1.FC Schweinfurt – F.C. Hansa Rostock 0:0, 18. April 2026, Sachs-Stadion, 3. Liga 34. Spieltag
„Rahmenprogramm“
Der DB-Reiseplan für die Hinfahrt hat eine potenzielle Sollbruchstelle, und zwar den Umstieg in den ICE nach Würzburg am Hamburger Hauptbahnhof, der mit geplanten 8 Minuten von Gleis 5 nach Gleis 14 ein ambitioniertes Zeitfenster bereithält. Um das nicht erst eskalieren zu lassen, starte ich in Schwerin gleich eine Stunde früher. Als ich schon im Zug von Lübeck nach Hamburg sitze, wird meine Zugbindung aufgehoben, da ich mit der geplanten Verbindung den Anschluss nicht erreichen werde. Alles richtig gemacht!
Im ICE können die Sitzreservierungen nicht garantiert werden, da ein Ersatzzug mit weniger Wagen zum Einsatz kommt. Aber es scheint irgendwie mein Tag zu sein. Niemand macht mir meinen Platz streitig, während es in der ersten Stunde der Fahrt Reisende und Zugpersonal gemeinsam schaffen, dass keine*r stehen muss, es gelingt mit ein paar Umsetzungen sogar das Kunststück, im allseitigen Einvernehmen eine ganze Schulklasse zusammen in einem Abteil, unterzubringen. Unsere Gesellschaft funktioniert doch viel besser, als oft bemängelt wird. Dass ich nach dem planmäßigen Umsteigen in Würzburg mein Reiseziel Schweinfurt minutengenau erreiche, versteht sich nun schon von selbst.
Den Weg zu meinem Hotel, etwas über 1,5 Kilometer, bewältige ich zu Fuß, es ist schönes Wetter, ich habe Zeit und keine Termine. Unterwegs fällt mir eine starke Präsenz von „Spähern“ (siehe Fotogalerie) auf, die nicht mal versuchen, unerkannt zu bleiben und mich sogar in die Hotellobby verfolgen. Dafür sehe ich so gut wie keine Graffiti, und auch Aufkleber sind nur spärlich verteilt. Die haben ihre Stadt echt im Griff. 😊
Am frühen Abend schaue ich mich ein wenig in der Innenstadt um, die optisch durchaus zu gefallen weiß. Das wurde mir im Vorfeld doch etwas anders geschildert. Interessant finde ich die Einbettung des ZOB in den zentral gelegenen Roßmarkt. Dort werde ich zwar fast von einem Bus gestreift, weil der Platz selbst und die Zufahrten wie eine große Fußgängerzone wirken und ich somit nicht auf Straßenverkehr gefasst bin. Aber wenn man es erst mal weiß, kommt man zurecht.
Im Brauhaus am Markt gönne ich mir auf der Terrasse zum Abendessen sehr leckeren fränkischen Sauerbraten mit Blaukraut und Klößen. Es sind auch schon einige Hansafans unterwegs, die einen gemütlichen Abend im Brauhaus haben (Grüße an Heiko), die Vorfreude auf das Spiel ergreift langsam Besitz von mir. Es war ein langer Tag, also gehe ich gleich nach dem Essen zurück ins Hotel, um, wie es sich gehört, altersgerecht vor dem Fernseher einzuschlafen.
Der Spieltag
Am Vormittag kaufe, beschreibe und verschicke ich noch zwei Ansichtskarten, dann steige ich kurz nach 11 Uhr in einen Linienbus Richtung Stadion, den ich an der Haltestelle „Bellevue Volksfestplatz“ verlasse, von wo aus nur 5 Minuten bis zum Stadioneingang (Heim) zu gehen sind. Fataler Weise halte ich Diese Haltestelle für ihre Kollegin „Bellevue“, zu der ich eigentlich wollte. Dies, und die von mir leider ignorierte Aufforderung am ZOB, die Informationen der Stadtwerke Schweinfurt im Internet zu Einschränkungen beim Busverkehr rund um das Stadion zu beachten, führt dazu, dass ich nach dem Spiel an gleicher Stelle vergeblich auf einen Bus warte, da die erst ab 18 Uhr wieder planmäßig fahren. Hmm, selbst schuld, aber diese späte Erkenntnis hilft mir auch nicht weiter.
Ich habe aber Glück, denn drei Hansafans aus Gröditz (in der Nähe von Riesa, Geburtsort von Ralf Minge und zu DDR-Zeiten mit der TSG auch mal in der Liga-Staffel D vertreten, ich glaube sogar, auch in Altenburg aufgelaufen) lassen mich in ihrem Taxi zum Brauhaus mitfahren, wo wir bei ein paar Getränken (ich: Kapuziner Weizen alkoholfrei) und einer weiteren leckeren Mahlzeit (ich: Rahmschnitzel mit Spätzle) noch ein Stündchen auf der Terrasse zusammensitzen und uns über das Spiel aufregen. Schöne Grüße aus Schwerin, falls das einer von euch zufällig lesen sollte. Bestimmt sehen wir uns mal vorm Heimspiel in der Trotzenburg.
