Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Century Celts

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Dritter Tag, 27. November 2016

Aberdeen F.C. – Celtic F.C. 0:3 (Finale “Betfred Cup”), Hampden Park

Sonntagmorgen, erster Advent, ein guter Tag, um einen neuen Ground kennenzulernen. Gegen 9 Uhr sitze ich beim Frühstück, unser Spiel wird um 15 Uhr angepfiffen, es ist also eine Menge Zeit zu überbrücken. Ich breche vom Frühstückstisch zu einer kleinen Runde durch die Innenstadt auf, um ein paar Postkarten und Briefmarken aufzutreiben. Die Straßen der Stadt sind angenehm leer, kein Vergleich zu dem biblischen Gedränge an Geschäftstagen. In einem Souvenirgeschäft in der Nähe des Hauptbahnhofes habe ich Erfolg, so dass ich nach einer knappen halben Stunde den Rückweg ins Hotel antrete.

Als ich an der Wellington-Statue vorbeikomme, deren Kopf heute zwei Verkehrskegel krönen, sehe ich acht bis zehn junge Frauen, die zwischen den Säulen der „Gallery of Modern Art“ ihre Morgengymnastik praktizieren. Vier von ihnen tragen Boxhandschuhe und üben ein paar Schläge. Ob es sich hier um die Vorbereitungen zu einer speziellen Form der dritten Halbzeit handelt, lässt sich nicht feststellen. Meinen Respekt haben die Damen auf jeden Fall, mein Fall wäre es nicht, bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt in sommerlicher Sportbekleidung auf kaltem Beton herumzutanzen.

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Zurück im Hotel stelle ich einen neuen Rekord im Postkartenschreiben auf, von denen Stand heute (4. Dezember) noch keine angekommen ist, was aber auch nichts neues ist. In der Hotelbar hat sich inzwischen der Fußball-Mob versammelt. Fünf Mitglieder der Reisegruppe sind stolze Besitzer von Eintrittskarten für den Hampden Park. Alle anderen werden versuchen, das Spiel in irgendeinem Pub zu sehen. Favoriten sind hier „The Brazen Head“ und „Tolbooth“.

Unter uns fünfen bilden sich wieder die Fraktionen „Bier“ und „Atmosphäre“. Letztere besteht aus genau einer Person, und das bin – Surprise! Surprise! – ich. Mein Plan lautet, spätestens halb zwei mit dem Taxi vom Hotel zum Stadion zu fahren und dann dort zu „saugen“. Fraktion „Schluck“ will noch in die Tolbooth Bar und von dort aus nach „ein bis zwei Bier“ ein Taxi nehmen, „halb drei reicht doch, ist ja nicht weit“. Ich versuche zu verhandeln: Fremde Stadt, vielleicht dichter Verkehr, den richtigen Eingang suchen usw. – Na dann eben viertel drei.

Das ist mir aber immer noch zu riskant, zumal ich mit gewissen (anwesenden) Personen bereits einschlägige Erfahrungen sammeln konnte. Und schließlich ist es ein Pokalfinale, zwar nicht im „richtigen“ Pokal, aber doch im Ausland und ein bisschen fremde Fußballkultur außerhalb der 90 Minuten kann man sich ruhig mal geben, wenn man schon vor Ort ist.

So verbleibe ich dann noch ein paar Minuten im Hotel, indem es übrigens auch Bier gibt, und steige pünktlich um halb zwei ins Taxi. Der Verkehr Richtung Hampden Park ist recht intensiv, wir geraten bald in einen Stau. Der Taxifahrer schlägt mir vor, schon einen Kilometer vor dem Stadion auszusteigen, um den Rest der Strecke zu Fuß zurückzulegen, was sich als gute Entscheidung erweist. Ich muss einmal um das Stadium herumgehen, dann überwinde ich das Drehkreuz und erreiche kurz vor halb drei meinen Platz.

Ich finde mich mitten in der Aberdeen-Kurve wieder. An jedem Platz befindet sich eine kleine Fahne aus roter oder silberner Folie. Diese werden später ein schickes Bild der Kurve beim Einlaufen der Mannschaften abgeben, es sind fast immer einfache Mittel, die bei Choreos am meisten zu beeindrucken wissen. Auch wenn ich es nicht mit Aberdeen halte, winke ich natürlich brav mit meinem Fähnchen, schließlich will ich nicht schuld sein, wenn das Gesamtbild nicht stimmt.

