Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

… und wenn sie nicht gestorben sind …

Ein Kommentar

Es war einmal, mit diesen Worten fangen die meisten Märchen an. Märchen, ihr wisst schon, das sind diese romantischen Erzählungen über Hexen, Drachen, Zwerge, Prinzessinnen, Feen und was weiß ich noch alles, mit denen unsere Eltern und Großeltern damals versucht haben, uns beim Einschlafen zu helfen. Einschlafen, Erzählungen, Eltern – wozu gibt es DVD-Player? Und schläft man nicht beim laufenden Fernsehprogramm eh viel schneller ein? Ok, da haben wir wieder das Generationen-Problem. Also kurz gesagt: Wir hatten damals einfach nüscht, um genau zu sein: gar nüscht, also auch keine audiovisuellen Multimediaterminals, daher mussten zu meiner Zeit die Eltern noch selbst ran, wenn das Abendessen länger dauerte als das Sandmännchen und der kleine Racker partout nicht die Augen schließen wollte.

Ich schweife ab. Also – Märchen. Für den inneren Seelenfrieden und möglichst konfliktarme Träume war es wichtig, dass man als Kind möglichst bis zum Happy End durchhielt und so noch „miterlebte“, wie die böse Hexe im Backofen landete und die schöne Prinzessin im Bett des tapferen Ritters. Das erlösende Wunder kam immer am Ende der Geschichte, um so, ganz nach dem Sandwich-Prinzip positiv-negativ-positiv, beim Rezipienten einen angenehmen Schlusseindruck zu hinterlassen.

Es ist das Wissen um diese theoretischen Grundlagen der Küchenpsychologie, die mich beim gestrigen Spiel an der Alten Försterei davor bewahrten, mich schon nach 10 Minuten dem Rausch der Euphorie hinzugeben, als unser zum Siegen verdammter FC Hansa doch tatsächlich uneinholbar mit 2:0 gegen einen bis zu diesem Zeitpunkt völlig desorientierten 1. FC Union in Führung gegangen war. Es gibt nun mal kein Märchen, bei dem das Happy End schon am Anfang kommt.

Und so kam es, wie es kommen musste. Union brauchte nur 11 Minuten, um den Rückstand in eine eigene Führung umzuwandeln, Hansa konnte im weiteren Spielverlauf zwar noch zweimal einen Rückstand ausgleichen, musste sich nach 90 Minuten dann aber doch geschlagen geben, Endergebnis 5:4. Bei einem solchen Spielverlauf und Resultat schwärmen in der Regel alle Beteiligten und Zuschauer noch jahrelang davon, Zeugen eines groß(artig)en Ereignisses gewesen zu sein. Dafür, dass ich in diesen Gesang nicht einstimmen kann, bitte ich um Verständnis.

Unabhängig vom deprimierenden sportlichen Ausgang hatte der Besuch in Berlin-Köpenick dennoch positive Aspekte, die zwar den Abstiegsschmerz nicht lindern, aber wenigstens ein bisschen Balsam auf die geschundene Fanseele streichen können.

Um ehrlich zu sein, waren wir die Reise nach Berlin von Anfang an im Bewusstsein angetreten, wir werden hier und heute bei euch absteigen, und ihr könnt nichts dagegen tun! Zu deutlich waren der Mannschaft in den auf das kurze Zwischenhoch von drei Siegen folgenden Niederlagen ihre Grenzen aufgezeigt worden, zu überzeugend und souverän war dagegen Union während der gesamten Saison aufgetreten. Und natürlich war da noch das Hinspielresultat in unangenehmer Erinnerung.

Mit diesem hochexplosiven Drittelmix aus Defätismus, Resignation und Größenwahn im Blut ging es über die sonntagmorgendlichen Autobahnen aus der Landes- in die Bundeshauptstadt, wo wir frühzeitig einen der raren Parkplätze in Stadionnähe erreichten. Fast hätten wir die Einfahrt zu dem einer berüchtigten Discountkette gehörende Gelände verpasst, da schon jede Menge Fahrzeuge eines staatlichen Sicherheitsdienstleisters wertvolle Flächen in Anspruch nahmen. Das wäre doch mal ein wirklich innovatives Motiv für die nächsten Wahlkampfplakate: „Bullen“ nehmen deutschen Autofahrern die Parkplätze weg! Für schlappe 5 Euro erhielten wir dann aber doch freie Zufahrt zu den begehrten Stellplätzen. 5 Euro fürs Parken gegenüber 1,70 Euro für den Liter Benzin sind der Beweis, dass die Kosten für ruhenden Verkehr endlich dem fließenden angepasst werden.

Am Parkplatz trennten sich meine Wege vom Rest der Reisegruppe. Nach den insgesamt positiven Erfahrungen bei meinem Undercover-Einsatz am Millerntor drängte sich der direkte Vergleich nur eine Woche später geradezu auf. Ganz vergleichen kann man die Umstände natürlich nicht, denn erstens hatte die Berliner Polizei nicht versucht, Hansafans in ihrer Gesamtheit vom Spiel auszuschließen und zweitens war ich diesmal aufgrund häufiger Teilnahme am jährlichen Fanturnier der Wildauer Kickers nicht komplett unerkannt im Einsatz, mein Platz im Stadion war folgerichtig auch in ihrer Umgebung gewählt.

Treffpunkt mit den Wildauern war passenderweise das Mecklenburger Dorf im Herzen Köpenicks, ein idyllisch gelegener Freiluftimbiss am Ufer der Spree, wo man sich bei frisch Gezapftem und Gegrilltem perfekt auf das Spiel einstimmen kann. Überhaupt will Köpenick mit seinem in weiten Teilen brandenburgisch-ländlich anmutenden Flair so gar nicht dem verbreiteten Hauptstadt-Klischee entsprechen. Umso störender empfindet man dadurch das permanente Brummen des in großer Höhe über dem Kriegsschauplatz kreisenden Polizeihubschraubers – eine Lärmbelästigung, die es vor einer Woche am Hamburger Kiez gar nicht in die bewusste Wahrnehmung geschafft hat.

