Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Saints v. Hoops

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St. Johnstone F.C. v. Celtic F.C. 0:4, McDiarmid Park, 4. November 2017

Freitag

Knapp ein Jahr ist vergangen seit der letzten Schottland-Reise, höchste Zeit also, das Köfferchen zu packen und ins gelobte Land aufzubrechen. Die Ropiraten-Reisegruppe besteht in diesem Jahr aus 31 (einunddreißig!) Mitgliedern.

Geflogen wird vom Flughafen Hamburg, der zwar den Namen Helmut Schmidts trägt, was aber das Fehlen einer Institution, vergleichbar mit dem Kilkenny Pub in Berlin-Schönefeld, nicht wirklich wettmacht. Immerhin sorgt man sich in der Hansestadt um die Bespaßung der im Transitbereich Wartenden. Die wiederholte, dabei stets entspannt-freundliche Aufforderung an die Besitzerin einer schwarzen Damenhandtasche, ihr gutes Stück doch bitte am Abfluggate in Empfang zu nehmen, ist schon irgendwie speziell, im Allgemeinen erfreuen sich herr(inn)enlose Gepäckstücke sonst ja keiner allzu großen Popularität.

Es ist neblig über Hamburg, die Wolkenuntergrenze ist nur unwesentlich höher als der Elbpegel Blankenese, und so verspätet sich die Landung unserer Maschine und folglich auch der erneute Start. Halb so wild, wir haben eh keine Termine. Die Kabinencrew wird von einem altgedienten Easyjetter angeführt, der seiner Tätigkeit bestens gelaunt nachgeht und immer mal wieder lustig klingende deutsche Satzfetzen in die Kommunikation mit den Fluggästen einstreut. Sogar eine plötzlich, wie aus heiterem Himmel durch ausgewählte Sitzreihen kreisende Flasche mit einem Getränk aus Lynchburg, TN, vermag nur kurzzeitig die gute Stimmung zu trüben, das corpus delicti bleibt unkonfisziert. (Hinweis an den Veranstalter: Zukünftig wieder Plätze in Hecknähe und mit freiem Blick auf die Kabine buchen. Die coolen Jungs sitzen im Bus sowieso hinten.)

Dies bleibt die einzige Andeutung von Turbulenzen, die beim Anblick der Forth Bridges während des Landeanfluges auf den Edinburgh Airport längst vergessen ist. Ein wenig vergessen kommt sich die Reisegruppe wenig später beim Warten auf den Bus vor, der uns an unser Reiseziel bringen soll: zum Mercure Hotel in Perth. Die knapp 90 Minuten vergehen aber bei wiederholten Telefonaten mit der Hotline des Busunternehmens beziehungsweise dem mutmaßlichen Fahrer selbst wie im Fluge.

Die Fahrt nach Perth führt uns über die erst im August eröffnete neue Forth Road Bridge, ein beeindruckendes Bauwerk. Der Ausblick auf die Firth of Forth mit den beiden älteren Geschwistern ist gewaltig, leider lässt der Verkehr keinen Fotostopp mitten auf der Brücke zu. Ganz ohne Halt schaffen wir aber die knapp 60 Kilometer trotzdem nicht: ein Bus voller alter Männer, mehr muss ich wohl nicht sagen.

Mit dem Mercure Hotel hat unser Reiseleiter eine hervorragende Wahl hinsichtlich der Unterkunft getroffen. Es handelt sich, wie man aus der vorbeiführenden Mill Street schließen kann, um eine ehemalige Mühle. Unter dem Gebäude fließt immer noch der alte Mühlbach entlang, aus der Lobby können die Hotelgäste Blicke auf die reißenden Fluten werfen. Wem das nicht genügt, … dazu kommen wir später.

Während die Zimmer zu- und die Keycards aufgeteilt werden, begleite ich Jean zum McDiarmid Park, der Heimstätte des St. Johnstone F.C., um die für uns hinterlegten Eintrittskarten für das Spiel der Saints gegen Celtic abzuholen. Jean hat mit großem persönlichen Einsatz die Ticketbestellung übernommen, die Erfahrung aus mehreren Jahren beruflicher Tätigkeit auf der Insel bei der Auswahl eines geeigneten Ansprechpartners für die Bestellung ist eben nicht zu übertreffen, von den nahezu muttersprachlichen Fähigkeiten ganz zu schweigen. Während der Taxifahrt zum Stadion präge ich mir jedes Detail der Strecke genauestens ein, schließlich will ich den Weg ja am nächsten Tag wieder finden.

