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Come on rise up

10 Kommentare

Bruce Springsteen & The E Street Band – Land of Hope and Dreams Tour

Berlin, Olympiastadion, 11. Juni 2025

Countin‘ on a miracle. Das „Wunder“ in Reihe 12

Jedes Springsteen-Konzert ist Schauplatz kleiner, persönlicher Geschichten, für „Außenstehende“ nur selten spektakulär, im gewaltigen Konzerterlebnis untergehend, aber für Beobachter oft eine spezielle Erinnerung an einen großen Abend.

Ich habe das Konzert mit einer lieben Freundin besucht, wir hatten Sitzplätze in der Ostkurve des Olympiastadions, in großer Entfernung von der Bühne, aber wenigstens „mittig“ und mit unverstellter Sicht auf die Videoscreens und das Geschehen auf den Stehplätzen im Innenraum, das hatte ich schon wesentlich schlechter.

Um uns herum wird die Show aufmerksam und ruhig verfolgt, überwiegend „stille Genießer“, wie es aussieht. Nur hin und wieder steht hier und da jemand oder tanzt sogar zur Musik. Sogar bei Promised Land, Hungry Heart oder Badlands bleiben mehr Leute auf ihren Sitzen, als ich es für möglich gehalten hätte. Für mich ist das aber grundsätzlich kein Problem, zumal meine Gelenke es auch eher dezent lieben. Besser als im Innenraumgedränge praktisch bewegungsunfähig eingeklemmt zu sein, ist es für mich in jedem Fall. Egal, es lässt sich ja auch im Sitzen durchaus angemessen ausrasten. Jede/r, wie sie/er mag und kann.

Nun zu meiner „Geschichte“. Auf den Plätzen vor mir sitzt ein junges Paar, so um die 20, schätze ich. Die Entscheidung, zum Konzert zu gehen, dürfte einstimmig, besser: mit EINER (ihrer) Stimme, gefallen sein, wie man an der regen, ich finde fast begeisterten Anteilnahme der jungen Frau (Klatschen, „Hände zum Himmel“) sehen kann.

Der junge Mann schaut derweil artig zu, geht beim gelegentlichen Mitklatschen nach Kontrollblicken sehr dezent vor, als hoffe er, ihn möge bloß niemand dabei „erwischen“. Bruce Springsteen scheint echt nicht sein Lieblingskünstler zu sein, diese Art Musik allgemein nicht “seine“. Und trotzdem tut er sich das drei Stunden lang an, ohne zu klagen? Er muss sie wirklich gernhaben, toll.

Mit zunehmender Konzertdauer wächst auch die allgemeine Euphorie, mit der ersten Zugabe, Born in the U.S.A. sitzt endgültig niemand mehr. Und was soll ich sagen? Das Intro zu Dancing in the Dark startet. Er hat lange tapfer durchgehalten, aber jetzt geschieht es:

Dancing in the Dark

Wir lernen: Bruce kriegt früher oder später jeden! Das ist der Stoff für ein mögliches Sequel „Springsteen and I. The next generation“.

Tourismus

Dussmann

Am Dienstag nach der gelungenen Anreise stürze ich mich sofort in das touristische Rahmenprogramm. Ich fahre mit der S-Bahn zur Friedrichstraße, um dem berühmten Kulturkaufhaus meinen ersten Besuch abzustatten. Das steht schon lange, seit ich das gleichnamige Lied von Betterov zum ersten Mal hörte, auf der Liste wichtiger Reiseziele, so dass ich diese Gelegenheit nicht verpassen darf. Mein Hauptziel ist es, aus der vierten Etage zu … NEIN! Natürlich nicht zu springen, aber wenigstens nach unten zu schauen. Aber nicht mal das schaffe ich, denn als Besucher oder (potenzieller) Kunde komme ich nicht über das dritte Stockwerk hinaus.

Also schaue ich mich ein Weilchen um und erlebe einen optischen Overload. Umfang und Vielfalt des Angebotes an Büchern aller Genres, musikalischen und audiovisuellen Medien sind riesig, heute zu groß für mich, wahrscheinlich ist es zweckmäßig, vorher zu notieren, was man da eigentlich konkret will, und dafür öfter mal vorbeizuschauen. Ich werde schon irgendwann mal wieder nach Berlin kommen. Ein Grund, weshalb die mich in die vierte Etage lassen müssen, wird mir bis dahin bestimmt einfallen.

Reichstag

In diesen Tagen wird mit einer Lichtprojektion an die spektakuläre Verhüllung des Reichstagsgebäudes durch Christo und Jeanne-Claude vor 30 Jahren erinnert. Also nutze ich das Event, schon mal meine Konzertbegleiterin zu treffen, die damals als Kind mit ihren Eltern das Original erleben durfte.

Auf der Westseite wird in einer „Filmsequenz“ der Prozess der Verhüllung visualisiert, an deren Ende das Gebäude wieder „verpackt“ ist, das vermittelt anschaulich eine Idee, wie sich das damals angefühlt haben könnte. Ich war 1995 nicht vor Ort, kenne nur euphorische Schilderungen von Augenzeugen. Aber auch heute bin ich durchaus beeindruckt.

