Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Lá Fhéile Pádraig

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Schottland 2015 – Tag 2, 17. März

Für den ersten Höhepunkt und zugleich das Hauptmotiv unserer Reise haben wir uns auf einen genialen Plan verständigt. Wir machen es genauso wie 2014, das hat schließlich allen bestens gefallen. Never change a running Zapfhahn, oder so ähnlich. Einziger Unterschied: wir lassen vorher den Marathon zum Celtic Park weg, was uns neben der Kräfteersparnis auch noch die Möglichkeit gibt auszuschlafen, eine nicht unwesentliche Voraussetzung, um den Feiertag bis zum Ende zu genießen.

Um 10:30 begeben wir uns zum Frühstück, das wir dieses Jahr nicht im Hostel gebucht haben, also lassen wir uns in der nahe gelegenen McDonald’s Bakery nieder. Der gläserne Tresen bietet den unschätzbaren Vorteil, dass jeder vorher sieht, was er da bestellt. In der Gaststube sitzt es sich gemütlich, schnell ist eine Stunde vergangen. Nicht auszudenken, wenn es da auch noch alkoholische Getränke gäbe. Gibt es aber nicht, und so machen wir uns auf den Weg nach Gallowgate. Unterwegs schauen wir kurz in der Argyle Street im Celtic Store und einem gegenüber gelegenen Ramschladen Souvenirgeschäft vorbei. Letzteres übt mit unschlagbaren Angeboten eine magische Anziehung auf die Mädels aus: Drei St. Pat’s-Artikel zum Preis von zweien. Und die Auswahl ist riiieeeesig! Schon dreißig Minuten später ziehen wir weiter, fast alle tragen jetzt grüne Accessoires am Leib.

Gegen halb zwei erreichen wir die Tolbooth Bar, im letzten Jahr Stätte unserer rauschenden Party mit The Wakes. Die Bar ist bereits komplett gefüllt, als wir zu zehnt versuchen, uns zum Tresen durchzuschlagen. Ein Gast fragt, ob wir mit dem Bus gekommen sind. Wenn das so ist, dann sind vor uns schon mindestens drei Busladungen dort abgekippt worden. Wir treten also zunächst den Rückzug an, werden aber später noch einmal reinschauen.

Neuer Plan: Wir starten in der Hoops Bar, die öffnet um 14 Uhr, da kommen wir auf jeden Fall rein. Unterwegs kommen wir am Barrowland Ballroom vorbei, wo am Abend Stiff Little Fingers spielen werden. Könnte man sich durchaus auch geben, aber wir haben ja schon etwas vor. Und im Barrowland erwartet uns ja am Mittwoch sowieso noch etwas ganz besonderes.

Nebenan hat übrigens die ehemalige Bairds Bar einen neuen Anstrich bekommen. Nun erinnert nichts mehr an das frühere Aussehen mit den Zeichnungen irischer Originale. In einem kleinen Laden gegenüber mit dem Namen „Tim Land“ gibt es eine reichhaltige Auswahl an Celtic-Devotionalien und irischen Schals, Shirts, Badges, Buttons sowie Stickern mit Motiven, die uns beim Tragen in der Öffentlichkeit, besonders im Stadion durchaus in Schwierigkeiten bringen können.

Die Hoops Bar, nur wenige Schritte entfernt ist seltsamerweise noch geschlossen, 14:30 sind sogar die Rollläden unten. Hmm, was ist denn jetzt? Haben sie die etwa auch dicht gemacht? Unsere Befürchtung bestätigt sich zum Glück nicht, da aber langsam die Dehydrierung droht, gehen wir zum Saracen Head, wo es noch ziemlich leer ist, wir dafür aber wieder mit lustigen Hüten und – was das wichtigste ist – endlich mit Getränken versorgt werden. Aus den Lautsprechern dröhnen Celtic-Lieder und alte I.R.A.-Gassenhauer, so dass man kaum sein eigenes Wort versteht. Langsam erfasst uns das Partyfieber.

Wir bleiben etwa eine Stunde, dann unternehmen wir den zweiten Anlauf in der Hoops Bar. Jetzt klappt es, wir bekommen sogar noch einen Tisch. Die Musik kommt von der hauseigenen Band An Spiorad, zunächst nur durch den Sänger vertreten, später gesellen sich Bass und Mandoline dazu. Die Bandbreite der dargebotenen Songs ist beachtlich, von „Celtic Symphony“ über „Back Home in Derry“, „Black and Tans“, „The Town I love so well“, „S.A.M. Song“, „Lonesome Boatman“ bis „Fields of Athenrye“, „The Foggy Dew“ oder auch „Roll of Honour“ fehlt wirklich nichts, Freunde irischer Rebelsongs kommen voll auf ihre Kosten. Die Stimmung ist großartig, die Bar füllt sich immer mehr, es sieht so aus, als würden wir den Rest des Abends hier verbringen. Ja, würden, denn mittlerweile haben sich unsere Reihen gelichtet.

