Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Großstadt kann jeder

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Wasted in Jarmen 2017, 9. September 2017

2 Fragezeichen aus Vorpommern

Antispielismus * Friedemann

Stage Bottles * Captain Gips & Johnny Mauser * Thees Uhlmann & Band

Feine Sahne Fischfilet

Bei strömendem Regen breche ich am Sonnabendvormittag in Schwerin auf, ich bin aber guter Dinge, dass sich wettertechnisch bis zum Abend die Lage verbessern soll, jedenfalls hat „Siri“ das versprochen. Und während ich durch die Gischt der von der Fahrbahn aufgewirbelten Wassermassen über die A20 in Richtung Osten brause, mache ich mir mit den alten Mecklenburger Weisheiten Mut: Dahinten wird es ja schon wieder hell. Und die paar Tropfen von den Bäumen überstehe ich auch noch. Was soll ich sagen: „Siri“ wird Recht behalten und Vorpommerns gefährlichste Band ist offenbar auch mit dem Wetter im Bunde. Mal sehen, welcher Minister sich dafür wieder rechtfertigen muss.

Mein Tag in Jarmen beginnt mit einem „zünftigen“ (wie wir früher in der Zone immer gesagt haben) Fußballspiel. Der einheimische SV Blau-Weiß 21 Jarmen begrüßt den Internationalen FC Rostock von 1899 zum Endspiel um den „Goldenen Bierkasten“. Es überrascht, dass die Begegnung nicht als Hochsicherheitsspiel deklariert ist, immerhin bringen die Gäste etliche ihrer „sogenannten Fans“(TM) mit an die Peene, da haben die „Szenekundigen“ wohl ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Wenn das Zukunfts-Lorenz wüsste – Medien und Ministerien haben schließlich bundesweite Linksextremismus-Wochen ausgerufen, und mitten in Vorpommern spielen die Chaoten einfach so Fußball.

Wahrscheinlich um zu deeskalieren, greifen die Veranstalter zu einer genialen Ablenkungsstrategie. Im Tor des IFC steht in der ersten Halbzeit kein Geringerer als Monchi persönlich – ein geschickter Schachzug, der die Gemüter schon beruhigt, bevor überhaupt Aufregung entsteht. Aber auch sportlich zahlt sich der Transfercoup für die Gäste aus, denn mit herausragendem Stellungsspiel, virtuoser Ballbeherrschung und einem überragenden Blick für das Spielgeschehen gelingt es dem letzten Mann, sein Tor bis an die Schlusssekunde heran sauber zu halten.

Dann schlägt der Ball allerdings doch noch hinter ihm ein, was ich aufgrund eines natürlichen Drangs nicht mit eigenen Augen ansehen muss. Der Ball muss aber unhaltbar gewesen sein, oder der Gegner in zigfacher Überzahl, eine andere Erklärung gibt es für mich nicht. So steht es zur Pause 1:1, der aufmerksame Leser schlussfolgert messerscharf: also gab es auch ein Tor für die Rostocker. Nun, das ist korrekt. Aber für eine Halbzeitführung kam der Pausenpfiff dann doch um Sekundenbruchteile zu spät.

Bald, nachdem der überragende Schiedsrichter „Pudding“ die zweite Halbzeit angepfiffen hat, übernehmen die Hausherren ergebnistechnisch das Kommando auf dem Platz, nach dem 2:1 und 3:1 (Endergebnis ist, glaube ich, 4:1) haben die Gäste nichts mehr entgegenzusetzen. Also zumindest fußballerisch, denn natürlich können sich die Rostocker auf ihre treuen Fans verlassen, die zwar nicht auf das Naheliegende kommen, nämlich einfach per Platzsturm einen Spielabbruch zu provozieren, aber mit dem Einsatz eines Flitzers, der nur mit der Vereinsfahne bekleidet ist, für das optische Glanzlicht des Tages sorgen. Grenzenloser Jubel erfasst das weite Rund und vereint beide Fanlager in glückstrunkener Harmonie. Wäre Thees Uhlmann jetzt schon anwesend, müsste er einsehen: DAS hier ist Fußball.

