Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Us and Them

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Roger Waters – Hamburg, „Barclaycard Arena“, 14. Mai 2018

Als nach einer Stunde und 14 Songs die Musiker für eine 20minütige Pause die Bühne verlassen, beschwert sich mein Sitznachbar erst mal bei seiner Begleiterin über das Publikum: „So was lahmes, sitzen nur da und starren auf die Bühne, keinerlei Bewegung oder Mitmachen.“ In Ansätzen kann ich dieser Kritik durchaus folgen, selbst „Another Brick in The Wall, Pt. 2“ als „Hit“, den nun wirklich jeder kennt, brachte nur vereinzelt Leute dazu, wenigstens aufzustehen. Und doch ertappe auch ich mich immer wieder dabei, wie an meinen Stuhl gefesselt mit weit geöffneten Ohren und Augen im Geschehen auf der Bühne zu versinken.

Mal abgesehen davon, dass jeder Besucher ein Konzert so genießen sollte, dass es ihm selbst Freude bereitet, ohne dabei das Vergnügen anderer Gäste zu beeinträchtigen – die Leute können bei dieser Show gar nicht anders. Es ist insgesamt nicht mehr so gigantisch wie bei „The Wall“ vor fünf Jahren, aber noch immer sorgt eine unendliche und kaum fassbare Flut an optischen und akustischen Reizen dafür, dass – abgesehen vom Geruch – alle menschlichen Sinne auf das Äußerste beansprucht sind.

Das gilt bereits 20 Minuten vor dem eigentlichen Konzertbeginn: Aus den Lautsprechern erklingt Möwengeschrei, auf dem riesigen Bildschirm ist ein Stück Strand zu sehen, wo eine junge Frau regungslos auf das Meer hinaus schaut, das sich gerade etwas zurückzieht. („Wir leben da, wo niemals Ebbe ist“ denke ich sofort, sechsmal Feine Sahne Fischfilet seit Januar haben ihre Wirkung nicht verfehlt.) Nach und nach kommen Keyboardsequenzen, Gitarrenklänge, Percussions und weitere Instrumente dazu, und während am Horizont dunkelrote Wolken nahendes Ungemach zu signalisieren scheinen, wächst aus dem Klangteppich „Speak to me“, das Eröffnungsstück des legendären Albums „The Dark Side of the Moon“.

 

Die Musiker nehmen ihre Plätze ein und eine Show der Superlative nimmt ihren Lauf. Zunächst bin ich schwer beeindruckt vom exzellenten Sound. Nicht, dass mich das jetzt bei Roger Waters überraschen würde, aber ich habe in dieser Arena schon Veranstaltungen mit grauenvollem Klangbrei erleben müssen, das ist heute definitiv nicht so. Sologesang, Background und Instrumente sind perfekt gemischt, man kann wirklich jedes Detail hören. So fällt mir wieder einmal auf, was für ein hervorragender Bassist Roger Waters doch ist, das vergisst man ja gern mal angesichts seiner genialen Kreationen als Autor oder seines mitunter etwas eigentümlich wirkenden Gesangsstils.

Von den 23 gespielten Stücken des Abends entstammen ganze vier dem aktuellen, 2017 veröffentlichten Album „Is This the Life We Really Want?“, den Rest steuern die legendären Pink-Floyd-Alben „Meddle“, „The Dark Side of the Moon“, „Wish You Were Here“, „Animals“ und „The Wall“ bei. Es ist also schon eine Art „Greatest Hits“ Show, und nicht etwa eine Tour zum neuen Album, aber das war angesichts des Tourmottos „US + THEM“ auch nicht zu erwarten. Für mich ist es vor allem die Gelegenheit, einige der Stücke, die mich in meiner Jugend zur Musik gebracht haben, endlich mal live zu hören, wenn auch nicht in der Pink-Floyd-Originalbesetzung.

Die Songs von „Dark Side“ bilden eine Art Rahmen zu Beginn und am Ende der Show, dabei ragt im ersten Teil für mich vor allem „The Great Gig in the Sky“ heraus, bei dem die beiden fantastischen Sängerinnen Jess und Hollie eine packende und überzeugende Interpretation des sehr anspruchsvollen Stückes abliefern, die melodisch vom Original etwas abweicht, sich aber dennoch nicht verstecken muss. Es gibt nur wenige Lieder, die ohne Text doch so unglaublich viel aussagen.

 

Triumphal (und für mich persönlich beeindruckender als bei „The Wall“ 2011/2013) wird der Gastauftritt eines Hamburger Kinderchores zu „Another Brick … (Pt. 2). Die jungen Künstler betreten die Bühne zunächst mit schwarzen Hauben über den Köpfen und in orangefarbenen Overalls, als kämen sie direkt aus Guantanamo. Im Verlaufe des Songs werfen sie die Gefangenenkleidung ab und singen und tanzen ihre Forderung lautstark heraus:

HEY TEACHERS LEAVE US KIDS ALONE!

