Watford F.C. – F.C. Hansa Rostock 3:0, 25. Juli 2026, Vicarage Road, Testspiel
Incl. Gastbeitrag von Thorsten: Eine Aneinanderreihung von Glück
© Titelfoto: Christian („Stixer“)
„Champions League olé! Auswärts wollen wir fliegen, Real Madrid besiegen!“
Damit dieser Hansa-Gassenhauer eines Tages Wirklichkeit wird, kann das Training gar nicht früh genug beginnen. Von Fanseite aus läuft es wie ein Länderspiel: Mit 6 Monaten Vorlauf werden Spielort und -termin verkündet (ja, soviel Zeit werden wir in der UCL nicht bekommen, aber irgendwie müssen wir ja anfangen und die Abläufe einspielen), und wie wir nun sicher wissen, reichen diese Informationen aus, um die Reise zu planen und buchen. Übernachtung(en), Hin- und Rückreise? Check! Etwa sechstausendfach klappt das in der großen Hansagemeinde, während das beliebte „dynamic pricing“ von Hotelanbietern und Airlines auf Warp speed beschleunigt.
„Ein bisschen“ mehr Glück ist nötig, um an ein Ticket heranzukommen, und das habe ich. Ich komme zwar in der ersten Verkaufsrunde (4000) etwas zu spät, als ich Zugang zum Onlineshop bekomme, sind schon keine Tickets mehr verfügbar, ich bleibe aber – warum auch immer – eingeloggt und muss mich, als aufgrund der großen Nachfrage eine zweite Runde (zusätzliche 2000) startet, so nicht noch einmal in die Warteschlange einreihen und kann sofort zugreifen. Positiver Nebeneffekt: Ich komme sogar in den Genuss eines (altersgerechten) Sitzplatzes auf der Gegentribüne, Lower Graham Taylor Stand, fast Höhe Mittellinie. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf, oder so. Genial!
Das halbe Jahr Wartezeit vergnügen wir uns mit der Rückrunde der zweiterfolgreichsten Saison seit dem letzten Zweitliga-Abstieg. Die Zeit vergeht praktisch im Fluge, und schon habe ich eine perfekte Überleitung in die Gegenwart gefunden:
Im Fluge wird auch die vierköpfige Reisegruppe, der ich angehöre, am Freitag von Hamburg nach London und am Sonntag zurückreisen.
Die Reise
Am Freitagmorgen bin ich mit Wecksignal im Sekundenbruchteil hellwach und dank gewissenhafter Vorbereitung am Vorabend nach 15 Minuten praktisch reisebereit. Schön, nun habe ich nochmal zwei Stunden zum Chillen, bis ich vor der Haustür abgeholt werde. Gefährlich, bloß nicht nochmal einschlafen!
Ich überbrücke die Zeit mit wiederholten Kontrollen, ob ich alles Nötige eingepackt habe, ob das Handgepäck auch nicht zu groß ist … ihr wisst, wie’s is.
Ich kürze das jetzt mal ab: Alles ist in bester Ordnung, wir sind pünktlich am Flughafen, gelangen ohne Verzögerungen durch Sicherheits- und Passkontrolle an Bord, unsere Eurowings-Maschine hebt pünktlich vom Hamburger Boden ab schwebt wie eine Feder über den Kanal hinweg und erreicht, von leichten Turbulenzen unbeeindruckt, im Landeanflug sicher das Reiseziel London-Heathrow, sogar 10 Minuten vor Plan.
Nicht unerwähnt lassen möchte ich den Chefsteward, der nach dem Boarding ausdrücklich die Hansafans, die unter den Passagieren klar die Mehrheit haben, begrüßt und uns vor dem Aussteigen ein erfolgreiches Spiel wünscht. Guter Mann, hervorragende Crew überhaupt.
Nach der Landung geht es für uns mit dem Heathrow Express nach Paddington und von dort mit der U-Bahn weiter zur Liverpool Street, von wo aus wir zu Fuß in unser Hotel, das Premier Inn Shoreditch, Quaker Street gehen. Keine Grüße gehen an dieser Stelle an „Google Maps“, wir gelangen trotzdem an unser Ziel. Gleich in der Nähe im „Queen’s Head“ treffen wir die schon am Donnerstag Angereisten zum „Come together“, von denen der eine oder andere die Zeit bereits bestens für gängige Pub-Aktivitäten genutzt hatte.
Nachmittag und früher Abend gehören, nachdem weitere Reisegruppen aus dem Schweriner Dunstkreis dazugestoßen sind, der Nahrungsaufnahme und später einer rauschenden Party mit hochwertiger musikalischer Unterhaltung im Karaokekeller des „Head“, bei der sich die Superstars das Mikro in die Hand geben. Beschwingt gleiten wir Morpheus in die Arme und träumen einem denkwürdigen Tag entgegen, der als neuer Meilenstein in die an solchen nicht arme Hansa-Historie eingehen wird.




