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Kein Buch für Sieger

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Monchi: Niemals satt (Kiepenheuer & Witsch)

Herzlich willkommen zum Leistungskurs Deutsch: Besprechen Sie ein Buch, ohne eine bloße Zusammenfassung des Inhalts zu geben.

Kein Ding, schließlich habe ich schon in meinem Abituraufsatz 1981 einen Roman behandelt, den ich bestenfalls zu einem geschätzten Drittel gelesen hatte, sorry an Dieter Noll (ⴕ). Für den Rest reichten mir damals das in 12 Schuljahren erworbene Wissen über Grundprinzipien des „sozialistischen Realismus“ in der DDR-Gegenwartsliteratur und eine Fernsehverfilmung. Wenigstens kann mich heute niemand eines Plagiats bezichtigen, denn nicht Gelesenes kann ich natürlich nicht abgeschrieben haben. Ich gehe also davon aus, dass mir nun auch meine Abi-Note „Sehr gut“ in „Deutsche Sprache und Literatur“ nicht rückwirkend aberkannt wird.

Das Buch

Wenden wir uns der Gegenwart zu. Am 7. April 2022 ist Monchis lang erwartetes Erstlingswerk „Niemals satt“ erschienen. Dass „lang erwartet“ nicht nur meine subjektive Einschätzung ist, wird daran deutlich, dass das Buch knapp eine Woche nach Veröffentlichung bereits die SPIEGEL-Bestsellerliste (Sachbuch) anführt. Anscheinend wiederholt sich gerade der Chartsturm von „Sturm und Dreck“ auf einer anderen Ebene. Alle Achtung!

Es ist mir tatsächlich gelungen, mir das ganze Werk in der einen Woche komplett reinzuziehen. Möglich war das in erster Linie mit dem bei argon verlegten Hörbuch, das ich noch am Tag des Erwerbs in einer Art „Extreme Binge Listening“ Session (7 Stunden!) „verschlungen“ habe. Es war mir einfach unmöglich, das Hören zu unterbrechen, wofür zwei Dinge den Ausschlag gaben:

Erstens, die fesselnd und unterhaltsam erzählte Story, voll mit unzähligen, sehr persönlichen Einsichten, Erkenntnissen, Bekenntnissen und, trotz zum Teil selbst miterlebter Geschehnisse, immer wieder überraschenden Wendungen.

Zweitens, das Vergnügen, Monchi einfach nur zuzuhören. Stell dir vor, der Typ sitzt dir gegenüber und „labert“ sieben Stunden auf dich ein, ohne dass es auch nur eine Sekunde langweilig wird. Krass, Digger!

Wie versprochen, will ich hier keine Inhalte spoilern, daher zum Appetitholen ein paar Highlight-Stichworte:

Eine Jugend mit und für Hansa Rostock

Aufstieg und Cheating

Weglaufen oder stehen bleiben?

Langsame Nazis und sächselnde Schläger

Von „Force Attack“ bis „Wir sind mehr“

Letztinstanzliche Entscheidung: Es heißt PFANNKUCHEN!

Das Buch hält viele berührende Momente bereit, die die Leserin/den Leser manchmal emotional unvorbereitet erwischen. Der für mich beeindruckendste könnte unter der Überschrift „Crowdsurfing für Dicke“ stehen. Allein für dieses Kapitel lohnt sich das Hörbuch.

Damit will ich es bewenden lassen. Was ist für mich nun die wichtigste Erkenntnis (nach einmaligem Lesen/Hören)?

Man kann etwas schaffen, nicht obwohl, sondern WEIL man es NICHT schaffen MUSS!

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Die Lesung, 7. April 2022, Volkstheater Rostock

Es ist, weiß Gott, nicht die erste Autorenlesung, die ich besuche. Sogar einer richtigen literarischen Berühmtheit durfte ich schon mal folgen. Aber in Sachen Atmosphäre und Dramaturgie bis hin zu Requisiten setzt die Bühnenpräsentation von „Niemals satt“ Maßstäbe. Wie auch bei den berühmten Feine-Sahne-Liveshows hat Monchi sein Publikum von der ersten Sekunde an fest im Griff. Es beeindruckt, wie diszipliniert und aufmerksam die Leute jedes von der Bühne kommende Wort geradezu aufsaugen, ohne angesichts der beachtlichen Veranstaltungsdauer von etwa zwei Stunden auch nur das geringste Anzeichen von Erschöpfung oder Ungeduld zu zeigen. Ich bin sicher, das wäre nicht anders, würde er einfach aus dem Telefonbuch lesen.

Über die seelische Entblößung im Buch hinaus macht sich Monchi auch auf der Bühne buchstäblich nackig, wenn schon – denn schon. Im Publikum sind viele Wegbegleiter, gute Freunde, darunter Protagonisten des Buches (Gruß an „Manner“, „Rote Erde“ u.v.a.!), und natürlich Familienmitglieder anwesend, was der Veranstaltung besondere Authentizität verleiht. Emotionaler und dramaturgischer Höhepunkt für mich ist der Auftritt von „Mudders“, die beim Lesen eines Kapitels hilft. Leider kann sie nicht die komplette Tour mitmachen, deshalb hier noch einmal der explizite Hinweis auf das Hörbuch. *zwinker*

Die Lesetour geht noch bis zum 25. Mai, es gibt für einige Termine noch Tickets, Lasst euch das nicht entgehen, wenn ihr die Möglichkeit habt. Ein gutes Werk könnt ihr dabei auch noch tun. Bei den Lesungen könnt ihr für einen sozialen Zweck spenden. In Jarmen soll, wenn die Mittel zusammenkommen, ein Skateplatz gebaut werden. Also nehmt gern ein bisschen Kleingeld mit, Belohnungen dafür könnte es auch noch geben, und das schöne Gefühl, die „abgehängte Jugend“ im  Osten nicht nur zu beklagen, sondern konkret etwas für sie zu tun.

Niemals komplett im Arsch!

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