Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Sekunden für die Ewigkeit

Ein Kommentar

Marteria – Roswell Tour 2017

Schwerin, Sport- und Kongresshalle, 16. Dezember 2017

Es ist kurz vor 23 Uhr, die wirklich allerletzten 20 Sekunden eines denkwürdigen Abends sind angebrochen. Um mich herum haben sich Menschen aller Altersgruppen (und Gewichtsklassen) ihrer Oberbekleidung entledigt, um diese auf ein Zeichen von der Bühne weit von sich zu werfen und danach wie von der Tarantel gebissen durch die Gegend zu springen. Bei Sportübertragungen im Fernsehen sprechen die Kommentatoren gern mal von „Bildern, die wir nicht sehen wollen“. Selten ist diese Formulierung (ich darf ergänzen: Bilder, die nicht mehr aus dem Kopf wollen) angebrachter als hier und heute.

Hier – das ist die Sport- und Kongresshalle in der Landeshauptstadt Schwerin. Heute – das ist Sonnabend, der 16. Dezember 2018. Vor etwa sieben Stunden hat mein F.C. Hansa das letzte Spiel in diesem Jahr gegen die Sportfreunde Lotte mit 0:3 verloren und den möglichen Sprung auf Tabellenplatz 3 verpasst. Nun ist es ja nicht so, dass wir an vorweihnachtliche Katastrophenergebnisse nicht gewöhnt wären, aber ein bisschen Enttäuschung hat sich während der Heimfahrt nach dem Spiel schon breitgemacht. Statt nun den Rest des Wochenendes Trübsal blasend zu Hause vor mich hin zu chillen, tue ich also das einzig richtige – ich gehe zur Samstagnacht noch ein bisschen unter die Leute. Okay, das passiert dann doch weniger spontan, als es sich jetzt anhört. Schon vor dem Spiel habe ich noch eine übrig gebliebene Konzertkarte erstanden, in der Absicht, einen erfolgreichen fußballerischen Jahresabschluss kulturell angemessen abzurunden. Und so kommt es, dass ich wieder einmal zu einem Konzert gehe, mit Musik, die mir „normalerweise“ nicht in die Ohren kommt. Was ist schon normal?

Wir treffen uns zu einem kurzen, aber intensiven Fress-Flash auf dem Schweriner Weihnachtsmarkt, ein Crêpe mit Nutella vertilge ich an Ort und Stelle, für den weiteren Weg zur Kongresshalle lasse ich mir sicherheitshalber noch eine „mittlere“ Packung Mutzen mit Puderzucker einpacken. Letzterer verteilt sich während des mobilen Verzehrs im Gegenwind über meiner Jacke, zum Glück bietet die Dunkelheit ausreichend Sichtschutz, ich kann die Ablagerungen durch Abklopfen entfernen, bevor mich jemand erkennt. Nichtsdestotrotz waren die Augen größer als der Magen, ich schaffe den Tüteninhalt nur dank der uneigennützigen Hilfe meiner Freunde.

Eine knappe halbe Stunde nach Öffnung erreichen wir den Veranstaltungsort, zwei überschaubare Schlangen bewegen sich in annehmbarem Tempo auf den Einlass zu, der freundlich und vor allem zügig über die Bühne geht, offensichtlich haben die Veranstalter aus dem Chaos bei den letzten Großveranstaltungen die richtigen Lehren gezogen. Auch die (mitunter lästige) Zugangskontrolle zum Innenraum wird konsequent durchgezogen und sorgt dafür, dass das Konzerterlebnis auf den Stehplätzen nicht durch Enge oder gar Platzangst beeinträchtigt wird. Daumen hoch!

Pünktlich um 20 Uhr beginnt das Vorprogramm. Praktischer Weise übernimmt das mit Kid Simius ein festes Mitglied der Marteria-Crew, was indirekt vielleicht auch zum doch recht günstigen Ticketpreis von weniger als 40 Euro beigetragen hat. Nicht sonderlich überraschend kenne ich kein einziges der Stücke, die der Multiinstrumentalist, unterstützt von Percussions, darbietet, die Klänge und Beats grooven aber ordentlich und lassen die Stimmung in der Halle schnell ansteigen. Wobei – ein Stück erkenne ich dann doch, als ein Auszug aus „Kids“ angespielt wird. Dreißig Minuten dauert die Vor-Show, dann verlässt Kid Simius unter großem Applaus die Bühne.

