Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Hansa historisch, Teil 7

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MSV Duisburg – F.C. Hansa Rostock 1:2, „Schauinsland-Reisen-Arena“, 26. Februar 2007, 2. Liga, 23. Spieltag

 

Die aktuelle Situation hat unter anderem zur Folge, dass wir weiterhin auf derzeit nicht absehbare Zeit auf unsere liebsten Freizeitbeschäftigungen verzichten müssen, so eben auch auf den Besuch von Fußballspielen in der Gesellschaft guter Freunde. „Geisterspiel“-Inszenierungen im Fernsehen sind dafür nicht wirklich ein Ersatz.

Und nun sitze ich doch vorm Fernseher und verfolge den Auftritt meiner Hanseaten beim MSV Duisburg, hoffentlich ein Spiel, von dem ich später mal sagen werde, es hätte mich beGEISTERt, wenigstens ergebnismäßig.

Die Gedanken wandern zurück, zwischen 2007 und 2016 war ich siebenmal im Duisburger Stadion (Das Namensungetüm schenke ich mir mal) zu Gast, gern erinnere ich mich an meinen ersten Besuch in der Zweitliga-Saison 2006/07, als Hansa an einem Montagabend mit einem schon etwas überraschenden Sieg beim direkten Konkurrenten drei sehr wichtige Punkte für den späteren, letztmaligen Aufstieg in die Bundesliga entführen konnte.

Es folgt mein damaliger, leicht gekürzter Bericht für hansafans.de. Viel Spaß beim Lesen und Erinnern.

Die Nummer Eins im Pott sind wir

Wie heißt es so schön – Urlaub mit der Bahn ist Urlaub von Anfang an. Nun, ein kleines Vorspiel gab es schon am Freitagabend, als ich auf dem Wege zu einem Knorkator-Konzert lernen durfte, dass sich Unternehmen der „Deutsche Bahn Gruppe“ nicht zu schade sind, für das Betreten heruntergekommener, vollkommen verdreckter U-Bahnsteige bei deren Verlassen Eintritt zu kassieren, und zwar in einer Höhe, dass man dafür auch eine gute Bundesliga-Karte kaufen könnte. Aber irgendwo müssen die Millionen für protzige Prestigebauten in der Hauptstadt, die beim leisesten Windhauch evakuiert werden, ja herkommen. Organisiertes Verbrechen – dein Name ist Deutsche Bahn, deine Heimat Hamburg St. Pauli.

Die Reise nach Duisburg verlief dessen ungeachtet ohne Störungen, auf der ganzen Strecke gab es wissenswertes und interessantes zu bestaunen. Angefangen hat das mit einer Reisenden im Regionalexpress, die lautstark der Zugbegleiterin ihr Missfallen kundtat: „Haben Sie bei der Bahn nichts anderes zu tun, als andauernd die Fahrkarten zu kontrollieren?“ Hatte sie tatsächlich nicht, im Abteil ging sogar das Gerücht um, dass sie dafür bezahlt würde.

Auch der ICE setzte sich pünktlich, wenn auch etwas zögerlich in Bewegung, was uns unterwegs die Möglichkeit gab, die Hamburger Phoenix-Werke in ihrer ganzen Schönheit zu bewundern. Beim planmäßigen Umsteigen in Hannover bestätigte sich dann wieder einmal, dass man auf dem nicht überdachten Teil des Bahnsteiges auch nicht dichter an der Waggontür steht, dafür aber wenigstens mitbekommt, wenn es regnet. Unterwegs im Ruhrgebiet gab es dann noch regionale Verkehrsmittel mit so pott-typischen Namen wie Prignitzer oder Ostseeland zu bestaunen.

So verging die Zeit wie im Fluge und ehe wir es uns versahen, standen wir auf dem Duisburger Hauptbahnhof. Nach einem kurzen, von heftigen akustischen Attacken des Tresenpersonals begleiteten, Besuch eines amerikanischen Gourmet-Tempels bestiegen wir die S-Bahn Richtung MSV-Stadion.

Das alte Wedau-Stadion kannte ich nur aus dem Fernsehen, so dass es für mich eine Stadionpremiere war. Die neue Arena ist schon von weitem an ihrer charakteristischen Farbgebung und Beleuchtung zu erkennen. Insbesondere die obere Umrandung weckt lustige Assoziationen, die aber wahrscheinlich inzwischen in jedem Bericht über einen Besuch dort enthalten sein dürften, so dass ich das nicht auch noch durchkauen möchte.

Für Hansa ging es beim ersten Spiel in diesem Stadion vor allem darum, neue Kraft und Selbstvertrauen nach durchwachsenem Rückrundenbeginn zu tanken (ups, nun ist es mir doch herausgerutscht), vor allem aber ein deutliches Signal in Richtung der Aufstiegskonkurrenten zu setzen: Wir sind noch da. Damit dies gelingt, musste wenigstens ein Punkt her.

