Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Love is in the air

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F.C. Hansa Rostock – FC St. Pauli, 2.April 2022, Ostseestadion, 2. Liga, 28. Spieltag, vor dem Spiel

Es ist mal wieder so weit: Nach mehr als zehn Jahren „Pause“ ist die Profimannschaft des FC St. Pauli im Ostseestadion zu Gast. Die Feststellung, dies sei ein Spiel wie kein anderes, ist so banal wie zutreffend, auf nahezu allen Ebenen.

Ein sehr besonderes Spiel ist es vor allem für die Anhänger beider Vereine, womit ich hier niemandem Neues erzähle. Wie alles begann und was sich seit den ersten Spielen 1992/93 ereignet hat, wurde aus Hamburger Sicht in einem sehr ausführlichen Beitrag beim „Millernton“ vor dem Hinspiel der aktuellen Saison aufgeschrieben, zugegebenermaßen keine sehr freudbetonte Lektüre. Aus Rostocker Perspektive habe ich bisher nichts in Umfang und Detailliertheit Vergleichbares finden können. Ich danke für diesbezügliche Hinweise in den Kommentaren. Ich selbst habe die Geschichte dieses Duells erst ab 2002 im Stadion miterlebt, meinen ungefragten Senf dazu mit heutigem, teils angelesenem Kenntnisstand braucht kein Mensch, also belasse ich es bei der Feststellung, dass diese Begegnung wie keine andere in Deutschland als Projektionsfläche für außersportliche Themen herhalten muss, und werde ich mich hier der Aktualität zuwenden.

Die Vereine pflegen in der öffentlichen Wahrnehmung ein Verhältnis, das irgendwie keines ist. Mein aus den dünn gestreuten Medieninformationen gespeister Eindruck (im Wesentlichen auch nur „Kaffeesatz-Leserei“ zwischen den Zeilen) ist, dass sich die Offiziellen gegenseitig nicht besonders geil finden, aber rührend demonstrativ bemüht sind, vor direkten Duellen verbal kein Öl ins Feuer zu gießen, zumindest in der Außenkommunikation. Intern mag das anders sein. Dies aus erster Hand bestätigt oder gegebenenfalls korrigiert zu bekommen, wäre echt mal interessant, würde aber den Rahmen dessen sprengen, was ich als Freizeit-Blogger leisten kann und will.

Auf eine journalistisch ausgewogene Aufarbeitung brauche ich angesichts der hoffnungslos fortgeschrittenen Boulevardisierung der Sportberichterstattung auf allen Verbreitungswegen mit ihrer Fixierung auf Schlagzeilenträchtiges wohl nicht mehr zu hoffen, da unterscheiden sich „die“ Öffentlich-Rechtlichen leider nicht von „den“ Privaten, alle wollen viel zu sehr (Bestand-)Teil des Produktes und nicht etwa distanzierter Beobachter sein. „Mittendrin, statt nur dabei“ hieß es einst beim Deutschen „Sportfernsehen“. Das meinen die immer noch ernst, wiewohl es einzelne rühmliche Ausnahmen gibt.

Und was ist mit fiktionalen Stilmitteln? Selbst ein ausgewiesener Meister der Tragödie wie William Shakespeare dürfte heute beim Versuch, diesen Zwist in eine bühnentaugliche oder wenigstens glaubwürdige Story zu verwandeln, müde abwinken. Es käme ja doch nur eine klischeebeladene Schmonzette wie das berühmt-berüchtigte NDR-„Schicksalsspiel“ dabei heraus. Bitte nicht! Ich habe kürzlich beim Aufräumen eine DVD-Sicherheitskopie dieses Werkes gefunden. Sollte ich?

