Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Fünf vor zwölf

Ein Kommentar

Das ist nicht einfach nur eine Uhrzeit, die immer wieder gern als Gleichnis zur Charakterisierung besonders schwieriger Situationen herhalten muss. Ein Gleichnis, das aber gerade im Kontext der Lage beim F.C. Hansa als blanker Euphemismus erscheint. Und so kann es eigentlich kein Zufall sein, dass die Abschlussworte des Versammlungsleiters ausgerechnet um diese Uhrzeit den Schlusspunkt unter die wahrscheinlich längste Mitgliederversammlung der Vereinsgeschichte setzten.

Die Mitglieder waren aufgerufen, nach einer sportlich, wirtschaftlich und fanpolitisch desaströsen Saison die Arbeit der Führungsgremien zu beurteilen und satzungsgemäß nach Ablauf der vierjährigen Amtszeit einen neuen Aufsichtsrat zu wählen. Darüber hinaus standen mehrere Satzungsänderungsanträge und weitere Anträge von Mitgliedern zu fanpolitisch bedeutsamen Themen auf der Tagesordnung – ein gewaltiges Programm, das einen lang dauernden und stürmischen Verlauf nahezu zwingend erwarten ließ.

Die Versammlungsleitung hatte der scheidende Vorsitzende des Aufsichtsrates, Dr. Holger Stein, übernommen – eine unglückliche Entscheidung, wie sich schnell herausstellen sollte, denn Dr. Stein, der in den vergangenen Jahren immer wieder mit sachlich-konstruktiven Beiträgen dafür gesorgt hatte, dass selbst die kontroversesten Debatten am Ende zielführend und ergebnisorientiert geführt wurden, schaffte es als persönlich Involvierter leider nicht immer, die dem Versammlungsleiter gebotene Neutralität bei der Moderation zu wahren. Während der Abstimmung über die Mitgliederanträge brachte er es sogar fertig, dass der Wahlleiter wegen seiner wiederholten Eingriffe in die Abstimmungsprozedur trotz „ruhender“ Versammlungsleitung sein Amt niederlegte und demonstrativ die Bühne verließ.

Den ersten Paukenschlag setzte es – nicht ganz unerwartet – mit der Abstimmung über die Zulassung von Medienberichterstattung aus der Stadthalle.  Mit knapper Mehrheit nach Handauszählung wurden die Pressevertreter von der Versammlung ausgeschlossen. Die Gründe für das gespaltene Verhältnis zu den Akteuren der schreibenden und audiovisuellen Zunft sind sehr vielschichtig und würden jetzt hier den Rahmen sprengen, nachvollziehbar ist die ablehnende Haltung vieler Mitglieder und Fans angesichts der vielfach erlebten Diskrepanz zwischen eigenem Erleben und dessen Wiedergabe in Zeitungen und Fernsehen durchaus. Ein Fotograf sah dies allerdings ganz pragmatisch: „Ich hatte sowieso keine Lust, hier den ganzen Sonntag zu vertrödeln.“ Na wenn das so ist – gern geschehen.

Die Ostseezeitung lieferte übrigens trotz des Ausschlusses auf ihrer Homepage einen „Liveticker“ und wollte so wohl demonstrativ ihre Haltung zu basisdemokratischen Entscheidungen kundtun, stellte diesen dann gegen Abend jedoch nach expliziter Aufforderung durch den Versammlungsleiter ein, natürlich nicht, ohne sich noch einmal feiern zu lassen: „Wir kommen dieser Bitte natürlich (!!!) nach.“

Dann nahm die Veranstaltung ihren Lauf. Eine recht ausführliche Chronologie der Ereignisse hat mein Autorenkollege HG bei hansafans.de veröffentlicht, etwas kürzer gefasst, aber nicht minder informativ das „Protokoll“ bei „Cantona – Superstar“, weshalb ich mir diese Arbeit sparen kann. Ich möchte im Weiteren auf einige aus meiner Sicht bemerkenswerte Aspekte eingehen.

