Rot-Weiss Essen – F.C. Hansa Rostock 1:1, 20. September 2026, Stadion an der Hafenstraße, 3. Liga, 7. Spieltag
(Hopping: FC Welheim – 1. FC Hirschkamp)
Zum Abschluss der „englischen Woche“ steht der Ruhrpott auf dem Reiseprogramm. Mit Bekanntgabe der Terminierung auf Sonntag 13:30 Uhr und den resultierenden Groundhopping-Optionen war klar: Da fährst du hin. Keine Ausreden! Unabhängig davon habe ich, was Auswärtsspiele mit Hansa betrifft, eine stillschweigende Vereinbarung (ja, nun wisst ihr es auch) mit mir selbst getroffen, die besagt: Ich besuche immer wieder und so lange FCH-Pflichtspiele auf einem Ground, bis eine Hansa-Elf dort in meinem Beisein einmal gewonnen hat. (Spoiler: Damit ist schon mal klar, dass meinen – Stand: heute – vier Ausflügen zu RWE mindestens ein weiterer folgen muss, bis irgendwann der Haken dran kann. Diese, meine Liste ist übrigens nicht gerade kurz und erstreckt sich quer durch das deutsche Alphabet von Aachen bis Zwickau, aber das sei nur am Rande bemerkt.
Sonnabend
Ist die ICE-Bahnverbindung von Mecklenburg ins Ruhrgebiet geil oder geil? Ganz ehrlich: Abfahrt Schwerin 10 Uhr, Ankunft Essen Hbf schon gegen 15 Uhr, bei nur einem Umstieg in der Stadt des Nullvier-Minuten-Meisters von 2001. Einen kleinen Schwachpunkt hat der Reiseplan leider: Die planmäßige Ankunft in GE erfolgt zu spät, um das Regionalligaspiel S04/U23– Sportfreunde Lotte im Parkstadion, Anstoß 14 Uhr, mitzunehmen. Das hatte ich erst nach der Zugbuchung so richtig wahrgenommen. Selbst zur 2. Halbzeit (jaja, die Hoppingregeln …) schaffe ich es nicht, da ich statt planmäßig 14:12 erst gegen 14:45 ankomme. Also steige ich doch gleich in den nächstbesten Zug nach Essen.
Ich gehe gleich ins Hotel, brauche für die „angeblich“ 600 Meter ungefähr 25 Minuten. Davon folge ich 15 Minuten lang den Ansagen meiner Navigations-App, ohne dem Ziel auch nur einen Meter näher zu kommen. Kurz bevor ich dem Drang nachgebe, meiner Wut auf „Tech-Riesen“ Luft zu machen, stelle ich dann doch lieber die Route von „Auto“ auf „zu Fuß“ um. Ja, ich dich auch, #GGL_MPS.
Das Einchecken im Hotel dauert dann ein bisschen länger, als es sollte. Dort wird gerade das CRM-System umgestellt und meine Buchung war „nicht übernommen“ worden. Na, toll.
Aber wozu bin ich Boomer? Natürlich habe ich die elektronische Buchungsbestätigung ausgedruckt dabei. Lacht mich ruhig aus, ihr jungen GenXYZ-Klugscheißer.
Mir tut vor allem die arme Rezeptionistin leid, die das Schlamassel bereinigen und parallel etliche andere Gäste begrüßen oder verabschieden muss, die es alle furchtbar eilig haben.
Nachdem ich mein Zimmer bezogen habe, kann ich mich den wichtigen Dingen zuwenden: Um 18 Uhr ist Anstoß zu einem Kreisligaspiel in Bottrop, erreichbar mit U-Bahn und Bus, die beide auch nach dem Schlusspfiff noch fahren. Obwohl ich diesmal ganz allein unterwegs bin, wage ich das Abenteuer und fahre zu dem Spiel. Nicht so richtig einfach ist der Weg vom letzten Bushalt (Für Ortskundige: An der Kommende) zum Sportplatz. Der führt durch einen schönen Park mit zentralem Kinderspielplatz. Auch jetzt ist besagte Navi-App keine wirkliche Hilfe, trotz richtiger Einstellung. Mit Parkwegen hat sie es nicht so. Aber es sind am lauen Endsommerabend nette Leute unterwegs, die mir zweimal die Richtung weisen.
