Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Sweet Soul Music

Ein Kommentar

Little Steven & The Disciples Of Soul – The Soulfire Teachrock Tour

Hamburg, Große Freiheit 36, 23. Juli 2018

Es ist unfassbar heiß in der Großen Freiheit 36. Schon das Warten vor dem Einlass hat für Schweißperlen auf meiner Stirn gesorgt, die nach Betreten des Saales zu Tropfen anwachsen, die sich wiederum zu kleinen Pfützen vereinigen, auf dem gesamten Oberkörper verteilen und erbarmungslos jede einzelne Faser meiner Bekleidung durchnässen, wie es ein vorpommerscher Landregen nicht gründlicher erledigen könnte.

Die Galerie ist heute geschlossen, so dass mir mein „Stammplatz“ bei Konzerten in dieser Location leider verwehrt bleibt. Ich bekomme dafür jedoch einen Platz in der zweiten Reihe, leicht rechts von der Mitte vor der Bühne, der neben der großartigen Sicht auf das Geschehen als Bonus auch noch so etwas Ähnliches wie „Frischluft“ bereithält. Durch eine vor dem Konzert noch offene Hintertür strömt immer mal wieder etwas Zugluft durch den Raum, nicht unbedingt mit nachhaltiger Wirkung, aber zumindest mit zaghafter Linderung, die mit zunehmender Füllung der Fläche gegen Null strebt.

Während des Konzertes wird die Security im Bühnengraben, die heute eher nicht mit Stagediving oder Crowdsurfing beschäftigt sein wird, immer wieder Becher mit Wasser ins Publikum reichen, das ist zwar eher der berühmte Tropfen auf den heißen Stein, aber zumindest eine nette Geste, die von den Konzertbesuchern dankbar angenommen wird.

Sehr zur Freude aller Anwesenden öffnet sich fast auf die Minute um 20 Uhr der schwarze Vorhang und gibt die Sicht auf die Bühne frei. Die 14 Musiker stehen auf der für eine Band dieser Größe doch recht kleinen Bühne fast genauso dicht gedrängt wie das Publikum im Saal. Das schafft ein tolles Gefühl der Gemeinsamkeit und schweißt (schwitzt) vom ersten Ton an zusammen.

Ein inspirierender Abend startet mit vertrauten Klängen. Von der rechten Bühnenseite aus tänzelt Steve van Zandt wie ein Zeremonienmeister im Rhythmus des Intros zu seinem Mikrofon, begrüßt mit weit ausgebreiteten Armen sein Publikum und stellt die Frage aller Fragen:

DO YOU LIKE GOOD MUSIC?

Sofort baut sich eine spirituelle Verbindung zum gewaltigsten Konzert meines Lebens auf, Erinnerungen an das legendäre Gastspiel von Bruce Springsteen & The E Street Band 1988 in Berlin-Weißensee bemächtigen sich meiner Gedanken, „Sweet Soul Music“ (Arthur Conley) war damals die vorletzte Zugabe. Little Steven gehörte in dieser Zeit nicht der E Street Band an, sein heutiger „Horn Director“, Saxophonist Eddie „Kingfish“ Manion dagegen schon, und so schließt sich für mich heute abend irgendwie der Kreis.

Auch Steve schwelgt im Verlauf des Abends immer wieder in Erinnerungen, lässt seine Jugendjahre in New Jersey wieder auferstehen, das gemeinsame Abhängen mit Freunden, das bunte Treiben am Strand, auf (und unter) dem Boardwalk – alles und überall war Musik. Am Anfang stand Doo Wop, an buchstäblich jeder Straßenecke versammelten sich junge Leute, um gemeinsam Musik zu machen, oft a capella und mit Harmonien, die sich fest ins Gehör brannten. Musik von schwarzen Kids für Schwarze fand dank mutiger weißer DJs den Weg in die Radiostationen und eroberte auch die Herzen der weißen Kids, die Geburtsstunde des Rock‘n‘Roll.

Wiederholt fällt der Satz „Without them we wouldn‘t be here tonight.“ – eine Feststellung, die ganz besonders auch für die Beatles gilt, eine ganz wesentliche Inspirationsquelle für Little Steven. Mit dem heutigen Konzert in der Großen Freiheit, hier, wo alles seinen Anfang nahm (SvZ: „a sacred site“) schließt sich ein weiterer Kreis. Und überhaupt ist Asbury Park, NJ ja auch nicht anders als Hamburg.

Steve scheint ein anspruchsvoller Bandleader zu sein, auf mich wirken die drei hervorragenden Backgroundsängerinnen über weite Strecken seltsam angespannt, das kann allerdings auch an der enormen Hitze liegen, die auf der Bühne noch um einiges belastender sein dürfte als davor. Vielleicht sind sie aber auch einfach nur hoch konzentriert, um die anspruchsvollen Gesangssätze perfekt zu bringen und ihren strengen Chef bei guter Laune zu halten.