Um 21 Uhr erscheint dann Marteria auf der Bühne und startet mit dem Titeltrack des neuen Albums „Roswell“ eine furiose Performance. Musikalisch stelle ich wieder einmal fest, wie unterschiedlich meine Wahrnehmung von Musik doch sein kann, je nachdem, wo und natürlich wie laut ich sie höre. Die Live-Atmosphäre und die Gesellschaft, in der ich das Konzert verfolge, tut ihr übriges. Dann springt man eben selbst als mittlerweile Ü50er, dessen Player noch nie einen Hiphop-Tonträger in sich hatte, von Level zu Level, bevor Scotty zum Beamen bereit steht.

Der Abend wird eine bunte Abfolge neuer und älterer Stücke (um ehrlich zu sein, sind es für mich ja doch mehrheitlich neuere), illustriert mit großartigen Lichteffekten und Videosequenzen, sogar ein bisschen Feuerwerk kommt zum Einsatz. Dank eines fantastisch abgemischten Sounds (für die örtlichen Verhältnisse geradezu außergewöhnlich) versteht man wirklich jedes Wort, was bei Marteria-Songs ja nicht ganz unwesentlich ist. Die Texte sind wirklich großartig, sowohl, was die Message betrifft, als auch in der sprachlichen Umsetzung, ich sage nur „kinderloses Tindervolk“. Selbst das kurze „Marsimoto“-Intermezzo kommt mir heute gar nicht so schräg vor, muss ich mir langsam Sorgen um mich machen?

Marteria, der von einem Team ausgezeichneter Musiker begleitet wird, ist einfach eine buchstäbliche Rampensau, sein bloßes Erscheinen auf der Bühne reicht schon aus, das 90 Prozent der Anwesenden durchdrehen, der Rest leistet spätestens nach Bekanntgabe der Regel „Niemand sitzt beim Marteria-Konzert!“ keinen weiteren Widerstand. Zwei Stunden lang herrscht pure Ekstase, wie man sie von einem Schweriner Publikum nur selten geboten bekommt: Keine Spur von Zurückhaltung, dabei aber voll bei der Sache – tanzend, singend, hüpfend. Meine gute Freundin Mandy wird praktisch vor den Augen ihres Sohnes zum Marteria Girl und reitet auf breiten Schultern einmal quer durch die Halle und wieder zurück, über dem Kopf hält sie eine Hansafahne. Das euphorische Feedback aus dem Publikum entlockt dem Künstler im Gegenzug immer wieder Liebeserklärungen an die Landeshauptstadt und die Menschen in der Halle, einschließlich des Versprechens, auf jeden Fall wiederzukommen.

Überhaupt ist der Abend sehr hanseatisch geprägt, für die fast komplett anwesende FCH-Mannschaft wie auch zahlreiche Fans, die nachmittags noch im Stadion zugegen waren, erweist sich Marten als perfekter Traumatherapeut. Wenn man jetzt sofort noch einmal gegen Lotte antreten könnte – die wären hoffnungslos verloren, hundertprozentig. Leider müssen wir auf ein ganz besonderes Lied verzichten, aber irgendwie gehört das wohl auch in die Stadt, die darin besungen wird. So bleibt es zum Ende hin bei den eingangs beschriebenen „schlimmen“ Bildern der letzten 20 Sekunden. Gelegenheit, das Versäumte nachzuholen, gibt es zum Glück in der Zukunft, vorausgesetzt, man hat sich rechtzeitig um Tickets bemüht. Dann wird es am 1. September 2018 im Ostseestadion heißen:

ALLE ODER KEINER!

Ein Kommentar zu “Sekunden für die Ewigkeit

  1. Sehr guter Beitrag! Besonders das Ende hast du geschickt eingefädelt. 🙂

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