Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Ganz Oban

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Schottland 2015 – Tag 5, 20. März

Heute müssen wir zeitig aufstehen, denn um 8:45 Uhr soll unsere Tagesfahrt mit Timberbush Tours durch die Highlands und nach Oban, Tor zu den Inseln starten. Dazu werden wir um 8:30 Uhr in der George Street erwartet, die von der Nordostecke des George Square in östlicher Richtung Richtung High Street führt. Zu Fuß sind das vom Hostel knapp 30 Minuten, dazu kommen nochmal fünf Minuten für die Proviantaufnahme bei LIDL. Die Mathematiker unter euch haben jetzt sicher schon den idealen Abmarschzeitpunkt errechnet, um pünktlich zu erscheinen.

Immerhin verlassen wir tatsächlich schon um 8 Uhr unsere Herberge, auch der LIDL-Besuch ist in 10 Minuten für unsere Verhältnisse zügig absolviert, allerdings sollten wir jetzt vielleicht doch ein wenig die Schrittfrequenz erhöhen. Auf unserer Buchungsbestätigung steht die Hausnummer, vor der unser Bus wartet. Da in der kurzen Zeit niemand den Stadtplan auswendig lernen konnte, scheint es mir das Beste, den Weg über West George Street und die Nordseite des George Square zu nehmen und dann einfach weiter die George Street entlang zu laufen. Dann lässt es sich gar nicht vermeiden, früher oder später die richtige Adresse zu erreichen.

Eine Straße vorher werde ich jedoch überstimmt und wir nähern uns dem George Square von Südwesten, um dort dann „überrascht“ festzustellen, dass uns niemand erwartet, weder am früheren Timberbush-Büro, das schon vor zwei Jahren aufgelöst wurde, sich aber irgendwie in den Köpfen festgesetzt hat, noch an der Haltestelle der Glasgow-Rundfahrt von vorgestern. Da stehen wir nun zu Füßen James Watts, der uns aber auch nicht helfen kann. Also gehen wir dann doch zur Nordseite und weiter Richtung Osten. Und … siehe da, wer hätte es gedacht! Unser Bus mit freundlichem Fahrer begrüßt uns nach nur wenigen Schritten. Ich nehme großmütig die Entschuldigungen des Volkes entgegen.

Unser Driver-Guide ist der gleiche wie letztes Jahr und zumindest Thommy erkennt er auch wieder. Wir starten relativ pünktlich, nach einer kurzen Vorstellung der Reiseroute erhalten wir die niederschmetternde Nachricht, dass es die kleinen Kostproben des „Famous Grouse“ nicht mehr gibt. Und das, wo sich alle so auf den köstlichen Blended gefreut haben, von dem eine Granate, Kaliber 0,7 in Deutschland nicht mal 15 Euro kostet. Die Miniaturflaschen werden nur noch bei mehrtägigen Ausflügen mit Timberbush Tours gereicht.

Route

Unsere Fahrt führt uns zunächst entlang der „bonnie bonnie banks o‘ Loch Lomond“ nordwärts, also exakt dieselbe Strecke wie 2014. Neu in diesem Jahr ist eine partielle Sonnenfinsternis gegen 9:30 Uhr. Leider hatte Thommy vergessen, diese rechtzeitig zu buchen, und so müssen wir uns mit wolkenverhangenem Himmel (übrigens der einzige Tag in dieser Woche, der wenigstens ein bisschen an schottisches Durchschnittswetter erinnert) begnügen.

Am Inveruglas Visitors‘ Centre legen wir den ersten Zwischenstopp ein, die Wolken verschwinden langsam, aber die Sonne hat ihren ungleichen Kampf mit dem Mond längst beendet. Was soll’s, schon der begnadete Sänger Peter Licht wusste in seinem berühmten „Lied gegen die Schwerkraft“ zu berichten:

Die Sonne kocht auch nur mit Wasser.

Die soll sich nicht so aufspielen.

Die gelbe Sau!

Weiter geht es vorbei an einer Höhle, in der sich im 5. Jahrhundert frühe Christen in Schottland zu einer Art Gottesdiensten versammelten. Wie sie das ohne Internet oder Messenger hinbekommen haben, scheint heute unvorstellbar, ganz zu schweigen von der fehlenden Möglichkeit, dies der ganzen Welt mitzuteilen und dafür „Likes“ und „Favs“ zu horten. Aber das holen wir ja heutzutage ausgiebig nach. In Tyndrum legen wir eine erste längere Rast ein, Zeit für ein paar wärmende Getränke und den unvermeidlichen Andenkenkauf.