Die etwa dreistündige Diskussion zu den Berichten wurde von allen Beteiligten sehr engagiert und emotional geführt. Vorstand und Aufsichtsrat sahen sich mit massiver Kritik konfrontiert. Hin und wieder wurde es auch mal etwas lauter, aber jeder Redner konnte letztlich seine Meinung ohne Einschränkungen vortragen. Zu keinem Zeitpunkt gab es die von der Ostseezeitung (huch, schon wieder die?) im Vorfeld kolportierten Sabotageakte renitenter „sogenannter Fans“, die mit angeblich stabsmäßig geplantem akustischem „Support“ die Diskussionen in eine gewünschte Richtung steuern sollten oder Druck bei den Abstimmungen ausüben sollten.

Einen bemerkenswerten und zugleich irritierenden Auftritt lieferte der aus dem Amt scheidende Aufsichtsrat Manfred Wimmer, der sowohl die Medien als auch die aktuellen Führungsgremien des Vereins massiv attackierte und darüber hinaus das Urteil des Bundesfinanzhofes zum während seiner Tätigkeit als Schatzmeister und später als Vorstandschef entstandenen Steuerstreit in Frage stellte (O-Ton: „Ein politisches Urteil. Wir waren und sind im Recht.“)

Der stark polarisierende Auftritt war in der Folge immer wieder Gegenstand kontroverser Auseinandersetzungen und warf ein deutliches Licht auf die Qualität der „Zusammenarbeit“ zwischen AR und Vorstand einerseits, besonders aber auch innerhalb dieses Gremiums in den letzten vier Jahren. Es war schon bizarr zu beobachten, wie der noch amtierende AR-Vorsitzende Dr. Stein zum wiederholten Mal seine Neutralität aufgab und dafür seinerseits mangelhafte Mitarbeit und Kommunikation Wimmers anprangerte. Die Auseinandersetzung wirkte auf den Beobachter wie der Streit zweier Hauptschüler, die ihre gemeinsame Hausaufgabe nicht gemacht haben und sich nun vor dem Lehrer gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben. Ganz schlecht!

Die im Präsidium sitzenden Vorstandsmitglieder gaben in der Diskussion ein bedauernswertes Bild ab:

Ein sichtlich angeschlagener Vorstandsvorsitzender Bernd Hofmann, der zunächst versuchte, der  massiv auf ihn einprasselnden Kritik argumentativ zu begegnen, dabei aber mit zunehmender Dauer nach zahlreichen Wirkungstreffern wie ein Schwergewichtsboxer nur noch hoffte, dass der finale Gongschlag den K.O. verhindern würde. Es war fast so weit, als ihm von einer Rednerin nach harscher Kritik am Umgang des Vereins mit Mitgliedern und Fans unter tosendem Applaus einer sichtbaren Mehrheit der Anwesenden ein Pokal für den fanunfreundlichsten Verein Deutschlands überreicht wurde. Ich bin mir nicht sicher, ob Bernd Hofmann nach dieser Veranstaltung so weiter machen kann wie bisher, ob er das überhaupt will.

Ein Finanzvorstand Sigrid Keler, die zunächst mit einem leidenschaftlich vorgetragenen Finanzbericht incl. eines sehr persönlich gehaltenen, emotionalen Aufrufes zur Geschlossenheit durchaus Sympathiepunkte sammeln konnte, die sie aber in der Diskussion mit Unaufmerksamkeit und bockig wirkenden Repliken auf sachlich vorgetragene Kritik, beispielsweise an der Vermarktung der Fananleihe („Haben Sie denn selbst gezeichnet?“) gründlich wieder verspielte.

Und schließlich Marketingvorstand Dr. Peter Zeggel, der sich im Gegensatz zu seinen beiden Kollegen aus der Diskussion in weiten Teilen heraus hielt und nur antwortete, wenn er persönlich angesprochen wurde, wobei er kühl-distanziert und oft sehr herablassend auf nachvollziehbare Kritik, beispielsweise an der herz- und seelenlosen Ansprache potenzieller Sponsoren durch ein beauftragtes Callcenter, antwortete.