229Etwa eine halbe Stunde vor dem Anstoß stimmt sich die rote Kurve akustisch auf das Finale ein. Es hat schon etwas, wenn 15000 Fans so ganz ohne „Capo“ fast wie auf Kommando loslegen. Lieblingssong der Dons ist ein Gesang nach der Melodie von „Lord of the Dance“:

Stand free where ever you may be

We are the famous Aberdeen

Don’t give a f… where ever you may be

We are the famous Aberdeen!

Auf Celtic-Seite gibt es “Celtic Symphony” (Here we go again …) und einen meiner absoluten Kurvenfavoriten “The Lonesome Boatman”. Die Fans beider Lager nehmen diesen Wettbewerb, bei dem es „nur“ um das Prestige geht (keine Qualifikation für den europäischen Wettbewerb) sehr ernst, immerhin wird der Pokal, der nur unter den Vereinen der „Scottish Football League“ ausgespielt wird, seit 1947 vergeben. Der Titel zählt somit zu den „major trophies“ in Schottland. Für Celtic würde es im Falle des Sieges den einhundertsten nationalen Titel der Vereinsgeschichte bedeuten. Dieser historischen Chance ist dann auch eine imposante Choreo der grünen Kurve gewidmet.

Bevor die Mannschaften das Spielfeld betreten, gibt es eine anständige Pyroshow, natürlich nicht in den Kurven, sondern aus dem Innenraum. Links und rechts des Spielfeldes schießen sechs Stichflammen in mehrere Meter Höhe, dazu gibt es ein ordentliches Feuerwerk mit bunten Raketen. Die farbenfrohe Illumination, kombiniert mit den atemberaubenden Gesängen beider Kurven sorgen für beschleunigten Herzschlag – unvorstellbar, wie man diese Atmosphäre nicht geil finden kann. Wer immer sagt, Pyro gehört nicht in die Kurve, mag vom Sicherheitsaspekt her rechthaben, über die Möglichkeit des kontrollierten Abbrennens in gesicherten Teilen der Fanblöcke sollte man trotzdem weiterhin nachdenken dürfen.

244Sportlich wird das Spiel eine sehr einseitige Angelegenheit. Die in allen Belangen überlegenen Bhoys in Green haben die totale Kontrolle über das Spiel. Schon nach 16 Minuten (inzwischen ist auch Fraktion „Bier“ seit ein paar Minuten anwesend) fällt das 1:0, mit dem 2:0 nach 37 Minuten ist das Spiel entschieden. Aberdeen findet zu keinem Zeitpunkt Mittel, um ernsthaft Torgefahr auszustrahlen. Das legt sich natürlich auch auf das Gemüt der stolzen Supporters, die erst in den letzten zehn Minuten der zweiten Hälfte (es steht längst 0:3) noch einmal ihre Stimmen wiederfinden und trotzig „the famous Aberdeen“ feiern, während wir von Celtic-Seite zum dritten Mal an diesem Wochenende „One team in Glasgow“, gefolgt von einem überwältigenden „You’ll never walk alone“ zu hören bekommen.

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Nach dem Schlusspfiff schauen wir noch der Siegerehrung zu: Pokalübergabe, Podest auf dem Rasen mit Konfetti und Siegerfoto, während in der Aberdeen-Kurve schon die Ordner beginnen, die letzten Versprengten aus dem Block hinauszukomplimentieren. Wir treffen uns vorm Stadion an einem Burger-Imbiss, wo eine eifrige Tresendame die Bestellung eines Sechs-Unzen-Burgers missversteht und gleich mal sechs Portionen zubereiten will. So hungrig ist Nils dann doch nicht.

