Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Freude im Advent

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Hallescher FC – F.C. Hansa Rostock 0:2, „ERDGAS Arena“, 1. Dezember 2017

In strömendem Regen setzt sich unser Reisemobil mittags in Bewegung, die Fahrerei auf freitäglich beanspruchten Autobahnen nervt ungemein, unumstrittenes Highlight sind endlose Überholvorgänge, bei denen bis zu 20 Fahrzeuge versuchen, einen Lastkraftwagen zu passieren, wobei die Geschwindigkeitsdifferenz zwischen rechter und linker Spur bestenfalls einen Kilometer pro Stunde beträgt. Beim Überqueren der brandenburgischen Landesgrenze wechselt das Display des Navigationssystems automatisch in den Nachtmodus – nachmittags um drei!

Den widrigen Bedingungen zum Trotze sind unterwegs keine nennenswerten Störungen zu verzeichnen, so dass wir sogar noch Zeit für eine kleine Stärkung bei Kullman‘s Diner in Brück haben. Fast pünktlich treffen wir in der Nähe des verabredeten Treffpunktes ein, wo uns ein Undercover-Hanseat mit Presse-Parkausweis erwartet. Der konspirative Treff droht an einer Straßensperre zu platzen, da ich leider aus der falschen Richtung in die Zielstraße einbiege, unsere Kontaktperson meistert die Situation aber mit großem läuferischen Einsatz und kommt uns einfach entgegen. Wenige Sekunden, nachdem wir schon kurz vor einer Polizeieskorte standen (unser hilflos am Straßenrand stehendes Fahrzeug hat das Mitleid eines Einsatzfahrzeuges erregt), wird die Schranke für uns geöffnet und wir steuern unseren bewachten Parkplatz, nur 5 Minuten Fußweg vom Stadion entfernt, an.

Auf dem kurzen Weg zum Stadion vermisse ich ein bisschen das vertraute Hubschraubergeräusch, das in Rostock immer den Soundtrack zu Spielen gegen spezielle Freunde beisteuert, vielleicht geht der Klang der Rotoren aber auch einfach nur im allgemeinen Lärm der aus allen Richtungen herbeiströmenden Zuschauer unter.

Wir werden das Spiel auf der Gegengerade, in unmittelbarer Nachbarschaft des Gästeblockes sehen, daher tragen wir heute Zivilkleidung. Nach wenigen Schritten droht unsere Tarnung aufzufliegen, an einem Getränkekiosk neben dem Stadion treffen wir auf eine ebenfalls inkognito angereiste Reisegruppe aus Rostock und Stralsund (regelmäßigen Lesern hier sind diese Personen unter dem Namen „Team Schluck“ bekannt).

Dass wir sie ausgerechnet an dem Kiosk treffen, ist natürlich kein Zufall, denn es wird richtiges Bier in Flaschen verkauft. Habt ihr gehört? BIER! IN FLASCHEN! VOR DEM STADION! Man könnte glatt annehmen, die Behörden in Halle gehen entspannter mit diesen „Sicherheitsspielen“ um als bei uns. Wir vertreiben uns noch ein bisschen die Zeit mit Fachsimpelei – Ergebnistipps werden ausgetauscht, genau einer von uns wird mit seiner Prognose Recht behalten, wer mag das wohl sein?

Eine Viertelstunde vor dem Anpfiff trennen sich unsere Wege, die „Schlucker“ holen sich noch ein Bier, wir gehen zum Einlass. Dort herrscht ein mächtiges Gedränge, zum ersten Mal in der aktuellen Saison kommt eine fünfstellige Besucherzahl zu einem HFC-Spiel, da dauern die Kontrollen noch ein bisschen länger als ohnehin schon. Wir schaffen es aber pünktlich auf unsere Plätze, es ist sogar noch ein bisschen Zeit zum Atmosphäre-Saugen. Der Gästeblock ist sehr gut gefüllt und entsprechend den örtlichen Gegebenheiten auch angemessen beflaggt – ein schöner Anblick.

Ich lasse kurz den Blick durch unseren Block schweifen: Natürlich viele HFC-Anhänger, aber vereinzelt ist auch das eine oder andere blau-weiße Utensil zu erkennen, das verschwörerisch hinter einem hochgestellten Kragen hervorschimmert. „Sportliche“ Hallenser, die ich hier erwartet hätte, sind nicht zu erkennen, die haben sich offenbar auf der anderen Tribüne hinter dem Tor versammelt, wo sie aber, solange ich im Stadion bin, außer teilnahmslos herumzustehen nicht in Erscheinung treten.

Später stellt sich heraus, dass es etwa ein Viertel der Leute in unserem Block mit den Hanseaten hält und sich mit zunehmender Spieldauer auch immer weniger Mühe geben, das irgendwie zu verbergen. Die Naivität, mit der ein paar besonders Mutige dabei auf ihnen unbekanntem Terrain zu Werke gehen, ist schon beachtlich, aber vielleicht haben die ja persönliche Schutzengel. Nichtsdestotrotz gibt es keinerlei Zwischenfälle im Block, nur ein einziges Mal in der ersten Halbzeit geht einem einzelnen Hallenser der Wechselgesang „Hansa!“ – „Rostock!“ doch etwas gegen den Strich, was er auch lautstark kundtut. Das ist es dann aber auch schon.

