Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Wieder kein Wort zum Sonntag

Ein Kommentar

Sie haben es wieder nicht gespielt! Langsam glaube ich ja, die machen das mit Absicht. Na ja, mir kann es egal sein, aber meinem Freund Pfütze nicht. Immerhin hat der sogar sein heiliges Gelübde, den Schmelinghallenschwur vom 29. Dezember 2012, wie man in Pfützes Dunstkreis sagt, gebrochen, der da lautete: Nie wieder DTH! Wie tragisch.

Dabei hat der wunderbare Spätsommerabend des 28. August 2013 so verheißungsvoll begonnen. Die Anreise zum Veranstaltungsort gelingt ohne Inanspruchnahme navigationstechnischer Hilfsmittel, Parkplätze stehen in akzeptabler Entfernung in ausreichender Anzahl zur Verfügung, so dass es dieses Mal nicht nötig sein wird, mit rührseligen Geschichten die Tränendrüsen des Sicherheitspersonals zu massieren. Abgesehen davon, hätten wir mit einer Dritte-Wahl-Story a la Max-Schmeling-Halle wohl auch ein kleines Glaubwürdigkeitsproblem.

Der Einlass am Haupteingang zum IGA-Park in Rostock-Schmarl gestaltet sich angenehm zügig, die Leibesvisitation entlockt dem regelmäßigen Stadionbesucher nicht mal ein müdes Lächeln, in minimaler Zeit überwindet unsere siebenköpfige Schweriner Reisegruppe die Barriere und strebt erwartungsvoll der Bühne entgegen. Dann erlebe ich ein Déjà-vu: Zwei der Mitreisenden, mit denen ich das gleiche Erlebnis schon einmal hatte (bitte hier klicken und zu den letzten vier Absätzen scrollen), suchen zielstrebig eine Hecke auf, um dem Ruf der Natur zu folgen. Als ich beschließe, es ihnen gleich zu tun, naht aus dem Hintergrund ein Ordner, um mich freundlich, aber bestimmt, auf die eigens bereitgestellten Dixi-Dienstleistungskabinen hinzuweisen. Er kann ja nicht wissen, dass ich seit zwei Wochen ein Alter erreicht habe, das mir gestattet, „es“ einfach laufen zu lassen, wann immer mir so ist. Dummerweise bin ich inzwischen fast fertig, aber ich verspreche, es mir zu merken. Positiver Nebeneffekt: Ich spare 30 Cent. Läuft!

Nächster Tagesordnungspunkt: Händeschütteln und Schulterklopfen, etliche Freunde und gute Bekannte haben sich eingefunden, die Schnittmenge Fußball/Musik in Rostock ist schon beachtlich. Aber auch von weiter her kann so manches bekannte Gesicht identifiziert werden, nicht immer hält der Fußballgeschmack mit der musikalischen Vorliebe Schritt, stellvertretend seien hier nur die Jahreszahlen 1966 (ok, geht gerade noch so), 1898 und auch 1910 genannt. Aber das spielt heute keine Rolle.

Ein guter Platz in fototauglicher Bühnenentfernung, die zugleich einigermaßen Schutz vor plötzlichen Pogo-Attacken verspricht (ich bin ja nicht mehr der Jüngste), ist bald gefunden. Schnell werden ein paar Erinnerungsfotos geschossen und dann geht es kurz nach 18.30 Uhr los. Hosen-Bassist Andi kommt auf die Bühne und kündigt die erste Band des Abends an, für die in den nächsten dreißig Minuten ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung geht. Fünfundzwanzig Jahre sind vergangen seit den ersten Konzerten der Rostocker Band Dritte Wahl, zu deren frühen Einflüssen Ende der 1980er Jahre auch die Toten Hosen zählten.

Im Vorfeld des Konzertes war in gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen gemunkelt worden, dass die Hosen Zweifel an der Zugkraft der „Wahle“ geäußert hätten. Ich weiß zwar nicht, wen Campino & Co. sonst noch in Betracht gezogen hätten, aber in Mecklenburg-Vorpommern im Allgemeinen und Rostock im Besonderen ist einfach kein besserer Opener für ein Konzert dieser Art vorstellbar. Okay, vielleicht noch die „Matrosen in Lederhosen“.

