Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Träume

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Liverpool FC v. Chelsea FC 1:1, Anfield, 31. Januar 2017

Als Kind der 1960er Jahre mit der Schulzeit in den 1970ern erfolgten meine frühen internationalen Weichenstellungen auf sportlichem und musikalischem Gebiet nahezu zwangsläufig: Die erste eigene Schallplatte war „A Collection of Beatles Oldies“ (AMIGA Lizenzausgabe – Danke, Mutti!). Und von meinen frühen Europacup-Abenden sind mir vor allem Spiele von Dynamo Dresden gegen den FC Liverpool im Gedächtnis geblieben. Besonders die Übertragungen der Auswärtsspiele weckten die Sehnsucht, einmal ein Spiel in einem englischen Stadion zu erleben, vorzugsweise natürlich an der Anfield Road. Da trifft es sich gut, dass nur vierzig Jahre später meine erste Kurzreise in diesem Jahr nach Liverpool führt, es können musikalisch und sportlich Haken auf der Liste der Jugendträume gesetzt werden.

Wir (Toralf, Chris und Thomas aus dem brandenburgischen Outback, Jan und Tim aus dem Erzgebirge und ich) reisen von Berlin-Schönefeld nach Manchester, von dort soll es mit der Bahn weiter gehen. Der Flug verläuft, von einer kleinen Verspätung beim Start abgesehen, fast bilderbuchmäßig. Die Zugtickets zur Weiterfahrt sind schon bestellt, nur das Ausdrucken am Automaten will nicht recht klappen, aber nebenan am Schalter sitzt kompetente Hilfe. Mit insgesamt 30 kleinen Fahrausweisen im Scheckkartenformat für sechs Reisende sind wir bestens für das Abenteuer Schienenstrang gerüstet.

Als wir 20 Minuten vor der planmäßigen Abfahrt den Bahnsteig erreichen, steht da schon ein Zug bereit, auf der Anzeige steht, es sei unserer. Wir steigen ein, kaum dass wir sitzen, schließen sich die Türen und der Zug rollt an. Wir sind etwas irritiert, der Zugbegleiter bei der Fahrkartenkontrolle 10 Minuten später noch mehr: „Wie kann man denn in einen Zug steigen, der 20 Minuten vor der Zeit auf dem Ticket abfährt. Stupid Germans.“ Letzteres sagt er nicht, aber sein Gesichtsausdruck spricht Bände.

Da unser Zug auch noch in die falsche Richtung fährt, steigen wir an der nächsten Station aus, um mit der nächsten Gelegenheit zurück zum Flughafen zu fahren. Das ist einmal pro Stunde möglich, was uns zu 35 Minuten Wartezeit verhilft. Unseren geplanten Zug nach Liverpool werden wir nicht mehr bekommen, aber wenigstens waren wir mal in Wilmslow. Das Städtchen hat – was man dem Bahnhof gar nicht ansieht – durchaus etwas zu bieten, wie Wikipedia weiß:

Stadt in Cheshire East, England mit 24497 Einwohnern (Stand 2011). Sie gilt als wohlhabend und als gesuchter Wohnort und wird (mit Alderley Edge und Prestbury) als ein Eckpunkt des „Goldenen Dreiecks“ von Cheshire angesehen.

Gründungsort und Sitz des Bekleidungs- und Sportartikelherstellers Umbro.

Da wartet es sich doch gleich viel besser. In Manchester bekommen wir noch die schriftliche Erlaubnis, mit unseren Tickets (Zugbindung!) einen anderen Zug zu benutzen, und so wendet sich am Ende alles zum Guten. Unterwegs fahren wir noch am City of Manchester Stadium vorbei, eine halbe Stunde später sind wir dann endlich da. Memo an mich: Egal, was an der Anzeige steht, nie wieder in einen Zug steigen, ohne vorher einen Schaffner zu fragen!