Nach dem Spiel, auf dem Rückweg durch die Dunkelheit wird das nicht mehr so sein. Das Glück des Tüchtigen lässt mich trotzdem irgendwie die Bushaltestelle finden. Dort habe ich eine halbe Stunde Zeit, mir ein Szenario auszumalen, in dem der Bus nicht kommt und ich streunenden Ex-Grubenhunden oder einer der berüchtigten Rurpottgangs zum Opfer falle. Ich habe wohl früher zu viele Splatterfilme gesehen.
Bus und Bahn bringen mich sicher zu meinem Hotel zurück, ich schalte kurz den Fernseher ein, sehe Giovanni Zarella. Kann ich bitte die Splatterfilme nochmal sehen?
Hopping: FC Welheim – 1. FC Hirschkamp 0:5, 19. September 2026, Sportplatz Welheimer Straße, Kreisliga Johanning
Der Sportplatz Welheimer Straße ist nicht übermäßig attraktiv, gerade vor dem Hintergrund, dass ich bei besserer Planung heute auch das Parkstadion hätte besuchen können, aber in Ruhe ein Spiel ansehen kann man da gut. Rund um den Platz (Kunstrasen) verläuft ein Geländer, auf einer Geraden sind ein paar Treppenstufen zur Terrasse vor dem Vereinsheim, niemand muss verhungern oder verdursten, ein Platz aus der Kategorie „Müssen alle gemacht werden“.
Atmosphärisch passt alles, die Leute sind im Grunde so entspannt, wie man es nur in der Kreisliga sein kann, man trifft sich eben jede Woche da. Bei einem früheren Pott-Ausflug hatte ich mal den Vergleich mit einer Hape-Kerkeling-Filmkulisse gezogen, so ähnlich ist es auch hier.
Meine Lieblings-Charaktere sind der Ordner, der vom Spielfeldrand ununterbrochen und lautstark Schiri-Entscheidungen kommentiert („Inne Bundesliga pfeifense dat nich!“) oder Zwischenrufe von Fans der Gastmannschaft beantwortet („Rote Karte? Welche Regel soll dat sein?!“), und ein Schiri-Assistent in Jeans, der hauptsächlich zweisprachige Konversation mit seinen Kumpels außerhalb des Spielfeldes und weit entfernt von seiner“ Spielfeldhälfte betreibt und nur ab und zu mal die Fahne hebt, wenn ein Ball über die Seitenlinie rollt, als er zufällig hinsieht.
Auch schön: Die Gastgeber haben auf dem Trikotrücken ihren Vereinsnamen aufgedruckt, die Gäste dagegen die Spielernamen. Vielleicht soll das die höhere individuelle Klasse unterstreichen? Das Ergebnis scheint ihnen rechtzugeben. 😊


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Sonntag
Ich steige kurz vor halb Elf am Hauptbahnhof in einen Linienbus, der mich etwa 15 Minuten später an der Hafenstraße absetzt. Bisschen sehr früh, die Stadiontore öffnen erst 12 Uhr, dass es schon den ganzen Vormittag regnet, dämpft die Vorfreude schon etwas. Ich gehe, vorbei am berühmten Hafenstübchen, in Richtung Stadion, es ist allgemein noch nicht viel los, nur ein paar Leute vertreiben sich die Zeit vor dem Tresenfenster, das Wetter trägt seinen Teil zur Tristesse bei. Weiter also zum Stadion, ich hoffe, mich da wenigstens irgendwo ein bisschen unterstellen zu können. Links von der Parkplatzzufahrt ist mit Foto- und Infotafeln eine kleine Gedächtnisstrecke für das historische Georg-Melches-Stadion aufgebaut, dazwischen steht ein überdachtes Tribünchen mit ein paar alten Stadionsitzen. Die sind besetzt, aber ein/zwei Stehplätze sind frei, so dass ich tatsächlich kurz dem Regen ausweichen kann.