Hier muss ich noch einmal kurz unterbrechen und einen beliebten DDR-Witz zur Auflockerung einstreuen, an den ich immer denken muss, wenn ich Hubschrauber sehe, von dem ich mich natürlich ausdrücklich und in aller Form distanziere: Warum dürfen Polizisten nicht auf den Berliner Fernsehturm? – Es gab zu viele Unglücksfälle, wenn die versucht haben, die Hubschrauber zu füttern.

Nun, das Bierchen im Freien ließ sich trotzdem keiner vermiesen und so war ausgiebig Zeit und Gelegenheit, in lockerer, entspannter Atmosphäre den Spielausgang zu verhandeln. Wie man sich denken kann, kam das spätere Endergebnis in keiner der Prognosen vor.

Etwa eine Dreiviertelstunde vor Spielbeginn nahmen wir dann unsere Plätze auf der Gegengerade ein, ganz oben im Block auf Höhe der Mittellinie bot sich eine sehr gute Sicht auf das Geschehen auf und neben dem Platz. Ich persönlich habe mich deutlich wohler gefühlt als vor Wochenfrist in Hamburg, und das lag nicht nur daran, dass mir persönlich bekannte Fans des Gegners an meiner Seite standen, so dass ich es sogar wagen konnte, beim Einlaufen der Mannschaften den Hansaschal zu präsentieren. Die Atmosphäre war insgesamt deutlich entspannter und lockerer als am Millerntor, was sicher darauf zurückzuführen ist, dass in weiten Kreisen beider Fanszenen, mit Ausnahme der jeweiligen Ultragruppierungen, die andere Seite nicht zwingend als „Feind“ wahrgenommen wird.

Besonders deutlich wurde das bei der Begrüßung durch den Stadionsprecher, der mit angemessenen Worten die aktuelle Situation um den FC Hansa, deren Bedrohlichkeit ja weit über die sportlichen Aspekte hinaus geht, darlegte und mit seinen aufrichtig klingenden, guten Wünschen für die Überwindung unserer existenziellen Krise viele Sympathiepunkte beim Rostocker Anhang sammeln konnte und dafür auch Beifall von rot-weißer Seite erhielt. Respekt und Dank an Union für so viel Taktgefühl und Glückwunsch zu diesem Stadionsprecher. Bemerkenswert fand ich auch die Reaktionen großer Teile des Heimpublikums, als gegen Ende des Spieles aufkommende Schmähgesange für den Absteiger mit Pfiffen bedacht und von der Gegengerade sofort mit Anfeuerungsrufen für die eigene Mannschaft überstimmt wurden – ein Lehrstück in Sachen Fankultur, das ich mir zur Zeit so in keinem anderen Stadion Deutschlands vorstellen kann.

Vor diesem Hintergrund stößt das Verhalten einzelner Hansafans nach Spielende besonders bitter auf. Natürlich gehen bei einem Abstieg, gerade nach diesem Spielverlauf, die Emotionen schon mal mit dem einen oder anderen durch. Dass dabei der Zaun überklettert wird, ist nicht schön, aber ein kleines bisschen Verständnis habe ich dafür schon, auch weil es ja durchaus entsprechende Provokationen von Union-Seite aus gegeben hatte, wie ich nach dem Spiel erfuhr. Aber – wie gesagt, das betraf auf beiden Seiten jeweils einige wenige Personen.

Keinerlei Verständnis dagegen habe ich, wenn Sitzplätze herausgerissen und auf den Platz geworfen werden. Ich stand nach dem Schlusspfiff eine Weile neben „Gossi“, einem alten „Wildauer Kicker“, an den sich der eine oder andere vielleicht aus der damaligen TV-Reportage über den Stadionbau erinnert. Ein richtig guter Typ, der den kompletten Bau von Anfang bis Ende mitgemacht hat, musste mit ansehen, wie Leute, die sich als Fußballfans bezeichnen, sich in seinem Wohnzimmer aufführen wie die letzten Assis. Wo war da die Selbstkontrolle, die bei der Fandemo in Hamburg noch so gut funktioniert hatte?

Nun ist es also passiert, der Abstieg aus der 2. Liga vor zwei Jahren bleibt kein einmaliger Betriebsunfall, der schnell repariert werden konnte. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, Prognosen über mittel- oder längerfristige sportliche Entwicklungen abzugeben. Auf der Tagesordnung steht die Sicherung der Existenz eines traditionsreichen Fußballvereins, der für viele tausend Menschen mehr als „nur“ ein Freizeithobby ist. Es geht um Arbeitsplätze beim Verein und bei vielen direkt oder indirekt betroffenen Partnerunternehmen. Es geht um die Erhaltung eines langjährigen sportlichen Aushängeschildes für ein ganzes Bundesland, und wenn diese glückt, um die Wiederherstellung des verlorenen Glanzes in alter Stärke.

Es war einmal ein großer, unbesiegbarer Fußballverein in einer großartigen Hansestadt. … Wenn sie nicht gestorben sind, dann siegen sie noch heute.

Ein Kommentar zu “… und wenn sie nicht gestorben sind …

  1. Danke, für diesen schönen Text zum traurigen Anlass. Aber Kultur, auch Fankultur ist immer auch Kultur des Umgangs miteinander. Und deshalb alle Unterstützung zur Rettung des FC Hansa Rostock! Meldet Euch wenn wir etwas machen können und kommt bald zurück. Eisern! Matti Michalke

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