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Dritte Wahl – Albumrelease „10“

IGA Park Rostock, 2. September 2017

Der Himmel über uns“ – so heißt Track Nummer 3 auf der neuen Dritte-Wahl-Scheibe, bei dem es der Band gelingt, in nur 3:49 Minuten ein nahezu vollständiges Whoiswho akzeptabler Partygetränke zu Gehör zu bringen. Dazu gleich mehr. Für mich heißt „Himmel über uns“ zunächst, dass im Laufe des Sonnabends immer wieder skeptischer Blicke nach oben gehen, nachdem sich am Vormittag über Schwerin ein amtliches Gewitter ausgetobt hat: Wird es heute abend im IGA Park wenigstens trocken bleiben, wenn zwei dufte Bands, die sich gegenseitig nicht beim Namen nennen wollen, aufspielen?

Nach wie vor bin ich nicht aus Zucker, dazu werden sich Bühne und Publikum unter einem schützenden Dach finden, aber nach den feuchtfröhlichen Erlebnissen, beispielsweise auf dem Nopperhof oder zuletzt bei Fury in the Slaughterhouse in Schwerin, müsste die persönliche Regenquote für 2017 doch mehr als erfüllt sein, oder? Nun, der abendliche Himmel über Rostock wird nicht unbedingt so blau sein wie Curaçao, den Sonnenuntergang vor nahezu wolkenlosem Horizont lasse ich aber durchaus gelten.

Das Album

Gerade noch rechtzeitig, um die neuen Songs wenigstens mal quer zu hören, wird das pressfrische Album „10“ am Freitag frei Haus geliefert. Die Skip-Taste bleibt entgegen meiner Gewohnheit beim ersten Durchlauf unbenutzt. Die Songs gehen gut ins Ohr, musikalisch gibt es keine großen Überraschungen. Die Band setzt auf Bewährtes, Tasteninstrumente kommen nach meinem Empfinden wieder deutlich weniger vordergründig zum Einsatz als bei den beiden Vorgängerscheiben, die Gitarren dominieren klar, etwas ungewohnt ist der häufige „Chorgesang“ bei den Refrains. Neben dem schon erwähnten „Himmel über uns“ wissen vor allem „Wenn ihr wüsstet“ und „So lange her“ sofort zu gefallen.

Bei den Texten lohnt sich – wie immer – genaues Hinhören und Mitdenken. In „Scotty“ bezweifelt der Besucher angesichts seiner Wahrnehmung menschlichen Verhaltens das Vorhandensein intelligenten Lebens auf der Erde, „Wenn ihr wüsstet“ vermittelt einen Einblick in die Gedankenwelt eines überzeugten Verschwörungstheoretikers, „Der Feind des Guten“ und „25 Cent“ thematisieren Schattenseiten des allgegenwärtigen Aufschwungs, in „Zum Licht empor“ wird die alte sozialdemokratische Losung „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!“ aus ungewohnter Perspektive betrachtet und mit „Jeder ist sich selbst der Nächste“ konfrontiert. Und „Was wirst du tun“ ist fast eine Art textliche Fortsetzung von „Greif ein!“, nur eben in Frageform, etwas verbindlicher und nicht ganz so plakativ formuliert.

Lange Rede, kurzer Sinn: „10“ ist musikalisch wie textlich ein überaus gelungenes Album, das in der näheren Zeit noch nicht so schnell ins Regal wandern wird.

Das Konzert

Gespannt auf die Live-Präsentation der neuen Songs, mache ich mich am Sonnabend auf den Weg nach Rostock, wo mir meine lieben Freunde Gudrun und Adrian wieder einmal ein Nachtlager zur Verfügung stellen. Das Auto kann also stehen bleiben, wir fahren mit der S-Bahn zum IGA Park, jede Menge bekannter Gesichter auf dem Wege dahin machen deutlich, das wird heute wieder ein RoggenRoll-Familientreffen.

