Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Is a dream a lie if it don’t come true?*

Ein Kommentar

(*The River, 1980)

Der 29. Mai 1999 ist ein erinnerungsträchtiges Datum – für mich gleich in zweierlei Hinsicht. Da ist zum einen einer der emotionalsten Momente in der Historie des FC Hansa Rostock – der nahezu mit dem Schlusspfiff der Saison gesicherte Klassenerhalt dank eines an Dramatik nicht zu überbietenden 3:2-Sieges beim VfL Bochum. Ich bin mir sicher, dass jeder Hansafan, der damals schon alt genug war, heute noch genau sagen kann, was er oder sie an jenem Tag gemacht hat.

Das gilt natürlich auch für mich, womit wir beim zweiten bedeutsamen Ereignis an jenem sommerlichen 29. Mai sind: Bruce Springsteen spielte mit seiner E Street Band zwei Konzerte in Berlin und wir hatten ein paar der begehrten Tickets für die Parkbühne in der Wuhlheide ergattern können, aber eben „nur“ für den Sonnabend. So blieb mir damals nichts anderes übrig, als das bis heute legendärste Spiel des FC Hansa in kleinen Häppchen per Premiere-Konferenz im Fernsehen zu verfolgen.

Seit meinem ersten Live-Erlebnis mit der E Street Band, damals in Berlin-Weißensee waren 11 Jahre vergangen, für Springsteen-Fans eine zwiespältige Zeit, hatte der Boss doch nach der Tunnel of Love Tour bekannt gegeben, dass er fortan nicht länger mit der E Street Band zusammen arbeiten würde. Die Band galt offiziell nicht als aufgelöst, aber die Musiker gingen doch weitestgehend eigene (teilweise Ab-)Wege, so konnte man beispielsweise Max Weinberg ab 1993 in Late Night with Conan O’Brien auf NBC bewundern. Es sah so aus, als sollte der seit 1988 gehegte Traum, diese Band wieder zu sehen, und das richtig, unerfüllt bleiben.

Der Boss selbst war natürlich nicht untätig, schon 1992 wurden zeitgleich „Human Touch“ und „Lucky Town“ veröffentlicht, zwei Alben, bei denen Puristen immer etwas die Nase rümpfen und die nicht annähernd den Erfolg früherer Springsteen-Platten erzielten, auch wenn sie durchaus hörenswerte Stücke enthielten, von denen das eine oder andere es inzwischen ins Live-Programm der E Street Band geschafft hat. In diese Zeit fielen eine Tour mit neu zusammengestellter Band und ein witziger Auftritt unter dem Motto „MTV Unplugged“, bei dem Bruce nach dem Opener „Red Headed Woman“ kurz anmerkte „That was the unplugged part“, um dann in gewohnter Lautstärke fortzufahren.

Anfang 1995 erschien das erste „Greatest Hits“-Doppelalbum, für das kurz sogar die E Street Band zusammen getrommelt wurde. Auf die erhoffte Tournee der Band musste man jedoch weiter warten. Im gleichen Jahr folgte mit „The Ghost of Tom Joad“ ein akustischer Tribut an John Steinbeck, begleitet mit einer Solotournee, leider auch diesmal – wie schon 1992/93 ohne mich.

Das Jahr 1998 hielt dann gute Nachrichten bereit. Zunächst erschien das 4-CD-Package „Tracks“ mit bisher unveröffentlichten Aufnahmen aus verschiedenen Schaffensperioden und dann wurde eine neue Welttournee mit der E Street Band angekündigt. Bei dieser Reunion Tour war dann endlich auch Little Steven, vielen inzwischen bekannt aus der grandiosen Mafia-Saga „The Sopranos“ wieder mit im Team. Welch wunderbare Aussichten hielt doch das Jahr 1999 bereit. Der Traum vom Wiedersehen entpuppte sich nicht als Lüge.

Die Karten für unser Konzert hatte Silvia, die in Berlin lebende Cousine meiner Frau, besorgt, und in ihrer Wohnung sahen wir, wie eingangs erwähnt, Hansa beim Entstauben der Sonne „tief im Weste-hen“ zu, um uns danach voller Euphorie in Richtung Wuhlheide auf den Weg zu machen. Auf dem Weg zur Parkbühne wurde ein früher Kindheitstraum (lauter Träume diesmal) Wirklichkeit, ich durfte (inzwischen 36) zum ersten Mal in der Pioniereisenbahn mitfahren, die damals natürlich schon lange nicht mehr so hieß.

Der Einlass zur Parkbühne, einer wirklich tollen Anlage, die einer großen Zahl Besuchern auf nahezu allen Plätzen tolle Konzerterlebnisse sowohl soundtechnisch als auch die Bühnensicht betreffend garantiert, verlief äußerst entspannt – gar kein Vergleich zur Völkerwanderung von 1988. Wir hatten uns für Plätze in der obersten Reihe rechts von der Bühne entschieden. So waren wir dem Geschehen nah genug, um alles ohne Feldstecher gut sehen zu können. Ein weiterer Vorteil bestand darin, dass man nach Belieben stehen und sich bewegen konnte, ohne dabei anderen die Sicht zu versperren, so dass mir die Todsünde erspart blieb, bei einem Springsteen-Konzert zu sitzen. Das ist nämlich nicht nur beim Fußball für’n Arsch.

