Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Zusammen nach vorne

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F.C. Hansa Rostock – 1. FC Magdeburg 1:0, Ostseestadion, 24. Februar 2018

Die wichtigste Nachricht verbreitet sich bereits vor dem Spiel. Gut – was man eben heute so Nachricht nennt. Es geht um die angekündigten Dreharbeiten eines ZDF-Teams am Rande des Drittligaspiels zwischen dem F.C. Hansa und dem 1. FC Magdeburg. Die Aufregung im Vorfeld war groß, die Fanhilfe Magdeburg hatte sich zwei Tage vor dem Spiel sogar mit einer Programmbeschwerde an den Fernsehrat gewandt – offenbar mit Erfolg, denn die Sendungsankündigung für den 18. März 2018 verschwand noch am gleichen Tag von der ZDF-Homepage.

Dem Vernehmen nach sollte es sich bei der mysteriösen Sendung um den Piloten zu einer neuen Scripted-Reality-Reihe mit dem Arbeitstitel „Ulmenstraße“ handeln, deren von Mythen umrankte Hauptfigur „Michi“ von der Weltherrschaft träumt. Wie aus Kreisen verlautet, plante das ZDF einen Großangriff auf einen gewissen Seriendauerbrenner im Ersten am Sonntag-Vorabend. Eigentlich schade, dass wir darauf nun wohl verzichten müssen. Aber das nur am Rande.

Zum Spiel kommen 23000 Zuschauer ins Ostseestadion, bis auf die Magdeburger scheinen die sich alle vorher in der Trotzenburg verabredet zu haben. Schon um 11 Uhr ist es so voll, dass Gäste den Weg zur Toilette lieber durch den zooseitigen Ausgang und außen um das Gebäude herum nehmen, als sich zwischen den Tischen durch die dicht gedrängt stehenden Massen zu drängeln. Wie gut, wenn man vorher Tisch UND FASS reserviert hat, denn natürlich haben auch die Kellner extrem mit zugestellten Laufwegen zu kämpfen. So haben wir genug Muße für Fußballfachgespräche wie das folgende:

Weiß jemand, wann das nächste Heimspiel ist? – Klar, in zwei Stunden!

Ab 13 Uhr beginnt sich das Gasthaus zu leeren, auch ich begebe mich schon mal in Richtung Stadion, um – wie üblich – Atmosphäre zu saugen. Als ich am Süd-Einlass ankomme, herrscht mächtiger Andrang vor gerade mal vier geöffneten Toren. Ziemlich dünn, vielleicht weiß der Ordnungsdienst ja nicht, dass das Spiel ausverkauft ist? Ich bleibe natürlich entspannt, es ist ja auch noch eine Stunde bis zum Anpfiff, außerdem nutze ich die Zeit, um die „Greif zu“, das Fanszene-Magazin zum Spieltag zu lesen.

Die aktuelle Gegnervorstellung ist diesmal recht ausgewogen und durchaus von Respekt für die heutigen Gäste gekennzeichnet – sowohl, was das Sportliche auf dem Platz als auch das Geschehen auf den Rängen angeht. Man merkt, dass mit dem nunmehr sechsten Aufeinandertreffen beider Vereine in Liga 3 nach der 25jährigen „Trennung“ fast so etwas wie Normalität bei diesem „Hochsicherheitsspiel“ einzieht.

Obwohl zwischendurch weitere drei Tore geöffnet werden, dauert es doch fast 30 Minuten, bis ich die Einlasskontrolle absolviert habe. Ich bin dennoch rechtzeitig auf meinem Tribünenplatz, um eine bemerkenswerte Premiere zu erleben. Mit „Alles auf Rausch“ erklingt erstmals im Ostseestadion ein Song von Feine Sahne Fischfilet. IM OSTSEESTADION! Während die Band nach Erhalt der frohen Nachricht im fernen Zürich beim Bühnenaufbau das eine oder andere Freudentränchen verdrückt, freue ich mich schon mal auf nächsten Donnerstag, wenn die Begriffe Feine Sahne und Magdeburg erneut zusammenfinden.

Der Gästeblock bietet einen erfreulichen Anblick, an der Trennscheibe zur Südtribüne hängt ein Banner mit der Aufschrift „Sogenannte Fußballfans“, eine Losung, hinter der genau genommen beide Szenen gemeinsam stehen könnten. Aber das wäre, bei allem Respekt, dann doch des Guten zu viel.

Auf der Südtribüne gibt es diesmal so etwas wie ein Einsingen, das akustische Signal an die noch auf dem Platz befindlichen Spieler wie auch an die Zuschauer der anderen Tribünen ist deutlich: Kämpfen und Siegen! In meinen Träumen stelle ich mir manchmal eine Stadionregie vor, die solche Momente wahrnimmt und einfach mal die Lautsprecher schweigen lässt. Ich glaube an das Gute im Menschen, also gehe ich davon aus, dass wir das auch in unserem Stadion eines Tages wieder als Selbstverständlichkeit begreifen. Heute sind wir offensichtlich noch nicht so weit.

Mit wird regelmäßig vorgeworfen, dass meine Fußballberichte nur wenig über das jeweilige Spielgeschehen aussagen. Das stimmt, daher auch hier nur eine Kurzfassung: Ausgeglichene erste Halbzeit mit leichten Vorteilen für Hansa, vor allem aber mit einem schön herausgespielten Tor durch Bryan Henning. Zweite Halbzeit geht spielerisch und chancentechnisch an Magdeburg, zum Glück aber ohne schön oder sonstwie herausgespieltes Tor. Resultat somit: 1-0. Erster Hansa-Sieg gegen den FCM seit 1990 und drei Punkte, die den (kaum noch) heimlichen Fan-Traum vom Aufstieg am Leben erhalten. Wer es ausführlicher haben möchte und dabei auch den Blick durch die blauweiße Gastbrille nicht scheut, dem sei hier mal das „Nur der FCM“-Blog ans Herz gelegt.

Auf den Rängen geht ordentlich die Post ab, die Südtribüne läuft insbesondere in der ersten Halbzeit zu guter Form auf, das Einschwören vor dem Spiel, aber auch der Besuch beim Abschlusstraining (wann hatten wir das eigentlich zuletzt mit positivem Hintergrund?) zeigen Wirkung. Es wird immer wieder brachial laut, und da auch der Gästeblock ordentlich bei der Sache ist, entwickelt sich eine tolle Atmosphäre. Der gegenseitige Diss hat einen überschaubaren Umfang, auf beiden Seiten hat die Unterstützung der eigenen Mannschaft Vorrang.

Das Niveau wird in der zweiten Hälfte nicht mehr ganz erreicht, die Liedauswahl trägt dazu teilweise bei, aber auch das Spiel der Hanseaten hat nicht mehr die Power der ersten 45 Minuten, der beste „Capo“ ist eben immer noch die Mannschaft. In der Schlussphase der Abwehrschlacht steht das Stadion dann aber wieder geschlossen und lautstark hinter dem Team, mit dem Schlusspfiff entlädt sich befreiender Jubel in den Rostocker Himmel.

Hansa hat eines der Spiele, die einem doch etwas mehr bedeuten als die übrigen (manche nennen es „Derby“, dieser inflationär gebrauchte Ausdruck trifft hier einfach nicht zu), für sich entscheiden können. Irgendwie freue ich mich auf die nächsten Spiele. So geht das nun schon die ganze Saison, wer weiß, wo das noch endet. Wie wäre es zum Beispiel mit weiteren Spielen, zu denen so viele Zuschauer kommen?

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