Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

The Boss over Germany

2 Kommentare

Bruce Springsteen & the E Street Band – The River Tour 2016

Berlin, Olympiastadion, 19. Juni 2016

Nach drei Jahren des Wartens ist es endlich so weit, Bruce und Band geben sich wieder in Europa die Ehre. Der Tourplan sieht zwar nur zwei Stopps in Deutschland vor, aber mit Berlin zumindest eine relativ wohnortnahe Show. Dass meine Anreise zum Berliner Olympiastadion trotzdem eine Woche dauert und mehr als 2500 Kilometer lang ist, liegt einfach nur daran, dass ich vorher noch ein paar Tage zur Fußball-EM nach Frankreich gefahren bin. Um ehrlich zu sein – ohne das Konzert wäre ich sicher noch etwas länger da geblieben, aber man muss die Feste feiern, wie sie fallen.

Unterwegs ist der Springsteen-Clan unter dem Motto „The River Tour“. Das Unternehmen begann Anfang 2016 in den USA mit einer Komplettaufführung des gleichnamigen Albums, Bruce zufolge mit dem Ziel, nach Veröffentlichung der dem 35jährigen Jubiläum des Albums gewidmeten Box „The Ties That Bind“ zu schauen, wie es sich live anfühlt. Offensichtlich war das so großartig, dass daraus gleich eine ausgedehnte Tournee durch die Staaten wurde, 37mal brachte die Band das komplette Album von Anfang bis Ende zur Aufführung, eingebettet jeweils in eine Show mit springsteen-üblichen Dimensionen.

Parallel zur US-Tour wurden häppchenweise erste und dann immer mehr Termine in Europa bekanntgegeben, irgendwann war dann auch Deutschland an der Reihe – mit Shows in München und Berlin. Die Nachfrage nach Tickets war enorm, leider war ich zum Verkaufsstart nicht zu Hause, so dass mir auch der Ticketalarm bei Eventim nichts nützte und ich wie schon 2012/13 keine Chance hatte, an die begehrten Front-of-Stage-Tickets zu kommen. Dann musste es eben wieder der „normale“ Innenraum tun.

Mit Beginn der Europa-Tour änderte der Boss das Konzept und verabschiedete sich von den Full-Album-Shows. Ich bin da etwas gespalten, wie viele andere war ich unbewusst davon ausgegangen, dass auch diesseits des Großen Teichs das gesamte Album aufgeführt würde, obwohl das von offizieller Seite so tatsächlich nie verbindlich kommuniziert wurde. Das Aufnehmen von Informationen und deren Verknüpfung zu einem Gesamtbild kann im eigenen Unterbewusstsein aber schon eine gewisse Erwartungshaltung schaffen und verfestigen. Aber abgesehen von sprachlichen Spitzfindigkeiten zählte am Ende ja doch nur eins: Bruce Springsteen & the E Street Band spielen live und ich werde dabei sein, da kann es von mir aus auch „Born To Go Down To The River On A Sunny Day Tour“ heißen.

Ich treffe am Konzerttag gegen 16:30 Uhr in Berlin ein, das Auto stelle ich in einer Nebenstraße, zehn Minuten vom Stadion entfernt, in der vorletzten verbliebenen Lücke ab, das traditionelle letzte Getränk vor dem Konzert (Pinkeln während des Konzertes gefährdet den guten Stehplatz) gibt es im Preußischen Landwirtshaus. Außerdem treffe ich hier noch Bettina und zwei Freunde, die mir meine überzähligen Tickets abnehmen.

Dann reihe ich mich vor den Stadiontoren in die Warteschlange ein und lausche dem Soundcheck. Es gibt zwei Songs zu hören: „Tunnel of Love“ (wäre ja ein Traum, den Titelsong meines nach wie vor liebsten Springsteen-Albums erstmals im Konzert zu hören) und „Shackled and Drawn“ vom Album „Wrecking Ball“. Beide Titel sind später leider nicht in der Setlist, aber vielleicht ist das ja schon eine Probe für nachfolgende Shows.

Kurz nach 17 Uhr öffnen die Stadiontore, ich gönne mir noch ein Backfischbrötchen und gehe dann unverzüglich in den Innenraum. Ich finde einen relativ guten Platz hinter Front of Stage, links vor der Bühne. Die Sicht auf die Bühne ist relativ gut, der einzige, den ich von da aus nicht sehen kann, ist Charlie Giordano, das werde ich bei der nächsten Show wieder gutmachen. Leider ist auch nur ein kleiner Teil der mittleren Videowand zu erkennen, auf den beiden äußeren Wänden wird später fast durchgängig nur Bruce zu sehen sein.

Ein riesiger Standortvorteil (das ist jetzt übrigens bei weitem nicht so furchtbar neoliberal wie es sich liest) ist allerdings die unerwartet großzügige Bewegungsfreiheit, die ich hier vorfinde. Ich kann stehen, wie ich will, immer mal wieder das Gewicht von einem Bein auf das andere verlagern, sogar altersgerechtes Hüpfen an dramaturgisch passender Stelle ist möglich. Außerdem muss ich nicht ständig auf die Rückseite eines Request-Schildes starren, wie nervend das sein kann, sieht man später immer wieder, wenn sogar die Kameras aus dem Innenraum Schildrückseiten auf die Videowände übertragen. Und nicht zuletzt finden mich Dieter und Conny, zwei Freunde, die etwas später im Stadion sind, dort problemlos.