Rund um die Vorführung stört erfreulicherweise keine Ablenkung durch Imbiss- oder Getränkeangebot, vielleicht ein „Reichstags-Wrap“, die Beschäftigung mit dem Ereignis. Es wird auch auf musikalische Umrahmung oder erklärende Vorträge verzichtet. Die Installation spricht und wirkt durch sich selbst.

Leider spielt das Wetter nicht wirklich mit, der immer stärker werdende Regen stört das „Aufsaugen“ der Vibes erheblich und vertreibt uns letztlich.

Zu sehen ist alles noch bis zum 20. Juni.

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Sightseeing

Der Konzerttag beginnt etwas windig, aber regenfrei, bis zum Nachmittag wird auch die Sonne aus ihrem Versteck kommen. Also treffen wir uns 11 Uhr am Alexanderplatz, natürlich (!) Weltzeituhr, und gönnen uns einen „kleinen“ Spaziergang, für mich fast ein Halbmarathon, aber das schadet mir nichts: Karl-Liebknecht-Straße bis zum Humboldtforum, weiter bis zur Staatsoper, Unter den Linden bis zur nächsten Ampel, dann auf der anderen Straßenseite zurück und zum Hackeschen Markt, wo wir im Außenbereich des „Weihenstephaner“ etwas essen (Hmmm, Schwammerl in Rahmsauce und Semmelknödel), während ein Straßenmusiker den Platz durchaus angenehm beschallt.

Wir haben immer noch jede Menge Zeit bis zum Einlassbeginn (16 Uhr), also gehen wir, statt hier schon in die S-Bahn zu steigen, zu Fuß zur nächsten Station in die Friedrichstraße, von wo aus uns eine der anlässlich des Konzerts verkehrenden Sonderfahrten der S5 bis vor das Olympiastadion bringt. Perfekt.

Die Stadiontore öffnen nur wenige Minuten nach unserer Ankunft, es geht ruhig und geordnet hinein. Der Ticketscanner will mich erst nach etwa drei Versuchen durchlassen, sieht es aber, als ein Ordner zwei Schritte in meine Richtung andeutet, doch ein. Noch eine kleine Taschenkontrolle, dann bin ich drin. Weiteres Sicherheitspersonal sorgt dafür, dass niemand stehen bleibt und sich bedrohliche Ansammlungen gar nicht erst bilden können. Assoziationen zu früheren Fußball-Besuchen am anderen Stadioneingang (Süd) kommen gar nicht erst auf. Gut gemacht, wie übrigens die gesamte Organisation rund um das Konzert, jedenfalls soweit ich es mitbekommen habe.

Das Konzert

Pünktlich um 19:00 Uhr, nicht etwa „NEUNZEHNDREISSIG!!!“, wie uns beim Aufbruch im „Weihenstephaner“ vom Nachbartisch aus mit einem Duktus, der keinen Widerspruch zulässt, doziert wurde, geht es los. Hoffentlich hat da jemand nicht zu sehr auf sein „Wissen“ gesetzt, dann hätte er einiges versäumt, wäre schade.

Angekündigt als „World Tour 2025“, so ist es auch auf dem Ticket aufgedruckt, konnte man vielleicht zum Zeitpunkt der Bekanntgabe noch annehmen: Schön, das nach der langen Pause seit 2016 wieder aufgenommene Touren geht also weiter. Meine „Vorahnungen“, 2023 hätte der Beginn einer Art Abschieds „auf Raten“ sein können, haben sich nicht bestätigt, obwohl das finale I’ll see you in my dreams jedesmal, auch 2024 in Hannover, so endgültig klang. Nun weiß ich es besser.

Mit der „Rückkehr“ nach Europa im Mai, schon ab der ersten Show in Manchester, ist klar: Auch das hier ist kein Abschied. Bruce hat, gerade angesichts der aktuellen Situation in seinem Heimatland noch viel zu sagen. Das tut er auch heute und hier, mal klar und deutlich in kurzen „Ansprachen“, die dankenswerter Weise untertitelt werden, oder etwas subtiler mittels Songauswahl und -abfolge, wobei er eine gelungene Ausgewogenheit zwischen Kritik und Zukunftsperspektive findet: Auf Land of Hope and Dreams folgt Death to my hometown, darauf wieder No Surrender. Schon die Songtitel sind in ihrer Reihenfolge ein Statement.

Auch Klassiker wie Hungry Heart und The River fügen sich inhaltlich gut in den Gesamtkontext ein, obwohl sie mit den aktuellen Ereignissen nicht im Zusammenhang stehen, was wiederum für alle „alten Sachen“ gilt, bis dann die Passage von Youngstown bis My City of Ruins alles auf den textlich/musikalischen Punkt bringt, eingeschlossen die grandiose Zeile mit dem kriminellen Clown auf dem gestohlenen Thron aus House of a Thousand Guitars.

Ab Because the Night brechen dann die letzten Dämme im Publikum – Party pur und überall!

