Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Zwei Konzerte und ein Auswärtssieg

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Dritte Wahl – Album-Release „Geblitzdingst“, 27. Februar 2015, Astra Kulturhaus Berlin

„Warum sind schöne Tage so schnell um?“ hat Zaunpfahl mal gefragt. Zum Ausklang eines Wochenendes, an dem sich ein Höhepunkt an den nächsten reihte, kann ich mich dem wieder einmal nur anschließen. Natürlich war nach dem fantastischen Konzert am Wochenanfang im MAU-Club klar, dass sich die Besucher im Berliner Astra auf zwei Abende der Superlative freuen durften. Dass dann aber auch noch unser bevorzugter Fußballverein bei seinem Auswärtsspiel in Halle den Punkt (streng genommen waren es ja drei) auf das „i“ setzte, verlieh dem Ganzen erst die angemessene hanseatische Würze.

Das Programm war mit drei Veranstaltungen innerhalb von 24 Stunden schon nicht von schlechten Eltern, zusätzlich war ja auch noch der eine oder andere Kilometer abzureißen. In solchen Fällen ist langfristige Vorbereitung angesagt und so hatte ich mir rechtzeitig eine nette Übernachtung gar nicht weit weg vom Berliner Astra gesichert, wo ich am Freitag relativ spät eintreffe.

Das Hotel mit seinem liebenswerten Ostberliner Charme (um in die 5. Etage zu gelangen, muss man im Fahrstuhl die 2 drücken, im 4. Stock dann aussteigen und noch eine Treppe hoch) befindet sich in gerade mal zehn Minuten Entfernung (zu Fuß) vom Astra. Da ich, wie schon erwähnt, spät dran bin, mache ich mich unverzüglich auf den Weg und treffe gegen halb neun am Astra ein. Leider zieht sich der Einlass ganz schön in die Länge, denn die vorab erworbenen und zu Hause ausgedruckten Kombitickets müssen an einem Kassenschalter gegen Armbändchen eingetauscht werden, was doch etwas Zeit in Anspruch nimmt. Als ich dann endlich drin bin, geht gerade der Auftritt von 44 Leningrad zu Ende, die ich somit leider verpasst habe. Sehr ärgerlich.

Bevor Dritte Wahl loslegt, ist nun Zeit, mich im ein wenig im Astra umzusehen. Der Punktabzug für den Einlass kann gleich an der Garderobe wieder ausgeglichen werden. Die Organisation da ist hervorragend, die Jungs und Mädels sind unglaublich auf Zack und es dauert an beiden Abenden nicht annähernd so lange, seine Sachen abzugeben, wie man im Angesicht der Schlange vor dem Tresen befürchten muss. Etwas mehr Zeit muss man dafür an der Theke mitbringen, der Andrang da ist – wenig überraschend – durchgängig groß. Lösung hierfür: Immer gleich ein Bier mehr mitnehmen.

Schon am Freitag sind jede Menge bekannte Gesichter aus Rostock am Start, einige davon haben sich ja auch für den zweiten Programmpunkt angemeldet. Aber auch die Berlin/Brandenburger Fraktion (Wildauer Herzbuben) erscheint zahlreich zum ersten musikalischen Highlight des Jahres. Allzu viel Zeit für ausschweifende Begrüßungsrituale ist jedoch nicht mehr, denn kurz vor 22 Uhr geht das Saallicht aus und ein grandioses Konzert nimmt seinen Lauf.

Der Saal ist sehr gut gefüllt, jedoch so, dass man unbedrängt stehen und sich relativ ungestört der Musik widmen kann. Zunächst wiederholen die Wahle mit den ersten acht Stücken das Programm aus dem Rostocker MAU vom Montag. Erneut ist das Publikum sofort auf Betriebstemperatur. Die Stimmung ist großartig und wird immer euphorischer.

