Bruce Springsteen & The E Street Band World Tour 2024
Hannover, Niedersachsenstadion, 5. Juli 2024
Die Reise
Nach den guten Erfahrungen aus dem letzten Jahr habe ich die Reise nach Hannover wieder nach dem „Sandwich-Prinzip“ angerichtet: Vor und nach dem Konzert wird jeweils ein Tag exklusiv für Anreise und Heimfahrt reserviert. Nach Hannover und auch wieder zurück nach Hause kann ich bequem und ohne umzusteigen im pünktlichen ICE reisen. Mein Hotel befindet sich direkt gegenüber vom Hauptbahnhof, einfach perfekt. Auch die Fahrt mit der Stadtbahn zum Stadion und wieder zurück klappt fast reibungslos. Um sicher zu gehen, dass ich nicht vom Weg abkomme, schaue ich mir diesen am Vorabend der Show einmal an, es geht doch nichts über gewissenhafte Vorbereitung. Am Einlass vertreiben sich ein paar „RollCaller“ die Zeit, Glück mit dem Wetter haben sie ja. Als ich am Freitag am Eingang ankomme, gehen gerade die letzten von ihnen ins Stadion, ich muss noch ein Weilchen warten, ein paar Klangfetzen vom Soundcheck dringen nach draußen, ich gebe aber zu, dass ich nichts erkennen kann.
Das einzige, was ich nicht proben kann, ist der Rückweg zum Hotel nach dem Konzert. Die Haltestelle „Stadionbrücke“ wird einen biblischen Massenansturm erleben, der durchaus mit den Fanmärschen der EM mithalten könnte, zum Glück ohne „Links/Rechts“-Gehopse. Nur an der Kreuzung vor der Haltestelle wird es mal etwas mulmig. Ein bedauernswerter Polizist versucht, die Menge einigermaßen zu koordinieren, aber wenn Leute nicht verstehen, dass eine Bahn nur abfahren kann (und die nächste nachrücken), wenn das Gleis frei ist. Was willste machen? Kurzzeitig kann ich nachempfinden, wie es den englischen Fans nach ihrem ersten Spiel in Gelsenkirchen gegangen sein muss. In Gedanken summe ich „I’m an Englishman in GE“. Hier kommen wir nie wieder weg! Die Hannoveraner – wehe, wenn sie von der Leine gelassen werden. Aber alles wird gut, Respekt an die eingesetzten Mitarbeitenden der Verkehrsbetriebe.
Fazit: Ein Konzertwochenende aus dem Bilderbuch. Gern wieder.
Die Show
Zunächst erst mal ein paar ausschließlich persönliche Eindrücke, die in hohem Maß durch meinen Platz im Stadion geprägt werden: Innenraum, am rechten Spielfeldrand, Höhe Mittellinie, rechts von mir die „Schnittchentribüne“, auf der überraschend viele Sitze frei bleiben, was meinen latenten Schmerz in beiden Knien nicht erträglicher macht. Links neben mir befindet sich die Absperrung vor dem Lautsprecher-Turm, an der ich mich ein bisschen abstützen kann. Es ist sehr eng, vor mir steht einer mit Rucksack, vermutlich der einzige im ganzen Stadion, eigentlich sind die doch laut Veranstalter-Info nicht zugelassen. Mein Bewegungsspielraum wird dadurch nicht größer. Memo an mich: Nächstes Mal wieder Sitzplatz.
Nun soll es aber um das Wesentliche gehen:
Die (Gesamt-)Menge braucht heute ein längeres „Warm-up“, fährt zunächst mit angezogener Euphoriebremse, ist vielleicht aber auch abgelenkt vom Bierholen oder mit einem Auge beim EM-Spiel. Das habe ich letztes Jahr in München und vor allem Hamburg ganz anders wahrgenommen. Fairerweise muss ich zugeben, dass es bei etwa 40.000 Menschen schon einen Unterschied darstellt, ob die Show mit NO SURRENDER und GHOSTS losgeht oder LONESOME DAY und CANDY’S ROOM. Ich will keine „Echte Fans“-Debatte vom Zaun brechen, das ist schon deshalb Unsinn, da kein Gesetz vorschreibt, dass Konzertgänger das Gesamtwerk des Künstlers in- und auswendig kennen und feiern müssen, um sich die Teilnahme zu „verdienen“. Aber THE E STREET SHUFFLE und INTO THE FIRE sind für „eventorientiertes“ Publikum nun mal keine Initialzünder in der Startphase einer Show.