Den Auftakt des Festivalprogrammes bestreiten auf dem Palette-Floor „Die 2 Fragezeichen aus Vorpommern“. … Als wäre Vorpommern nicht ohnehin ein einziges Fragezeichen. (Bitte vergebt mir, der obligatorische Diss gegen den Landesteil hinterm Bindestrich ist eine liebgewonnene Tradition aus hansafans.de-Zeiten, für heute wird das auch der einzige bleiben, versprochen.) Aber zurück zu den Künstlern: Monchis jüngerer Bruder und seine Nichte zeigen knapp dreißig Minuten lang ein paar Kostproben aus ihrem magischen Repertoire. Weiter hinten stehend, kann ich leider nicht allzuviel erkennen, der begeisterte Applaus von den besseren Plätzen spricht jedoch Bände.

Dass die beiden bei der nächsten „Wasted“-Auflage auf der großen Bühne auftreten müssen, versteht sich von selbst. Begeistert bin ich vor allem von der Natürlichkeit, mit der beide ihr Publikum im Griff haben, man könnte meinen, sie hätten das schon öfter getan. Und spätestens bei der deutlichen Ansage des jungen Magiers an seine Mutter, bitte die Zwischenrufe zu unterlassen, wird deutlich: Da wächst wohl die nächste „Rampensau“ im Hause Gorkow heran.

Auf der großen Bühne eröffnet dann „Antispielismus“ aus Rostock den musikalischen Reigen. Als erste Band aufzutreten, kann durchaus eine Herausforderung sein, die Jungs um Sänger Sergiy meistern diese aber mit Bravour. Schnell füllt sich die Fläche vor der Bühne, zu Ska Punk und leichten Reggae-Anleihen wird getanzt und schon mal ein bisschen mit Rauch experimentiert – also mit optischem, nicht dass hier jemand falsche Schlüsse zieht. Es gibt in knapp zwei Wochen die Gelegenheit, die Band noch einmal zu erleben, und dann wohl auch etwas länger – am 22. September im Rostocker JAZ, zusammen mit No Exit und den großartigen Distemper aus Moskau.

Auf dem Palette-Floor übernimmt COR-Frontmann Friedemann. Ich mag seine akustischen Konzerte sehr, die Atmosphäre ist intensiv und seine eindringlichen Lied- und Zwischentexte kommen für mich viel nachdrücklicher zur Wirkung als „elektrisch“ und auf der großen Bühne. Auch jetzt ist die Bühne dicht umlagert, weiter hinten lenken die neu ankommenden oder zwischen den Cateringständen herumwandernden Besucher ein bisschen beim Zuhören ab, aber das bleibt bei solchen Veranstaltungen wohl nicht aus.

Nächster Programmpunkt: Stage Bottles. Vor der großen Bühne wird es noch etwas voller, es geht ordentlich zur Sache. Beim Angelic Upstarts Cover „Solidarity“ (darf ich eigentlich sagen, dass mir das fast besser gefällt als das Original?) steht das Gelände, einschließlich der Bühne, erstmals fast flächendeckend in Flammen, ein beeindruckender Moment.

Den Auftritt Captain Gips und Johnny Mauser auf dem Palette-Floor nutze ich, um einen Happen zu essen. Ich bin einfach nicht so der Hip-Hop-Freund, ist also nichts Persönliches. Letztes Jahr mit Neonschwarz fand ich es ja auch durchaus gut. Also sorry, es sind ja auch nicht alle so wie ich, die beiden müssen nicht auf Publikum verzichten. Das Nahrungsangebot ist übrigens wieder sehr vielfältig, neben einer von Schülerhand gegrillten Wurst gönne ich mir einen der famosen Mecklenburger. Meine Bitte, die Tomaten (Teufelszeug!) wegzulassen, wird zwar leider nicht erhört, aber der Rest ist einfach nur göttlich.

Nun bin ich bereit für Thees Uhlmann. Es ist meine Live-Premiere mit ihm, so übermäßig viel Songs von ihm hatte ich vorher noch nicht gehört, in erster Linie steht für mich gerade der Mann auf der Bühne, der Bruce Springsteens Autobiographie „Born To Run“ in der deutschsprachigen Version als Hörbuch eingesprochen hat, was an sich ja auch schon als Grund reicht, sich seine Musik mal intensiver reinzuziehen.