Im Stadion
Ich habe ein Ticket für den Heimbereich, Sitzplatz Kurve. Vor dem Einlass treffe ich noch das eine oder andere bekannte Gesicht und den damit verbundenen Menschen, bin also schon mal nicht so allein, wie ich befürchtet hatte, jedenfalls erst mal. In der Kurve beiderseits des Marathontores sind auf Stahlrohrtribünen die Sitzplätze eingerichtet. Da ich keine genaue Blockbeschriftung entdecken kann und die Ordnerin am Blockzugang wohl nicht so genau hinsieht, als ich mein Ticket vorzeige, lande ich im Familienblock, ein perfekter Platz in der oberen Reihe direkt neben der Anzeigetafel. Leider muss ich kurz vor Spielbeginn den Block in Richtung der Heim-Stehplätze wechseln, die Sicht von da ist aber auch brauchbar. Mir das Hansaspiel „schöngucken“ kann ich da leider auch nicht. Es sind auch hier ein paar Undercover-Hanseaten vertreten, im Gegensatz zum anderen Rand der Kurve ohne sichtbare Devotionalien. Nur der Unmut über die hanseatische Darbietung auf dem Platz wird mit fortgeschrittener Spieldauer zunehmend lautstark geäußert. Im insgesamt entspannten Umfeld gibt es aber nicht das geringste Anzeichen von zwischenmenschlichem Stress.
Ich selbst werde nur im Fanshop mal gefragt “Rostocker? Oder Hopper?“, als ich Unterstützung beim Finden eines Vereinsansteckers der „Schnüdel“ benötige. „Beides!“, antworte ich. Der Mitarbeiter war beim Hinspiel im Ostseestadion, wo es ihm, wie auch in der Hansastadt insgesamt gut gefallen hat, so dass er gern mal wiederkommen würde. Hört man doch gern, oder? Dass es nun zurück in die Regionalliga geht, findet er „schade, aber vorhersehbar.“ Rückblickend bleibt dieses Jahr, in dem er sein Team zu allen Auswärtsspielen begleitet hat, ein schönes Erlebnis. Gute Einstellung.
Das Spiel
Die Ausgangslage ist klar und bietet eine enorme Fallhöhe an: Hansa tritt beim feststehenden Absteiger an, der Mannschaft mit den wenigsten erzielten Toren und meisten Gegentreffern. Müssen wir nun froh sein, wenigstens nicht verloren zu haben? Es scheint fast so, immerhin bewahrt uns Benjamin Uphoff in der ersten Hälfte zweimal vor einem Rückstand. Und nach vorn? Die Effizienz beim Abschluss ist leider zu Hause geblieben, eine starke gegnerische Torwartleistung und ein bisschen Pech in Form von Pfosten- und Lattentreffer sind uns bei einer überschaubaren Zahl von Tormöglichkeiten im Wege, da schwillt mir doch glatt der Schnüdel. Ich bin beim Schlusspfiff jedenfalls bedient von allem.
Respekt dennoch an die Gastgeber, sie verabschieden sich erhobenen Hauptes aus dieser Liga.
Hier geht es zu den Spielberichten der Vereine:
Zur Lage
Sonntag, 16 Uhr, nach knapp 56 Stunden Abwesenheit kehre ich in meine Wohnung zurück. Vor dem Aufstieg in die zweithöchste Etage des Hauses, in dem ich wohne, nehme ich zwei Briefumschläge aus dem Kasten. Einer enthält die Energie-Jahresabrechnung. Ach ja, da war ja noch was. Ich schaue gleich nach dem Ergebnis in Cottbus, die in einem spektakulären Spiel RWE niederkämpfen und denen gleichzeitig bis auf nur noch einen Punkt Abstand auf die Pelle rücken, wie ich dem mir von einem alten, in der Lausitz wohnenden Freund per Messenger zugesandten Tabellen-Screenshot (das macht er nach jedem Energie-Sieg) entnehmen kann. Tja, da könnten wir genauso dicht dran sein.
Der andere enthält mein Ticket für das nächste Auswärtsspiel (AWDK), ich nehme das jetzt einfach als Signal, nicht in Selbstmitleid zu versinken, sondern lieber den Hansa-Auftritt in „Pig City“ (mainfränkische Selbstbezeichnung) schnell abzuhaken und bis zum letzten Schlusspfiff der Saison nicht nachzulassen oder gar aufzugeben. Solange rechnerisch … ja, ja.
Woher nehme ich nun bloß die Hoffnung? Vielleicht so: Kennt ihr den Begriff „retardierendes Moment“? Ich zitiere kurz aus Wikipedia:
„… eine Szene im Handlungsverlauf eines Dramas, die nach dem Höhe- und Wendepunkt das Ende der dramatischen Handlung hinauszögert, indem sie kurzzeitig einen anderen Ausgang als erwartet möglich oder wahrscheinlich macht. Dadurch steigt die Spannung vor dem unweigerlichen Ende erneut an.“
Etwas weniger nerdig: „es nochmal spannend machen“? Dass der Verlauf unserer Liga-Saison als dramatisch durchgeht, ist nicht zu bestreiten. Nun wissen wir natürlich (noch) nicht verbindlich, ob sich dieses Drama für uns am Ende als Komödie oder Tragödie entpuppen wird.
Oder, wie unser Trainer in einer der letzten Pressekonferenzen (vor oder nach Verl oder Ulm) nach der zutreffenden journalistischen Feststellung, dass Hansa bisher an keinem Spieltag einen der aufstiegs- oder relegationsrelevanten Tabellenplätze eingenommen hätte, uns alle bonmotivierte: „Am letzten Spieltag würde mir das reichen.“ Das nenne ich mal Zuversicht.
Also gut:
- Wir gewinnen die letzten vier Spiele. Das dürfte das schwierigste Teilszenarium sein.
- Energie und der MSV verlieren je einmal und teilen im direkten Duell die Punkte.
Dann wären wir immerhin Dritter. Das ist so sehr auf den Punkt gerechnet, das muss einfach so geschehen. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.
Und RWE? Das müssen die selbst entscheiden.