Die Darbietung der Rostocker wird zu einem Triumph. Mit einer guten Mischung aus älteren und aktuellen Stücken bringen sie die Anwesenden vom ersten Akkord an sofort auf Betriebstemperatur, große Teile des textsicheren Publikums singen vom ersten bis zum letzten Ton jedes Lied lautstark mit und sorgen für dauerhafte Gänsehaut auf und vor der Bühne. Viel zu schnell vergeht dabei die Zeit, nach dreißig Minuten ist leider schon Schluss – eine völlig neue und unerfreuliche Erfahrung, wenn man die energiegeladenen Konzerte von Gunnar, Krel, Stefan und „Rainer Langhans“ kennt, aber, wie man im Norden sagt: Nützt ja nix.

Und das war das Dritte-Wahl-Set:

Und jetzt?

Halt mich fest

Wo ist mein Preis?

Störung

Fliegen

So, wie ihr seid

Zeit bleib‘ stehen

Normalerweise könnte man jetzt gehen, aber der Abend hält ja noch zwei weitere Leckerbissen bereit und bei mehreren Bands muss ja nun auch mal eine den Anfang machen. Weiter geht es dann mit den Broilers. Auch diese Band muss niemandem mehr vorgestellt werden, der vorgibt, sich für Musik zu interessieren. Die Düsseldorfer sind zum zweiten Mal in Rostock zu Gast, im April 2012 hatten sie einen brechend vollen MAU-Club zum Kochen gebracht, nun ergibt sich die Möglichkeit, die Band im Gefolge der Hosen bei einem Open Air zu erleben.

Als inzwischen über „Szenegrenzen“ hinaus angesagte Band gehen die Broilers auf „Nummer Sicher“ und bringen mit zwei Ausnahmen ausschließlich Titel der auch kommerziell sehr erfolgreichen beiden letzten Alben „Vanitas“ und „Santa Muerte“ zu Gehör. Schade, ich hätte mir schon noch Perlen wie „Paul“ oder „Blaue Auster“ gewünscht. Dafür werde ich wohl geduldig auf eine nächste Gelegenheit warten müssen, wenn die Broilers als Headliner unterwegs sind. Der guten Stimmung tut das dennoch keinen Abbruch, erneut weiß das Rostocker Publikum mit stimmlicher Qualität und Tanzlust zu überzeugen.

Preludio: Vanitas

Zurück zum Beton

Nur die Nacht weiß

Tanzt du noch einmal mit mir?

Harter Weg (Go!)

In ein paar Jahren …

In 80 Tagen um die Welt

Geboren zu gewinnen

Ruby light & dark

Wie weit wir gehen

33 rpm

Meine Sache

Beide Support-Bands haben mit ihren Auftritten einen soliden Grundstein für das gelegt, was nun bevor steht. Die gute Laune reißt nicht mehr ab, die während des Umbaus aus der Konserve kommenden Punk- und Rock-Gassenhauer werden lautstark mitgesungen, selbst vor Blur’s Song 2 wird dabei nicht zurück geschreckt. Was daran so besonders ist? Fragt einen Hansafan eures Vertrauens. 😉

Bei Konzerten der Toten Hosen besteht immer eine gewisse „Gefahr“, dass diese zu sehr unter der Teilnahme dessen leiden, was im Fußball gern als Event-Publikum bezeichnet wird, in diesem Fall also Leute, die „Tage wie diese“ und die „Jägermeister“ kennen und Konzerte vor allem als Gelegenheiten sehen, sich zu besaufen und lautstark herum zu prollen, so wie die Millionen „Fußballfans“, die sich alle zwei Jahre beim Public Viewing in den Armen liegen und die „schwarz-rot-geile“ Nationalhymne grölen. Dass ausgerechnet bei der Ostseewelle, dem schrillsten privaten Sender des Landes, Karten für den Abend verlost wurden, wirkt in diesem Zusammenhang nicht gerade beruhigend. Zum Glück belehrt mich der Abend im Großen und Ganzen eines Besseren. Danke dafür, Rostock!