Dann fahren wir entlang des faszinierenden, von Menschenhand fast unberührten Rannoch Moor in eine der für mich schönsten Gegenden Schottlands (ok, so viele habe ich nun auch noch nicht gesehen, aber trotzdem) – das Tal von Glencoe. Auf der rechten Straßenseite schickt sich ein stattlicher Hirsch an, neues Territorium in Besitz zu nehmen. Dem derzeitigen Besitzer gefällt das nicht und so erwartet er den Eindringling bereits. Leider haben wir nicht die Zeit zu warten, bis die beiden Kämpfer zur Sache kommen, aber schon der provozierende Auftritt des Herausforderers und die majestätische Pose des Verteidigers bieten ein faszinierendes Bild.

Am Aussichtspunkt vor den „Three Sisters of Glencoe“ legen wir wieder einen kleinen Fotostopp ein. Das Panorama ist atemberaubend, besonders heute, bei klarer Sicht. Zwei junge Männer in Armeeuniformen machen sich gerade bereit, eine der Schwestern zu besteigen (Disclaimer: Jeder ist selbst verantwortlich für seine Assoziationen!). Die Aussichten oben anzukommen sind gut, auch wenn die Mädels gern mal herumzicken, sprich: das Wetter oben jederzeit umschlagen kann.

Ein paar Meilen weiter verlassen wir nun die letztjährige Route und wenden uns nach Süden, wo uns Oban, das Tor zu den Inseln erwartet. Die kleine Küstenstadt und Zentrum der Fischerei ist zugleich Fährhafen zu den Hebriden. Und natürlich beherbergt die Stadt auch eine berühmte Distillery, in der seit 1794 Whisky hergestellt wird. Wir haben hier jetzt 90 Minuten Zeit für eigene Erkundungen. Mich zieht es nach oban, äh: oben. Hoch über der Stadt befindet sich McCaig Tower, eine Art Nachbau des römischen Kolosseums von Ende des 19. Jahrhunderts, der jedoch nicht fertiggestellt wurde. Im Inneren der Anlage lädt ein kleiner Park zum Ausruhen ein, dafür ist es mir jedoch zu kalt und ich genieße lieber die traumhafte Aussicht auf die Bucht und die Inseln vor der Küste.

Wieder auf Meereshöhe angekommen, folge ich Thommy, Matze und Jen, die gerade aus der Distillery kommen, in einen kleinen Pub mit dem Namen „Tartan Bar“. Der Mann hinterm Tresen stammt aus Glasgow und ist großer Celtic Fan, im Gegensatz zu einem älteren Herrn, der es mit den Blauen hält und für die Hoops kein gutes Wort übrig hat. Links an der Theke steht ein weiterer Gast, der sofort, als er uns als Deutsche erkennt, damit beginnt, die Melodie der Nationalhymne zu singen und dies in den nächsten Minuten immer wieder tut. So ergibt sich ein interessantes Stimmungsdreieck zwischen uns, dem Celtic-Hasser und dem Hymnensänger. Einfach nur schön!

Leider haben wir keine Zeit, noch länger zu verweilen. Auch ein Besuch der Robbenkolonie muss entfallen, denn dieser einstündige Trip wird nur sonnabends angeboten. Nach Oban werde ich auf jeden Fall irgendwann zurückkehren, denn die Stadt und Umgebung haben viel mehr Zeit verdient. Oder, wie Queen Victoria einst gesagt haben soll: „… one of the finest spots we have seen“.

Unser letztes Reiseziel heute ist Inveraray, die schwarz-weiße „Stadt“ (ca. 500 Einwohner) am Ufer des Loch Fyne. Der unscheinbare Ort beherbergt mehr als 20 Bauwerke der höchsten schottischen Denkmalskategorie, außerdem liegt in der Nähe noch Inveraray Castle, Wohnsitz der Dukes of Argyll. Das Schloss ist leider erst ab April für Besichtigungen geöffnet, so ist nur Zeit für einen kurzen Spaziergang entlang der Hauptstraße. Diese ist vor allem eine Fundgrube für Fotografen. Dann treten wir die „Heimfahrt“ an.

Gegen 18 Uhr erreichen wir den Ausgangspunkt der Tour in der George Street, der Rest des Abends gehört wie üblich der flüssigen Tagesauswertung. Da ich mit meinem Dritte-Wahl-Kapu (Huch, ein Totenkopf!) keinen Einlass bei McSorley’s finde, lasse ich mich im Mint & Lime nieder, wo ich wieder auf Florian und Ben treffe, diesmal sogar ohne Feueralarm.

Das morgige Spiel Celtic F.C. v. Dundee United hat weitere Besucher aus Deutschland angezogen, viele davon aus dem Umfeld eines namentlich nicht weiter zu bezeichnenden Hamburger (Noch-)Zweitligisten, die sich vor allem dadurch hervortun, dass die Umgebung des Hostels mit Aufklebern der 5. Herrenmannschaft dieses Vereins „verziert“ wird. Endlich Fußball!

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