Nach der kleinen Eskapade erreichen wir unser Reiseziel, vom Bahnhof Lime Street gelangen wir per Taxi in unser Hotel. Gepäck ins Zimmer bringen und ab in die Stadt, es sind Kulturpunkte zu vergeben. Was eignet sich dafür besser als die mächtige anglikanische Kathedrale, die auf dem St. James’ Mount über der Stadt thront? Im Inneren eröffnet sich dem Besucher ein gigantischer Anblick, die wuchtige Monumentalität der riesigen Bögen in großer Höhe erschlägt einen beinahe. Die Besteigung des ca. 100 Meter hohen Turmes verschieben wir auf einen späteren Besuch, die Sicht auf die Stadt ist witterungsbedingt und zu vorgerückter Stunde ohnehin nicht mehr so prickelnd. Mit dem beeindruckenden Altar und der beinahe „gemütlichen“ Frauenkapelle bekommen unsere Augen auch so genügend Stoff zum Staunen.

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Der Abend gehört der Nahrungsaufnahme und einer kleinen Kneipentour, deren letzte Station zugleich die berühmteste ist. Im Cavern Pub treten beim „Monday Club“ Musiker aus der Region (passender Weise stehen neben uns an der Bar zwei Besucher aus Kaiserslautern) mit eigenen Stücken auf. Drei Songs darf jede(r) vortragen, der wohlwollende Applaus des nicht allzu massenhaft anwesenden Publikums (ist halt Montag) ist der verdiente, wenn auch nicht sonderlich üppige Lohn. Vielleicht gibt es ja wenigstens ein Bier für die Künstler aufs Haus.

Dienstag, der Blick aus dem Fenster verheißt wettertechnisch nichts Gutes, aber solange keine Sturmflut oder Schneestürme über uns hereinbrechen, ist das auch egal. Zusammen mit Zimmerkollege Thomas begebe ich mich nach dem Frühstück zu den Albert Docks, wo wir drei Minuten vor der Abfahrt noch als letzte Gäste auf der Passagierliste der „Magical Mystery Tour“ landen, die uns per Bus zu markanten Stätten der Beatles-Geschichte führt. Uns erwarten knapp zwei Stunden mit interessanten Informationen über die frühen Jahre der Fab Four, wir sehen Orte ihrer Kindheit und Jugend, spüren förmlich die Vibes der historischen ersten Begegnung von John und Paul, als wir an St. Peter’s Church and Cemetery vorbeifahren.

Auf unserer Rundfahrt kommen wir vorbei am „The Empress“ Pub, dessen Gebäudefront das Cover von Ringos erstem Soloalbum „Sentimental Journey“ zierte, an Georges Geburtshaus in Arnold Grove oder den langjährigen Wohnhäusern der Familien Lennon und McCartney. Wir gehen selbst ein paar Schritte auf einer der berühmtesten Straßen der Musikgeschichte: Penny Lane, very strange. Und es gibt ein Erinnerungsfoto vor „Strawberry Field“.

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Unser Tourguide Jay erzählt (übrigens in sehr gut verständlichen Worten) jede Menge Geschichten und Anekdoten, die die zwei Stunden wie im Fluge vergehen lassen, zwischendurch kommen Beatlessongs zu Gehör. Jay ist auf die gleiche Highschool wie John Lennon gegangen und war als Kind mit Holly Johnson von Frankie goes to Hollywood befreundet. Falls es euch also mal nach Liverpool verschlägt, kann ich diese Tour wärmstens empfehlen. Es ist ein wirklich erhebender Moment, wenn sich der gelbe Bus mit den Regenbögen und Sternen in Bewegung setzt und aus den Lautsprechern der berühmte Refrain erklingt: Roll up for the mystery tour.

