Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Mythos Angst

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FC Viktoria Köln – F.C. Hansa Rostock 1:5, Sportpark Höhenberg, 20. Dezember 2019, 3. Liga, 20. Spieltag

Ich muss echt überlegen, wann ich zuletzt eine derart entspannte Auswärtsfahrt (in beinahe jeder Hinsicht) mit Hansa hatte. Wenn es mir einfällt, sage ich natürlich Bescheid.

Vorher abzusehen war dies keineswegs. Zur sportlichen Situation um unseren Lieblingsverein wurde nahezu alles gesagt, wenn auch noch nicht von allen, aber für irgendetwas müssen die bevorstehenden Feiertage ja auch gut sein. Ich freue mich jedenfalls auf eingehende Analysen aus der Contentschmiede nach mehrfachem Re-Live-Screening.

So oder so – leichte Bauchschmerzen ob des zu erwartenden Ausgangs der letzten Ligapartie des Jahres lassen sich nicht völlig wegflatulieren, als sich die Reisegruppe kurz nach 9 Uhr in Bewegung setzt. Es sind zehn Stunden Zeit bis zum Anstoß, in denen man sich ganz wunderbar in sportliche Miesmacherei hineinsteigern kann. Das wird nicht besser, als wir von DEM Paukenschlag des Tages erfahren. Die Nachricht verbreitet sich schneller, als Andreas Scheuer „Funkloch-App“ buchstabieren kann. So ist die komplette Hansa-Gemeinde praktisch in Echtzeit im Bilde: „Pele“ Wollitz ist vereinslos. Dass man bei Erhalt einer solchen Nachricht sofort Angst um seinen Verein bekommt, veranschaulicht mehr, als einem lieb sein kann, wie schlimm es um Hansa steht. Ihr Völker der Welt, schaut auf diesen Verein!

Unser jüngster Mitreisender versucht, uns auf andere Gedanken zu bringen, hat dafür aber ein perfides Mittel gewählt: seine Spotify-Playlist. Schon im Vorfeld war ein Wolfgang-Petry-Worst of in Dauerschleife angedroht worden. Das volle Programm bleibt uns glücklicherweise erspart, aber es kommen auch Entgleisungen wie Mr. President, Blümchen und der „Bierkapitän“ zum Einsatz. Was ist nur mit unserer Jugend los? Ich denke ja, das ist ein Test, wie lange es dauert, dass ich darum bettle, wieder Wolle P. aufzulegen.

Ich lenke mich ein wenig mit Online-Reaktionen auf die Wollitz-News ab. Die beste liefert ein angefressener „Pele“-Sympathisant, der seinem Liebling via Twitter wünscht, er möge einen „…Verein, wo deine Arbeit wertgeschätzt wird und Fachleute in den höheren Gremien sitzen“, finden. Tja, ich glaube, genau darin liegt die Krux der Sache. Die Vorstellung, wie ein Gremium „wirklicher Fachleute“ beschließt, Herrn Wollitz als Trainer zu verpflichten, löst einen innerlichen Lachflash aus und vertreibt sekundenschnell meine Angst, denn ausgerechnet ein solches Gremium gibt es laut landläufiger Meinung im hohen Nordosten bei Hansa nicht, Glück gehabt!

Andererseits: Fachleute in Gremien und zugleich diesen Trainer haben – wie soll das gehen? Auf die Art und Weise bleibt zumindest ein Druckmittel gegenüber der Mannschaft erhalten, was mich doch etwas ruhiger werden lässt Solange „Pele“ auf dem Markt ist, brauchen wir sie nach misslungenen Spielen aus der Kurve nicht mehr zu beleidigen, wir müssen nur drohen: Denkt bei euren Auftritten immer daran, welcher Trainer gerade frei ist. Wenn das bei den Spielern nicht zieht, weiß ich auch nicht. Das sollte auch dem Wollitz-Berater bei der Verhandlung mit einem neuen Verein nützen: „Nehmen Sie W., vor dem haben die eigenen Spieler mehr Angst als vor eskalierenden Fans.“

Ob Jens Härtel, der alte Psycho-Fuchs vor dem Spiel in Köln schnell noch gegenüber den Spielern die Wollitz-Karte aus dem Ärmel gezaubert hat, weiß ich natürlich nicht. Wenn dem aber so ist, hätte der Trick definiert funktioniert. Immer wieder frage ich mich während des Spiels, ob das wirklich die Spieler meines FCH sind, die da auf dem Platz die gegnerische Mannschaft nach allen Regeln der Kunst sezieren, und das sieht wirklich nicht mal schlecht aus, was offenbar nicht nur auf mein eingeschränktes Sehvermögen zurückzuführen ist. Sachen gibt‘s.

Andererseits denke ich doch, dass es bei Hansa nur selten am Willen oder der Einstellung liegt, weshalb ich da durchaus verstehen kann, wenn sich der Kapitän gegen unsachliche „Kritik“ zur Wehr setzt. Um absichtlich schlecht zu spielen, sind nicht alle Spieler gut genug, manchmal liegt es an den Tagesumständen, und dann ist ja dummerweise auch noch ein Gegner anwesend. Heute haben wir mal das bessere Ende für uns, wobei eben Viktoria einen schwarzen Tag erwischt hat. Irgendwie haben wir uns das ja auch mal verdient.

Dass ich vor lauter ungewohnter Euphorie nicht gleich völlig durchdrehe, dafür sorgen die Umstehenden, die nicht müde werden, nach jedem Hansa-Tor darauf hinzuweisen, dass noch eine Weile zu spielen sei. Das bringt mich auf eine Idee zur Finanzierung zukünftiger Auswärtsfahrten: Fünf Euro von jedem, der mich heute beim Stand von 3:0 auf das Hinspiel hingewiesen hat, und die Auswärtsfahrt wäre gegenfinanziert. Bei Hansa ein durchaus Erfolg versprechendes Konzept, das ich gern zur Nachnutzung freigebe. Sprüche, die immer gehen:

Warum geht das erst jetzt?

Das ist doch nicht mein Hansa.

Bleibt ruhig, es ist nur ein einziges Spiel.

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Jetzt freue ich mich erst mal auf die Rückrunde, dieser Verein wird noch die eine oder andere Überraschung für uns auf Lager haben, zumindest das ist nach dem freitäglichen Torefestival sicher. Ob es für uns immer gut ausgehen wird, liegt nun aber hoffentlich nicht daran, ob „Pele“ Wollitz eine neue Trainerstelle antritt, also drücke ich ihm (nicht ganz uneigennützig) die Daumen bei der Jobsuche. Genügend andere Vereine mit „Fachleuten in den höheren Gremien“ gibt es ja zum Glück.

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