Die Hosen laufen zu großer Form auf, ihnen gelingt eine anständige Mischung aus aktuellen Stücken und Klassikern wie „Reisefieber“ (mein absoluter Favorit), „Alex“ oder „Opelgang“, bis hin zu Raritäten wie „Modestadt Düsseldorf“. Die Setliste folgt einer geschickten Dramaturgie, die für eine ständig wachsende Intensität der Atmosphäre sorgt.

Besondere Höhepunkte sind dabei für mich:

• Das Hannes-Wader-Cover „Heute hier, morgen dort“ – jetzt wird doch mal in meiner unmittelbaren Nähe gepogt, ein bisschen Spaß muss schließlich sein.

• Der Gastauftritt von Jana aus Rostock, die bei „Paradies“ Campino vorübergehend am Mikrophon ablöst – nicht wirklich „schön“ gesungen, aber voller Herzblut und Leidenschaft. Das ist der wohl „punkigste“ Moment des Abends.

• Bei der Ankündigung von „Steh auf“ sucht Campino Gemeinsamkeiten in der sportlich überwiegend bescheidenen Bilanz zwischen Fortuna und Hansa, was vom Publikum mit lautstarkem „Hansa Rostock“ Gesang beantwortet wird.

• Bemerkenswert die Anmoderation von „Reisefieber“: Ja, die Ostsee ist für euch (also das Publikum) nichts Besonderes. Aber wir (Band) aus (O-Ton) „fucking Düsseldorf“, mit dem „stinkenden Rhein“, … kann man sich nicht ausdenken.

Wer sich Gastauftritte, beispielsweise von Marteria, erhofft hat, wird leider enttäuscht, obwohl dessen „Das ist der Moment“ gespielt und sogar dem mit seiner Familie anwesenden Marten gewidmet wird. Leider wird es auch versäumt, die lokalen Helden von Dritte Wahl im Zugabenteil für einen Song auf die Bühne zu holen, und so das totale Stimmungsmaximum zu erreichen, eine schöne Geste an eine große Band wird verpasst.

Gut verschmerzen kann ich dagegen das Ausbleiben des „Bayern“-Songs, so muss ich nach dem Benefizspiel zugunsten des FC Hansa wenigstens kein schlechtes Gewissen haben. Nächstes Mal natürlich wieder gern!

Ein Song mit Fußballbezug setzt dann traditionell den Schlusspunkt eines tollen Abends. Und hier kann ich mich Campino, abgesehen von dem Schal, den er jetzt um seinen Hals legt, vollinhaltlich anschließen: Dieses Lied ist so viel mehr als „nur“ ein Fußball-Song. Gegen 23 Uhr endet ein furioser, begeisternder Abend. Danke an drei großartige Bands, hoffentlich auf bald!

Und natürlich: Happy Birthday, Dritte Wahl!

Beim Verlassen des IGA-Parkes treffe ich Pfütze, der seinen Kummer über die erneute Verweigerung des „Wortes zum Sonntag“ mittels Frustshoppings am Merch-Stand verarbeitet – als Broilers „Die-hard“ nun auch äußerlich erkennbar verschwindet er leise schluchzend mit Marschrichtung „Pleitegeier“ in die Rostocker Nacht.

Und hier noch die Setlist der Toten Hosen:

Drei Kreuze

Ballast der Republik

Altes Fieber

Auswärtsspiel

Modestadt Düsseldorf

Das ist der Moment

Alles was war

Heute hier, morgen dort

Bonnie & Clyde

Ein guter Tag zum Fliegen

Sascha … ein aufrechter Deutscher

Paradies (& Jana)

1000 gute Gründe

Europa

Pushed again

Schrei nach Liebe

Liebeslied

Steh auf, wenn du am Boden bist

Hier kommt Alex

Wünsch dir was

Tage wie diese

—-

Achterbahn

Alles aus Liebe

Eisgekühlter Bommerlunder

Reisefieber

—-

Alles wird vorübergehen

Far far away

Zehn kleine Jägermeister

Schönen Gruß, auf Wiederseh’n

—-

Draußen vor der Tür

Freunde

Opel-Gang

You’ll never walk alone

Ein Kommentar zu “Wieder kein Wort zum Sonntag

  1. Heute hier, morgen dort ist sowieso einer der schönsten Hosensongs. Mittlerweile bin ich sesshaft, vor zehn Jahren wäre dieser Song meine Hymne geworden.

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