Am Ticket Office werden wir freundlich hinein gebeten und von Paul Smith, Football Administrator und als solcher auch eine Art „Veranstaltungsleiter“, und Beverley Mayer, Super Saints Lotto Administrator & Supporter Liaison Officer, empfangen, die uns in ihrem kleinen, engen Büro unter der Haupttribüne den begehrten Umschlag überreichen. Ein bisschen Smalltalk über Gott und die Welt, dann bekommen wir noch unsere Plätze auf der Tribüne gezeigt: Drei Sitzreihen werden am Spieltag mit Flatterband abgesperrt, damit die 31 deutschen „Ingenieure“ zusammensitzen können. Jetzt kommen wir uns doch ein bisschen „wichtig“ vor. Mit guten Wünschen für einen angenehmen Aufenthalt und der Einladung, nach dem Spiel doch noch in der Stadionbar vorbeizuschauen, verabschiedet uns Paul.

Unser Taxi bringt uns wieder in die Stadt zurück, nach einer kleinen Mahlzeit treffen wir einen Teil der Reisegruppe in der „Ormond Bar“. Diese befindet sich nicht mal einen Steinwurf vom Hotel entfernt und qualifiziert sich somit im ersten Versuch als unser Hauptquartier für das Wochenende. Wie immer in Schottland, treffen wir auf überaus freundliche Gastgeber, die ihrerseits von Trinklust und Fassungsvermögen deutscher Mägen schwer begeistert sind.

Unangefochtener Star unseres Teams ist – auch das, wie immer – Ralle, der immer wieder als begehrtes Fotomotiv und Selfie-Partner herhalten muss und dies routiniert erledigt. Wir werden bei künftigen Reisen dazu übergehen, diese Tatsache kommerziell auszuschlachten:

A picture with the B.F.G. – meet the German Giant.

Im Fernsehen läuft – neben verschiedenen Fußball- und Darts-Übertragungen – eine Quizsendung, die wahrscheinlich unserem „Gefragt – gejagt“ entspricht. Bei einer Frage friert fast meine linke Pupille im Augenwinkel fest: Aus welchem Werk stammt der Satz „Die Proletarier dieser Welt haben nichts zu verlieren als ihre Ketten.“? – Eine der Antwortmöglichkeiten lautet: „Mein Kampf“! Ich versuche gar nicht erst, mir das in einer deutschen Fernsehsendung vorzustellen. Der Kandidat weiß übrigens die richtige Antwort, ihr auch?

Sonnabend

Der Spieltag beginnt mit einem ausgedehnten Frühstück, das Buffet ist identisch mit dem Angebot aller schottischen Herbergen, die ich kenne, mal vom Euro Hostel abgesehen: bacon, sausage, eggs, beans, mushrooms, tomatoes, drei Sorten jam und Toast. Keine Experimente! Letztlich reicht es, um satt zu werden und eine Grundlage für den Tag zu schaffen.

Ich gehe noch kurz in die Stadt, um ein paar Postkarten zu kaufen, das dauert etwas länger als geplant und so verpasse ich den Abmarsch zum Stadion knapp. Ist aber nicht schlimm, ich weiß ja, wo ich hin muss. Fraktion „Schluck“ gönnt sich noch zwei/drei Getränke, um dann mit dem Taxi nachzukommen. Ich weiß ja, wie das meist endet (und werde damit Recht behalten) und laufe dem Mob hinterher.

Sehr gut habe ich gestern bei der Taxifahrt wohl nicht aufgepasst, jedenfalls stelle ich nach einer knappen Stunde Fußmarsch (ich hätte längst da sein müssen) fest, dass ich entfernungstechnisch dem Stadion nicht einen Meter näher gekommen bin. (Fick dich, GoogleMaps!) Die berüchtigte App lässt mich die motorisierte Strecke einfach zu Fuß absolvieren. Als ich etwa eine Stunde vor dem Anstoß aufgefordert werde, etwa 900 Meter entlang einer Autobahn zu gehen, sorge ich mich erstmals um mein pünktliches Erscheinen. Muss man sich vorstellen: Ich verzichte auf das Taxi, um am Ende doch viel zu spät und zu allem Überfluss auch noch nach den „Schluckern“ da zu sein? Never!

In einem Gewerbegebiet auf der falschen Autobahnseite und ohne die Spur eines passierbaren Überweges in Sicht ziehe ich die Reißleine und kehre um. Und siehe da – der Fußballgott erhört mich und sendet mir ein Taxi. Leider ist dieses aus Dundee, ohne Lizenz für Perth, der Kutscher bietet mir aber an, für 100 Pfund eine kleine Ausnahme zu machen, bevor er sich demonstrativ abwendet und weiter mit seinem Kollegen quatscht. Der Fluch, mit dem ich diese Ausgeburt der Hölle belege, wird ihn eines Tages ereilen, dessen kann er sich sicher sein.

Da Google Maps mich erneut über die Autobahn schicken will, nutze ich jetzt eine andere App („Maps.me“), die tatsächlich auch an Fußgänger denkt und mich durch ein paar Wohngebietsstraßen geradewegs zum McDiarmid Park führt. Unterwegs fragen mich ein paar jugendliche Fans aus Glasgow, die mir in der falschen Richtung entgegenkommen nach dem Weg, was einer gewissen Situationskomik nicht entbehrt, der sich keiner der Anwesenden entziehen kann. An einer Kreuzung beobachten mehrere Polizisten das Geschehen, jetzt weiß ich, dass ich es geschafft habe.