Es wird langsam, in kleinen Schritten, intensiver, mit dem Harmonika-Intro zu THE PROMISED LAND (Nr. 8) sind, wie auf Knopfdruck, alle auf Betriebstemperatur. Geht doch! 😉
Eins nervt mich echt: Bei ruhigeren Stücken bildet ein leises, aber hörbares Gemurmel den Background, es ist zwar möglich, das zu ignorieren, aber bei Songs mit sehr persönlicher Bedeutung für Bruce und Band wie LAST MAN STANDING oder BACKSTREETS stört es zumindest mich und ist einfach unangebracht. Wer es nicht schafft, für drei oder vier Minuten einfach mal still zu sein, wäre vielleicht nebenan beim Schützenfest doch besser aufgehoben.
Auf meinen beiden Shows im letzten Sommer gab es zwei fast identische Sets zu genießen, bei der diesjährigen Tour ist der Boss wieder in den „Spontanmodus“ zurückgekehrt, was wiederum nach Beobachtung der bisherigen Konzerte nicht mehr überrascht. Ich war also schon lange im Voraus gespannt, was es wohl geben wird, und hatte selbst ein oder zwei heimliche Wünsche, mit denen es zwar nicht geklappt hat, aber so ist das Leben nun mal. Auch bei der EM, um die noch einmal ins Spiel zu bringen, bleiben die „Geheimfavoriten“ am Ende geheim. Bei den Requestschildern, die ich auf den Screens trotz sehr schneller Schnitte entziffern kann, sind zwei dabei, die ich sofort unterschreiben würde (DOWNBOUND TRAIN, THE PRICE YOU PAY), aber so spontan ist der Boss dann doch nicht, keine Extrawünsche heute.
Dafür kann ich mich glücklich schätzen, Zeuge einer echten Live-Premiere zu sein: Glaubt man verschiedenen, gut informierten Quellen, wird JANEY NEEDS A SHOOTER vom 2020er Album „Letter to you“ zum ersten Mal überhaupt im Konzert aufgeführt. Und wir können sagen, wir sind dabei gewesen! Rock’N’Roll history zum Anfassen.
Die komplette Setlist könnt ihr hier nachlesen, ein exzellentes Gesamtpaket. Absolutes Brett ist, wie immer, der erste Zugabenteil, wo es nun endgültig auf allen Plätzen kein Halten mehr gibt, warum auf Bewährtes verzichten? Und dann packt die Band, bevor Bruce mit I’LL SEE YOU IN MY DREAMS das Publikum auf den Heimweg entlässt, mit TWIST AND SHOUT noch eine Extraportion Sahne auf die Torte, der absolute Wahnsinn. Ein letztes Mal wandern meine Gedanken zurück: 36 Jahre sind schon vergangen, seit dieser Song 1988 das Finale in Berlin-Weißensee markierte, so dass es für mich noch einmal historisch wird.
Ein letztes Mal?!
Das war nun meine 14. Show seit 1988. Hatte ich 2023 noch das Gefühl, hier nimmt einer Abschied, lässt die Hannover- Show das komplette Gegenteil erhoffen. Die Lebenslust, Spielfreude, Variabilität in der Programmgestaltung schreit ja förmlich nach einer Fortsetzung. Und mit den Nachholterminen für 2025 ist schon mal eine Basis für weitergehende Aktivitäten gegeben. Also richte ich mich innerlich schon auf neue Reiseplanungen ein. I’ll be seeing you.
7. Juli 2024 um 17:48
So schön ist Deine erlebte Geschichte beschrieben. Ich freue mich für Dich, dass das Ganze rundum gelungen ist. Die Schwätzer:innen sind leider eine regelrechte Plage geworden, bei meinen jüngst besuchten Konzerten lieferten sie auch eine unerträgliche Hintergrundmusik.
7. Juli 2024 um 20:04
Schön beschriebene Geschichte.
Ich hatte zwar auch ein Ticket, bin aber in letzter Minute wieder nach Hause gefahren. Ich hatte eine Panikattacke und hatte echt bammel, ob ich es auch hinterher rechtzeitig zum Bahnhof schaffe. So wie Du das beschrieben hast, hat sich mein Eindruck über zu viele Menschen in der Stadtbahn bestätigt.
7. Juli 2024 um 21:22
Das tut mir leid. Ich kenne diese Sorgen, weshalb ich mir auch die „Reisetage“ angewöhnt habe. Ich fühle mich damit wohler.