Unseren ewigen Unruheherd Thommy hält es nicht mehr in der Bar, denn da ist ja noch das … äh … Gerücht, dass The Wakes wieder in der Tolbooth Bar spielen, also geht er schon mal vor, um die Lage zu checken. Wir folgen ihm wenig später, schließlich hat der Gute ein Näschen für solche Events, das hat er schon oft bewiesen. Die Bar ist immer noch gut gefüllt, wir kommen aber irgendwie hinein und schlagen uns nach vorn durch. Wer jetzt noch fehlt, sind The Wakes. Dafür tritt ein anderer Sänger auf. Dieser verbreitet beste Stimmung, interagiert viel mit dem Publikum. Ich kenne nicht allzu viele der dargebotenen Lieder, aber auch die mir bekannten, traditionellen Songs werden gern in abgeänderten, meist nicht ganz jugendfreien Versionen intoniert. Bei „The Wild Rover” gibt es sogar extra einen Hinweis für uns: „For the Germans, this is not the original version.“

Macht aber nichts, wir haben trotzdem Spaß. Von Freunden des Sängers (sein Name ist Karl Byrne) erfahren wir, dieser solle einen sehr guten Freund ganz oben beim VfB Stuttgart haben. Interessant, so kommen die Worte „Stuttgart“ und „oben“ wenigstens mal in einem Satz vor. Karl tritt im Sommer übrigens in Aspach auf, wie er mir später verrät. Ich habe mich nicht verhört, er meint tatsächlich DAS Aspach mit dem Drittligateam. Und wie fast schon zu befürchten ist, wird er dort mit Andrea Berg die Bühne teilen. Ob er wohl weiß, was er da für Publikum vorfindet?

Liebling der älteren Damen und somit St. Patrick’s Partyboy ist in diesem Jahr der Vermesser. Stellvertretend für uns alle wird er von mehreren Ladies förmlich belagert und in Zuneigung erdrückt sowie zu diversen Fotos, Tänzchen und wer weiß wozu noch animiert. Überhaupt ist es unglaublich, wie sich die Schotten jedesmal vor Freude kaum einkriegen, wenn sie uns als Deutsche identifizieren. We love Germany, such a beautiful country, very nice people there und so weiter, so viele Sympathiebekundungen sind einem ja fast schon unangenehm. Das wird in den nächsten Tagen noch ganz andere, skurrile Blüten treiben, dazu dann später mehr.

Der Abend nähert sich allmählich der Sperrstunde, und so brechen wir in Richtung Hostel auf. Es ist gar nicht so einfach, den Vermesser von seinem Fanclub loszueisen, denn jetzt müssen natürlich noch Fotos mit „all the lovely Germans“ her. So ist eben das Leben als Celebrity. Eine der Damen erzählt von ihrem Vater, der sich 1945 in Süddeutschland mit einem deutschen Jungen angefreundet und diesem heimlich Lebensmittel zugesteckt hatte. Später hatten sie jahrelang versucht, den Jungen von damals wiederzufinden, was aber trotz Suchanzeigen und Zeitungsartikeln mit Foto nie gelang. Wir trinken noch einen Schluck auf das Andenken des Vaters. Es waren Leute wie dieser Besatzungssoldat, die den Grundstein dafür legten, dass wir – Kriegsgegner vor 70 Jahren – heute gemeinsam feiern und uns völlig selbstverständlich als Freunde begegnen können.

Auf dem Heimweg meldet sich der eine oder andere Magen zu Wort und erinnert daran, seit dem Frühstück nichts Festes mehr bekommen zu haben. Unser Noodle Stop/Chop Stix existiert leider nicht mehr, das ist natürlich bitter. Zusammen mit Matze gehe ich ins KFC auf der anderen Straßenseite. Fastfood ist international, was gerade im Ausland die Bestellung erleichtert. Denken wir jedenfalls. Wenige Minuten später zweifle ich wieder einmal an jahrelangem Englischunterricht, oder liegt es einfach nur daran, dass Tom and Peggy in „English for you“ mit Diane Loeser im DDR-Fernsehen immer zu Hause gegessen haben? Ich verstehe nicht ein Wort, als die junge Dame hinterm Tresen nach Beilagen fragt. Meinen Vorschlag, sie möge doch einfach etwas aussuchen (Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!), lehnt sie rundweg ab. Also spult sie ihren Text wieder und wieder ab, bis ich plötzlich ein bekanntes Wort aufschnappe. „Coleslaw.“ Sag das doch gleich, Mädchen. Glücklich gehen wir auseinander. Ich verfolge noch gespannt, wie sich Matze jetzt anstellt. Er zeigt auf mich und ordert: „The same.“

Life can be so simple.

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