Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Neil Young, Waldbühne Berlin

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Was für eine Wahnsinnswoche. Der letzte Akkord von Springsteens „American Land“ ließ noch das Trommelfell vibrieren, und schon stand fünf Tage später, am 2. Juni 2013, der nächste Gigant auf der Matte. Neil Young & Crazy Horse gaben sich die Ehre und starteten auf der Berliner Waldbühne die Alchemy-Tour quer durch Europa.

Der Sonntag begann nicht sehr vielversprechend, hatte beim Boss-Auftritt in Hannover noch die Sonne geschienen, kündigte der wolkenbehangene Himmel auf der Fahrt nach Berlin nichts Gutes an. Und kaum waren wir an der Waldbühne eingetroffen und hatten uns der dortigen Wartegemeinschaft angeschlossen, begann auch schon ein intensiver, satter Regenschauer damit, sich über der Szenerie zu ergießen. Zum Glück hielt das nicht den ganzen Abend an, so dass bei zwar kühlen, aber wenigstens trockenen Temperaturen zumindest der Grundkonsens „Kein Regen!“ umgesetzt wurde.

Es war mein erster Besuch auf der Waldbühne: eine schicke Location, Bühnensicht und Sound waren sehr gut, das dürfte nicht das letzte Mal gewesen sein. Etwas verwirrend war die Verkaufspraxis der „fliegenden“ Bierhändler. Jedenfalls behauptete der für unseren Block „zuständige“ Getränkefachverkäufer, der links von uns – nur durch eine Hecke getrennt – immer wieder die Treppe hinauf und hinunter lief, er dürfe über die Hecke hinweg nichts verkaufen. Ich muss zugeben, so eine originelle Ausrede hörte ich zum ersten Mal, auch wollte sich mir der Zweck dieser angeblichen Regelung nicht erschließen, zumal seine Kollegen an anderen Aufgängen diese Anweisung – wenn es sie denn tatsächlich gab – geflissentlich ignorierten.

Bei Konzerten alter Helden der frühen 70er Jahre sammelt sich gewöhnlich ein illustres Publikum, bei dessen Zusammensetzung selbst ich noch knapp unter dem Altersdurchschnitt liege, außerdem kann man oft tolle Outfits bewundern. Im benachbarten Sitzblock, einer Art VIP-Bereich (mit extra Armbändchen), hatte sich ein Paar Althippies eingefunden und lieferte später während des Konzertes eine großartige Show, die der musikalischen Darbietung auf der Bühne erst noch so richtig Würze gab. Sie (lange, hellblonde Haare, leichte Waldorf-Attitüde) hatte fast den ganzen Abend damit zu tun, dem offenbar extrem nervigen Gesabbel ihres Märchenprinzen (orangefarbene Hose, Strickpullover, orangenes Tuch um den Kopf, später dann auch noch mit Sonnenbrille) zu entkommen und sich einfach der Musik hinzugeben und ihrer Spiritualität freien Lauf zu lassen. Ganz großes Gefühlskino, das oft vom Geschehen auf der Bühne ablenkte, fast wie ein Verkehrsunfall: Man will nicht hinsehen, muss es aber einfach.

Erfreulicherweise ist bei der diesjährigen Tour musikalische Verstärkung mit an Bord. In Berlin durfte man sich über Los Lobos aus East L.A. freuen. Die sehr vielseitige Band erfreute mit Musik verschiedener Stilrichtungen, von lateinamerikanisch über Blues bis hin zu straightem Rock’n‘Roll. Absoluter Kracher war am Ende der etwa 45 Minuten „La Bamba“, die Band hatte das Stück 1987 für den gleichnamigen Film über Ritchie Valens zum Soundtrack beigesteuert. Für Heiterkeit sorgte die wiederholte Aufforderung ans Publikum: „Sing it in German!“ – Gesagt, getan: „Bamba, la bamba …“

Der stimmungsvolle Auftritt hatte für beste Laune auf der mittlerweile gut gefüllten Waldbühne gesorgt, und so ging während des Umbaus und Wartens auf den Headliner wiederholt „La Ola“ durch die Reihen. Nicht schlecht für ein Konzert von Neil Young, der ja von Haus aus eher nicht so der typische Rock’n’Roll-Entertainer ist.

