Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Zwischen Döner und Flowerpower

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Feine Sahne Fischfilet – Alles auf Rausch Tour

Magdeburg, AMO Kulturhaus, 1. März 2018

Zum vierten Mal in meinem Leben bin ich in Magdeburg (nicht mit gerechnet zwei oder drei Bahn-Umstiege vor dreißig Jahren), zum ersten Mal jetzt länger, als ein Fußballspiel plus An- und Abreise dauert. Mein in der Stadt wohnender Hansa-Fankollege Olli gewährt mir freundlicherweise Obdach für eine Nacht, das hat den Vorteil, mich nach dem Konzert nicht noch stundenlang über einsame Landstraßen in Sachsen-Anhalt und Brandenburg (Wölfe!!11EINSELF) quälen zu müssen. Am nächsten Tag haben wir beide ja auch noch eine wichtige Dienstreise nach Bremen.

Dass ich rechtzeitig am Nachmittag im Quartier eintreffe, gibt mir die Möglichkeit, noch ein paar Kulturpunkte zu sammeln und das in fünf Jahrzehnten Versäumte nachzuholen. Aber erst mal kommt das Fressen. Im Bingöl Grill – nach Einschätzung meines Gastgebers der beste Imbiss der Stadt – gönnen wir uns jeder einen Kebabteller. Mir reicht die „kleine“ Portion, ich habe trotzdem Mühe, meinen Teller leerzuessen. Lecker ist es allerdings.

Nun ist auch Zeit für Sightseeing: Dom, Hundertwasserhaus, Landtag, Staatskanzlei, Elbe mit MDR-Landesfunkhaus auf dem gegenüberliegenden Ufer, … ich könnte noch ewig durch die Stadt streifen, aber zum einen haben wir ja noch etwas vor und andererseits ist nicht damit zu rechnen, dass die Temperatur heute noch einmal nennenswert steigt. Genügend Trip Advisor-Punkte sind es ja erst mal.

Abschließend führt Olli mich an der Sportanlage des SV Arminia ‘53 Magdeburg vorbei, für dessen Herrenmannschaft er in seiner Freizeit auf Torejagd geht. Es ist kalt, es ist kalt in der Stadt, also nichts wie hin zur Konzertlocation, die sich gleich um die Ecke befindet. Der Einlass funktioniert sensationell schnell. Keinerlei Anstehen, nicht mal ein bisschen Fummeln, flussaufwärts ist die Elbe offenkundig nicht dieselbe wie in Hamburg.

Vor der Garderobe werde ich von einem jungen Mann angesprochen, der sich wundert, jemanden bei dem Konzert zu finden, der so alt ist (oder so alt aussieht?) wie ich. Um ehrlich zu sein, wundere ich mich darüber manchmal selbst, andererseits wurde ich sogar schon mal für Monchis Vater gehalten, so what?

Kaum sind wir eine Minute im Saal und lassen das erste Bier in den Hals laufen, spüre ich, wie sich in meinem Rücken ein riesiger Schatten bedrohlich nähert. Ist unsere Tarnung im fußballerischen Feindesland schon aufgeflogen? Das ging schnell. Noch schneller kommt die Entwarnung, der Schatten stammt von Tretti, einem weiteren hanseatischen Freund, der der Band einfach mal für drei Konzerte hinterher reist: Magdeburg, Saarbrücken, Dortmund. Unvergessen, wie ihn Monchi vor ein paar Jahren bei einem Konzert im Rostocker IGA-Park im Publikum entdeckte und mit den Worten begrüßte: „Leute, da ist Tretti, mit dem habe ich früher zusammen randaliert!“

In derart guter Gesellschaft feiert es sich bestens, später treffen wir noch weitere Hanseaten im Saal wie Rostdocs-Richie und Tomas von den „Hansa Supporters Nepal“ – lauter gute Leute am Start.

Support an diesem Tour-Wochenende und somit auch hier in Magdeburg sind Audio88 & Yassin. Die Ziffern im Namen lassen mich kurz erstaunt innehalten, auf meine Reflexe ist Verlass. Die damit verbundene Vorstellung ist jedoch so widersinnig, dass ich den Gedanken sofort und ohne weiter zu grübeln fallen lasse.