Frank Pagelsdorf ließ sich zur Umsetzung dieses Vorhabens mal wieder etwas Überraschendes einfallen. Nach seiner Gelbsperre war Kern wieder im Team, in der Innenverteidigung lief diesmal unerwartet Madsen auf, da Sebastian als rechter Außenverteidiger sich speziell um den torgefährlichen Idrissou kümmern sollte, was ihm, nach anfänglichen Unsicherheiten im weiteren Spielverlauf immer besser gelang.

Begonnen hatte das Spiel mit erwartet starkem Druck des MSV, worauf sich unsere umformierte Viererkette zunächst einstellen musste. Ehe sie dies geschafft hatte, stand es nach einem zweifelhaften Eckball bereits 1:0 (19. Minute, Kopfball Schlicke). Nun war Hansa aufgewacht und begann seinerseits mit besser organisiertem Spielaufbau. Chancen gab es zwar weiterhin nicht viele, wenn die Jungs jedoch mal vors Tor kamen, wurde es gefährlich. Zunächst übte Yelen noch mit einem straffen 40 Meter-Freistoß, der gegen den Pfosten klatschte. In der 28. Minuten war es dann so weit, ein weiterer Yelen-Freistoß, diesmal aus 22 Metern, wurde leicht abgefälscht und landete zum verdienten Ausgleich im Tor.

Fast wäre eine Minute später sogar die Führung gelungen, aber Kern scheiterte bei einer schönen Langen-Hereingabe von rechts am ausgezeichnet haltenden Duisburger Torwart Beuckert. Dorn hatte kurz vor dem Pausenpfiff noch eine gute Gelegenheit, verfehlte aber knapp das Tor.

Auch in der zweiten Halbzeit bemühte sich Duisburg um ein weiteres Tor, während Hansa aus einer weitestgehend sicheren Abwehr heraus versuchte, das Spiel zu kontrollieren und gezielt nadelstichartige Konter zu setzen. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Nachdem Schiedsrichter Stark zu Recht zwei Duisburger Tore wegen Abseits nicht anerkannt hatte, holte Hansa in der 75. Minute zum endgültigen KO-Schlag aus: Ein feiner Angriff über die linke Seite, Stein flankte fast von der Grundlinie nach innen, wo Shapourzadeh nur den Fuß hinhalten musste und dies auch tat – 2:1 und grenzenloser Jubel im Gästeblock.

Danach gab es noch einmal Aufregung, als Lavric wegen einer Tätlichkeit gegen Beinlich die Rote Karte sah. Paule spielte dabei leider eine nicht ganz so gute Rolle, wobei er sich wohl etwas zu stark von den in der Nacht zuvor verliehenen Oscars inspirieren ließ. Dafür gab es – ebenfalls zu Recht – Gelb, was jedoch nichts, aber auch gar nichts, an der vorangegangenen Tätlichkeit änderte. In Überzahl hatte Hansa dann keine Schwierigkeiten, das Spiel souverän zu Ende zu bringen, und so konnten knapp 1000 begeisterte Hansafans den unerwarteten Auswärtssieg bejubeln.

Nach dem Spiel folgte dann noch ein Ereignis, das den Hansa-Sieg fast in den Schatten gestellt hätte. Im Chicken King feierten wir noch knapp zwei Stunden gemeinsam mit einigen Duisburger Fans das Ende einer weiteren Serie: 17 Spiele war der MSV zuletzt ungeschlagen, die letzte Niederlage vorher gab es gegen Hansa. Die Duisburger erwiesen sich dabei fast ausnahmslos als faire Verlierer und hervorragende Gastgeber. Der anwesende Seniorinnen-Fanclub tat sich dabei besonders hervor und so war es kein Wunder, dass eine der Damen Fördis Herz im Sturm eroberte, was in exzessives Dirty Dancing mündete. Aber auch umgekehrt hatte es gefunkt, der arme Mayk hatte alle Hände voll zu tun, den Nachstellungen eines besonders liebenswürdigen Zebraweibchens zu entgehen, sehr zur Belustigung des begeisterten Publikums.

Aber auch die schönste Feier geht irgendwann zu Ende, so dass wir uns dann auf den Weg machten um rechtzeitig zur für 2:48 Uhr geplanten Abfahrt des Zuges in die Heimat wieder am Duisburger Hauptbahnhof zu sein. Dieser präsentierte sich zu nächtlicher Stunde wie ausgestorben. Lediglich eine einsame Backwarenfachverkäuferin widerstand tapfer der Stunde der toten Augen (Altgediente mit Wacherfahrung wissen, was ich meine), wobei sie sogar philosophisch wurde.

Frage: Haben Sie die ganze Nacht auf? Antwort: Ja. Frage: Und haben Sie denn viel Kundschaft um diese Zeit? Antwort (mit einem vielsagenden Lächeln): Ich kriege 2,44 Euro. Rumms! Das hatte gesessen. Uns blieb nur der geordnete Rückzug, der dann zum Glück auch relativ pünktlich fuhr und uns durch die dunkle Nacht wieder in Richtung Heimat brachte, natürlich nicht, ohne dass alle 90 Minuten die Abteiltür aufgerissen wurde, um unsere Fahrkarten zu kontrollieren. Haben die bei der Bahn nichts anderes zu tun?!

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