Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Five goals – five points

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Belfast 2017, Tag 3 Spieltag

Linfield F.C. – Ards F.C. 5:1, Windsor Park, 18. März 2017

Wann immer ich im Ausland unterwegs bin, versuche ich, ein Fußballspiel zu besuchen. Es ist immer wieder interessant, neue Stadien und eine andere Fußball- und Fankultur vor Ort kennenzulernen. Und das im heimischen Ostseestadion zuletzt mitunter gequälte Auge ist durchaus dankbar für gelegentliche Abwechslung im tristen Drittliga-Alltag. Die Wahl für den Nordirland-Ausflug ist auf einen sehr alten und erfolgreichen Belfaster Club gefallen. Der Linfield F.C. (gegründet 1886) erwartet im heimischen Windsor Park den Ards F.C. (1900) zum Spiel in der NIFL Premiership, der höchsten nordirischen Spielklasse.

Nach einem gediegenen Frühstück bei Maggie May‘s begibt sich die bei dieser Reise vergleichsweise kleine Fußballfraktion, bestehend aus Matze, Lukas und mir, zunächst noch auf einen kleinen Spaziergang ins Zentrum, wir werden uns den am ersten Tag schon von außen betrachteten St. George‘s Market etwas genauer ansehen. Für die übrigen Reiseteilnehmer steht Sightseeing per Hop on/Hop off Bustour und ein Besuch des Titanic-Museums auf dem Programm, der Abend wird uns dann hoffentlich irgendwo zusammenführen.

St. George‘s Market ist eine große Halle, in der jede Woche von Freitag bis Sonntag Händler und Handwerker ihre Waren und Dienstleistungen anbieten. Es gibt frische Lebensmittel, Gewürze, Textilien, Spielzeug für Kinder und Erwachsene und eine große Auswahl vielfältiger, zum Teil exotischer Speisen, womit auch gleich die ungestellte Frage des zweiten Frühstücks beantwortet ist. Täglich treten auf einer improvisierten Bühne Musiker und andere Künstler auf, während unseres Besuches rührt das Ensemble des Musicals „All Shook Up“ mit Elvis-Songs die Werbetrommel für sein Gastspiel in der Stadt vom 28. März bis 1. April. Kann man sich durchaus anhören.

Feelin‘ groovie (Ja, das ist natürlich nicht von Elvis!) verlassen wir den Markt und schlagen den Weg zum Windsor Park ein. Das sind ungefähr zwei Kilometer, die wir selbstredend zu Fuß zurücklegen. Der Weg ist leicht zu finden, ungefähr 15 Minuten in südwestlicher Richtung auf der Lisburn Road und dann rechts die Tates Avenue runter, von einer Eisenbahnüberführung aus sieht man links schon das Stadion.

Wir haben noch Zeit für ein Vorspiel-Bierchen, allerdings ist weit und breit kein Pub zu sehen. Vor einem Fish‘n‘Chips-Laden stärkt sich gerade ein Familie (Mutter, Vater, zwei Jungs in Trainingsanzügen), wir fragen einfach nach. Die Frau kennt sich auch nicht so im Viertel aus und fragt daher jemanden, der sich mit Fußball und Bier auskennen MUSS, ihren älteren, etwa zehn- bis elfjährigen Sohn. Der will entweder nicht verraten, wo er sich mit seinen Kumpels zum Trinken trifft, oder weiß es einfach auch nicht. Immerhin gibt er uns den Tipp, dass im Stadion eine Bar sein soll, die zu Spielen geöffnet hat. Ein prächtiges Kind.

Wir gehen also zum Stadion, dabei durchqueren wir eine klassisch-britisch anmutende Reihenhaussiedlung. Die Straßen sind wie ausgestorben, nur vereinzelt sind Leute zu sehen, die vermutlich das gleiche Ziel haben wie wir. Es wirkt ein bisschen wie die Atmosphäre vor dem großen Showdown in „High Noon“, vor meinem geistigen Auge geraten wir in der nächsten Querstraße zwischen die Fronten rivalisierender Fangruppen. Aber nein, diese Zeiten sind dort lange vorbei, in den 1980er Jahren soll es ja rund um den Windsor Park durchaus ordentlich zur Sache gegangen sein.

Den Eingang zu finden, ist gar nicht so einfach. Wir sehen eine Stadiontribüne direkt hinter der Hausreihe, vor der wir gerade stehen. Nach rechts führt die Straße vom Stadion weg auf einen Nebenplatz, am anderen Ende steht ein unüberwindlich scheinender Bauzaun. Wir gehen trotzdem mal hin, unser tapferer Lukas als Jüngster wird vorgeschickt, um zu schauen, ob man da durchgehen kann. Er kommt kopfschüttelnd zurück: „Da sind auch nur verschlossene Tore.“ Wir irren noch ein Weilchen in der Siedlung herum, bis uns ein Mann mit Kind und Fanschal bedeutet: „Follow me!“ Jetzt passieren wir den Bauzaun, gehen auf das tatsächlich verschlossene Tor zu, links davon führt aber ein ziemlich breiter Weg zum Eingang. Lukas wird uns später auch unter Folter nicht verraten, was er bei seiner Erkundung wirklich gesehen hat.