Ich halte mich nur ungern als Fremder bei solchen Grüppchen auf, wo sich alle außer mir kennen, und in Konversationslaune bin ich auch nicht, schon gar nicht darüber, wie schlimm doch alles ist, und dann noch die Jugend … bla bla. Als einer zu fragen anhebt „Wieso soll ich als Deutscher…?“, warte ich das Ende der Frage nicht ab, wechsle „unauffällig“ pfeifend die Straßenseite und drehe ein paar Runden im Stadionumfeld, das an diesem öd-grauen Vormittag – mit allem gebotenen Respekt – nur wenig Vor-Spiel-Vibes aufkommen lässt. Das leichte Klärgruben-Aroma, das aus der Nachbarschaft herüberweht, macht es nicht besser. Durchhalten!
Pünktlich 12 Uhr gehen die Tore auf. Ich gönne mir einmal Currywurst mit Brötchen, dann begebe ich mich auf meinen Platz auf der Helmut-Rahn-Tribüne, Block R1, fast ganz oben, rechter Rand. Kurze Sicherheitsprüfung auf dem Weg dahin. Zwei oder drei mutmaßliche „Späher“ beobachten durch kleine Löcher in der Sichtschutzwand den Gästeeinlass, verlassen den Tribünenbereich aber schnell wieder, offenbar gibt es nichts zu beanstanden. Mich beachten sie überhaupt nicht. Kennt ihr „The Departed“? In einer Filmszene wird erklärt: Wenn dich einer nicht beachtet, ist es ein Bulle. Wie auch immer, ich mache es mir auf meinem Sitz „bequem“ und genieße die wunderbare Aussicht.
Bis zum Anstoß ist es heute angenehm ruhig, nach und nach trudelt das Publikum ein, der Block ist wirklich bis auf den letzten Platz gefüllt, was meine Absicht, vielleicht auf einen Platz zu wechseln, wo ich auch ein bisschen vom Gästeblock sehen kann, im Ansatz zerstört. Der Einlass dort, so wird mir später berichtet, verläuft auch unspektakulär, vergleichsweise entspannt, wofür auch der Umstand spricht, dass pünktlich mit dem Einlaufen der Akteure der Zaun dekoriert ist und der akustische Support einsetzt.
Nicht verzichten müssen wir auch heute auf eine Comedy-Einlage des Stadionsprechers:
„Die Kogge. Ein Kriegsschiff? Oder vielleicht ein Papierschiffchen? Wir werden den Stöpsel ziehen, sie im Hafenbecken versenken.“ Und die ultimative Pointe: „Ein voller Gästeblock, das hat Rostock mit St. Pauli gemeinsam.“
Interessant für mich, dass ich keine Reaktionen auf diese Albereien wahrnehme. Nicht im Gästeblock, dahört wahrscheinlich sowieso niemand zu, aber auch in meiner unmittelbaren Umgebung lösen die Gags kein Lachgewitter aus. Aber egal, jetzt scheint das Schlimmste überstanden, wir können uns dem Spiel zuwenden.
RWE hat erwartungsgemäß mehr Spielanteile. Bei Hansa liegt, auch nicht unerwartet, der Fokus auf Stabilisierung der Defensive. Das klappt bis zur Halbzeit gut, ich kann mich sogar an eine Tormöglichkeit für Dietze erinnern, der bei einer Hereingabe von links einen Gedankenblitz zu spät heranrutscht.
In der zweiten Halbzeit kann Maxi Krauß nach verunglückter Essener Rückgabe mit dem Ball am Fuß in den Strafraum eindringen und geschickt ins lange Eck vollenden. Den rot-weissen Angriffen kann sich Hansa lange entgegenstellen, leider nicht lange genug. In der 89. Minute fällt doch noch der insgesamt schon verdiente Ausgleich für RWE. Bitter für uns, aber so ist Fußball.
Tribünensicht (RWE): Catenaccio07 Im Schatten der Tribüne




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Wir gehen also aus der ersten „englischen Woche“ mit 4 Punkten in die “Pause“, mit Andre Breitenreiter ist der neue Cheftrainer verpflichtet. Viel Erfolg, Trainer!
Essen, wir sehen uns wieder.