Der umzäunte Bereich im IGA Park ist kleiner, als ich erwartet hätte, lässt aber ausreichend Platz und Bewegungsfreiheit. Gleich neben dem Einlass befinden sich die Merch-Stände beider Bands, die sich den ganzen Abend intensiver Belagerung erfreuen, was sich hoffentlich auch entsprechend in den Einnahmen niederschlägt.

Für die Getränkeversorgung stehen drei Wagen zur Verfügung, anfangs kämpft das Bier zum Teil noch mit den unerwartet hohen Temperaturen, die fleißigen Helfer am Ausschank kommen mit dem Zapfen kaum hinterher. Vier Euro für ein Pils sind allerdings ein stolzer Preis. Etwas enttäuscht bin ich vom Speisenangebot, es gibt Bratwurst (Thüringer oder Rostocker) und Steak. Da habe ich im IGA Park schon eine größere Auswahl erlebt. Für Vegetarier ist gar nichts dabei. Aber sei es drum, wir sind ja nicht zum Fressen gekommen.

Knorkator

Pünktlich 19 Uhr geht es los, und wie. Da steht nicht einfach nur eine „Vorgruppe“ auf der Bühne. Deutschlands meiste Band der Welt wird mit einem kompletten Set über 90 Minuten die Stimmung schon mal auf den Siedepunkt treiben. Die Bühnenqualitäten der Männer um Stumpen und Alf sind hinlänglich bekannt, allerdings dauert es ein bisschen, das bei Tageslicht noch etwas reservierte Publikum aus der Deckung zu locken. Die gute Mischung aus alten und neueren Stücken zeigt aber bald Wirkung, auf und vor der Bühne geht ordentlich die Post ab.

Leider fehlt diesmal das eine oder andere meiner Lieblingsstücke – so gibt es heute abend kein „Ding inne Schnauze“, normalerweise ein Muss, „Konflikt“ bietet aber annehmbaren Ersatz. Anstelle des legendären Boney M-Covers „Ma Baker“ exhumiert Knorkator mit „El Dorado“ (Goombay Dance Band) eine ganz schlimme musikalische Entgleisung der 1970er Jahre, dies allerdings derart gekonnt, dass der Titel für Spätgeborene unter den Konzertbesuchern durchaus als Knorkator-Kreation durchgehen könnte.

Erneut beeindruckt der Auftritt von Alfs Sohn Tim Tom, der sich stimmlich bei „Böse“ nicht vor seinem alten Herren verstecken muss, und letztlich bringt er in seinem jugendlichen Alter das Aufessen des Weihnachtskalenders oder das Löffeln von Nutella ohnehin glaubwürdiger rüber. Alf wiederum weiß mit einer inspirierten Jazz-Improvisation in „Fickn“ zu begeistern. Stumpens schweißtreibende Bühnenperformance findet ihren Höhepunkt beim Bad im 360° Feuerregen.

Die Zeit vergeht rasend schnell, nach etwa 90 grandiosen Minuten mit übrigens exzellentem Sound (der im zweiten Teil des Abends nicht ganz gehalten wird) wird die Bühne geräumt, und nach kurzer Umbaupause beginnen die Gastgeber ihr Programm.

Dritte Wahl

Wir haben uns lang nicht mehr gesehen, ein ganzes und ein halbes Jahr … kaum zu glauben, aber mein letzter Konzertbesuch bei Dritte Wahl ist wirklich so lange her: 5. März 2016 in Potsdam. Das spätere Gastspiel im IGA Park vor einem Jahr blieb mir aufgrund einer zeitgleich stattfindenden Veranstaltung in Vorpommern versagt, zum Glück klappt die Koordination in diesem Jahr besser.