Um 17:30 Uhr vereint sich unsere Reisegruppe vor dem Hotel, von wo uns ein Taxi zum Stadion bringen soll. Zehn Minuten später empfiehlt uns ein Hotel-Mitarbeiter, am besten den nächsten freien Wagen, der vorbei kommt, anzuhalten, aufgrund sehr dichten Verkehrs wird unser bestelltes Taxi wohl noch ein Weilchen brauchen. Gesagt, getan, weitere zehn Minuten später haben wir Glück, wir bekommen sogar einen Sechssitzer. Der Fahrer (ein „Blauer“, mit Everton-Aufkleber an der Scheibe) fragt nicht, wo wir hinwollen, lässt uns aber mit Mimik und Körpersprache wissen, dass er im Bilde ist. Die Fahrt durch völlig verstopfte Straßen zieht sich in die Länge, was sich im doppelten Fahrpreis und noch mieserer Laune hinterm Steuer niederschlägt. Egal, wir sind rechtzeitig da und können uns nun endlich dem Erlebnis Anfield hingeben.

Vor dem Stadion nimmt unsere ewig hungrige Jugendabteilung noch ein paar Burger zu sich, am Verkaufswagen wirbt ein lebensgroßer LFC-Trainer aus Pappe für „Kloppdogs“, Heldenverehrung geht auch in England manchmal seltsame Wege. Nebenan gibt es diverse Souvenirs zu kaufen, sogar Schals zu diesem Spiel, ungewöhnlich für eine normale Liga-Begegnung, man sieht später aber viele dieser Schals im Stadion. Ein paar Schritte weiter, gegenüber vom berühmten „Kop“ befindet sich das Büro der Hillsborough Justice Campaign, die eine unschätzbare Unterstützung für die Betroffenen der schrecklichen Ereignisse des 15. April 1989 leistet. Gleich hinter dem Eingang mahnt ein großes Plakat: Don’t buy the sun.

Nach einem Erinnerungsfoto vor „The Kop“ suchen wir unsere Plätze auf. Wir werden das Spiel vom neuen „Main Stand“ aus sehen, die Tickets haben wir dank Toralfs guter Kontakte zum Fanclub „German Reds“ aus deren Jahreskartenbestand erhalten. Der Aufstieg zum Oberrang ist beschwerlich, erfreulicherweise sind da Rolltreppen, so dass ich die oberste Etage mit normalem Puls erreiche. Zu meiner Überraschung gibt es im Stadion richtiges Bier, ich gönne mir noch einen Becher Guinness, dann gehe ich hinein.

Es ist Dienstag, der 31. Januar 2017, 19:18 Uhr, als ich mich in Block U7, Reihe 85, Sitz 190 niederlasse, in diesem Moment wird der Jugendtraum, einmal in Anfield Fußball zu erleben, Wirklichkeit. Aus den Stadionlautsprechern erklingt dazu „Keeping the dream alive“, was thematisch durchaus passen würde. ABER! Münchener Freiheit (von denen ist das nämlich) geht gar nicht, es ist, als wolle mir jemand signalisieren: Krieg dich mal ein, du Tourist.

Zum Glück bin ich nicht gekommen, um Musik zu hören, obwohl es ab jetzt auch besser wird. Das Stadion füllt sich mehr und mehr, auf der gegenüberliegenden Tribüne wandert eine Blockfahne von rechts nach links und wieder zurück, die die 5 Europapokale und 18 Ligatitel des LFC würdigt. Später, während des Spiels wird Gegner Chelsea damit wiederholt auch akustisch konfrontiert:

F… off Chelsea FC
You ain’t got no history
Five European cups and 18 leagues
That’s what we call history

Bei diesem Liedchen (Melodie: Lord of the Dance) wird es meist etwas lauter, weil es sich auch große Teile des Main Stands nicht nehmen lassen, den ungeliebten Gegner aus der Hauptstadt auf seine wahre Größe zurecht zu stutzen.

