Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Show a little faith, there’s magic in the night*

3 Kommentare

(* Textzeile aus „Thunder Road“, 1975)

Knapp vierundzwanzig Jahre sind vergangen seit jenem unglaublichen, grandiosen, wahnsinnigen, legendären Ereignis – eine überaus lange Zeit, in der sich ein Mix aus Freude, Sehnsucht und euphorischer Begeisterung tief ins Gedächtnis eingegraben hat. Es war, weiß Gott, technisch nicht das beste Konzert, das ich je erleben durfte, Sound und Sicht waren in mindestens 600 Metern Bühnenentfernung miserabel. Aber das interessierte uns damals nur am Rande und heute rückblickend gleich gar nicht.

Den Rocksommer der FDJ gab es schon seit 1984, aber so international wie 1987/88 war es noch nie zugegangen. Internationale Topacts wie Bob Dylan, Tom Petty, Joe Cocker, Bryan Adams, James Brown, Fischer Z, Big Country oder auch The Rainbirds hatten sich dort schon die Ehre gegeben und zum Teil für lange Fernsehabende gesorgt, bei denen mal nicht umgeschaltet wurde. Dass all das noch übertroffen werden könnte, war kaum vorstellbar, aber es ging tatsächlich.

Am 2. Juli vermeldete die „Junge Welt“ in unnachahmlichem Funktionärsdeutsch:

„Am 19.Juli begehen unsere Freunde in Nikaragua den 9. Jahrestag der sandinistischen Revolution. Wir freuen uns, daß der US-amerikanische Sänger Bruce Springsteen sich bereiterklärt hat, an diesem Tag für die Jugend der DDR ein Konzert zu geben.“

Wie wir heute wissen, dachte der Boss gar nicht daran, sich vor irgend einen politischen Karren spannen zu lassen, wahrscheinlich hatte man ihm das nicht mal vorher gesagt, aber das war und ist in diesem Zusammenhang auch nicht so wichtig. Die Kernaussage war doch letztlich: BRUCE SPRINGSTEEN TRITT IN BERLIN AUF!!!  Da musste ich hin, irgendwie!

Ich besuchte zu der Zeit einen fünfmonatigen Russisch-Lehrgang am Institut für Fremdsprachenausbildung der NVA in Naumburg. Das Konzert fand an einem Dienstagabend statt – kein idealer Termin, aber für einen Lehrgangsteilnehmer keine unüberwindliche Hürde. Schwieriger könnte es schon werden, an Karten heranzukommen. Aber auch dafür fand sich schnell eine Lösung. Armin, einer der damaligen Kollegen, lebte mit seiner Familie zu der Zeit in Berlin-Friedrichshain und erklärte sich bereit, es mal zu versuchen. Dafür bin ich ihm heute noch und bis ans Ende meiner Tage dankbar, erst recht, weil er trotz Gipsfuß nicht davor zurück schreckte, sich stundenlang beim Vorverkauf anzustellen, und letztlich ein paar der begehrten Tickets erwerben konnte.

Am Tag des Konzertes verzichteten wir (Armin, ein weiterer Kollege und ich) schweren Herzens auf das nachmittägliche individuelle Selbststudium und begaben uns in Begleitung eines Englisch-Lehrers, den ich von einem früheren Lehrgang kannte, und seiner Gattin auf die große Reise in die Hauptstadt der DDR. Das muss man sich mal vorstellen: Drei zukünftige NVA-„Spitzenkader“ schwänzen die Nachmittagsveranstaltung beim Russisch(!)-Lehrgang, um einem amerikanischen (!!) Rocker (!!!) zu huldigen, der nicht mal für Nikaragua singen will. Geht das schon als passiver Widerstand durch?

Späteren Zeitzeugenberichten zufolge soll das Konzert für den größten Verkehrsstau der DDR-Geschichte gesorgt haben, wir hatten diesbezüglich aber wohl Glück, denn auf unserer Reisestrecke entlang der heutigen A9, weiter über den südlichen Berliner Ring und vom Schönefelder Kreuz dann stadteinwärts gab es eigentlich nur im nachmittäglichen Berufsverkehr kurzzeitig ein paar Verzögerungen. Das Auto blieb dann bei Freunden von Armin stehen, die in der Nähe der Radrennbahn Weißensee wohnten, so dass uns die lästige Parkplatzsuche erspart blieb.

Beim Eintreffen am Konzertgelände wurden wir schnell Teil der größten Menschenansammlung, die ich selbst je erlebt habe. Das Gedränge am Einlass war gigantisch, aber friedlich, so richtig vorwärts ging es aber auch nicht. Es schien aussichtslos zu versuchen, sich wenigstens in Sichtweite der Bühne durchzukämpfen, so dass wir uns dann mit Plätzen vor einer großen Leinwand zufrieden gaben – immer noch besser, als den Boss gar nicht zu Gesicht zu bekommen. Wichtiger war ja auch die Musik. Leise Zweifel, ob eine vernünftige Beschallung des riesigen Geländes möglich wäre, kamen allerdings schon auf.

Kaum dass wir uns an unseren Plätzen eingerichtet hatten, brandete aus Richtung der Bühne Jubel auf. Wir konnten nichts sehen, aber an der Bewegung der Massen vor uns war abzulesen, dass die Show begonnen haben musste. Irgendwie bekannte Klangfetzen drangen aus der Ferne an die gespitzten Ohren. Hmm, also nichts zu sehen, damit konnte man irgendwie klarkommen, aber nichts zu hören? Es war ja nicht so, dass wir gar nichts verstanden hätten, aber es war so ähnlich, als hätte der Nachbar im WBS 70-Neubau den Fernseher etwas zu laut gestellt, nur dass man ihn vorher darum gebeten hätte.