Den Rückweg in die Stadt treten wir mit dem Linienbus an, im stockenden Verkehr leistet uns ein (nicht nur) freudetrunkener Celticfan Gesellschaft und versorgt uns mit flüssigem Proviant – jamaikanisches Bier aus der Dose und Bell’s Whisky aus dem Flachmann. Auf der hinteren Bankreihe sitzen ein paar Jugendliche, die sich auch von der nur einen Meter entfernten Überwachungskamera nicht am Rauchen hindern lassen – ganz schön rebellisch. Immerhin sind die jungen Leute so freundlich, uns rechtzeitig auf unsere Haltestelle hinzuweisen, von der aus wir den Weg in die Tolbooth Bar antreten.

Dort spielen Paul und Chris (The Wakes) jeden Sonntagabend auf, nach dem Celtic-Sieg ist die Stimmung in der sehr gut gefüllten Bar gigantisch. Die beiden spielen vor allem traditionelle Folklore und Songs, die dem Club ihrer Herzen und seinen Spielerlegenden gewidmet sind. Grandioses Finale ihres Auftrittes ist ein furioses „You’ll never walk alone“, zu dem die Bar mit Schals komplett in grün getaucht wird. Ich überbringe Paul noch Grüße von einer gemeinsamen Freundin aus Hamburg, dann verabschieden wir uns für dieses Jahr von Tolbooth und wechseln den Standort einmal über die Straße, wo uns eine ganz andere Art von Party erwartet.

312Das „Empire“ sieht aus wie ein ganz gewöhnlicher Pub, die Hälfte des schmalen Raumes nimmt ein stattlicher Tresen ein, die spärliche Beleuchtung sorgt für eine heimelige Atmosphäre. Aus dem Hintergrund dringt lockendes Neonlicht nach vorn, in einem weiteren Raum sind ein paar Tische und Stühle verteilt, an denen … ähm … etwas reifere Herrschaften zu ziemlich schmalzigen Klängen vor sich hin schwofen – die passende Location für Partypeople mit jahrzehntelanger Berufserfahrung. Dem Vernehmen nach hat es hier bei früheren Ropiraten-Gastspielen legendäre Tanzeinlagen gegeben, bei denen selbst Patrick Swayze vor Neid erblasst wäre. Pfütze entdeckt sogar eine seiner (zahlreichen) früheren Eroberungen wieder, nur die Dame kann (oder will?) sich wohl nicht erinnern.

In einer Ecke des Raumes sitzt die Veranstalterin der Party auf einem Barhocker und erfreut die Anwesenden mit Karaoke-Darbietungen. Ab und zu reicht sie das Mikrofon weiter, dann dürfen sich die Partygäste selbst mal ausprobieren. Bei „Twist and Shout“ kocht der Laden mal so richtig, in seiner Begeisterung lässt Pfütze ein euphorisches „Hail hail, the celts are here“ erklingen, was nicht die ungeteilte Zustimmung einiger alter Royalisten findet (Vielleicht kommt der Name „Empire“ ja auch nicht ganz von ungefähr). Eine stämmige, wasserstoffblonde Lady weist nachdrücklich darauf hin: „We won the f…ing war!“ – übrigens das erste Mal, dass ich diesen Satz in Schottland zu hören bekomme. Bevor die Stimmung aber kippt, retten Gerold und Steffen als bewährte Eintänzer die Situation.

In kleineren Gruppen treten wir nach und nach den Rückzug ins Hotel an. In der Hotelbar lernen wir Bryan und Andy, zwei Celticfans aus Newport (Wales) kennen. Die beiden sind extra für das Finale angereist, um beim einhundertsten Titel dabei zu sein. Bryan gibt ein paar Proben seiner Sangeskunst, bei denen sich an einem Nachbartisch ein paar Fans aus Aberdeen auch nicht lange bitten lassen, und so kommt es zum Austausch musikalischer Nettigkeiten, alles aber absolut entspannt, so wie wir es in Schottland bisher immer erlebt haben. Nur das Hotelpersonal erscheint hin und wieder und bittet um etwas weniger Lautstärke, schließlich versuchen in der Etage über uns Gäste zu schlafen. Nachdem ich beide mit Hansa-Aufklebern versorgt habe, verspricht Andy, auf jeden Fall mal nach Rostock kommen zu wollen. So finden der Abend und unsere Glasgow-Reise 2016 ein würdiges Ende.

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