Ich hatte im Vorfeld öfter an seinen Auftritt 2001 im Hamburger Stadtpark zurück gedacht, als es keine Vorgruppe gab und das Konzert auch noch mit mehr als 90 Minuten Verspätung begonnen hatte – ohne zwischendurch mal einen Grund anzugeben oder wenigstens ein paar nette Worte des Künstlers zur Auflockerung der damals doch etwas angespannten Atmosphäre.

Das war dieses Mal glücklicherweise nicht so, auch wenn Neil wie gewohnt sich vor allem auf eine gelungene musikalische Darbietung ohne unnötigen Firlefanz konzentrierte. Zwischendurch gab es sogar mehrfach ein paar gemurmelte Worte zum Publikum: „How are you doing?“ Auch wunderte sich der Meister zu vorgerückter Stunde über das immer noch helle Tageslicht: „Does it ever get dark here?“, woraufhin Gitarrist Frank „Poncho“ Sampedro feststellte: „My house is darker.“

Bei „Singer without a song“ wusste die Band sogar mit einer Art szenischer Illustration zu überraschen, als sich eine junge Frau mit Gitarrenkasten unter den Klängen des Songs voller Nachdenklichkeit zur Band gesellte und dann wieder verschwand. Ansonsten sah die „Show“ hauptsächlich so aus, dass die drei Saiteninstrumentalisten (Neil Young, Frank Sampedro, Billy Talbot) mit dem Gesicht zueinander zusammen standen und wie früher in der Garage völlig in ihrer Musik versanken. Ab und zu wandten sie sich noch Drummer Ralph Molina zu.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Dass das so ist, weiß man, wenn man sich für den Besuch seiner Konzerte entscheidet, und letztlich geht es doch auch in erster Linie um seine verdammt geile Musik. Insofern bitte ich diese Beschreibungen auch ausdrücklich nicht als Bewertung der Konzertqualität zu sehen. Und es war ja auch keineswegs so, dass da routiniert irgendein Standardprogramm mit „Greatest Hits“ abgespult wurde, dafür ist auch das aktuelle Album „Psychedelic Pill“ (ausdrückliche Kaufempfehlung!) viel zu gut, sind die daraus gespielten Songs auch live ein Brett.

Erwartungsgemäß gab es ordentlich auf die Ohren, dank Neil Young darf die Rückkopplung inzwischen schon als eigenständige Kunstform angesehen werden. Und die gigantischen, nicht enden wollenden Schlussakkorde bei fast jedem Stück sind schon allein das Kommen wert. Und letztlich gab es auch noch ein bisschen „Yeah! Yeah!“, „Poncho“ gab bei „F*!#in‘ Up“ dann mal den Animateur.

Dankenswerterweise wurden auch Young-Romantiker nicht vergessen, in einem kleinen akustischen Blöckchen erklangen sehr zur Freude aller Anwesenden „Heart Of Gold“ und Bob Dylan’s „Blowin‘ In The Wind“, so dass auch die Lagerfeuer-Fraktion auf ihre Kosten kam.

Kurz gesagt: es war ein großartiges Konzert und Abschluss einer Rock’n’Roll-Woche, deren Anfang Bruce Springsteen geprägt hatte und die nun mit Neil Young & Crazy Horse gebührend ausklang.

Die Setlist:

Love And Only Love / Powderfinger / Psychedelic Pill / Walk Like A Giant / Hole In The Sky / Heart of Gold / Blowin’ in The Wind / Singer Without A Song / Ramada Inn / Cinnamon Girl / F*!#in‘ Up / Mr. Soul / Hey Hey, My My (Into the black)

Like A Hurricane

2 Kommentare zu “Neil Young, Waldbühne Berlin

  1. Es gibt zig Gitarristen, die (erheblich) besser Gitarre spielen als er, singen kann er schon gar nicht!

    Hansa Rost ist auch Scheiße!

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