So groß die Enttäuschung darüber war, es kam mit Ausnahme von einzelnen „Lauter!“-Sprechchören zu keinen weiteren Unmutsäußerungen – so ähnlich musste sich eine Olympiateilnahme ohne die geringste Medaillenhoffnung anfühlen. Später, als wir dann vor der Rückreise nach Naumburg noch die Konzertwiederholung im DDR-Fernsehen sahen, sagte dann auch einer: „Stellt euch vor, wir würden jetzt zu Hause sitzen, das hier sehen und müssten uns vorwerfen, wir hätten dabei sein können, sind aber nicht hingegangen.“

Im Verlauf des Konzertes gelang es den Tontechnikern dann schrittweise, die Lautstärke zu erhöhen, nach der etwa 20-minütigen Pause in der Mitte des Konzertes waren die schlimmsten Probleme beseitigt. Der Sound war zwar weit vom Prädikat perfekt entfernt, aber immerhin konnte man jetzt gut die Lieder wie auch Bruces Ansagen und Erzählungen zwischen den Songs hören und verstehen. Außerdem hatte man nun, nach Einbruch der Dunkelheit, endlich auch die Leinwand in Betrieb genommen und wir konnten Bruce, Nils, Patti, Garry, Danny, „Professor“ Roy, „Mighty Max“ und „Big Man“ endlich auch sehen. Nun war es so, wie ich es mir erträumt hatte: Ich stehe inmitten von Tausenden, die zur Musik des größten Rockmusikers dieses Jahrzehntes tanzen und singen, und es ist unbeschreiblich. Man soll ja mit Superlativen vorsichtig sein, aber vielleicht war das für unsere Generation im Osten unser kleines Woodstock.

Es war wie einer dieser Momente, in denen man Zeit und Raum und alles um sich herum nicht mehr wahrnimmt. Du hörst die Musik nicht einfach, du bist ein Teil davon, die ultimative Interpretation der Überschrift über diesem Text. Die Höhepunkte des Abends folgten im Minutentakt: Zu DANCING IN THE DARK holt sich Bruce ein Mädchen aus dem Publikum auf die Bühne, auf BORN TO RUN folgt HUNGRY HEART, nach GLORY DAYS und vor Elvis’ FALLING IN LOVE bedankt sich Bruce auf deutsch „… bei allen Leuten in Ostberlin, die dieses Konzert möglich machten …“, wohin man schaut, spiegeln sich die Lichter der Scheinwerfer in glänzenden Augen. Und schließlich das gigantische Finale: TWIST AND SHOUT und ein Chor von Hunderttausenden singt nach den Kommandos vom Boss mal leise, mal laut.

Noch heute kriege ich beim bloßen Gedanken an diese Minuten Gänsehaut. Auf der Rückfahrt nach Naumburg war es im Fahrzeug sehr ruhig, kaum jemand sagte etwas, obwohl auch niemand schlafen konnte oder wollte. Zu überwältigend waren die Eindrücke. Jeder war sich bewusst, so etwas nie wieder erleben zu können. Und so ist es irgendwie auch gekommen. Inzwischen hat man die Möglichkeit, Konzerte seiner Wahl zu sehen, ich war seither bei fünf weiteren Springsteen-Shows, die alle etwas ganz Besonderes waren und bei denen ich dem Boss fast zum Anfassen nahe kam, aber diese eine erste „persönliche Begegnung“ wird für immer einen speziellen Platz in meinen Erinnerungen an herausragende Konzerterlebnisse einnehmen.

„Thanks for a fantastic night in East Berlin“, schrieb Bruce damals nach dem Konzert an die Leser der „Jungen Welt“. Thanks Bruce!

Und das war die Setlist:

BADLANDS

OUT IN THE STREET

BOOM BOOM

ADAM RAISED A CAIN

ALL THAT HEAVEN WILL ALLOW

THE RIVER

COVER ME

BRILLIANT DISGUISE

THE PROMISED LAND

SPARE PARTS

WAR

BORN IN THE USA

CHIMES OF FREEDOM

PARADISE BY THE C

SHE’S THE ONE

YOU CAN LOOK (BUT YOU BETTER NOT TOUCH)

I’M A COWARD

I’M ON FIRE

DOWNBOUND TRAIN

BECAUSE THE NIGHT

DANCING IN THE DARK

LIGHT OF DAY

BORN TO RUN

HUNGRY HEART

GLORY DAYS

CAN’T HELP FALLING IN LOVE

BOBBY JEAN

CADILLAC RANCH

10TH AVENUE FREEZE-OUT

SWEET SOUL MUSIC

TWIST AND SHOUT / HAVING A PARTY

Eine DVD mit der Aufzeichnung des DDR-Fernsehens mit dem Titel „BRUCE SPRINGSTEEN. BEHIND THE WALL; BERLIN 19TH JULY 1988“  gibt es übrigens auch. Also – schaut euch auf den einschlägigen Seiten ruhig mal um.

3 Kommentare zu “Show a little faith, there’s magic in the night*

  1. So ein Erlebnis ist ja wohl das beste, was einem passieren kann, wenn man einen Lieblingsmusiker hat. Das muss genial gewesen sein!

  2. JEDES (!!) Konzert von Bruce ist ein Erlebnis! Ich habe ihn schon zig-mal live gesehen und werde zu seinen Konzerten gehen, so lange ich kann.
    LG von Rosie
    Einen Konzertbericht habe ich auch in meinem Blog:
    http://roswithageisler.wordpress.com/?s=bruce+springsteen

  3. Wunderbares Gänsehautkonzert, habe mir es letzte Nacht auf YouTube angesehen. Mein erstes Bruce-Konzert war 2012 in Köln, seitdem sind mein Mann und ich „infiziert“.

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