Zurück in die Gegenwart: Je näher der Spieltermin rückt, umso mehr werden sich Aufrufe beider Vereine zu Fairness und Sportsgeist der verfeindeten Fanlager häufen. Es gab und gibt nur wenige Dinge im Umfeld der Spiele beider Teams, die ich überflüssiger finde. Man spürt mit jeder einzelnen Silbe, wie die Medienabteilungen und/oder Fanbeauftragten routiniert-widerstrebend dieser (ihrer) lästigen Pflicht nachkommen, im Bewusstsein, dass die gutgemeinten Appelle von den Zielgruppen, wenn überhaupt, bestenfalls mit verständnislosem Schulterzucken zur Kenntnis genommen werden.

In diesem Zusammenhang drängt sich ganz beiläufig die Frage auf, dem Gehirn welches Universalgenies die Anstoßzeit Sonnabend, 20:30 Uhr entsprungen ist. Abgesehen von feuchten Riot-Träumen, die Frage der An- und vor allem Abreise, insbesondere auch des Gäste-Anhangs, mit ÖVM spielte bei diesem planerischen Meisterstück wohl eher eine nachrangige Rolle. Die Heimreise hätte so ausgesehen: Spielende gegen 22:30 Uhr, Abfahrt Rostock Hbf. 23:13 Ankunft Hamburg Hbf. 6:11 Uhr! Selbst von Auswärtsspielen im Südwesten ist man oft früher zurück. Als kleines Extra-Bonbon wäre in den 7 (SIEBEN!) Stunden Reisezeit auch noch ein viereinhalbstündiger Aufenthalt in Schwerin vorgesehen, immerhin ohne Aufpreis. Das Publikum rast vor Begeisterung, Standing Ovations, begleitet von Hochrufen auf Zentralkomitee und Politbüro.

Grandios, „ZIS“, das macht euch so schnell keiner nach. Bitte fühlt euch bei allen kommenden DFB-Beschimpfungen ausdrücklich mitgemeint. Ihr seid mitverantwortlich, wenn sich dubiose Polizei-„Gewerkschafter“ wieder wochenlang mit sorgenvergrämter Mimik durch die Talkshows trashen: Neue Dimension! Hoffentlich sind nach der überwältigenden Betroffenheit über je einen Böller in Essen und Becher in Bochum noch genügend Superlative zum Empören übrig.

Nun, zumindest die Frage der An- und Rückreise haben die Hamburger durch die Organisation eines Sonderzuges selbst entschärft, Glückwunsch dazu. Individuell reisenden Gästefans wünsche ich eine angenehme, unbehelligte Fahrt zum Ostseestadion und wieder zurück. Leider ist das keine Selbstverständlichkeit, nicht nur bei diesem Spiel, und wird dies wohl auch nicht so schnell werden.

Dass beide Vereine über viele Jahre immer wieder in verschiedenen Ligen am Spielbetrieb teilnahmen, ist bei der Dynamik der Entwicklungen wohl Fluch und Segen zugleich. Einerseits entfielen die drohenden Begleiterscheinungen (aka. Bilder, die „wir“ nicht sehen wollen), andererseits hatten beide Lager so jede Menge Zeit und Muße, ihre gegenseitige Abneigung auch ohne regelmäßige Pflichtspielkontakte zu pflegen und mit neuen „Inhalten“ und Ausdrucksformen anzureichern.

 

Inzwischen ist eine Fan-Generation nachgewachsen, die zwar aufgrund verschiedenster, immer aber „besonderer“ Umstände noch nie ein Spiel des F.C. Hansa gegen den FC St. Pauli im Stadion gesehen hat, aber dass die anderen nichts als Verachtung verdienen, lernen sie ab dem ersten Stadionbesuch, gleichermaßen, dass das Scheiße-Finden des FC St. Pauli schon mal Abstriche an der Unterstützung der eigenen Mannschaft erfordern kann.

Unpopuläre These: Regelmäßige Aufeinandertreffen beider Mannschaften und Fangruppen hätten vielleicht die Möglichkeit eines langsamen Gewöhnungseffektes geboten, so dass nicht jedes Pflichtspiel zwischen beiden Mannschaften im jeweiligen Umfeld von neuem zum Tag des Jüngsten Gerichtes hochgejubelt würde. Dann würde die anlasslose Erwähnung von „Scheiß St. Pauli“ gegenüber Unbeteiligten vielleicht auch nur noch ein gelangweiltes Gähnen auslösen, so wie es mir geht, wenn Kölner oder Düsseldorfer bei jeder Gelegenheit ungefragt mit Calmund-eskem Wortschwall darlegen, warum die jeweils andere Stadt sowas von überhaupt nicht geht.