Zwanzig Minuten vor dem Anpfiff befinde ich mich auf der Tribüne – als Erster! Nun, der Mob ist noch irgendwo draußen vor dem Stadion, wo es Dosenbier gibt, und Team „Schluck“ … wisst ihr ja. Unsere Sitzreihen sind, wie versprochen, mit gelb-schwarzem Band abgesperrt, letztlich wäre aber auch ohne das genug Platz gewesen. Dennoch – vielen Dank an die sehr gastfreundlichen Saints, dass dies möglich ist.

Der Gästeanhang wird zum Spiel auf den Hintertortribünen untergebracht, die beide bis auf den letzten Platz besetzt sind. Der gesanglich aktivere Teil, inclusive Green Brigade, findet sich auf der von uns aus entfernteren Tribüne ein, dort wird während des gesamten Spiels auch keine Sekunde Ruhe herrschen. Dabei ist eine Menge anlassloser Singsang im Spiel, allerdings greifen die Chants immer wieder auf die komplette Tribüne über. Richtig beeindruckend wird es, wenn beide Seiten gemeinsam loslegen: „Here we go, ten in a row“ oder „Celtic Symphony“ (Here we go again) sorgen wiederholt für Gänsehaut.

Vor dem Spiel findet eine Minute des Gedenkens statt, den Grund dafür kann ich leider nicht herausfinden. Im Stadion kann man tatsächlich volle 60 Sekunden eine Stecknadel zu Boden fallen hören, sehr beeindruckend. Die Ultras zeigen danach eine Tapete für den derzeitigen Fan-Liebling Kieran Tierney, der seit frühester Jugend im Verein spielt und gerade für weitere sechs Jahre unterschrieben hat. Auf die weitere Entwicklung dieses Spielers bin ich gespannt, einen solchen Vertrag zu erfüllen, wäre tatsächlich ein starkes Zeichen in Zeiten des „modernen Fußballs“.

Das Spiel wird eine sehr einseitige Angelegenheit für die Bhoys. Die Saints bemühen sich tapfer, haben aber nicht die Spur einer Chance gegen in allen Belangen überlegene Gäste. Zwischen Celtic und dem Rest der Liga klafft eine riesige sportliche Lücke, das ist nicht neu. Auch vor dem Hintergrund der internationalen Konkurrenzfähigkeit wäre es wünschenswert, in der eigenen Liga sportlich mehr gefordert zu werden, meinetwegen auch durch die Rangers, so schön Rekorde wie 63 ungeschlagene nationale Pflichtspiele auch sein mögen.

Für heute muss uns das nicht bekümmern, wir bekommen immerhin vier Tore zu sehen, die Stimmung auf den Rängen (insgesamt zwischen 6000 und 7000 Zuschauer) ist gut, was letztlich das Verdienst des Gästeanhangs ist. Die am Vortag geäußerte Hoffnung des Football Administrators, die Heimelf könnte wenigstens für Ruhe im Celtic-Block sorgen, erweist sich als vergeblich. „Hard to be a saint“, würde Bruce Springsteen jetzt singen.

Nach dem Schlusspfiff begeben wir uns in die Stadionbar „The Muirton“, oder soll ich sagen „besetzen“? Egal, wie man es nennt, wir halten uns etwa zwei bis drei Stunden dort auf, zwischendurch wird einer der beiden Tresen geschlossen, nachdem dort die Vorräte zur Neige gegangen sind. Im Raum breitet sich das bekannt starke, rauchige Aroma des Laphroaig aus.

Vor dem Spielereingang draußen warten noch zwanzig bis dreißig Celticfans geduldig auf ihre Spieler, um auf deren Weg in den Bus noch das eine oder andere Autogramm und Selfie abzustauben. Dabei begegne ich einem der berühmtesten Fans: „Wee Jay“, der vor ein paar Jahren auf dem Arm von Georgios Samaras eine Ehrenrunde im Celtic Park absolvieren durfte und später sogar das schottische „Tor des Monats“ erzielte, nimmt automatisch die „Foto-Pose“ ein, als er merkt, dass ich ihn erkannt habe, wendet sich dann aber gleich wieder ab, bevor ich ihn ansprechen kann.

Ich hätte jetzt selbst die Möglichkeit, mich mit Kapitän Scott Brown fotografieren zu lassen, besinne mich aber, dem Fanboy-Alter doch etwas entwachsen zu sein, also schließe ich mich wieder der Gruppe an, eine kurze Busfahrt und Nahrungsaufnahme (eine sehr „spezielle“ Chicken Breast) später klingt der Tag im „Ormond“ beschwingt aus.

Der Sonntag wird im Zeichen der Kultur stehen, was das bei uns heißt, ist ja inzwischen bekannt.

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