Es ist bemerkenswert, wie Feine Sahne es schafft, mir bei ihren Konzerten immer wieder neue Hiphopper vorzustellen, obwohl ich mit dieser Musik doch nun wirklich nichts anfangen kann. Aber auch heute lohnt es sich im Saal zu bleiben, denn das Trio ist mit hörenswerten Stücken am Start. Schon das Bühnenbild mit den drei Rednerpulten – aufgrund der stilisierten Kirchenfenster ist „Kanzeln“ das korrekte Wording – macht neugierig, von der auf einem Facebookfoto gefundenen Selbstbeschreibung als „Priester, die man ohne Bedenken mit seinen Kindern allein lassen würde,“ ganz zu schweigen.

Und es wird wirklich gut. Traditionell kann ich mir vom verbalen Feuerwerk auf der Bühne leider nicht allzu viel merken, streng genommen gar nichts, mit Ausnahme des grandiosen Songs „Schellen“: Bevor man etwas Dummes tut, muss man dumm denken! Aber wem erzähle ich das? Die halbe Stunde vergeht sehr schnell, ich bin sogar überrascht, als es plötzlich vorbei ist.

Zum Hauptereignis sichern wir uns – mangels altersgerechten Oberranges – einen Platz neben der Technik, das Geländer soll uns später Halt geben, wenn die Wogen der Begeisterung durch den Saal schwappen. Eine gute Wahl, denn das Konzerterlebnis ist bedeutend intensiver als in der Draufsicht. Das Publikum im ausverkauften Saal ist überaus enthusiastisch bei der Sache, von Anfang an ist zu spüren, wie lange diese Stadt auf einen Feine-Sahne-Auftritt warten musste.

In der Songauswahl gibt es eine kleine Änderung gegenüber meinem letzten Konzert in Hamburg vor knapp drei Wochen: Für „Stumme Menschen“ rückt „Schlaflos in Marseille“ ins Programm. „Angst frisst Seele auf“ ist wie immer mit einem Gruß an Katharina König-Preuss verbunden, zusätzlich darf Daniel aus Burg Stargard (regelmäßigen Konzertbesuchern kein Unbekannter) sein Bad in der Menge nehmen.

Bei „Geschichten aus Jarmen“ bekommt Monchi am Mikrofon Verstärkung durch Armin aus Braunschweig, seines Zeichens Germanistikprofessor, der die Band vor fünf Jahren in seinem eigenen Wohnzimmer kennenlernen durfte und bei der Gelegenheit mit dem erstmaligen Genuss des ostdeutschen National-Shooters Pfeffi eine jahrzehntealte, unverzeihliche Wissens- und Genusslücke schließen konnte.

Monchis Ansagen und Zwischentexte finden immer wieder begeisterte Zustimmung, lediglich nach der Anmoderation von „Wo niemals Ebbe ist“ mit Erwähnung eines überaus populären Mecklenburger Fußballvereins, hält sich die Euphorie ein wenig in Grenzen, was dennoch niemanden daran hindert, die Textzeile „Dritte Liga, Nichtabstiegsplatz, wir feiern‘s wie die Meisterschaft.“ aus vollem Halse mitzusingen. Olli wird nach dem Konzert feststellen, dass dies der Moment war, an dem er sich erstmals in Magdeburg offen zum FCH bekennen konnte. Das nenne ich gelebte Völkerverständigung.

Nach knapp zwei Stunden ist die Party vorüber, auf dem Heimweg und bei einem kleinen Absacker im „Flowerpower“, einer urig-gemütlichen und brechend gefüllten Bar, schalten wir in den Vorfreude-Modus auf das Tourfinale am 23. März in Rostock um. Auch wenn ich mich jetzt wiederhole, kann ich nur empfehlen: Holt euch Tickets für das Event, neben Feine Sahne Fischfilet gibt es ja auch noch die unvergleichliche The Baboon Show und Möwe & die Ölmützen. Mehr geht wirklich nicht.

Setlist

Zurück in unserer Stadt – Für diese eine Nacht – Alles auf Rausch – Solange es brennt – Schlaflos in Marseille – Mit Dir – Ich mag kein Alkohol – Angst frisst Seele auf – Dorffeste im Herbst – Alles anders – Niemand wie ihr – Geschichten aus Jarmen – Ostrava/Solidarität – Suruç – Wut – Zuhause – Komplett im Arsch

Dreck der Zeit – Lass uns gehen – Warten auf das Meer – Wo niemals Ebbe ist – Wir haben immer noch uns – Weit hinaus

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