Als nicht ganz die Hälfte der Setliste „abgearbeitet“ ist, erreicht das Konzert einen emotionalen und musikalischen Höhepunkt. Im Gedenken an den unvergessenen Busch’n erklingt „Auf der Flucht“, dabei wird die Band von In Extremo unterstützt. Das Lied geht ja so schon unter die Haut, aber die Interpretation mit Dudelsack am Freitagabend treibt mir noch einmal zusätzlich abwechselnd heiße und kalte Schauer den Rücken hinunter.

Musikalisch legen die Jungs danach – so schwer das auch vorstellbar ist – noch eine Schippe drauf. Es folgt „Alles für den Wind“ vom Album „Gib Acht!“, erneut mit Uilleann Pipes begleitet. Das geht durch Mark und Bein und elektrisiert den ganzen Saal. Man möchte den großartigen Moment festhalten, aber das Konzert muss ja weitergehen.

Nach etwas über zwei Stunden und insgesamt 31 Liedern endet dann der erste Teil der Albumpräsentation, ein großartiges Konzert, das mit zum Besten gehört, das ich je bei Dritte Wahl erleben durfte.

Hallescher FC – F.C. Hansa Rostock 1:2, 28. Februar 2015

Der Morgen danach beginnt mit einem störenden Geräusch, irgendwer hat meinen Telefonwecker aktiviert. Widerwillig stehe ich auf und bereite mich auf den zweiten Programmpunkt vor, der da heißt: Auswärtsspiel in Halle. Dazu ist es zunächst nötig, nach einem soliden Frühstück im Hotel meine Mitreisenden zusammenzutrommeln, letzteres sogar im wörtlichen Sinn, denn unser Jüngster ignoriert seinen Wecker vollständig und reagiert erst, als ich wie ein SEK-Trupp kurz vor dem Einsatz des Brecheisens seine Zimmertür mit der Faust bearbeite.

Eine halbe Stunde später kann es losgehen, Mitfahrer zwei steht pünktlich vor der Hoteltür. Mitreisender drei lässt sich wegen Unpässlichkeit entschuldigen. Und ab geht es in Richtung Süden. Die Reise verläuft ohne Komplikationen, auch der Weg bis zur Autobahn im Westteil hält im samstagvormittäglichen Verkehr keine Hindernisse bereit. Unterwegs vertreiben wir uns die Zeit mit lustigen Saunageschichten und Tipps für den alternativen Einsatz von Wärme-Cremes.

In nur zwei Stunden Fahrzeit erreichen wir Halle/S., wo ein laut Faninformation „bewachter“ Parkplatz für Gästefans eingerichtet ist. Die Bewachung sieht so aus, dass ein Polizist mit Kamera die Ankunft beobachtet und seine Kollegin die Kfz.-Kennzeichen und vermutlich Anzahl der Insassen notiert. Ansonsten stehen jede Menge weitere Beamte und Einsatzfahrzeuge herum. Später, als wir nach dem Spiel zum Parkplatz zurückkehren, ist dieser völlig verwaist, keine Menschenseele weit und breit. Das ist schon ziemlich bizarr, wenn man überlegt, dass man auswärts normalerweise keinen einzigen Schritt unbeobachtet tun kann.

Vor dem Spiel nehmen wir noch eine kleine Stärkung in einem benachbarten Landhaus ein, wo wir auch Matti, einen uns seit vielen Jahren bekannten HFC-Fan treffen, der für zwei Freunde von mir und mich Karten auf der Haupttribüne besorgt hat und gemeinsam mit uns das Spiel ansehen wird. Der Aufenthalt im Landhaus zieht sich etwas hin und so erwischen wir erst 15 Minuten vor dem Anstoß eine Straßenbahn zum Stadion. Der Einlass dort verläuft dann in Rekordtempo, so dass wir genau richtig auf unseren Plätzen eintreffen. Als wir sitzen, kommen die Mannschaften aufs Spielfeld.