Als Frontmann hat Steve alles fest im Griff, es ist interessant zu beobachten, wie er mit kleinen Gesten oder kurzem Augenkontakt seine „Angestellten“ dirigiert – Ergebnis ist ein perfektes Zusammenspiel aller Beteiligten. Dabei bekommen die exzellenten Musiker auch immer wieder Raum für ausufernde Soli, die vom Publikum begeistert gefeiert und vom Meister mit zufriedenem Grinsen bedacht werden. Nur mit seinem Bühnentechniker scheint er heute etwas unzufrieden zu sein, die auf dem Schlagzeugpodest deponierten Wasserflaschen erregen wiederholt seinen Unwillen. Wer weiß …

Der Sound in der Großen Freiheit ist zum Teil sehr brachial. Alle Instrumente kommen gut zur Geltung, die Gitarren haben es mitunter aber schwer, gegen die sehr dominanten Bläser anzuspielen, ähnlich verhält es sich mit dem Backgroundchor. Der Gesamtmix ist allerdings hervorragend und trifft den Zuhörer mitten ins Herz.

Auf der Setlist finden sich Songs aus eigener Feder wie auch Stücke anderer Künstler wie Etta James oder von Berühmtheiten der Jersey Shore Szene wie Gary U.S. Bonds und Southside Johnny. Und natürlich darf in Hamburg ein Beatles-Song nicht fehlen. „Got to get you into my life“ lässt die Raumtemperatur nochmals ansteigen. Little Steven zelebriert das Konzert teilweise wie eine Messe, mit religiös anmutender Inbrunst und großen Gesten und Ansagen, die an Predigten erinnern – Konzerthallen sind die Kathedralen unserer Zeit, wie er an einer Stelle auch selbst sagt.

Bei aller Konzentration auf die eigene musikalische Darbietung hat der Meister ein tolles Gespür für sein Publikum. So erkundigt er sich bei einem etwa 10 Jahre alten Jungen nach dessen Befinden angesichts der tropischen Temperaturen und schenkt ihm eine seiner Wasserflaschen. Später dreht er zwei Ventilatoren auf der Bühne in Richtung der Zuschauer, so dass wir tatsächlich den einen oder anderen Lufthauch abbekommen.

Und dann soll auch noch die Aktion erwähnt werden, die der aktuellen Tour ihren Namen gab: Unter dem Motto „TeachRock“ sind zu jedem Konzert Lehrer eingeladen, sich bei einem Workshop über innovative Lehrkonzepte zu informieren, die einen Blick auf verschiedenste Unterrichtsdisziplinen (Naturwissenschaften, Geographie, Sozialkunde, Medienkunde usw.) durch eine musikalische Linse werfen und so einen Beitrag zu allseitiger und umfassender Bildung leisten können. Freien Eintritt zum Konzert und ein T-Shirt der Kampagne (es sind einige davon im Publikum zu sehen) gibt es auch noch.

Nach etwas mehr als zweieinhalb Stunden geht ein großartiges Konzert zu Ende, leider muss ich am nächsten Morgen wieder arbeiten, so dass ich mich gleich auf die etwa 100 Kilometer Heimweg mache. Schade, vielleicht hätte sich heute mal eine Gelegenheit ergeben, einem musikalischen Helden etwas näher zu kommen. So tröste ich mich mit dem Erwerb des neuen “Soulfire Live“ Albums (Release 24. August), das es vorab schon bei der aktuellen Europatour zu kaufen gibt. Eine lohnenswerte Anschaffung übrigens – falls ihr schon auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken seid.

Setlist

Sweet Soul Music * Soulfire * Lyin’ in a Bed of Fire * Inside of Me * The Blues Is My Business * Love on the Wrong Side of Town * Until the Good Is Gone * Angel Eyes * Under the Gun * Some Things Just Don’t Change * Saint Valentine’s Day * Standing in the Line of Fire * I Saw the Light * Salvation * The City Weeps Tonight * Down and Out in New York City * Princess of Little Italy * Ride the Night Away * Bitter Fruit * Forever * Got to Get You Into My Life * I Don’t Want to Go * Home * Out of Control * Out of the Darkness

 

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Ein Kommentar zu “Sweet Soul Music

  1. Sehr schön beschrieben! Trotz der tropischen Hitze wäre ich lieber in der Großen Freiheit oder im Tollhaus gewesen anstatt in der Wiener Staatsoper voriges Jahr.

    Liebe Grüße aus Wien,

    S.

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