Es werden sehr kurzweilige und mitreißende 75 Minuten. Neben absolut hörenswerten Songs, von denen ich zugegebenermaßen nur einen kenne, sind es die Ansagen und Erzählungen zwischen den Liedern, die mir gefallen – vielleicht, weil er da etwas mit dem Boss gemeinsam hat. Ein Teil der jüngeren deutschen Geschichte wird wohl neu betrachtet werden müssen, jetzt wo bekannt ist, dass nicht etwa David Hasselhoff die Mauer eingerissen hat, sondern Thees und Monchi, und zwar nach einem Hansaspiel. In der Anmoderation zum DTH-Cover „Liebeslied“ lässt Thees durchblicken, dass die Hosen so gern mal in Jarmen spielen würden, sie aber einfach nicht eingeladen werden. Na dann!

Spektakulär ist der Bericht über einen gemeinsamen Badeausflug mit Band und Familie in einer Ruhepause während eines Festivals in diesem Sommer, O-Ton: „Wir kommen an dem See an und in weniger als fünf Sekunden sind alle nackt!“ Ein prägendes Erlebnis, das wohl noch lange nachhallen wird. Ein paar Jahre früher, und das berühmte Lied über das Paarungsverhalten der Lachse hätte möglicherweise einen anderen Refrain bekommen:

Das Leben ist hart, aber das nehm‘ ich in Kauf

Zum Schwimmen und Plantschen ziehen die Ossis den Schlüpfer aus

Und schließlich folgt auch der Satz, der diesem Text seinen Titel gibt: „Großstadt kann jeder.“ Drei Worte, die kurz und präzise verdeutlichen, wie wichtig es ist, solche Veranstaltungen in der „Provinz“ stattfinden zu lassen, wo es mehr als genug Leute gibt, die das überhaupt nicht geil finden, und welch ungeheure Kraftanstrengung und Energieleistung alle erbringen, die dieses Festival geplant und vorbereitet haben und nun auf und hinter der Bühne, an Einlass, Park- und Campingplatz, bei der Versorgung, im Merchandise … und … und … und …im Einsatz sind.

Damit sind wir bei der Band, ohne die es „Wasted in Jarmen“ nicht gäbe. Pünktlich um 22 Uhr geht es los, es erklingt „Für diese eine Nacht“ – ein gutes Motto für einen wirklich speziellen Abend. Neben der zweiten triumphalen Heimkehr innerhalb von zwölf Monaten ist ja der 9. September 2017 noch aus einem anderen Grund ein ganz besonderes Datum. Monchi feiert seinen 30. Geburtstag. Es ist eine Party, die den 3500 Geburtstagsgästen lange im Gedächtnis bleiben wird.

Eine schöne Überraschung bekommt das Geburtstagskind von seiner vollständig auf der Bühne versammelten Familie. Es gibt das unausweichliche „Happy Birthday“ aus 3500 Kehlen und dazu eine riesige Torte. Monchi bietet diese zur Versteigerung an, besonderer Anreiz: „Wer 1000 Euro gibt, kann mir das Ding gern ins Gesicht werfen.“ Über das Schicksal der Torte ist bis jetzt nichts bekannt.

Auch nach Auftritten auf Festivals vor mehreren zehntausend Zuschauern und inzwischen mehreren Jahren auf Tour spürt man in jeder Note, jedem Text die Begeisterung, mit der die Band jedes Konzert angeht, als wäre es das erste und letzte zugleich – jede einzelne Sekunde wird aufgesogen und gespeichert, und – um mal zu zitieren: „Was es umso schöner macht, es liegt nicht nur am Alkohol.“

Die Zeit vergeht viel zu schnell, gegen halb zwölf klingt das Konzert mit „Weit hinaus“ im Schein etlicher Fackeln und mit einem Feuerwerk über der Bühne angemessen aus. Wieder ist ein Kapitel der Bandgeschichte vollendet und weitere warten darauf geschrieben zu werden. Nach dem „Wasted“ ist vor der Tour, dazwischen gibt es noch den Film „Wildes Herz“. Wir sehen uns.

Abschließend und aus Gründen der Ausgewogenheit darf ich nun doch noch ein Lob für Vorpommern loswerden. Ich bin angenehm überrascht, nur an sehr wenig Wahlwerbung vorbeigefahren zu sein, darunter fand sich nur ein minimaler Anteil blauer Plakate. Wäre ja zu schön, wenn das Wahlergebnis ähnlich aussieht. Eins ist aber sicher:

Vorpommern ist definitiv NICHT KOMPLETT IM ARSCH!

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