Ansonsten haben wir einen relativ ruhigen Block erwischt, in der ersten Spielhälfte nerven hinter uns nur ein paar rot-weiße Fangirls, die bei jeder Aktion vor dem Hansa-Tor in hysterisches Kreischen ausbrechen, wie bei einem Justin-Bieber-Konzert. Zwischendurch erklärt die eine junge Dame, die offenbar öfter ins Stadion geht, ihren Freundinnen immer, was die Rostocker gerade singen, und spart dabei nicht mit Kritik an mangelnder Vielfalt der Lieder. Na ja, bei Justin klingt auch ein Song wie der andere – geschenkt.

Die Heimseite zeigt zum Einlaufen beider Mannschaften zwei große Zaunfahnen über und vor dem Block, dazwischen sorgen rote Fackeln für ein bisschen Adventsstimmung – nicht unansehnlich. Der Stadionsprecher ermahnt mit seltsamen Worten: „Auch hier, in unserem Stadion, ist das Abbrennen von Pyrotechnik nicht gestattet.“ Ähm … „auch hier“? Spielen die sonst in einem anderen Stadion? Akustisch ist die HFC-Kurve anfangs ganz ordentlich bei der Sache, dauerhaft aktiv sind dann später nicht mehr Leute als im Gästeblock. Ein Statement der Support-Sachverständigen hinter mir gibt es dazu allerdings nicht.

Auf dem Platz geht die erste Halbzeit an den HFC. Hansa steht defensiv sicher und verfolgt relativ abwartend die Angriffsbemühungen der Gastgeber. Selbst geht nicht viel nach vorn, dass es zur Pause torlos steht, ist irgendwie folgerichtig. In der zweiten Hälfte gefällt mir Hansa mit etwas aktiveren Offensivbemühungen deutlich besser, braucht aber zum Torerfolg ein bisschen Mithilfe eines HFC-Spielers – zu Fehlern zwingen, wie wir Fußballer sagen. Jetzt zieht das Spiel etwas an, unser zweiter Torhüter Kai Eisele bekommt die Gelegenheit sich auszuzeichnen und erweist sich als sehr guter Vertreter für Janis Blaswich.

Große Sorgen, dass wir am Ende doch noch mit leeren Händen dastehen könnten, mache ich mir nicht, auch wenn die Nachspielzeit des berühmt-berüchtigten Spiels im April 2014 natürlich drohend über den Köpfen schwebt. Und auch diesmal bekommen wir das Endergebnis erst nach Ablauf der regulären Spielzeit, erfreulicherweise zu unseren Gunsten, aber schließlich muss ja auch mein Vorspiel-Tipp noch umgesetzt werden. Zur Belohnung darf ich zusehen, wie vom Twitter-Liveticker des MDR die Nachricht vom Hansa-Sieg in die weite virtuelle Welt hinausgeschickt wird. Leider traut sich der Ersteller nicht, das ganze mit dem Hashtag #Auswärtssieg zu krönen.

Auf den Rängen verschiebt sich der Aufmerksamkeitsfokus im zweiten Spielabschnitt klar in Richtung der Gäste. Hinter gut anzusehenden blauen Folien steigt blauer und weißer Rauch auf, garniert mit Blinkern – wunderschön. Der Stadionsprecher meldet sich erneut zu Wort: „Auch hier, …“ – das kennen wir schon. Das Heimpublikum nimmt die Einlage demonstrativ gelassen bis positiv interessiert zur Kenntnis, erst als sich der Nebel auf den Platz legt und so eine kurze Spielunterbrechung auslöst, regt sich vereinzelt Unmut. Nebel einfach wegpfeifen – auch mal eine originelle Idee.

Ein bisschen Interaktion zwischen beiden Kurven gibt es auch noch. Da ist einmal eine Tapete des Hallenser zum Thema „Meister müssen aufsteigen“, akustisch untermalt mit schönem Wechselgesang beider Blöcke zur Lobpreisung des allmächtigen Verbandes. Und dann hängt die Saalefront noch ein paar erbeutete Trophäen über den Zaun, darunter (wieder) die bereits bekannte große Fahne, die mal aus einem Vorgarten entwendet worden sein musste. Irgendwie scheinen sie das gute Stück zu mögen und können sich einfach nicht davon trennen.

Egal, wir haben endlich mal wieder eines der beliebten Ex-DDR-Oberliga-Duelle gewonnen, tabellenmäßig stehen wir auch ganz ordentlich da, man mag sich gar nicht vorstellen, wo das alles sportlich noch hinführen soll. Aber Weihnachten ohne Abstiegssorgen ist ja auch mal ganz nett. Oder?

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