Der Spieltag
Es beginnt wie eine ganz normale Fahrt, nur dass die durchfahrenen Bahnstationen und Umsteigeorte statt Büchen, Bad Kleinen oder Bützow heute Whitechapel, Euston Square oder Bushey (Hihi, „Buschi“) heißen. Aber auch in (Greater) London triffst du überall bekannte Hanseaten aus Güstrow, Stralsund oder Goldberg und natürlich Rostock. Das geht das ganze Wochenende so, auch noch am Sonntag beim schnellen lastminute Abhaken wenigstens einzelner touristischer Pflicht-Hotspots: Westminster oder Buckingham Palace – home is where the heart is.
Aus der Bahnstation Watford Junction ergießt sich seit dem frühen Vormittag ein unaufhörlicher Strom weiß gekleideter Hanseaten in die Straßen der Gastgeberstadt, die vorfreudig-entspannt zum Stadion pilgern. Im Stadtzentrum (High Street) bildet sich eine Art Sammelpunkt für einen gemeinsamen Marsch. Langsam bekommt man eine Ahnung, welche fankulturelle Urgewalt sich hier und heute entfalten wird. Und alles läuft ohne geringste Anzeichen von Ärgersuche oder Konfrontation ab, für die ja in einer solchen Massenansammlung von Menschen manchmal ein kleines Fünkchen genügt, um zu zünden. Und siehe da: Ein vermutlich Einheimischer mit schwarzem Jolly-Roger-Shirt läuft arglos inmitten der verblüfft staunenden Menge die Straße entlang. Die unvermeidlichen verbalen Sympathiebekundungen Richtung 20359 Hamburg werden lautstark intoniert, aber dazwischen ist immer wieder die nachdrückliche Aufforderung zu hören, den jungen Mann einfach in Ruhe da langgehen zu lassen, was so auch geschieht. Top, so geht gegenseitige und Selbstkontrolle.
Ich gehe allein voraus, um am Stadion schon etwas Atmosphäre zu saugen. Vor dem Eingang zum Gästeblock ist die Menge schon nicht mehr überschaubar, das viele Weiß lässt mich fast schneeblind werden, es „perlt“ gewaltig, wie Dittsche vielleicht sagen würde.
Ich bin mit meinem Freund Tomas verabredet, wir sitzen im Stadion zusammen, aber hier draußen besteht keine Chance, irgendwen zu finden. Ich gehe kurz zum Fanshop, da ist es auch voll, aber ich freue mich über das schöne Wandbild von Elton John und den Straßen namen „Yellow Brick Road“, denke „… where the dogs of society howl …“ und kämpfe mich durch die Massen zu „meinem“ Eingang am anderen Ende der Straße. Tomas wird im Stadion an meiner Seite Platz nehmen und mir den Match-Schal mitbringen. Stichwort Schal: Gewollt oder Versehen? Der zu lesende Hansa Claim „Immer hart am Strand“ ist – so gewollt oder versehentlich? – der Gipfel der Genialität. Der Schal wird neben dem idellen einst einen hohen materiellen Wert haben, eines Tages wird das letzte noch auf der Erde existierende Exemplar bei Sotheby’s versteigert.


Am Einlass wird kurz meine mitgeführte Tasche begutachtet und mit gelbem Klebeband markiert, nachdem ich glaubhaft versichert habe, dass ich kein Feuerzeug verstecke, darf ich hinein.
Mein Platz ist richtig gut, Reihe H (A wäre gleich unten am Spielfeld) und am Treppenaufgang, dicht neben der Mittellinie. Ich habe beste Sicht auf das Spielfeld und alle Stadiontribünen. Während sich die Mannschaften auf dem Platz erwärmen und sich langsam die Ränge füllen, schlägt das Herz immer schneller, die Lust auf dieses Spiel und das Drumherum strebt gegen Unendlich.
Auf der Heimtribüne, von mir aus gesehen rechts, hängen unterm Dach ein paar Zaunfahnen, ich bin gespannt, ob von da versucht wird, den 6000 Auswärtigen etwas Paroli zu bieten. Das wird es tatsächlich, wenn auch in der englandtypischen, dem Spielverlauf folgenden Art und Weise, die aber gegen die hanseatische Übermacht erwartungsgemäß nicht ankommt.

