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Tage wie dieser

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Die Toten Hosen bei „Jamel rockt den Förster“, 29. August 2015

Es ist nicht möglich, zufällig oder aus Versehen in Jamel zu landen. Die Straße dorthin endet in der Dorfmitte, schon am Abzweig von der Bundesstraße 105 im benachbarten Gressow weist ein Verkehrsschild auf die Sackgasse, in die man sich gerade begibt, hin. Es fehlt eigentlich nur die Warnung „Betreten und Befahren auf eigene Gefahr“. Aber heute abend gibt es einen guten Grund, das Dörfchen, in dem man möglichst von niemandem je gesehen werden möchte, mal zu besuchen. Die Toten Hosen haben spontan einen Spezialauftritt bei der neunten Auflage des vom Künstlerehepaar Birgit und Horst Lohmeyer organisierten Festivals für Demokratie und Toleranz „Jamel rockt den Förster“ vereinbart.

Die Kunde vom überraschenden Auftritt der Hosen hatte sich seit den Mittagsstunden wie ein Lauffeuer in meinem Bekanntenkreis verbreitet, ich war zu diesem Zeitpunkt noch mit meiner „Alte-Herren“-Mannschaft auf Radtour im Schweriner Umland unterwegs. Für den Abend war eigentlich Regeneration meiner geschundenen Bein- und Gesäßmuskeln angesetzt, am nächsten Morgen stand zudem noch eine 750 Kilometer-Auswärtsfahrt mit Hansa an, aber unter diesen Umständen muss man auch mal die Prioritäten überdenken. Schlaf wird auch überbewertet.

Schon bei der Ankunft in dem idyllisch gelegenen Fleckchen Erde in Nordwestmecklenburg, nicht weit von der Hansestadt Wismar, wird spürbar, dass man sich als Besucher nicht auf dem Weg zu einem „normalen“ Konzert befindet. An der Ortseinfahrt beobachten Polizisten die Anreise der Festivalbesucher und helfen freundlich bei der Suche nach dem Parkplatz. Ausrüstung und Anzahl der Einsatzfahrzeuge machen deutlich, dass sie darauf eingerichtet sind, bei Notwendigkeit Aufgaben wahrzunehmen, die über die Regelung des An- und Abreiseverkehrs weit hinausgehen. Dazu kommt es erfreulicherweise nicht. Die lange Autoschlange windet sich auf einem unbefestigten Weg in Richtung einer neben dem Dorf gelegenen Wiese, die zum Parkplatz umfunktioniert wurde.

Auf dem Weg vom Parkplatz zum Forsthof fällt eine unfassbar kitschige Wandmalerei im Stil der „völkischen“ Kunst aus der Zeit des Faschismus ins Auge, neben dem Porträt einer nationalsozialistischen Musterfamilie prangt die Losung „Dorfgemeinschaft Jamel – frei, sozial, national“. Ein Wegweiser zeigt die Entfernung nach „Wien/Ostmark“ oder Braunau a. Inn, allerlei Wissenswertes für den einsamen Wanderer zwischen den Welten. Wider besseres Wissen hofft man im Stillen, das wäre ein besonders realistisch gestalteter Themenpark für Leute, die zu faul sind, Geschichtsbücher zu lesen, aber nein – das ist Deutschland im 21. Jahrhundert, zugegeben ein besonders widerwärtiger Teil.

Ich kann mir gut vorstellen, dass auch die Toten Hosen in den vielen Jahren, die sie nun schon zusammen unterwegs sind, sehr eigentümliche Orte bereist und so manche Absonderlichkeit zu Gesicht bekommen haben. Jamel dürfte allerdings die mit Abstand schrägste Umgebung gewesen sein, in der die Band jemals aufgetreten ist, an einem Abend, den wohl niemand, der dabei sein durfte, jemals vergessen wird.

Ich bin rechtzeitig am Einlass, später muss das Gelände wegen drohender Überfüllung zumindest vorübergehend geschlossen werden, dem Vernehmen nach werden aber beim Beginn des Hosen-Auftrittes die draußen Verbliebenen (ca. 20 bis 30) doch noch hineingelassen.

Meine erste Band an diesem Abend ist „Tequila and the Sunrise Gang“ aus Kiel, die mit ihrer Mischung aus Ska, Punk und Reggae und unterstützt von einer ganzen Busladung eigener Fans richtig gute Laune verbreiten und das Publikum ordentlich ins Schwitzen bringen. Die Jungs sind zum dritten Mal in Jamel am Start und dürften, wenn es nach mir geht, gern öfter mal in Mecklenburg vorbeischauen.

Dann wird es „groovy“. Lake, eine in den 70er Jahren auch international recht erfolgreiche deutsche Band vermittelt dem jüngeren Publikum einen kleinen Eindruck, wie in dieser Zeit auf manchem Rockkonzert musiziert wurde, gern auch mit zehnminütigen Instrumentalsoli und mitunter schrägen Harmonien, damit es möglichst „jazzig“ klingt (versucht das heute mal!). Die Band hört sich aber durchaus „frisch“ an, geht also auch 40 Jahre nach ihren ersten Singles ins Ohr.