Auf ihren Shirts prangt der Aufruf zum Widerstand: RESIST! Damit geht es in eine 20minütige Pause, in der diese Aufforderung auf dem Big Screen konkretisiert wird: Gegen Neofaschismus, Waffenhandel, Antisemitismus oder Krieg und Gewalt im Nahen Osten.

 

Nach der Pause folgt der intensivste und stärkste Teil des Programmes. Von der Hallendecke senkt sich eine Konstruktion herunter, aus der Leinwände wachsen, auf die das berühmte Battersea Kraftwerk vom „Animals“-Cover projiziert wird, das fortan über den Köpfen des Publikums im Innenraum schwebt. Es erklingt „Dogs“, wobei die Bandmitglieder mit Tiermasken bei einer dekadenten High Society Party mit Champagner anstoßen. Roger hält ein Schild hoch: „Pigs rule the world!“, dann nimmt er die Schweinsmaske ab, neues Schild: „Fuck the pigs!“

Die Band spielt „Pigs“, das Lied wird für eine Generalabrechnung mit dem aktuellen US-Präsidenten genutzt, von dem zahlreiche, nicht sehr vorteilhafte Fotos gezeigt und mit seinen berüchtigtsten Aussprüchen kombiniert werden. Ich habe keine Ahnung, ob sich auch andere Künstler bei ihren Auftritten dermaßen krass und wenig subtil an jemandem abarbeiten. Wer schon immer wissen wollte, was Roger Waters von Herrn Trump hält, hat nun Klarheit, zum Finale des Songs steht, um es auch dem letzten klarzumachen, in übergroßer Schrift auf dem Screen: „Trump ist ein Schwein!“

 

Es folgt nun „Money“ und ein gigantisches „Us and Them“, bildgewaltig illustriert und musikalisch überwältigend, insbesondere der Chorgesang im Refrain. Ich sitze ja nun schon fast auf der Bühne, aber jetzt würde ich am liebsten da unten mitmachen. Während über dem Publikum mit Laserstrahlen eine Pyramide gebildet wird, durch die wie auf dem „Dark Side“-Cover der Lichtstrahl in das Regenbogenspektrum zerlegt wird, setzen „Brain Damage“ und „Eclipse“ einen furiosen Schlusspunkt hinter den Hauptteil.

Vor den „Zugaben“ richtet Roger Waters eine längere Rede an das Pubikum, in der er vor allem Stellung zu den Ereignissen des Tages in Israel und Gaza nimmt (Eröffnung der US-Botschaft und die gewaltsame Niederschlagung der Proteste). Er spricht fast fünf Minuten und ich habe mir nicht viel merken können, aber ich nehme den Versuch einer klaren Trennung zwischen seiner Kritik an der Politik der aktuellen israelischen Regierung und antisemitischen Parolen wahr. Waters‘ Ansichten zu Israel sind in höchstem Maße diskutabel, seiner hier geäußerten Forderung nach dem grundlegenden Recht auf ein Leben in Frieden und Freiheit, das für alle Menschen gilt, kann ich mich auf jeden Fall anschließen.

Das Finale der Show – jetzt trauen sich auch ein paar Innenraumbesucher, ihre Sitzplätze zu verlassen und ganz nach vorn zu kommen – bilden „Mother“ (mit der klaren Botschaft „Should I trust the government?“ – „Auf gar keinen Fall!) und „Comfortably Numb“. Bei letzterem hatte ich gehofft, noch einmal das gigantische Farbeninferno der „The Wall“-Tour zu sehen, aber das soll nicht sein, immerhin sind noch ein paar bunte Laserstrahlen übrig. Roger kommt von der Bühne herunter, geht in zwei Metern Entfernung an mir vorbei, winkt kurz und geht durch den Bühnengraben, um sich persönlich bei den dort Stehenden zu bedanken. Auf dem großen Screen sitzt wieder die junge Frau am Strand, inzwischen ist die Flut gekommen. Ein beeindruckender, unvergesslicher Abend ist vorüber.

 

Set 1

Speak to Me (Intro) – Breathe – One of These Days – Time – Breathe (Reprise) – The Great Gig in the Sky – Welcome to the Machine – Déjà Vu – The Last Refugee – Picture That – Wish You Were Here – The Happiest Days of Our Lives – Another Brick in the Wall (Part 2) – Another Brick in the Wall (Part 3)

Set 2

Dogs – Pigs (Three Different Ones) – Money – Us and Them – Smell The Roses – Brain Damage – Eclipse – Mother – Comfortably Numb

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