Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Keine Gnade

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FC Würzburger Kickers – F.C. Hansa Rostock 0:3, „flyeralarm Arena“, 20. August 2017

August 2017, der „Sommer“ geht zu Ende und die Auswärtstouren werden länger. Abfahrt und Rückkehr finden dank Abwesenheit des Tageslichtes wieder im Verborgenen statt und atmen so den Hauch des Subversiven. Um halb sechs setzen wir uns in Bewegung, dem Morgengrauen entgegen. Die aufgehende Sonne wärmt Herz und Glieder und verheißt einen strahlenden Sonntag. Sie wird damit Recht behalten, also fast.

Über nahezu leere Autobahnen brausen wir gen Süden, bei der Durchquerung des Thüringer Waldes, durch Deutschlands längsten Straßentunnel und vorbei an Ortschaften wie Zella-Mehlis und Suhl, überkommen mich nostalgische Anwandlungen, vor mehr als 30 Jahren hatte mich der Ehrendienst für ein paar Monate dorthin geführt. Ich hatte fast vergessen, was für eine schöne Gegend das doch ist. Heute ist leider keine Zeit, um länger dort zu verweilen, wir müssen weiter ins Fränkische.

Das erste Detail, das uns in Würzburg ins Auge sticht (im wahrsten Sinne des Wortes), ist ein 64 Meter hoher Turm, der in Form und Aussehen an einen riesigen … äh … ihr_wisst_schon_was erinnert. Wir sind schwer beeindruckt, mit dem Teil gewinnt Würzburg jeden einschlägigen Vergleich. Bei dem Prachtstück handelt es sich um den Kamin des Universitätsklinikums, googelt mal danach, dann wisst ihr Bescheid.

Wir lassen den Riesen rechts liegen (besser: stehen) und steuern zielstrebig den Parkplatz an der „flyeralarm Arena“ an. Bis zum Anstoß dauert es noch mehr als zwei Stunden, es ist also Zeit, ein bisschen das Stadionumfeld zu beäugen. Hinter einem Bauzaun befindet sich der Parkplatz für die Einsatzfahrzeuge der Polizei, mit einem VW-Transporter der DPolG werden Schnittchen und Softdrinks für die tapferen Beamten geliefert. Interessant zu sehen, dass dieser Verein offenbar mehr kann, als durch den Mund seines Vorsitzenden dummes Zeug in die Welt zu blasen.

Dann naht von der anderen Seite ein bekanntes Gesicht: Maximilian Ahlschwede erscheint zur Arbeit. Irgendwie sieht er komisch aus im roten Poloshirt und mit roten Schuhen an den Füßen, aber das muss wohl so sein. Ein bisschen Smalltalk mit ein paar Rostocker Journalisten, dann entschwindet er in Richtung Kabine. Während ich ein paar Stalker-Fotos mache, wird mir bewusst, wie schnell doch in den letzten Jahren Spieler, wenn man sich das Gesicht endlich gemerkt hat, dem FCH wieder den Rücken kehren. Wenigstens weiß ich schon mal, wo sein Auto steht.

Langsam begebe ich mich ins Stadion. Der Zugang zum Gästeblock erfolgt über eine steile Treppe, Stufe für Stufe erklimme ich die Höhe – ein Aufstieg ist kein Zuckerschlecken. Wenn das geschafft ist, findet sich der auswärtige Besucher in einer Art Hochsicherheitstrakt wieder: Zäune und Sichtblenden, wohin das Auge blickt. Die schlechteste Aussicht aus diesem „Klein-Guantanamo“ hat man aufgrund der engmaschigen Gitter leider in Richtung des Platzes. Dafür erweist sich der Ordnungsdienst als sehr entspannt und kooperativ, beim Aufhängen der Fahnen wird im Innenraum sogar eine Trittleiter zur Verfügung gestellt.