Wirklich neugierig wäre ich mal, aus erster Hand zu erfahren, wie die Spieler mit den Umständen und einander umgehen. Dass sich die gegenseitigen Sympathiewerte in der Vergangenheit mitunter in Grenzen hielten, war oft auf dem Platz zu sehen, ich werfe nur mal ein paar Namen aus der noch etwas jüngeren Historie in den Ring wie Martin Retov, Deniz Naki, Tom Weilandt, Fabian Boll. Da haben wir doch alle sofort Bilder vor Augen. Aber wie hält das die aktuelle Spielergeneration? Gibt es da so etwas wie professionelle Kollegialität? Im Hinspiel am Millerntor gingen die Akteure auf dem Platz aus meiner etwas distanzierten Sicht insgesamt doch respektvoll miteinander um, das würde ich mir nun auch für die Partie im Ostseestadion wünschen. Vielleicht schaffen es diesmal sogar die Trainer, die Pressekonferenz nach dem Spiel gemeinsam zu bestreiten.

Damit wären wir nun endlich beim Sport. In der Tat, Fußball wird möglicherweise auch gespielt, was mitunter etwas außer Acht gerät. Für Hansa lief es zuletzt gar nicht übel, offenbar wurde mit dem spektakulären 4:3 „auf Schalke“ eine Welle initialisiert, auf deren Kamm die Kogge dauerhaft ruhige Gewässer ansteuern kann. 3:2 gegen Holstein Kiel, nun hat hoffentlich auch Fin endlich verstanden, wer zum F. Hansa Rostock ist. Dann das 1:0 in Sandhausen, beim „direkten Konkurrenten“, dafür wurde einst der Begriff „Big Points“ erfunden. Summa summarum drei Siege in Folge! Wo soll das noch hinführen? Ich wäre ja erst mal für vier Siege in Folge.

Und doch (Binsenweisheit): Auch in „so einem“ Spiel gibt es „nur“ drei Punkte zu holen. Dass wir die immer noch ganz gut gebrauchen können, ist bekannt. Wenn bei der Gelegenheit auch gleich das traurige Bild geradegerückt wird, das die Darbietung unserer Mannschaft in der Hinrunde am Millerntor hinterließ, soll mir das durchaus recht sein. Von den 2 Gesichtern der Hanseaten (schon wieder 2G,auweia!) durften sich im Saisonverlauf schon andere überzeugen, die damit im Traum nicht gerechnet hätten, aber einfach mal fällig waren.

Also: Nikkis rein in die Hosen und getreu dem Motto eines lieben Block-Nachbarn im Ostseestadion angreifen:

NACH VOOOOOOORNEEEE!

Na gut,nach dem „seriösen“ Teil gestatte ich mir nun abschließend wenigstens eine kleine Stänkerei: Ein erstaunlicher Vorschlag zum Umgang mit dem FC St. Pauli kommt aus dessen Umgebung. Das Bild entstand am 24. Oktober 2021 bei einem touristischen Ausflug in der Nähe der Landungsbrücken.

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Also, wenn sie es selbst sagen …

5 Kommentare zu “Love is in the air

  1. Ich bin zwar keine leidenschaftliche Fußballfan, aber Deine Beiträge lese ich immer wieder mit Genuss.

    Ach, ich finde die öffentlichen Entsorgungsbehältnisse in Hamburg erheiternd. Ich erinnere mich immer noch sehr gut an folgenden Spruch: „Welch liebliche Müllodie…“

  2. Pingback: Lage am Millerntor - 29. März 2022 - MillernTon

  3. Pingback: Lage am Millerntor - 31. März 2022 - MillernTon

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