Der letzte Song des Abends schließt noch einmal den Kreis zu meinem ersten Springsteen-Konzert: In Berlin-Weissensee habe ich Bob Dylans Chimes of Freedom zum ersten Mal überhaupt gehört, höre ihn seitdem immer wieder, so auf der gleichnamigen Live-EP, und ganz besonders in der Fassung der Human Rights Tour 1988, zusammen mit Sting, Peter Gabriel, Tracy Chapman, Youssou N’Dour.

Nach drei* intensiven Stunden machen wir uns, überfüllt mit Eindrücken und Emotionen wie die S-Bahn mit glücklichen Menschen, auf den Weg in unsere Quartiere. In wenigen Tagen geht es für mich in Frankfurt/M. weiter.

*Fehler in ursprünglicher Textfassung korrigiert, siehe Kommentare.

Bilder bei Instagram

Setlist

Ghosts

Land of Hope and Dreams

Death to My Hometown

No Surrender

Two Hearts

Out in the Street

Lonesome Day

Rainmaker

The Promised Land

Hungry Heart

The River

Youngstown

Murder Incorporated

Long Walk Home

House of a Thousand Guitars

My City of Ruins

Because the Night

Wrecking Ball

The Rising

Badlands

Thunder Road

Born in the U.S.A.

Born to Run

Seven Nights to Rock

Bobby Jean

Dancing in the Dark

Tenth Avenue Freeze-Out

Twist and Shout

Chimes of Freedom

10 Kommentare zu “Come on rise up

  1. Avatar von sori1982

    Das Pärchen vor uns war wirklich ein Erlebnis und natürlich der „Neunzehndreissig!“-Typ. Herrje! Ich frage mich nur, was seine Begleiterin zu ihm sagen wird. Falls sie überhaupt etwas zu sagen hat.

    An alle Lesenden: Dass der Mann im tiefstweinroten T-Shirt sitzen bleibt, während rund um ihn herum alles steht, hat einen guten Grund. Er ist nämlich auf Krücken gekommen.

    Es war ein toller Tag mit Dir und entschuldige bitte das Halbmarathon, aber ich bin das stete Gehen gewöhnt.

    Gruss von der lieben Freundin, die noch an ihrem Beitrag werkelt.

  2. Pingback: 11.06.2025 – Bruce Springsteen and the E Street Band in Berlin – sori1982

  3. Avatar von Unbekannt

    Danke für den schönen Bericht. Es waren aber ziemlich genau 3 Stunden ohne Pause, nicht „nur“ 2.5 wie es am Ende steht!

    • Avatar von Hanseator

      Danke schön für den Hinweis, ich hatte nicht auf die Uhr gesehen, das aber irgendwo gelesen. Mein letztes Foto noch während der Show entstand um 21:44, also hast du natürlich recht. Kurz: ich ändere das ab. Danke nochmal.

  4. Avatar von Christian's Music Musings

    Long time, no see, Hanseator. 🙂

    Ich glaube wie „begegneten“ uns in der Blogosphaere vor einigen Jahren ueber Kommentare auf dem Blog von Hotfox63. Leider hat er seit einigen Jahre Kommentare geschlossen.

    Vermutlich hat er zuviel Bloedsinn bekommen, oder vielleicht ist ihm die Kommentiererei auch zu viel geworden. Ich selber weiss nur zu gut, dass man man stundenlang mit dem Lesen anderer Blogs verbringen kann; vom kommentieren will ich erst gar nicht sprechen!

    Jedenfalls freut es mich, dass das gemeinsame Springsteen-Konzert mit Sori in Berlin offenkundig eine gelungenes Erlebnis war.

    Viele Gruesse aus New Jersey!

    • Avatar von Hanseator

      Danke schön, ich folge deinen Musings regelmäßig, muss aber zugeben, ziemlich „kommentarfaul“ (geworden) zu sein.Grüße aus M.-V. 🙂

      • Avatar von Christian's Music Musings

        Danke fuer die rasche Anwort zu fuer Dich spaeter Stunde!

        Im Gegensatz zu Musik ist mein Fussballkonsum kaum existierend. Seit rund 30 Jahren beschraenkt er sich auf das gelegentliche Spiel im Fernsehen im Rahmen der WM oder Fußball-Europameisterschaft.

        Ich habe keine blassen Schimmer, was sich derzeit in der Bundesliga oder in der 2. Liga abspielt under koennte von daher keine intelligenten Kommentare zu Deinen Fussballbeitraegen hinterlassen.

        Gleichwohl freut es mich, dass Du ueber Sori wieder auf meinen Radarschirm gekommen bist. Und gelegentlich schreibst Du ja auch ueber Musik! 🙂

  5. Avatar von @AnnaLind1

    Danke für den schönen Bericht!

    Besonders schön und witzig war es, ihn parallel zu dem deiner Konzertbegleiterin zu lesen. Hast du geplant, weitere Shows zu sehen?

  6. Avatar von wholelottarosie

    Die Person, die Bruce früher oder später nicht „kriegt“, die muss ein Herz aus Stein haben.

    1000-Dank für den tollen Bericht…der facht jetzt natürlich meine Freude auf den 27. immer weiter an.

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