Als Opener erklingt das schon vorab veröffentlichte „Scotty“, sofort wird deutlich: Musiker und Publikum haben Bock auf die neuen Songs. Insgesamt sechs Tracks vom neuen Album kommen zur Aufführung, den Rest gibt es im Dezember im MAU (zusammen mit den Rostdocs), wie Gunnar zur Erleichterung vieler RoggenRoller, für die nun die Vorweihnachtszeit endlich wieder einen Sinn bekommt, verkündet.

Ich bin wiederholt schwer beeindruckt, mit welcher Textsicherheit große Teile des Publikums mitsingen, und das nicht nur bei den schon im Voraus veröffentlichten Liedern. Aber auch ohne jedes einzelne Wort zu kennen (das kommt früher oder später von selbst), wirken die Stücke auf mich schon nach nur zweimaligem Hören wie gute alte Bekannte, man freut sich über jedes Wiedersehen.

Natürlich kommen jede Menge altbekannter Songs zu Gehör, das Repertoire der Jungs ist ja dermaßen umfangreich, dass ich jetzt nicht anfangen will, über vermisste Lieder zu jammern. … Gut, sie hätten wenigstens „Kleiner Planet“ spielen können. Gewaltig wird es bei „Greif ein!“, die bekannte Stelle in der dritten Strophe lässt mir fast das Blut in den Adern gefrieren. Das hat man hoffentlich in ganz Rostock gehört.

Luft anhalten heißt es auch bei „Auf der Flucht“. Die Gedanken aller sind bei Busch‘n, wie immer, wenn dieses Lied erklingt. Aber auch das Fehlen zweier weiterer Freunde, die uns in diesem Jahr verlassen haben, wird in diesem Moment schmerzlich bewusst – Conny aus Berlin und Johann aus Rostock hätten sich diesen Abend mit Sicherheit nicht entgehen lassen, und er wäre genau ihr Ding gewesen. Für ein paar Minuten sind sie nun in unseren Herzen mit dabei.

Als „letzter“ Titel erklingt am Ende des Hauptteils das obligatorische „Fliegen“, inclusive Publikums-Gesang dauert es handgestoppte 14 Minuten, in denen Gunnar, Stefan, Holger und Krel kurz die Garderobe wechseln, um im dekadenten Outfit, das bereits aus dem Video bekannt wurde, als erste Zugabe „Der Himmel über uns“ aufzuführen. Während des Refrains frage ich mich, habe ich nun mein Leben lang das Wort Curaçao falsch ausgesprochen, oder ist das Weglassen des „a“ durch Gunnar einfach nur künstlerische Freiheit, die dem Reimzwang geschuldet ist? Mir kommt die Idee für ein Trinkspiel: Immer, wenn ein Getränk im Text erwähnt wird, ist selbiges unverzüglich zu konsumieren. Bringt bestimmt jede Menge Spaß, eine interessante Mischung.

Letzter Titel des Abends wird dann „Was weiß ich schon von der Liebe“ – ungewöhnlich, aber sie werden schon ihre Gründe haben. Später stellt sich heraus, dass „Dritte Wahl“ und „Kein Wort“ der fortgeschrittenen Zeit zum Opfer gefallen sind. Da sind wir wohl doch etwas zu lange „geflogen“.

Als aus der Konserve „Wind of change“ von den Scorpions ertönt, verstehen wir das als Aufforderung, den IGA Park zu verlassen, der wir unverzüglich nachkommen. Ein bisschen Nachbereitung im Pleitegeier setzt den Schlusspunkt hinter einen großartigen Konzertabend.

Setlist

Scotty * Halt mich fest * Zu wahr um schön zu sein * Störung * Wenn ihr wüsstet * Auge um Auge * So lange her * Sonne und Meer * Auf der Flucht * Wo ist mein Preis? * Hash * Zum Licht empor * So wie ihr seid * 25 Cent * Sirenen * Und jetzt?* Dummheit kann man nicht verbieten * Greif ein * Keine Angst * Fliegen

Der Himmel über uns * Geblitzdingst * Zeit bleib stehen!

Was weiß ich schon von der Liebe

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