In der Umbaupause rücken wir etwas näher an die Bühne heran, so dicht an der Band und zugleich entspannt werde ich wohl nie wieder ein Hosen-Konzert erleben, es sei denn ich finde noch ein Mittel, das mir erlaubt, mehrere Stunden Pogo, Circle Pit und Wall of Death schadlos zu überstehen. Mit Goethe von Zaunpfahl, Poldi von den Rostdocs und Dritte-Wahl-Mercher Luckas haben wir sogar ein bisschen Mecklenburger Punk-Prominenz um uns.

Pünktlich um 22:30 geht es los. Zu einer Klaviervariation vom „Auswärtsspiel“ nehmen Vom, Andi, Kuddel, Breiti und schließlich Campino ihre Plätze auf der Bühne ein und legen los. „Auswärtsspiel“ beschreibt den Abend ziemlich treffend: Eine politisch links positionierte Band spielt direkt vor den Augen und Ohren einer bekennenden Nazigemeinde ihre Lieder, garniert mit klaren Ansagen, die man dort in dieser Lautstärke sicher nicht gern hört. Eine reichliche Stunde lang schwebt so ein riesiger, akustisch ausgestreckter Mittelfinger über der „Dorfgemeinschaft“.

Die Band spielt ein tolles Set von Songs aus ihrer langen Geschichte, viele wie gemacht für das Festivalmotto. Campino erwähnt immer wieder, dass natürlich Lieder für ALLE Einwohner von Jamel im Programm sind, mit einem speziellen Gruß auf die andere Straßenseite erklingt „Sascha … ein aufrechter Deutscher“, auch „Willkommen in Deutschland“, „Madelaine“ und „Europa“ fügen sich thematisch gut ein.

Es ist eine packende Atmosphäre unter den knapp 1000 Besuchern auf dem Forsthof, fast wie bei einem Clubkonzert, es ist unmöglich, sich dem zu entziehen. Man merkt wieder einmal, dass die Hosen – abgesehen von den wichtigen Themen und Inhalten – ja auch immer noch eine fantastische Liveband sind und mit zum Besten gehören, was es in diesem Land zu hören gibt.

Um 23:30 ist das Programm „eigentlich“ zu Ende, aber für einen berühmten „Special Guest“ gibt es dann doch mal eine Ausnahme, sprich: Zugabe. „An Tagen wie diesen“ erklingt, dann holt Campino die Lohmeyers aus dem Bühnenhintergrund nach vorn. Es ist Zeit, diesen mutigen Menschen den gebührenden Respekt zu erweisen und zu danken. Dafür, dass sie in einem überaus unschönen Umfeld Zivilcourage beweisen und sich weder durch Psychoterror noch mit Gewaltandrohung oder Brandstiftung vertreiben lassen. Und das wichtigste: Das leisten beide auch dann, wenn die Festivalgäste wieder in ihren Heimatorten sind, wenn die Kameras und Mikrofone ausgeschaltet sind und die Politiker wieder Reden in halbleeren Parlamentsräumen halten.

Die Anerkennung und der Jubel der Besucher tun den Lohmeyers sichtlich gut, wahrscheinlich lösen sich jetzt die Anspannung nach der ohnehin anstrengenden unmittelbaren Vorbereitungsphase und die nach dem miesen Brandanschlag vor ein paar Wochen unterschwellig vorhandene Sorge um die Sicherheit des Festivals. Und schließlich hat man als Veranstalter auch nicht jeden Tag mit einer Band vom Kaliber der Toten Hosen zu tun. Letztlich ist alles gut gelaufen. Campinos Bitte, selbst ein paar Worte zu sagen, können beide nicht nachkommen, der Augenblick ist zu emotional, verständlich.

Aber es heißt ja nicht umsonst: Ein Lied sagt mehr als tausend Worte (eigentlich heißt es „ein Bild“, aber ich kann ja nichts dafür, dass die Hosen keine Maler geworden sind). Ein beeindruckendes „You’ll never walk alone“ beschließt das Konzert. Dieses letzte, mit dem Publikum gemeinsam zelebrierte Lied bringt es auf den Punkt: Es kommt darauf an, die Lohmeyers in Jamel und überall in diesem Land niemals allein zu lassen. Und das ist ein Versprechen.

Setlist

Auswärtsspiel / Bonnie & Clyde / Liebeslied / Altes Fieber / Sascha / Alles, was mal war / Ein guter Tag zum Fliegen / Madelaine / Pushed again / Willkommen in Deutschland / Steh auf, wenn du am Boden liegst / Europa / Hier kommt Alex / Wünsch dir was / Schönen Gruß, auf Wiedersehen

An Tagen wie diesen / You’ll never walk alone

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