Fast pünktlich, kurz nach halb acht war es dann so weit. Einer nach dem anderen kamen die Bandmitglieder auf die Bühne, wobei der Jubel des Publikums schnell auf mittlere Orkanlautstärke anschwoll: Max Weinberg, Garry Tallent, Roy Bittan, Danny Federici, Nils Lofgren und Patti Scialfa erschienen mehr oder weniger gemeinsam auf der Bühne, dann folgte der in den Schoß der E Street Familie zurückgekehrte „verlorene Sohn“ Little Steven. Schließlich schritt „the Big Man“ Clarence Clemons gemessenen Tempos zu seinem Platz, bevor dann der Boss das Line-up komplettierte und ohne lange Vorrede zum ersten Song einzählte.

Abgesehen von „Tracks“ hatte Bruce ja kein wirklich neues Material im Gepäck und so erlebten ca. 15.000 Fans einen tollen Querschnitt der erfolgreichsten und beliebtesten Songs aus allen Schaffensphasen der Band. Dabei hatte der Meister kein Problem damit, seinem Publikum auch Ungewohntes „zuzumuten“. Die ersten Strophen von „The River“ wurden in einer sehr fremd anmutenden Version (um)interpretiert, das Intro mit Saxophon, E-Piano und Mundharmonika zog sich drei Minuten lang, ohne dass man erkannte, was da eigentlich gespielt wurde, bis endlich mit der ersten Strophe zumindest der Text Aufschluss gab: „I come from down in the valley …“. Später, in der Bridge vor der dritten Strophe kam sogar noch das Akkordeon zum Einsatz, bis dann endlich das klassische Harmonika-Motiv dieses Songs die gerunzelten Stirnen (oder heißt es Stirne oder gar Stirns?) wieder etwas glätten konnte.

Dafür entwickelte das von Haus aus akustische „Youngstown“ vom Tom-Joad-Album in voller Bandbesetzung eine ganz eigene, unerwartete Dynamik und Power. Das war schon immer eine Spezialität des Bosses, auch in „umgekehrter Richtung“, wie man bei der eindringlichen Accoustic-Version von „Born To Run“ feststellen kann (nachzuhören auf der EP „Chimes Of Freedom“).

Stimmungsmäßige Höhepunkte des Abends waren natürlich die ganz alten Klassiker wie „Two Hearts“ („Steeevieeee, let’s do it one more time!“), das hymnische „Jungleland“; „Hungry Heart“ zum Mitgrölen auch ohne Textkenntnis und vor allem „Tenth Avenue  Freeze Out“, bei dem die Vorstellung jedes einzelnen Bandmitgliedes wie ein Gottesdienst zelebriert wurde bis hin zu dem Moment „when the Big Man joined the band“ – G Ä N S E H A U T !!

Elf Jahre nach dem legendären Konzert in Berlin-Weißensee konnte man mit Fug und Recht feststellen: Diese E Street Band macht nicht einfach da weiter, wo sie 1988 aufgehört hatte, sie ist noch besser geworden und wird nicht damit aufhören. Die Begründung dafür liefert den Boss selbst:

„It’s the greatest job in the world. It was great even before I made a record. That’s the reason they don’t call it working, they call it playing.”

(Bruce Springsteen, Mojo 1/99)

Und so sah die Setlist aus:

MY LOVE WILL NOT LET YOU DOWN

THE PROMISED LAND

TWO HEARTS

PROVE IT ALL NIGHT

DARLINGTON COUNTY

FACTORY

THE RIVER

YOUNGSTOWN

MURDER INC.

BADLANDS

OUT IN THE STREET

TENTH AVENUE FREEZE OUT

YOU CAN LOOK (BUT YOU BETTER NOT TOUCH)

WORKING ON THE HIGHWAY

THE GHOST OF TOM JOAD

BORN IN THE USA

JUNGLELAND

LIGHT OF DAY

THIS HARD LAND

HUNGRY HEART

BORN TO RUN

THUNDER ROAD

IF I SHOULD FALL BEHIND

LAND OF HOPE AND DREAMS

Leider konnte ich von diesem Konzert nie Bootlegs auftreiben, auch bei youtube finden sich keine bewegten Bilder, für zweckdienliche Hinweise bin ich selbstredend dankbar. Wer sich ein Bild von der musikalischen Qualität und Spielfreude der wiedervereinigten Band und von der Atmosphäre auf den Konzerten machen will, dem lege ich die 2001 erschienene CD „Live in New York City“ (auch als DVD) unbedingt ans Herz.

Ein Kommentar zu “Is a dream a lie if it don’t come true?*

  1. Eine tolle Setlist! Land of Hope and Dreams…ein Abschlusssong, den man nicht vergisst.
    LG von Rosie

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