Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

A Love Bizarre

Ein Kommentar

F.C. Hansa Rostock – FC St. Pauli 1:0, 2.April 2022, Ostseestadion, 2. Liga, 28. Spieltag

Es ist vollbracht. Im „Spiel des Jahres“ kann Hansa zum ersten Mal seit 2008 wieder ein Spiel gegen den FC St. Pauli gewinnen, mit seinem Treffer zum Endstand in der 59. Minute sichert sich Nico Neidhart seinen Platz in der hanseatischen Hall of Fame.

Für Hansa bedeutet dies zunächst drei weitere wichtige Punkte auf dem Weg zum immer greifbarer werdenden Klassenerhalt in der 2. Liga, und das in der ersten Spielzeit als Aufsteiger, dessen sportliche Qualität von nicht wenigen „Fachleuten“ schon in Frage gestellt wurde, bevor überhaupt die Saison begonnen hatte. Geschenkt, um ehrlich zu sein, hatte ich als Tribünenexperte mit Problemen beim situativen Sehen ja selbst Bedenken, ob das gut ausgeht. Und jetzt haben wir bei noch sechs ausstehenden Spielen tatsächlich alles selbst in der Hand, können es aus eigener Kraft schaffen. Wenn es gelingt, das alles zu einem guten Ende zu bringen, freue ich mich auf eine rauschende Zweitligaparty am 15. Mai im Ostseestadion.

Eine besondere Genugtuung muss der Erfolg vom Sonnabend vor allem für Trainer Jens Härtel bedeuten, der unter der demütigenden Niederlage im Hinspiel sehr gelitten hatte. Dazu kam dann noch die zuletzt unnötigerweise extern losgetretene Diskussion um seine persönliche Zukunft, die er aber offensichtlich in der Arbeit mit der Mannschaft bislang ausblenden kann. Es war schön zu sehen, wie entspannt und für Härtelsche Verhältnisse geradezu euphorisch der Trainer die Journalistenfragen nach dem Spiel beantwortete. Möge dies so bleiben.

Dass es an der Berechtigung des Ergebnisses keine Zweifel gibt, darin waren sich alle befragten sportlich Beteiligten einig. Beeindrucken konnte die kämpferische Leistung, mit der es Hansa gelang, den spielstarken Gegner über weite Strecken vom eigenen Strafraum fernzuhalten. Dem Trainerteam ist es in der Vorbereitung gelungen, die emotionale Aufladung und Erwartungshaltung des Umfeldes in mannschaftliche Energie umzuwandeln und auf das Spielfeld zu übertragen. Ich muss aber zugeben, dass ich vorübergehend Sorgen hatte, einzelne Spieler könnten etwas übermotiviert über das Ziel hinausschießen, allen voran JV18. Danke für den Pausenpfiff. Also immer beherzigen: Kühler Kopf und heißes Herz!

Auf den Rängen herrschte die prognostizierte hitzige Atmosphäre. Knapp 25000 Zuschauer sorgten für voll besetzte Tribünen. Aber nicht nur das, erstmals seit dem Beginn der schrittweisen Öffnung der Stadien kehrte die aktive Szene auf die Südtribüne zurück. Damit das auch wirklich alle mitbekommen, gönnte man sich einen effektvollen „Blocksturm“, nachdem alle mehr oder weniger freiwillig, aber geduldig auf der Promenade das Startsignal abgewartet haben. There’s no business like show business. Brauche ich persönlich so nicht mehr, aber es heißt ja auch nicht umsonst „Jugendkultur“. Zur neuen Saison werde ich wohl über einen Wechsel auf einen altersgemäßen Platz nachdenken.

Die Unterstützung der Mannschaft erfolgt über 90 Minuten brachial und lautstark, oft unter Einbeziehung aller Tribünen, obwohl Struppi nicht ein einziges Mal „das ganze Stadion!!!“ aufruft, erstaunlich. Dass die Gesänge über weite Strecken monothematisch dem Gegner gewidmet sind, kommt nun auch nicht unerwartet. Nicht mein Geschmack, aber in dem Fall wohl mein Problem.

Noch ein paar Anmerkungen zu den Umständen des Spiels, die ich ausdrücklich nicht nur als „Randbemerkungen“ verstanden haben möchte.

Ein Spiel Hansa Rostock – FC St. Pauli wird auf lange Sicht keine „normale“ Sportveranstaltung sein. Von der Illusion, einen solchen Zustand noch mitzuerleben, habe ich mich nach dem Wochenende verabschiedet. Ich sehe einfach den Willen dazu nicht bei allen Beteiligten. Auch meine Interpretation des offiziellen Verhältnisses beider Vereine in der Spielvorschau entspringt wohl mehr unrealistischem Wunschdenken meinerseits. Die Kommunikation auf unseren offiziellen Medienkanälen spricht Bände, oder ich habe komplett abweichende Vorstellungen davon, wie man „kein Öl ins Feuer“ gießt. Ein guter Bekannter auf Hamburger Seite sagte mir dazu: Es ist, wie es ist. Da hat er wohl recht.

Zu Ereignissen um den Gästeblock in der Halbzeit und nach dem Spiel gab es zunächst kaum offizielle Informationen. Der NDR stellt in seiner Kurzzusammenfassung fest, dass die „befürchteten Auseinandersetzungen rivalisierender Fans“ ausgeblieben wären. Die Polizei feiert sich in einer „Gemeinsamen Abschlussmeldung von Landes- und Bundespolizei“ für den „effektiven Polizeieinsatz“, dank dessen es zu „keinem direkten Aufeinandertreffen…“usw. kam.

Augenzeugenberichte vermitteln einen anderen Eindruck. Macht euch also selbst ein Bild, schwer zu finden sind die nicht. Ein Bild machen, darin liegt wohl das Geheimnis des „Erfolges“. Jetzt, wo sich alle einig sind, welche Art Bilder „wir“ nicht sehen wollen, ist klar: Wovon es keine bewegten Bilder gibt, das hat auch nicht stattgefunden. Hauptsache, es fliegen keine Becher. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Hört gern das „Nach dem Spiel“ beim Millernton, wo ich freundlicher Weise noch einmal zu Gast sein durfte.

Abschließend beiden Vereinen eine erfolgreiche Restsaison, bleibt gesund!

Ein Kommentar zu “A Love Bizarre

  1. Pingback: Lage am Millerntor - 6. April 2022 - MillernTon

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