Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Höhen und Tiefen

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SV Victoria Seelow – F.C. Hansa Rostock U21 5:1, 23. Oktober 2016

Wer vor 1990 in diesem Land – oder, wie wir damals sagten, in „unserer Republik“ – zur Schule gegangen ist und in Geschichte nicht durchgängig geschlafen hat, bekommt sicher schon bei der Überschrift zu diesem Text und dem nachfolgenden Untertitel klingende Ohren. Dazu gleich noch etwas mehr. Für drei Schweriner Hanseaten ist das Gastspiel unserer Zweiten zunächst willkommener Anlass, das Wochenende nach dem grandiosen Triumph in Duisburg am Vortag mit einem entspannten Ausflug ins Oderbruch unter dem Motto „Fußball und Kultur“ gepflegt ausklingen zu lassen. Es wird ein Tag voller Gegensätze, der als Gesamtpaket an Erlebnissen die Tour nach Duisburg sogar noch übertreffen wird.

Der Verkehr auf den Autobahnen fließt am Sonntagvormittag entspannt und ohne jegliche Störung vor sich hin, so erreichen wir das östliche Brandenburger Outback trotz leicht verspäteter Abfahrt aus Schwerin mit beruhigendem Zeitpolster auf den Anstoß, das uns auch nicht nervös werden lässt, als uns das Navigationssystem kurz vor Müncheberg auffordert, wieder auf die Route zurückzukehren. Hmm, das ist jetzt komisch, der Blick aus dem Fenster lässt uns glauben, wir würden gerade mit Tempo 80 über die Bundesstraße 1 dahingleiten, das kann aber nicht stimmen: Die Straßenkarte beweist klar, dass wir uns auf einem unbebauten Feld befinden. Ist das jetzt „Virtual Reality“ oder vielleicht eine besonders subtile Einladung zum Ackermatch? Fallen gleich die Wölfe aus Rainald Grebes „Brandenburg“ über uns her?

Nach fünf Minuten ist der Spuk überstanden, Wirklichkeit und Straßenkarte stimmen wieder überein. Während wir uns dem Reiseziel annähern, staunen wir über eine weitere regionale Besonderheit. In einem Waldstück, wenige Kilometer vor Seelow, auf den Wegweisern erscheinen schon Ortsnamen in polnischer Sprache, sitzen alle paar hundert Meter links und rechts vom Fahrbahnrand Frauen verschiedenen Alters auf mitgebrachten Klappstühlen, als würden sie dafür bezahlt. Meine beiden jüngeren Mitreisenden wissen sofort Bescheid, bei mir dauert es ein paar Sekunden, bis ich begreife, dass die Damen (darunter auch dem Anschein nach Frauen sehr jungen Alters) nicht näher bezeichnete Dienstleistungen anbieten. Das Geschäft scheint nicht besonders gut zu laufen, denn viele von ihnen sitzen am Nachmittag bei unserer Rückreise immer noch da.

Uns beschäftigt dies nicht weiter, jetzt steht erst mal der kulturelle Teil des Tages auf dem Plan. Meine beiden Mitreisenden genießen nicht die Gnade der frühen Geburt und können mit Seelow erst mal nichts anfangen, haben aber keine Einwände gegen den Vorschlag, vor Ort noch ein wenig die Geschichtskenntnisse – je nach Alter – aufzufrischen oder zu erweitern. Wir nehmen uns Zeit für einen Besuch der Gedenkstätte Seelower Höhen. Der Anblick der monumentalen Bronzeplastik und der Soldatengräber zu ihren Füßen, dazu die Aussicht auf den Schauplatz der letzten, entscheidenden Schlacht des 2. Weltkrieges um den Zugang nach Berlin lässt uns frösteln, die freundlich scheinende herbstliche Sonne hilft dagegen kaum. Nachdenklich verlassen wir die Anlage nach beeindruckenden 30 Minuten und fahren zum Stadion.

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Die „Sparkassen-Arena“ liegt nicht weit vom Stadtzentrum am Rande eines kleinen Plattenbaugebietes. Wir finden in der Nähe eine Parkmöglichkeit und reihen uns in den Strom der Massen ein, die zum Spiel pilgern, insgesamt werden es 320 Zuschauer. Drei oder vier Polizisten stehen neben dem Eingangstor und beobachten mehr oder weniger gelangweilt das Geschehen. Alle scheinen sich persönlich zu kennen. Alle – außer uns dreien.