Zum Spiel nur so viel: Hansa nach gutem Beginn dann über weite Strecken mit überschaubarer Spielanlage und kaum Torgefahr, Halle geht mit Traumfreistoß in Führung und verdient sich diese dann auch mit weiteren guten Möglichkeiten, die aber zum Glück nichts einbringen. In der Schlussviertelstunde dreht Hansa dann dank zweier Standardsituationen die Partie, der Siegtreffer fällt in der Nachspielzeit, eine schöne Genugtuung für das 3:4 an gleicher Stelle vor einem Jahr.

Es ist immer interessant, inkognito im gegnerischen Lager ein Spiel zu verfolgen. Da wir uns ganz lieb verhalten, fallen wir auch keinem auf. Hinter mir sitzen zwei besondere Fußballexperten, die etwa zwei Drittel der Spieldauer damit beschäftigt sind, über unseren Marcel Ziemer abzulästern. Der eine bezeichnet ihn in jedem zweiten Satz als „das fette Schwein“. Sorry, Marcel, falls du das jemals lesen solltest, aber du hast ja diesen beiden Typen selbst genau die richtige und einzig mögliche Antwort gegeben.

Dank unserer Plätze in Reihe 2 und 3 erleben wir den Verweis unseres Mannschaftsarztes aus dem Stadioninnenraum aus nächster Nähe mit. Mit seinem Ballwegschlagen trifft er die Hallenser ins Herz, ein Spieler tickt verbal völlig aus (übrigens ohne Ahndung, wo doch die Karten beim Schiedsrichter sehr locker sitzen). Sicher eine unnötige Aktion des Doktors, aber sie zeigt auch, wie beim HFC die Nerven blank liegen, auch die beiden Spezis hinter mir vergessen für einen Moment Marcel Ziemer und schreien ihren Frust aufs Spielfeld raus.

Was bleibt sonst noch im Gedächtnis?

– die Heimkurve, die gezockte Fahnen aus dem Fanshop-Sortiment „präsentiert“ und dazu singt „Wir sind alle Schkopauer Jungs“,

– Björn Ziegenbein, der in Rostock unter anderem fußballerisch bessere Zeiten erlebt hat und offensichtlich von einem besseren Friseur betreut wurde

und

– ein Hallenser, der einer jungen Frau mit Kind, die bittet, doch erst mal aus der Bahn gelassen zu werden, bevor die Meute hineindrängt, zuruft: „Komm doch her, wenn du was willst, Schlampe! … Du Schlampe! … SCHLAMPE!!“ Wie sagen die von sich selbst? „Wir sind Halle Aas.“ Jou!

Dritte Wahl – Album-Release „Geblitzdingst“, 28. Februar 2015, Astra Kulturhaus Berlin

Wieder in Berlin angekommen, bleibt keine Zeit zum Ausruhen, auf der Suche nach etwas Essbarem landen wir bei „Haroun al Rachid“ in der Revaler Straße, direkt gegenüber vom Astra, wo sich schon eine kleine Ropiraten-Abordnung niedergelassen hat. „Gibt kein Bier hier!“ werden wir gleich mit der wichtigsten Information versorgt. Was soll’s, gibt ja nachher noch welches.

Ich mache das erste Mal Bekanntschaft mit Humus, also dem auf dem Teller, und bin von meiner Portion Schawarma sehr angetan. Am Tresen herrscht zwar während der Rush Hour ein ziemliches Durcheinander, bei dem nach Bestellannahme und Kassierung in Einzelfällen die Zubereitung vergessen wird, aber das wird schnell aus der Welt geschafft.

Gut gesättigt begeben wir uns ins Astra, wo gerade Hans am Felsen sein Set beendet. Toll, schon wieder eine Band verpasst, irgendwie muss ich an meinem Zeitmanagement arbeiten. Na gut, hole ich mir eben erst mal ein Bier. Das dauert heute, bei ausverkauftem Haus noch länger. Schwierig ist es, sich an der richtigen Stelle in das Wartekollektiv einzureihen. Faustregel für nächstes Mal: Wo die wenigsten stehen, wird am meisten bestellt.

