich … nennt mich, wie ihr wollt. Ich bin einfach zu nett für diese Welt. Jedenfalls können wir bei Rückkehr der Nachbarin feststellen, dass ich „gut durchgebraten“ bin.
So richtig gut habe ich es auch soundmäßig nicht getroffen. Ein Lautsprecherturm, der sich im Pilotenjargon auf „12Uhr-Position“ befindet bombardiert mich durchgängig mit akustischem Dauerfeuer in maximaler Lautstärke. Schon von der Sicherheitsdurchsage vor der Show ist wegen des starken Widerhalls der Tribünen auf meinem Platz kein einziges Wort zu verstehen. Es wird leider später nicht wirklich besser. So kommt es dazu, dass ich erstmals bei einem Konzert Ohrstöpsel benutze, ich habe jede Menge davon nach den zahllosen MRT-Untersuchungen der letzten sieben Jahre aufbewahrt. Ich fühle mich dabei schon etwas „strange“, aber es ist aushaltbar, jedenfalls bis zu dem Moment, wo ich selbst mal mitsingen möchte und dabei meine eigene Stimme als Oberwelle vernehme, Probiert das mal selbst aus: Finger in jedes Ohr und dann schreien, wie man das beim Konzert so macht. bei Hungry Heart, völliges No-Go, dann lieber „taub“ (no offence) vom Lärm.
Die Show
Der Boss liefert wie gewohnt. Es gibt kaum Überraschungen, das aktuelle Programm für Europa hat sich ja auch bewährt und funktioniert auch, wenn und gerade, weil man vieles schon vorher weiß.
Als zusätzlichen, unerwarteten Leckerbissen bekommen wir heute Trapped, ein spontaner Einfall von Bruce, den er während Atlantic City als „stille Post“ an alle auf der Bühne kommuniziert, wie wir inzwischen auf verschiedenen Videos sehen können.
Ein bisschen Wehmut stellt sich bei mir ein, als mir beim Mitfeiern von Badlands, Born in the U.S.A., Born to Run usw. bewusst wird, dass ich die Gelegenheit dazu (Stand: jetzt) nur noch einmal haben werde. Und dann ist ja heute auch noch der Todestag des Big Man, so wird es für mich bei aller Party doch etwas melancholisch, Twist and Shout holt mich da wieder heraus, bevor die Chimes of Freedom zu blinken beginnen und dies hoffentlich bald wieder und dann für immer tun mögen.
Setlist
No Surrender
Land of Hope and Dreams
Death to My Hometown
Lonesome Day
My Love Will Not Let You Down
Rainmaker
Atlantic City
Trapped
The Promised Land
Hungry Heart
The River
Youngstown
Murder Incorporated
Long Walk Home
House of a Thousand Guitars
My City of Ruins
Because the Night
Wrecking Ball
The Rising
Badlands
Thunder Road
Born in the U.S.A.
Born to Run
Bobby Jean
Dancing in the Dark
Tenth Avenue Freeze-Out
Twist and Shout
Chimes of Freedom
Der Tag danach
Mein Zug nach Hause fährt erst kurz vor 13 Uhr, ich kann so vor der Abfahrt noch einmal Sori zur „Konzertauswertung“ treffen. Das machen wir auf einer Freifläche neben dem Haupteingang des Hauptbahnhofes. So bekommen wir Schatten, können noch ein Schlückchen trinken und vor allem in Ruhe sitzen, ohne permanent beäugt oder angequatscht zu werden. Selbst die einsame Kellnerin (das Lokal hat anscheinend bei der Personaleinsatzplanung nicht mit dem großen Gastaufkommen im Zuge der Konzertrückreisen gerechnet. Als sie endlich etwas Verstärkung bekommt, ist sie beinahe so glücklich wie die Stadionbesucher vom Vorabend.
22. Juni 2025 um 23:19
Vielen Dank fürs Teilen. Es war interessant, deine Sicht auf den Abend zu lesen! Ich trage übrigens immer Ohrstöpsel (man hat ja nur ein Paar Ohren…). Und danke auch fürs Verlinken meines Blogs im Beitrag, das freut mich sehr!
22. Juni 2025 um 23:53
Danke schön, ich freue mich über deinen Kommentar.
Ja, „früher“ habe ich die Warnungen der „Alten“ nicht ernst genommen, aber wenn dann doch mal eine Krankheit kommt, die sonst nur „andere“ bekommen, setzt in manchen Angelegenheiten doch noch der Verstand ein. 🙂
Schöne Grüße.