Gegen 19:10 Uhr beginnt dann die Show, vor uns liegen fast dreieinhalb Stunden puren Rock’n‘Rolls, Power, Energie und das großartige Gefühl, gemeinsam mit 60000 Menschen Teil einer familienähnlichen Gemeinschaft zu sein und eine großartige Zeit zu verbringen.

Der Auftaktsong „Adam Raised A Cain“ ist für mich eine ordentliche Aufwärmnummer, auch wenn ich zugeben muss, dass er nicht unbedingt zu meinen Favoriten gehört. Aber schon mit Nummer 2 brechen alle Dämme: „Badlands“. BADLANDS! Eine unfassbare Live-Nummer, die schon bei den ersten Tönen niemanden auf seinem oder ihren Sitz lässt. „It ain’t no sin to be glad you’re alive.“ Es wird dann eine Art “Greatest Hits”-Show, die das Publikum bei bester Laune hält, auch in ruhigeren Momenten. Das Intermezzo „My Hometown“-„The River“-„American Skin“ sorgt mit der Intensität des Vortrages für ordentlich Gänsehaut und permanente Schauer auf dem Rücken.

Mit „Candy‘s Room“ erfüllt Bruce einen Wunsch aus dem Publikum, der übrigens nicht mit einem überdimensionalen Schild geäußert wird, sondern mit einer liebevoll und detailversessen gestalteten Bastelei: In einem Schuhkarton ist Candys Zimmer nachgebaut, wie es der Song beschreibt: „there are pictures of her heroes on the wall“, außen herum sind Süßigkeiten aufgeklebt. Soviel Fleiß und Kreativität muss einfach belohnt werden. Ein persönlicher Höhepunkt wird für mich auch wieder „The Rising“, wie schon 2003 bekommt meine inzwischen erwachsene Tochter per Telefon eine Live-Übertragung nach Hause.

Geteilte Meinungen gibt es zu „Waiting On A Sunny Day“, manche (vor allem) „Hardcore Fans“ sind davon etwas genervt, was wohl weniger an dem Song liegt als an Bruces Faible für Kinder aus dem Publikum, die er regelmäßig zum Mitsingen auf die Bühne holt. Ich persönlich habe damit kein Problem, solange das nicht dazu ausartet, dass die Kleinen mehr oder weniger gegen ihren Willen als Stellvertreter für ambitionierte Eltern missbraucht werden, die viel lieber selbst die Bühne entern würden, aber zu schwer für Bruces Schultern sind. Der Kleine, der es heute schafft, wirkt ein wenig, als wäre lange und intensiv mit ihm geübt worden, aber er kann seinen Part auf jeden Fall singen und sorgt so für Begeisterung bei Boss und Publikum.

Am Ende verabschiedet sich Bruce mit den Worten: „You were a fantastisch audience.“ Das erhoffte „We’ll be seeing again“ sagt er leider nicht, möglicherweise war das die letzte E Street Show in Berlin? Aber vielleicht ist ja das solo-akustisch vorgetragene „Thunder Road“ eine Art indirektes Versprechen für die Zukunft. Ein Boss, der mit dem Touren aufhört? – Unvorstellbar. Aber wer weiß das schon?

Nach dem Ende der Show erklingt mit „Down to the river to pray” (Alison Krauss) ein großartiges Lied, das den Moment der inneren Einkehr nach dreistündiger Maximum Power perfekt einfängt. Ich trete die Heimfahrt an und – jetzt kann ich es ja sagen – beginne, mich auf mein nächstes (und elftes) Springsteen-Konzert zu freuen: 16. Juli 2016 im Circus Maximus, Rom. Ciao Bruce.

Setlist

Soundcheck: Tunnel Of Love / Shackled And Drawn

Adam Raised A Cain / Badlands / Out In The Street / Sherry Darling / My Lucky Day / Wrecking Ball / Night (Request) / It’s Hard To Be A Saint In The City (Request) / Spirit In The Night / Candy’s Room (Request) / She’s the One / Hungry Heart / You Can Look (But You Better Not Touch) / Death To My Hometown / My Hometown / The River / American Skin (41 Shots) / The Promised Land / Working On The Highway / Darlington County / Waitin‘ On A Sunny Day / I’m On Fire / Because The Night / The Rising / Land of Hope and Dreams

Backstreets / Born in the U.S.A. / Born to Run / Seven Nights To Rock / Dancing In The Dark / 10th Avenue Freeze-Out / Shout

Thunder Road (solo acoustic)

2 Kommentare zu “The Boss over Germany

  1. Schöner Kommentar und teilweise bis auf den Sound, war das schon toll in der Riesenschüssel mit 68.000 Gleichgesinnten.
    Nun bleibt zu hoffen, das der Boss nächstes Jahr, Solo antritt mit neuem Album.

  2. Pingback: 19.06.2016 – Bruce Springsteen and the E Street Band in Berlin – sori1982

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