Oha! Drei Fremde, da schauen wir doch gleich mal in die Papiere, auf Amtsdeutsch nennt sich das „anlassunabhängige Personenkontrolle“. Möglich ist das wohl aufgrund der nahegelegenen Grenze zu Polen. Nun ja, wir planen zwar keine Republikflucht, aber was soll‘s? Es ist so ein schöner Sonntag, wer will sich da aufregen. Ein Beamter verschwindet mit unseren Personalausweisen in seinem Streifenwagen. Während wir auf ihn warten, wird ein älterer Herr zum Stadiontor gebracht, der sich nicht wohlfühlt und offenbar ärztliche Hilfe benötigt. Unser Fahrer, ich nenne ihn mal „Lehmi“, holt schnell eine Wasserflasche aus dem Auto.

Währenddessen kommt der Polizist mit unseren Ausweisen zurück, vorher hat er noch kurz mit jemandem am Einlass gesprochen, der entschieden hat, unseren „Lehmi“ nicht ins Stadion zu lassen. Begründung: Ein Eintrag in der Datei „Gewalttäter Sport“ liege vor, getätigt „nach dem Vorfall in Ludwigsfelde“.  Das Erstaunen ist groß, denn „Lehmi“ war noch nie in Ludwigsfelde, aber das ist natürlich kein Argument, schließlich steht es so in den Akten. Bitte?! Ja, so ist es, und deshalb macht der Ordnungsdienst von seinem Hausrecht Gebrauch.

Die sich nun entspinnende Diskussion wird zwar beiderseits wohltuend unemotional geführt, sachliche Argumente finden aber trotzdem keine Berücksichtigung. Weder wird die Tatsache anerkannt, dass kein Stadionverbot besteht oder eine laufende polizeiliche Ermittlung im Gange ist, noch möchte der Beamte Fragen zur grundsätzlichen Rechtmäßigkeit der Datenerhebung und –speicherung in dieser dubiosen Datei beantworten, denn … jetzt kommt das Totschlagargument … der Verein übt einfach sein Hausrecht aus. Bämm!

Ja ja, das Hausrecht, dagegen ist natürlich nicht anzukommen, erst recht für unsereins als Nichtjuristen. Natürlich kann auch ein Sportverein jederzeit sagen: „Ich lass dich hier nicht rein. Warum? Weil ich es kann. Hausrecht, ällerbätsch, nänänänänä!“ Interessant ist in diesem speziellen Fall, wie es zu dieser Entscheidung kommt. Der Ordner am Einlass weiß per se ja erst mal nichts über Einträge in irgendwelche obskuren Dateien, deren Rechtmäßigkeit, das wiederhole ich gern noch einmal, zumindest umstritten ist. Selbst beschaffen kann er sich diese Information ja (hoffentlich) nicht, also erhält er sie von dem eifrigen Polizeibeamten, der bei uns dreien „zufällig“ mal die Ausweise kontrolliert.

Warum ausgerechnet wir (als einzige!!) auserwählt sind, werden wir auch nie erfahren, denn das geschieht ja anlassunabhängig. Soll mal jemand sagen, Grenzen hätten nichts Gutes. Dass wir Hansafans sind, kann auch nicht der Grund sein, dann wären ja alle als Hanseaten erkennbaren Besucher überprüft worden (Gleichbehandlung?). Solange wir am Eingang stehen, geschieht nichts dergleichen. Im Gegenteil, ein Hansaschalträger bekommt sogar zur Begrüßung eine Umarmung von einer Polizistin, bevor er ins Stadion darf. Auch uns persönlich bekannte Rostocker Fans, die wir später treffen, gelangen unbehelligt hinein. Uns schlägt man derweil vor, es jetzt einfach gut sein zu lassen, wir könnten ja am Montag unseren Rechtsbeistand zu Rate ziehen und die Entscheidung prüfen lassen.

Zwischenzeitlich klärt sich das strittige Thema „Ludwigsfelde“, denn der Beamte informiert „Lehmi“ plötzlich darüber, dass er nicht dort „erfasst“ wurde, sondern in Saarbrücken. Man könnte jetzt einräumen, das reimt sich ja nicht mal auf Ludwigsfelde, aber wahrscheinlich wurde ja das Saarbrücker Stadion erwähnt, da kann man sich schon mal verlesen. Ludwigspark oder Ludwigsfelde – Hauptsache nicht Ludwigslust!

Ein Wahnsinn das alles, und das bei einem vollkommen unproblematischen Provinzkick ohne jegliches ersichtliches Konfliktpotenzial. Ich halte kurz telefonisch Rücksprache mit dem Hansa-Fanbeauftragten, der uns empfiehlt, mit einer Anzeige wegen Nötigung und einer Schadenersatzklage zu drohen. So weit kommt es glücklicherweise nicht mehr, denn das Gespräch mit einem Vertreter des Ordnungsdienstes nimmt inzwischen eine erstaunliche Wendung. Der in einem letzten verzweifelten Versuch von „Lehmi“ gezückte, gültige DFB-Schiedsrichterausweis löst tatsächlich einen Sinneswandel aus, „Lehmi“ darf nun sogar kostenlos ins Stadion.

