Patti Smith Quartet, 9. Juli 2025, Hamburg, Stadtpark Open Air
Juni 2025. Mit drei gigantischen Stadion-Shows in drei verschiedenen Städten innerhalb von knapp drei Wochen habe ich wohl das persönlich machbare Maximum an Konzertbesuchen und damit verbundener Reisetätigkeit erreicht. Dieser Gedanke begleitet mich schon während der frühzeitigen Planung und des Ticketerwerbs, der mit astronomischen Preisen, die ich „natürlich“ zahle („dieses eine Mal noch“ (*lol*), und nervtötenden Bestellprozessen einhergeht, die längst jeden zumutbaren Rahmen sprengen, ohne dass Besserung oder wenigstens ein Ansatz von Mäßigung in Sicht ist.
Möglicherweise ist aber das Kapitel „Springsteen live“ für mich nun tatsächlich geschlossen, aber was kommt danach? Eine sehr schöne, Mut machende Perspektive zeigt die schwedische Bloggerin Anna Lind, deren Texte hier im Blog des Öfteren verlinkt sind, im Beitrag zu ihrer (vorerst?) letzten E Street Show (Mailand) auf, ich erlaube mir, daraus zu zitieren:
„… life doesn’t stop here, there’s more to come. … We’re … keeping an eye out for new acts and new bands to follow.“
Eine gute Gelegenheit, diesem Vorsatz zu folgen, bietet sich für mich schneller als geahnt, als ich einen verlockenden Veranstaltungstipp erhalte: Patti Smith tritt beim Stadtpark Open Air in Hamburg auf. „New act“ klingt bei einer Künstlerin ihres Ranges und Formates frech, aber für mich ist sie das in gewisser Weise schon.
Selbstverständlich ist mir der Hintergrund zur Entstehung und Hit-Werdung von „Because the night“ bekannt (Bruce Springsteen: „If I had sung this song, it would not have been a hit.“ Quelle), so auch ein paar andere Songs, allen voran „People have the power“. Die weiteren lassen sich tatsächlich an einer Hand abzählen, was sich angesichts der Dimension ihres Schaffens nicht weniger frech anhört. Immerhin nehme ich den Abend in Hamburg jetzt zum Anlass, mich mehr mit Patti Smith’s Schaffen zu beschäftigen. Versprochen!
Das heutige Konzert ist schon mal ein passender erster Schritt in meine „Nach-Bruce-Ära“. Es findet in überschaubarer Entfernung von meinem Wohnort Schwerin statt, ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar, es scheint sogar denkbar, nach Konzertende direkt den Heimweg anzutreten, wobei mir aber das Risiko zu hoch ist, nicht rechtzeitig für einen zumutbaren Zug zurück den Hauptbahnhof zu erreichen und mir dort die Nacht um die Ohren hauen zu müssen. Also gönne ich mir lieber eine Übernachtung, finde sogar einen vertrauten Ort, nämlich im Hotel Boritzka, das mir schon 2023 beim Boss als Basislager diente.
Unterm Strich läuft alles nahezu oldschoolmäßig ab. Das Ticket hole ich mir wenige Tage vor dem Konzert, ich zahle und bekomme sofort die Ware ausgehändigt, zwar ohne persönlichen Kontakt am Ladentisch, aber so kann sich eine gewisse Ticketplattform auch mal nützlich machen. Jetzt nur noch die Hotelbuchung, auch das ist schnell erledigt.
Und so wird es dann:
Ein nahezu idealer Mix aus Bühne, Umgebung, Atmosphäre, Publikum und natürlich Musik sorgt bei angenehmer Temperatur für einen traumhaften Sommerabend, als dessen einziger „Makel“ vielleicht anzuführen wäre, dass es bis zum letzten Ton des Konzertes hell bleibt. Das Gesamterlebnis wird davon nicht beeinträchtigt. Ganz hervorragend finde ich übrigens den Sound, die stadiongeplagten Ohren werden mal richtig verwöhnt.
Die Freilichtbühne mit ihren hohen Hecken inmitten dieser großartigen Parkanlage ist der perfekte Platz, um der Aktualität „draußen“ mal für ein paar Stunden zu entfliehen, bildet unter dem Eindruck der Musik eine inspirierende Wohlfühl-Oase. Im Verlauf des Abends betont Patti Smith die Schönheit des Ortes, verbunden mit dem Aufruf, die Natur gegen die rücksichtslose Ausbeutung ihrer Ressourcen für „wirtschaftliche“ Interessen zu verteidigen, führt das Schicksal der Native Americans, den Raub ihres Heiligen Landes, um darauf nach Öl zu bohren, an, ein eindringlicher Vortrag des „Ghost Dance“ rundet dies ab.
Der ganze Abend ist geprägt von der nahezu überirdischen Präsenz der Künstlerin, deren Auftritten manch Attribut vorauseilt, jedenfalls für Smith-„Ersties“ wie mich: die wütende Rebellin , Die wilde Furie, die sich stimmlich völlig verausgabt, nicht zuletzt „Godmother of Punk“. Dass sie wesentlich ruhiger performt, ist in ihrem fortgeschrittenen Alter nun nicht wirklich eine Überraschung, und doch ist der unruhige Geist und die ihr ebenfalls zugeschriebene „Schamanin“ immer zu spüren, wie auch feiner, selbstironischer Humor. Zum Thema Punk sagt sie in einer Liedansage kurz und pointiert:“Vier Akkorde? Die haben wir doch ganz gut drauf.“
Das Quartet besteht aus vier exzellenten Musikern (Gitarren/Keyboard, Bass, Drums), ich konnte mir leider nur einen Namen merken, das war sogar ziemlich einfach: Jackson Smith, Pattis Sohn an der Leadgitarre, an die anderen drei: Sorry! ich werde wohl doch anfangen müssen, hin und wieder mitzuschreiben, so seltsam das vielleicht aussieht.
Dass ich mit dem Songkatalog nicht sehr vertraut bin, habe ich schon zugegeben. Umso mehr freue ich mich, doch das eine oder andere Stück zu erkennen. Bei Pissing in a River kommen wir dem Punk wohl am nächsten, nicht musikalisch, aber auf jeden Fall in der Attitüde.
Das berühmte Because the Night wird angekündigt: „a musical collaboration, I wrote the lyrics for Jackson’s father Fred Sonic Smith.“ ❤
Auch bei der letzten Zugabe wird ihr Anfang der 1990er Jahre verstorbener Ehemann noch einmal gewürdigt: „We wrote it in 1988 …, today I know, we wrote it just for YOU“, People Have the Power lässt zum Abschluss das so angesprochene, begeisterte Publikum nun auch mal „wild“ werden.
Die komplette Setlist ist hier nachzulesen.
Abschließend noch drei Sätze aus dem Stadtpark-Konzert, die mir ohne Mitschrift im Gedächtnis geblieben sind:
14. Juli 2025 um 18:46
Vielen Dank fürs Verlinken meines Blogbeitrags und fürs Zitieren. Das hat mich wirklich gefreut!
Patti Smith ist auch eine meiner absoluten Favoritinnen. Ich habe sie schon ein paar Mal live gesehen und finde sie einfach unglaublich cool, kraftvoll, poetisch und authentisch.
Und klar, „Because the Night“ verbindet sie ja auf ewig mit Bruce.
Es ist schön zu sehen, wie Musik neue Wege öffnet. Genau darum geht’s doch: immer weiter, immer neugierig bleiben. Schönen Sommer noch!