Wenigstens bin ich rechtzeitig im Saal, als der COR-Auftritt beginnt. Zunächst gibt es den Lampedusa Blues und das Video dazu. Ich werde mich wohl nie an die zum Teil sehr harten Bilder gewöhnen, die in dem Film zu sehen sind und Friedemanns eindringlichen Gesang drastisch illustrieren. Dann legt die Band los, und wie. Antipop gibt musikalisch und thematisch die Richtung vor, mit den gewohnt brachialen Klängen gibt es ordentlich was auf die Ohren, zwischen den Songs lohnt es sich, bei Friedemanns Denkanstößen aufmerksam zuzuhören. Das unlängst erschienene COR-Album gehört in jede anständige Plattensammlung, soviel steht fest.

Während der anschließenden Umbaupause für Dritte Wahl füllt sich der Saal allmählich, es ist deutlich voller als am Vorabend, was nicht nur für die Räumlichkeit gilt, sondern auch für so manchen Besucher. Daraus resultierende Rempeleien beim rücksichtslosen Durchbruch von vorn nach hinten oder umgekehrt nerven mit zunehmender Dauer immer mehr und sind letztlich mit dafür verantwortlich, dass das Gesamterlebnis nicht an den ersten Abend heranreicht.

Auf der Bühne geben die Wahle erneut alles und spielen ein fantastisches Konzert. Gunnars angegriffene Gesundheit ist diesmal doch etwas zu spüren – weniger beim Gesang als bei den Ansagen zwischendurch. Es gibt diesmal nicht DEN ganz großen Höhepunkt wie am Freitag, aber natürlich hören wir ein starkes Set, darunter auch ein paar ältere Perlen wie „Schreie hinter Glas“ oder „Melodien für Melonen“. Nur auf „Kleiner Planet“ warte ich wieder einmal vergeblich. Dafür wird mit „F.D.S.“ kurz vor Ende des Hauptsets der letzte noch fehlende Song der neuen Scheibe dargeboten – nach „Fasching in Bonn“ in Altkalen 2012 darf ich zum zweiten Mal ein komplettes DW-Album bei einem (Doppel)konzert vollständig erleben. *

Als letzte Zugabe gibt es kurz nach Mitternacht „Kein Wort“, den traditionellen Schlusssong, dann sind zwei gigantische Konzertabende einer großartigen Band Geschichte, was mich zurück zur Eingangsfrage von Zaunpfahl bringt. Es bleibt die Vorfreude auf noch viele schöne Konzerte und ich kann es jetzt schon kaum erwarten, dass Gunnar den nächsten Song ankündigt:

… und der geht so …

Setlist Freitag

Geblitzdingst / Keine Angst / Der Spiegel / Störung / Mainzer Straße / Der Schatten / Wo ist mein Preis / Auge um Auge / Zu wahr um schön zu sein / Brot und Spiele / Auf der Flucht / Alles für den Wind / Und jetzt? / Alle Tage alles gleich / Teufel und Dämonen / Sirenen / Ich hab da diesen Tick / Resolution der Kommunarden / Stillstehn / So wie ihr seid / Fliegen / Noch einmal / Zeit bleib stehen

Schaum auf der Ostsee / Was weiß ich schon von der Liebe / Greif ein / Dritte Wahl

Asphaltcowboy / Halt mich fest / Immer auf der Reise / Danke

Setlist Sonnabend

Geblitzdingst / Tobias / Der Schatten / Halt mich fest / Stillstehn / Wo ist mein Preis / Melodien für Melonen / Sirenen / Sklave / Der Spiegel / Schreie hinter Glas / Auge um Auge / Ich bin’s / So wie ihr seid / Morgen schon weg / Ich hab da diesen Tick / zu wahr um schön zu sein / Zeit bleib stehen / F.D.S. / Fliegen

Sonne & Meer / Resolution der Kommunarden / Und jetzt?

Noch einmal / Störung / Keine Angst / Kein Wort

* Ich muss mich leider korrigieren, „Eure Zukunft“ wurde nicht gespielt. Ich gehe davon aus, dass es daher zum Zwanzigjährigen der neuen Scheibe eine Komplettaufführung in Altkalen geben wird.

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