Rechtlich beraten lassen werden wir uns auf jeden Fall trotzdem, denn eine solche Situation kann jederzeit wieder eintreten, das wissen regelmäßige Stadionbesucher leider zu genau. Ich bin jetzt schon gespannt, mit welcher Begründung die nächste „anlassunabhängige Personenkontrolle“ stattfinden wird, es ist ja nicht überall Grenzgebiet. Insofern sorry für diese längere Abschweifung, dies erschien mir diesmal leider nötig.

Eine halbe Stunde hat uns das Theater gekostet, als wir auf der Tribüne Platz nehmen, sind bereits dreizehn Minuten und zwölf Sekunden gespielt. Wir kommen gerade recht, um eine rote Karte gegen einen Hansaspieler und einen verwandelten Elfmeter zum 1:0 für die Hausherren mitzuerleben. Wenn’s läuft, dann läuft’s. Sportlich geht das jetzt bis zum Schlusspfiff so weiter, Halbzeitstand 3:0, Endergebnis 5:1, und ein desolater Auftritt des Hansa-Nachwuchses, wie ich ihn so schlecht selbst bei den Profis nie erlebt habe.

Egal, nach der Vorgeschichte ist der sportliche Teil des Tages nur noch Nebensache. Aber das Fußballerische wird sowieso überbewertet. Die Atmosphäre rund um das Spielfeld ist insgesamt freundlich und ohne Häme gegen die Hansaspieler, es gibt erstaunlich viele Hansa-Sympathisanten, sogar eine Hansafahne mit der Aufschrift Seelow hängt über den Sitzreihen. Auch die Versorgung der Zuschauer mit Essen und Getränken kann sich sehen lassen – alles sehr preiswert und beispielsweise mit Hähnchenschnitzeln und Burgern auch mal vom üblichen Standardschema abweichend.

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Nach Spielschluss nehmen wir unsere Zaunfahne ab und gehen zurück zum Auto. Natürlich entfernen wir das verwendete Klebeband vollständig, nicht dass uns noch Sachbeschädigung angehängt wird. Am Parkplatz wartet auf uns eine Slapstick-Show der Extraklasse, die uns den Ärger vor dem Spiel fast vergessen lässt und so natürlich einen sehr vergnüglichen Schlusspunkt hinter einen erlebnisreichen und äußerst lehrreichen (positiv wie negativ) Tag setzt.

Der „Parkplatz“ ist ein Stück Wiese, rings herum liegen in Abständen von etwa zwei Metern Feldsteine. An zwei Stellen ist der Abstand etwas größer, so dass man auch hindurchfahren kann. … Wenn man es denn kann. Eine der beiden „Ausfahrten“ wird noch vor dem Spiel zugestellt, der Fahrer erscheint wieder, als fast alle Fahrzeuge weg sind. Während wir uns auf die Abfahrt vorbereiten, werden wir Zeuge, wie ein Auto an der zweiten Ausfahrt rechts mit einem der Steine kollidiert. Der Fahrer bemerkt das Dilemma, versucht wieder zurück zufahren, wodurch die Beule noch etwas größer wird. Mit Hilfe eines anderen Fahrers räumt er die Steine beiseite und fährt nach Hause. Ärgerlich und natürlich auch nicht wirklich komisch.

Als wir gerade losfahren wollen, nähert sich das nächste Fahrzeug. Der Fahrer hat das Drama vorher wohl mitbekommen, fährt langsam heran und bleibt nochmal kurz stehen, ziemlich dicht an dem Stein rechts. Bevor wir hinausstürzen und den Mann warnen können, knallt es auch schon, das rechte Hinterrad befindet sich jetzt zwischen zwei großen Steinen. Wir wollen aussteigen und helfen, aber auch jetzt sind wir zu langsam. Der Fahrer (Typ: Alter Mann mit Hut) lässt sich von so einem blöden Stein doch nicht vorschreiben, wann und wo er fahren darf, gibt Gas und knallt über den Störenfried hinweg, wobei die Karosse hinten noch zweimal geräuschvoll aufsetzt. Ohne auch nur in den Spiegel zu schauen, braust der Mann davon.

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Wir haben nun endgültig genug für heute gesehen. Als „Lehmis“ Lach-Flash wieder abebbt und die Fahrtauglichkeit nicht länger beeinträchtigt, treten wir die Rückreise an – sicherheitshalber durch die andere Ausfahrt. Den Steinen trauen wir einfach nicht.

Abschließend nun doch noch mal ein Hinweis für die örtliche Polizei: Schaut euch doch mal entlang eurer Bundesstraße 1 um, vielleicht findet ihr da sogar Anlässe für Personenkontrollen.

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