Nach den Berichten, vor allem aber nach der Diskussion war klar, dass es für Vorstand wie Aufsichtsrat letztlich keine Entlastung geben konnte und so entschied dann auch die Mehrheit.

Bei der Wahl zum neuen Aufsichtsrat setzten sich die von der Fanszene mehr oder weniger offen favorisierten Kandidaten mit Bilderbuchergebnissen durch. Das kann jeder finden, wie er will, letztlich haben die anwesenden Mitglieder mehrheitlich entschieden und niemand hat Grund oder gar das Recht, dieses Resultat unmittelbarer Basisdemokratie anzuzweifeln oder abwertend zu kommentieren. Schon vor der Versammlung wurden Vorwürfe laut, „die Chaoten“ hätten sich einfach nur zusammengerottet, um „ihre“ Leute durchzudrücken und so „die Macht“ im Verein zu übernehmen (Lesetipp für Hartgesottene: die Themen Mitgliederversammlung bzw. Aufsichtsrat im FCH-Board von transfermarkt.de. Vorsicht, das ist nichts für schwache Nerven!). Nun, es steht jedem frei, sich zu organisieren, Gleichgesinnte um sich zu scharen und Mehrheiten für oder gegen Personen und Themen zu schaffen.

Einen ganz wichtigen Aspekt neben den beschlossenen Satzungsänderungen zur Stärkung der Position des Aufsichtsrates oder zur Verankerung traditioneller Werte des F.C. Hansa in der Vereinssatzung stellten die am Ende der Versammlung gefassten Beschlüsse zu den eingereichten Anträgen an die Mitgliederversammlung dar, mit denen weitreichende Grundlagen zur Sicherung einer lebendigen Fankultur geschaffen wurden:

So wird es ohne Befragung der Mitglieder (ggf. im Rahmen einer außerordentlichen MV) keine Zustimmung des F.C. Hansa Rostock zu einem wie auch immer aussehenden Sicherheitskonzept von DFL/DFB geben.

Aufsichtsrat und Vorstand wurden beauftragt, beim F.C. Hansa eine Stadionverbotskommission einzurichten, die unter Einbindung kommunaler und sozialer Instanzen mehr Transparenz in diese umstrittenen Verfahren bringen und die Rechte der Betroffenen stärken soll, ohne dabei natürlich die im Lizensierungsverfahren festgeschriebenen Abläufe zu torpedieren.

Und schließlich wird der Behindertenbeirat als beratendes Gremium installiert.

Einen Vorschlag hätte ich für die Zukunft: Vielleicht ist es sinnvoll und möglich, Pausen in der Tagesordnung zu verankern? Selbst das disziplinierteste Mitglied muss irgendwann in elf Stunden dem Ruf der Natur gehorchen. Und natürlich leidet auch die Qualität der Abstimmungen sichtlich unter der Ermüdung der Mitglieder. Die Wahl der verschiedenen Ausschüsse wurde so in einem Tempo durchgeboxt, das der Wichtigkeit dieser Gremien nicht annähernd gerecht wurde. Das Heben und Senken des Arms mit der Stimmkarte glich am Ende eher einer Übung aus „Medizin nach Noten“ als einer demokratischen Prozedur. Mein Sitznachbar bemerkte sehr treffend: „Die Leute sind so fertig, die würden jetzt sogar Corny Littmann wählen, nur damit es endlich vorbei ist.“

Abschließend wünsche ich dem neu gewählten Aufsichtsrat viel Erfolg, Kreativität, Entscheidungskraft und Stehvermögen bei den vor ihm liegenden Herkulesaufgaben. Es ist fünf vor zwölf, aber die Uhr tickt noch!

Ein Kommentar zu “Fünf vor zwölf

  1. Danke Dir für den umfangreichen und lebendigen Einblick in MV!

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