Rot-Weiss Essen – F.C. Hansa Rostock 3:0, 20. September 2025, Stadion an der Hafenstraße, 3. Liga, 7. Spieltag
Manchmal ist die erste Idee doch die bessere. RWE auswärts stand in meiner Saisonplanung nicht auf dem persönlichen Reiseprogramm. Angesichts der seit August laufenden Generalsanierung der Bahnstrecke Berlin-Hamburg und zu erwartender unerfreulicher Nebenwirkungen für den Gesamtorganismus „Deutsche Bahn“ will ich die Zahl der Individualreisen mit Übernachtungen am Spielort deutlich geringer halten als in den letzten Jahren, sprich: vorrangig dorthin, wo mir der Ground noch fehlt, womit Essen raus war.
Es kam, wie es kommen musste. Hansa legte am „englischen“ Mittwoch gegen 1860 einen Superauftritt hin, führte bei Halbzeit 2:0. In der Pause wurde ich gefragt: „Willst du nicht doch mitkommen? Dann muss ich nicht allein fahren.“ Das konnte ich natürlich nicht zulassen. Empathie trifft Euphorie, da ist der Verstand machtlos, erst recht im Fußballkontext.
Und so gehe ich am Sonnabendmorgen 7 Uhr an Bord und wir setzen voller Zuversicht die Segel, Kurs Sonnenuntergang.
Draußen
Unterwegs gibt es heute nur Hindernisse mit Ansage in Form einer Sperrung der A1-Vorbeifahrt an Hamburg, was uns bei Hin- und Rückreise zwingt, innerstädtische Verkehrswege zu benutzen. Das klappt in beide Richtungen relativ gut, aber ob es wirklich nötig ist, uns nach dem eigenen sportlichen Elend am Nachmittag abends noch den H*V-Bus vor die Nase zu setzen, sei mal dahingestellt. Impulskontrolle – so wichtig.
Wir erreichen unser Reiseziel nach störungsfreier Fahrt, schon beim zweiten Versuch dürfen wir auf einen der Gästeparkplätze fahren, läuft bei uns. Das können dem Vernehmen nach nicht alle von sich sagen. Infos aus erster Hand liegen mir aber nicht vor, ein Artikel in der WAZ (€) berichtet unter dem Titel
„RWE – Rostock: Hansa-Fans suchten die Konfrontation im Schlosspark“ von „Kontrollmaßnahmen“ der Polizei. Was da im Einzelnen abläuft, welche Ergebnisse aus der Maßnahme resultieren, ist – sicher aus „ermittlungstaktischen Gründen“ nicht zu erfahren, dafür aber, dass das Konzept der Polizei aufgegangen sei: „rund um das Spiel … keine Zwischenfälle“. Selbst auf dem Polizei-Presseportal „Blaulicht“ (Nutzt gern die Suchmaschine eurer Wahl) finde ich interessanterweise zum Spiel RWE – Hansa keinerlei Statement zum Einsatz, was wirklich verwundert, denn sonst werden dort gern Einsatzbeschreibungen und sichergestellte „Fundsachen“ der entsetzten Öffentlichkeit präsentiert. Man kennt ja die beliebten Fototermine, bei denen ranghohe Beamte den Spürsinn „ihrer“ Einsatzkräfte und vor allem sich selbst feiern. Warum es trotzdem nicht alle angereisten Fans rechtzeitig vor dem Anpfiff ins Stadion schaffen, kann ich nicht beurteilen.
Drinnen
Ich selbst erlebe den Einlass zur angekündigten Stadionöffnungszeit ab 12:30 Uhr als entspannt und finde schnell einen guten Platz auf der obersten Stufe des Stehblocks, mit freiem Rücken und ordentlicher Sicht auf das Spielfeld. Rückblickend hätte ich das gar nicht so gebraucht, nach dem, was da von Hansa-Seite abgeliefert wurde, aber hinterher ist man schlauer.
Was immer in diesem Park passiert sein mag, es führt später zu einem verzögerten Supportbeginn im Gästeblock. Das ist für mich persönlich ganz praktisch, so habe ich noch etwas Zeit, um mich von den Begrüßungsworten des Standup Comedians am Stadionmikrofon zu erholen, der mit echter, ungespielter Freude alle wissen lässt, dass es heute für die Gäste keine Sitzplätze gibt: „auf der Kogge nur Stehplätze“ (ach, wirklich? Gar nicht bemerkt), um nahtlos die nächste Stimmungsrakete zu zünden: „Lustiges Schiffeversenken“. Respekt, den haben wir in 35 Jahren Brüder- und Schwesternland noch gar nicht gehört. Muss man erst mal drauf kommen. Mein Muskelkater im Zwerchfell lässt allmählich nach. Traurig nur, dass es später exakt so eintreten wird.
Gegenüber auf der Heimtribüne wird mit einer großen Choreografie das 10jährige Jubiläum der „Freaks Essen“ gefeiert. Eine Blockfahne zeigt das RWE-Logo und das Essener Stadtwappen in den Vereinsfarben und dazwischen das Gesicht des „Geburtstagskindes“, das aber deutlich älter als 10 wirkt. Schwere Kindheit? Bestimmt, die beabsichtigte Message wird unten per Zaunfahnen-Caption denen erklärt, die das interessiert. Nach dem Herablassen der Fahne erscheint der komplette Block das ganze Spiel hindurch in Rot/Weiß. Insgesamt eine optisch gelungene Aktion. Man muss auch loben können.
Spocht
Wichtig ist auf’m Platz, wie eine Ruhrpott-Fußballlegende einst treffend und allgemeingültig formulierte. Und da bietet sich dem hanseatischen Auge mal wieder ein grausiges Bild. Schon nach 5 Minuten landet ein Essener Torschuss (der zweite!) im Netz, dass das Spiel damit bereits entschieden ist, ahnt der erfahrene Hansa-„Konsument“ in mir sofort, der weitere Spielverlauf bestätigt die düstere Prognose in allen Facetten. Dabei müssen wir heute nicht mal über Schiri-Entscheidungen klagen wie das noch im Frühjahr an gleicher Stelle vereinzelt geschah.
Die aktuelle Tendenz und sportliche Perspektive lässt den Eindruck entstehen, es wäre schon wieder Herbst. Ach, ist es ja auch. F#ck!
So negativ möchte ich das hier natürlich nicht enden lassen, also gibt es zum Schluss und für den schönen Gedanken noch etwas völlig anderes:
Bahnreisende/r, kommst du nach Güstrow …
„Wenn es mal wieder länger dauert, …“ Nein, jetzt kommt kein abgedroschener Bahnwitz. Mit diesen Worten endet ein Werbespot für einen gewissen Schokoriegel, der bis vor 35 Jahren unter einem anderen Namen bekannt war, aber sonst änderte sich damals nix. Nur ein wohlmeinender Tipp: Solltest du dir beim Umsteigen am Bahnsteig noch schnell etwas Süßes aus dem Automaten gönnen, wäge gründlich ab, ob du die Möglichkeit der Kartenzahlung wirklich nutzen möchtest. Jedenfalls, sofern dir nicht egal ist, was dann auf dem Kontoauszug steht. Es war wirklich ein Schokoriegel. Ehrenwort!

Weiterer Lesestoff
Spielbericht Hansa
Aus Essener Tribünensicht: Catenaccio07