Egal, wir sind endlich da, kaufen uns jeder eine Karte für 10 Pfund und gehen hinein. Erst mal ein kurzer Blick in den Innenraum, dann fragen wir einen Steward nach der ominösen Bar. Zu unserer Überraschung lacht dieser uns nicht etwa aus, sondern zeigt kurz auf eine Tür, vor der ein weiterer Ordner steht: „Dort rein und einfach die Treppe hoch.“ Und tatsächlich sitzen wir drei Minuten später auf drei Barstühlen um einen runden Tisch in der „Tennants Lounge“ und gönnen uns jeder ein Pint Magners. Durch eine große Glasscheibe können wir das Stadioninnere und das komplette Spielfeld sehen. Eigentlich sollten wir das Spiel gleich von da schauen, aber das widerspricht meiner Vorstellung von einem Stadionbesuch völlig. Außerdem stimmt mit 5 Pfund für ein Pint das Preis-Leistungs-Verhältnis auch nicht ganz.

Man sieht dem National Stadium der I.F.A. seine mehr als hundertjährige Geschichte leider überhaupt nicht an, nach mehreren Umbauten und Modernisierungen steht da ein steriler, trost- und seelenloser Kasten, der darüber hinaus auch optisch keinerlei Emotionen weckt, was durch drei komplett leere Tribünen noch verstärkt wird. Vielleicht (hoffentlich) ist das ja bei ausverkauften Länderspielen und mit Flutlicht anders, wenn Will Grigg on fire ist.

Für die Zuschauer sind zum Spiel nur der Unterrang der Haupttribüne und der daneben befindliche Eckblock als Gästebereich geöffnet. An der oberen Begrenzung des Hintertorblockes hängen ein paar Supporterfahnen, das Blau-Weiß-Rot beinhaltet neben den Vereinsfarben auch ein klares Bekenntnis zum Vereinigten Königreich, Linfield ist DER protestantische Club in Belfast. Es ist also schon mal keine schlechte Idee unsererseits gewesen, nicht mit grünen Schals oder sonstigen Requisiten des gestrigen Feiertages dort aufzulaufen.

Im Gästeblock verlieren sich handgezählte 40 Unentwegte, die während des Spiels nicht viel zu lachen haben. Die Hausherren dominieren das Spiel fast nach Belieben und gehen schon nach vier Minuten in Führung. In der 17. Minute gleicht Ards aus, dass während des Angriffs ein Linfieldspieler verletzt an der Mittellinie liegen bleibt, wirkt sich sofort belebend auf die Stimmung im Heimbereich aus. Für den Gästeanhang ist mit dem kurzen, trotzigen Torschrei der positive Teil ihres Stadionbesuches auch schon erledigt. Linfield gewinnt mit seinem für meine geschundenen Augen nahezu paradiesisch anmutendem Offensivfußball und Flügelspiel hochverdient mit 5:1. Wer mehr wissen möchte, dem sei der Spielbericht der Gastgeber ans Herz gelegt.

Wenig überraschend gibt es während des Spiels von beiden Seiten keinerlei Support, die Zuschauer sind aber trotzdem engagiert bei der Sache. Fachkundige Kommentare zu jeder Aktion auf dem Feld erfreuen das Herz des Beobachters, darüber hinaus können wir auch noch unsere Vokabelkenntnisse festigen und vertiefen. Ein besonders inniges Verhältnis zu einem der Gästespieler, der wiederholt freundliche Blicke auf die Tribüne wirft, hat ein älterer Herr, der beim Schlusspfiff seinem Liebling noch einmal zuruft: „What‘s the score ‘ye wee c…*?“ Geschieht ihm ganz recht, dem alten „Dickhead“.

* … reimt sich auf James Blunt

Passend zum Ergebnis verbringen wir den Abend später im „Five Points“, einer sehr gemütlichen und gut besuchten Bar, gar nicht weit von unserem Hotel entfernt. Wir finden nach einer halben Stunden sogar einen freien Tisch, gleichzeitig baut auf der Bühne eine Band ihre Technik auf. Fast zwei Stunden lang sorgt „Pure Blarney“ dann mit einem energiegeladenen Auftritt für allerbeste Stimmung zur Fortsetzung des St. Patrick‘s Weekend. Es erklingen Pop- und Rockklassiker wie auch traditionelle Songs, es gilt aber auch heute: „No rebel songs!“ Die Stimmung im Lokal ist so bombastisch, dass sogar der Klomann an seinem Arbeitsplatz mittanzt.

Und so geht für uns der dritte Tag der Reise zu Ende, am Sonntag geht es früh raus, uns erwartet ein ganztägiger Ausflug mit dem Bus an die irische Nordostküste.

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