Auf Hansa-Seite wird sich, ungestört von dem in deutschen „Arenen“ üblichen akustischen Terror mit überlauten „Hits“ und Geschwätz, gesanglich eingestimmt, die erste richtige Gänsehaut entsteht, als unsere Jungs zum Aufwärmen kommen, enthusiastisch begrüßt von den Fans. Jetzt schwingen Verstand und Emotionen auf Resonanz: Das passiert hier gerade wirklich, und wir dürfen das tatsächlich erleben:
Hansa Rostock international!
Die Euphorie steigt unaufhörlich. Als Olli Schubert das Mikrophon übernimmt, die Hansa-Aufstellung zelebriert und anschließend „Dem Morgengrauen entgegen“ anstimmt, bleibt mir beim Mitsingen kurz die Stimme weg, weil ich an unseren Ralph denken muss, und wie glücklich er heute und hier wäre.
Das alles ist so unfassbar, frei nach Goethe: „Ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“

Der Sport
Das verdiente 3:0 für die Gastgeber überrascht sicher niemanden? Aber kein Spiel ohne „Woran hat es gelegen?“ Das können gern Experten erläutern:
Gastbeitrag: Eine Aneinanderreihung von Glück
Mein früherer hansafans.de-Kollege Thorsten hat auf mein Bitten seine Eindrücke vom Wochenende aufgeschrieben und ich freue mich sehr, dies hier veröffentlichen zu dürfen:
We few, we happy few, we band of brothers
Mein Bruder hat sie gesehen, die letzte echte europäische Schlacht der Kogge: FC Barcelona, im Camp Nou. 35 Jahre lang war das die Geschichte, die man erzählt, wenn nichts Neues nachkommt (und er hat sie gerne jedem auf die Nase gebunden). Und dann standen wir an einem Samstag im Juli in Watford, dreißig Kilometer vor London, und es roch wieder nach Europapokal. Im Mutterland des Fußballs. Es war „nur“ ein Testspiel, aber sag das mal den 6.000 im Stadion.
Es fällt mir schwer, dieses Erlebnis nüchtern zu beschreiben, ich erinnere mich vor allem an Schlaglichter, an Momente.
Keine hundert Meter durch London, ohne ein Hansa-Trikot zu sehen. Drei Greifen auf dem Mottoshirt, das alle trugen. Von Watford Junction zum Stadion war jede Laterne, jeder Stromkasten, jedes Schild von oben bis unten mit Stickern beklebt. Und dann, an der Vicarage Road, hörte das schlagartig auf. Drinnen: nichts. Kein Aufkleber, kein Kratzer. Der Verein hatte um Respekt gebeten, und wir lieferten. Sticker gab es trotzdem: die wurden glücklichen Ordnern und Polizisten in die Hand gedrückt.
Drinnen: A Sea of White.
Das gegnerische Maskottchen „Harry the Hornet“ wurde adoptiert. Es tanzte mit uns, bekam einen Hansa-Schal umgehängt, und keiner nahm’s ihm übel. Die Ordner blieben entspannt und filmten lieber die Stimmung als Stress zu machen. Es war weniger Auswärtsspiel als Klassenfahrt. Familienausflug. Mein Bruder traf Gesichter, die er seit 40 Jahren nicht gesehen hatte, Leute, die längst nicht mehr zum Fußball fahren, und für diesen einen Tag dann doch wieder da waren.
Dann sangen wir sie, unsere Hymne, mitten in England. Tränen in den Augen, bei vielen.
Der Tag endete, wo England am englischsten ist. Mob-Foto auf der Tower Bridge, das Transparent hoch, alle hüpfend, singend, die Hansa-Flagge gehisst über der Themse. *Once in a lifetime* , sagen die Engländer zu so etwas.
Band of brothers, hatte Shakespeare geschrieben: die wenigen, die etwas Großes teilen und dadurch ihr Leben lang verbunden sind. Mein Bruder hatte den Camp Nou. Jetzt haben wir Watford. Sowas kommt vielleicht nie wieder, aber wir waren dabei, alle zusammen, und das nimmt uns keiner mehr.
Thorsten
Und jetzt?
Wir alle waren und sind Teil von etwas Großem. Das schließt diejenigen ein, die nicht das Glück hatten mitzureisen.
Auswärts sind wir geflogen, Real Madrid … who cares?






Was andere schreiben
Die Tandemhopper (Auf Facebook) – Ausschnitt:
… für die Engländer um mich herum war schon das beeindruckend.
Die Tandemhopper
Immer wieder hörte man „quite impressive“ oder „massive“. Einige meinten sogar, das sei der beste Gästeblock gewesen, den sie seit Jahren an der Vicarage Road gesehen hätten. Und man merkte wirklich, dass viele damit nicht gerechnet hatten.
Aus ihrer Sicht kam da ein deutscher Drittligist zu einem Sommerkick.
Und plötzlich stehen dort 6.000 Rostocker, singen, werfen Shirts hoch, kaufen den Fanshop leer und erklären nebenbei der Heimbühne, wie ein Auswärtsblock aussehen kann. …