Überhaupt vergeht die Zeit bis zum Anstoß angenehm chillig. Bis 13:30 Uhr schweigen die Stadionlautsprecher – keinerlei Lärmbelästigung mit dem „besten Hitmix“ oder marktschreierischer Werbung, das würde ich mir öfter wünschen. Die wohltuende Ruhe gibt auch dem Fan die Möglichkeit, sich auf das Spiel einzustellen. Die Ausgangssituation ist bedrohlich: Würzburg hat im Jahr 2017 noch kein Ligaspiel gewonnen. Wer sich lange genug mit Hansa beschäftigt, kennt unsere selbstzerstörerische Neigung, solchen Teams in die Erfolgsspur zurück zu verhelfen. Gerade nach dem ärgerlichen sportlichen Rückschlag im Heimspiel gegen den SV Meppen schwingt im Gästeblock durchaus eine zart-böse Vorahnung mit, zu viel haben wir schon erlebt.

Eine halbe Stunde vor dem Anpfiff endet die Grübelei, denn nun setzt das Vorprogramm ein. Jetzt wird es doch etwas lauter, ganz ohne Kasper-Theater geht es auch hier nicht: „WO SIND DIE KICKERS-FANS?!“ Ein musikalisches Hoffnungslicht setzt „Don‘t stop believing“, was irgendwie auf beide Teams zutrifft.

Dann geht es endlich los. Heim- und Auswärtsblock eröffnen mit optischen und akustischen Grüßen an den gnadenreichen Deutschen Fußballbund, dies wiederholt sich im Verlauf der ersten Halbzeit des Öfteren. Auf dem Platz nimmt zunächst die befürchtete sportliche Wiederbelebung der Gastgeber ihren verhängnisvollen Lauf. Unserem Torhüter Janis Blaswich ist es zu verdanken, dass Hansa nicht schon nach 15 Minuten hoffnungslos zurück liegt.

Stattdessen gelingt Oliver Hüsing nach einem Eckball per Kopf der Führungstreffer. Zehn Minuten später fliegt auch noch ein Würzburger Spieler vom Platz. Das Heimpublikum ist nun aus seiner Lethargie erwacht und dreht nach jedem Zweikampf, der nicht mit einer roten Karte für Hansa endet, komplett durch. „Schieber! Schieber!“-Rufe werden aus dem Gästeblock cool mit „Ziemer! Ziemer!“-Sprechchören gekontert.

Hansa ist nun eine Stunde in Überzahl, und das bei eigener Führung – eine verhängnisvolle Konstellation. So war es sonst immer. Der „neue“ FCH kommt aber erstaunlich gut damit klar. Zwar bleibt Würzburg optisch stärker und auch engagierter, lässt aber selbst beste Torchancen aus, während wir die wenigen Möglichkeiten eiskalt nutzen: zweimal Benyamina nach Konter zum 3:0-Endstand. Spielerisch dünn, aber mit beeindruckender Effizienz im Abschluss – kann man so machen, Fußball bleibt eben Ergebnissport, oder in DFB-Sprech: Wir haben das Gnadengesuch des FWK abschlägig beschieden. Hansa führt nun die Auswärtstabelle mit der makellosen Bilanz von 9 Punkten aus drei Spielen bei 6:0 Toren an. Wird Zeit, zu Hause aufzuschließen.

Beschwingt treten wir die Heimreise an, wir haben die Punkte und Würzburg ja immer noch seinen Phallus, den wir nun links liegenlassen. Um verkehrsbedingten Störungen zwischen Leipzig und Dessau aus dem Wege zu gehen, weichen wir von der geplanten Route über A4 und A9 ab, unser Weg führt uns durch Halle. Während wir uns der Saalestadt nähern, braut sich über dieser ein Unwetter vom Feinsten zusammen, es scheint, als hätte der Fußballgott seinem für das Wetter zuständigen Kollegen einen kleinen Wink gegeben. Wir haben verstanden und sehen zu, dass wir da wegkommen.

Gegen 23 Uhr erreichen wir heimatliches Gebiet, beim Betanken des Mietwagens kommt die Standardfrage: „Na, kommt ihr wieder von Hansa?“ Was diesmal fehlt, ist der skeptisch-spöttische Unterton, der übliche Kommentar („Dass ihr euch das immer noch antut …“ ) ist einem anerkennenden „Hat sich ja wieder (!!) gelohnt“ gewichen. Läuft bei uns.

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