Insgesamt erreicht die Stadionatmosphäre nicht ganz das Niveau meiner 40 Jahre alten, verklärten Jugenderinnerung, atemberaubende Momente, wenn das ganze Stadion singt, gibt es trotzdem. Das beeindruckende „You’ll never walk alone“ vor dem Spiel ist einer davon, aber auch die auf Anfield zugeschnittene Version von „Fields of Athenry“ sorgt wiederholt für Gänsehaut.

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Das sportliche Geschehen auf dem Platz ist für mich recht ansprechend, mich beeindruckt vor allem die ungeheure Willensstärke der Reds. Das Spiel könnte kaum schlechter laufen, Chelsea bietet in der ersten Halbzeit klassischen Arschlochfußball: Nur das Nötigste tun, um ein Gegentor zu verhindern, das allerdings technisch perfekt und überaus ballsicher. Vollkommen konsequent fällt das 0:1 dann durch einen Freistoß, bei dem Torwart Mignolet etwas unglücklich aussieht. Nach dem Spiel wird er sagen, er habe den Pfiff zur Freigabe des Balles nicht gehört.

In der zweiten Halbzeit ist Chelsea deutlich aktiver und versucht, die Führung auszubauen. Liverpool mit der bereits erwähnten Kampfkraft erzwingt zumindest noch den Ausgleich, bei dem die Tribünen beinahe explodieren. Später hält Mignolet noch einen (aus meiner entfernten Perspektive) zumindest diskutablen Elfmeter, so dass am Ende ein Unentschieden zu Buche steht, das den Gästen natürlich mehr nützt.

Den Rückweg ins Stadtzentrum legen wir komplett zu Fuß zurück und brauchen dabei nur unwesentlich länger als am Nachmittag mit unserem Everton-Taxi. Während wir den transpirationsbedingten Flüssigkeitsverlust ausgleichen, hält auf der anderen Straßenseite der Mannschaftsbus des L.F.C. Wie auf Kommando stürmen alle nach draußen, es steigt aber kein Spieler aus. Ein schönes Fotomotiv ist der Bus trotzdem und so schließt sich das Kapitel Fußball für diese Reise.

Am nächsten Morgen um 5:40 Uhr, also mitten in der Nacht stehen wir wieder vor dem Hotel und erwarten zwei für diese Zeit bestellte Taxis. Das erste fährt schon zehn Minuten später vor, da es nur vier Sitze hat, warte ich mit Toralf auf das zweite. Kurz vor 6 Uhr (unser Zug fährt übrigens 6:22 ab) kommt auf der menschenleeren Straße ein Privattaxi und hält spontan für uns an. Als wir vom Hof fahren, biegt gerade unser bestellter Wagen mit mehr als 20 Minuten Verspätung in die Einfahrt, während unser Fahrer zu berichten weiß, an der Bahnstrecke nach Manchester hätte es einen Selbstmordversuch gegeben, wer weiß, ob die Züge überhaupt fahren. Am Bahnsteig gibt es jedoch keine Anzeichen diesbezüglich, vielleicht ist eine andere Strecke betroffen.

Wir erreichen pünktlich den Flughafen, bei der Sicherheitskontrolle geben die abtastenden Beamten alles. Ich denke wehmütig an Auswärtsspiele in Wolfsburg zurück, bei denen jeder – und ich meine JEDER – Quadratzentimeter Körperfläche begutachtet wurde. Mein Kontrolleur fasst mir sogar in den Hosenbund hinein, könnte ja noch etwas unter der Haut versteckt sein. Mein Gott, wie lange hat das niemand gemacht. Ich hoffe, für ihn war es genauso gut wie für mich. Er wünscht mir lächelnd eine gute Weiterreise, dann trennen sich unsere Wege. Ich bin mir sicher, das es nicht für immer ist.

2 Kommentare zu “Träume

  1. Schöner Bericht!
    Vielleicht paßt das ja dazu.
    Die Liverpooler Kurve singt 1964 She Loves you:

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