Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Manchmal hat auch der Weihnachtsmann Verspätung

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Ich gebe es zu, die Versuchung ist groß, Ort und Zeitpunkt passen perfekt, um noch einmal so richtig über den Hausherren des Berliner Olympiastadions abzulästern. Aber keine Angst, um Fußball oder „sogenannte Fans“ geht es hier heute überhaupt nicht, auch wenn die Kombination von Olympiastadion, Abrissbirne („Wrecking Ball“) und überfülltem Innenraum geradezu danach schreit, ein bisschen über Todesangst, Blutbäder oder Taliban der Kurve zu schwadronieren, was ja derzeit richtig angesagt ist.

Zu meinem siebenten Springsteen-Konzert in 24 Jahren, am 30. Mai 2012 in Berlin, begleitet mich erstmals meine Tochter Franziska (Jg. 1991), für die nun mit dem „Auspacken“ dieses letzten Geschenkes endlich ein langjähriger Wunsch in Erfüllung geht: Merry Christmas 2011!

Rechtzeitiges Erscheinen sichert gute Plätze, das gilt erst recht bei Mega-Events wie diesem. Also finden wir uns schon gegen 16 Uhr am Veranstaltungsort ein, freuen uns über eine Parkmöglichkeit in der Nähe und reihen uns nach einer kurzen Stärkung im Preussischen Landwirtshaus in die noch kurzen Schlangen vor den Stadiontoren ein. Die Zeit bis zur Öffnung der Tore vertreibt uns kein Geringerer als The Boss himself, aus dem Innenraum schallt uns der Soundcheck entgegen.

Dabei hat sich der Künstler für einen Song entschieden, den offenbar niemand zu kennen scheint. Mir geht es da nicht besser. Und tatsächlich stellt sich später heraus, dass das Stück extra als Opener für die abendliche Show ausgesucht und eingeübt worden ist – all die heimliche Scham, als jahrzehntelanger Fan ein Lied des großen Idols, von dem man doch nun wirklich „alles“ kannte, nicht identifiziert zu haben, ist unnötig. Aber bis zu dieser Erkenntnis müssen noch knapp vier Stunden vergehen.

Der Einlass gestaltet sich problemlos, als regelmäßiger Stadiongänger nimmt man das natürlich auch gern mal mit. Kurz beim Merch-Stand vorbei geschaut und angesichts von T-Shirt-Preisen zwischen 25 und 35 Euro diesem gleich im großen Bogen ausgewichen, und dann betreten wir den Innenraum, wo sich schon eine ordentliche Traube rund um die Bühne gebildet hat.

Wir sortieren uns an einer passablen Stelle ein, die einigermaßen Sicht auf die Bühne bietet, für nähere Einblicke in das Bühnengeschehen gibt es dann ja noch die Videowände. Dann heißt es „nur noch“, die verbleibende Zeit bis zum Konzertbeginn – etwas mehr als zwei Stunden – zu überstehen. Überstehen im wahrsten Sinne des Wortes, denn das Gedränge wird schnell immer dichter. Immer wieder bahnen sich Leute einen Weg durch die Massen zum Getränkestand und wieder zurück, andere versuchen, doch noch ein paar Meter dichter an die Bühne zu kommen.

Während sich auch Franzi, so lange es geht, noch ein wenig setzt, dringen unterdessen gar absonderliche Gesprächsfetzen an meine Ohren. (Ich weiß, man belauscht keine Fremden, aber was will man machen!) Direkt hinter mir steht ein gemischtes Paar, dessen männlicher Teil permanent versucht, seinen weiblichen Gegenpart mit verbalem Dauerfeuer sturmreif zu schießen. Der Themenvielfalt sind hierbei fast keine Grenzen gesetzt.

Es beginnt ganz unverfänglich mit einem der Lieblingsthemen der Ü40-Generation: Reisen mit der Deutschen Bahn. Der arme Kerl hatte doch die komplette Anreise zum Konzert in seinem Abteil die Gesellschaft zweier (O-Ton) „Manager-Arschlöcher“ aushalten müssen, die ununterbrochen mit ihren Handys beschäftigt waren. Das ständige Gefühl, heimlich beobachtet zu werden, hatte ihm dabei dermaßen auf den Magen geschlagen, dass er noch nicht mal die leckere Salzbrezel probieren konnte („Brich dir ruhig ein großes Stück ab!“). Ein schreckliches Schicksal – dagegen konnte sie mit ihren zwei Schulklassen auf Klassenfahrt nicht anstinken.

Nächstes Thema: Die noch recht dünn besetzten Ränge des Olympiastadions. Die können sich ja auch Zeit lassen mit ihren Sitzplätzen. Das ist genauso wie beim Fußball, da stehen die Sitzplatzbesucher auch immer bis zuletzt draußen, essen und trinken, während bedauernswerte Steher wie er immer schon eine Stunde vor dem Spiel um die besten Plätze kämpfen müssen. Das Leben ist aber auch ungerecht!

Weiter geht’s, jetzt wird es intellektuell. Gemeinsam rätseln beide über die auf den Pfandbechern im Olympiastadion abgebildeten Symbole, wir Fachleute sprechen von Pictogrammen: „Das sind die unverständlichste Pictogramme, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe, ich habe noch nie so lange über eines nachgedacht.“ Nun sind wir ja alle fast täglich mit Pictogrammen konfrontiert und grübeln, was sie uns sagen wollen, aber die eigentliche Frage ist doch: Schleppt man mit dieser Masche heutzutage bei Konzerten coole Bräute ab? Zumindest scheint sie jetzt anzubeißen: „So ein Pictogramm soll doch eine kurze präzise Aussage beinhalten, oder? Aber das hier zum Beispiel sieht aus wie ein Boomerang. Was soll das denn bedeuten?!“ Ihr hättet den astreinen Outback-Slang hören sollen: „Boomerang!“ Ein Wort wie ein Peitschenhieb. Da entwickelt sich etwas.

Für unseren Freund ist das das Signal, den nächsten Gang einzulegen. Und jetzt wird es wirklich interessant. Thema: Wiedergeburt. These: Gott entscheidet bei deinem Tod, als was du wiedergeboren wirst. Grundlage seines Urteils ist, welche guten Taten du zu Lebzeiten begangen hast. Es kann dir also passieren, dass du als Ameise zurückkommst. Nicht weiter schlimm, vielleicht hat man es ja verdient. ABER! Wenn du nicht gerade die Ameisenkönigin bist, rackerst du dich den ganzen Tag ab und kriegst dafür gar nichts, was dir wahrscheinlich nicht einmal bewusst ist! Das kann es ja auch nicht sein. Welche Chance hat man denn, als Ameise und in den Leben danach genügend gute Taten zu vollbringen, sich in der Nahrungskette vielleicht doch Schritt für Schritt wieder hochzuarbeiten.

Diese überaus interessante Diskussion über existentielle Grundfragen findet plötzlich ein jähes Ende, als wieder einmal ein paar Leute mit Bierbechern in der Hand Richtung Bühne streben und abrupt zwischen mir und unserem Pärchen stehen bleiben und so den durch mich vorübergehend (also zum VORÜBERGEHEN) frei gemachten Platz okkupieren, was unsere Ameisenkönigin zu der entrüsteten Frage veranlasst: „Sie wollen doch nicht etwa hier stehen bleiben?!“ Die einen merkwürdigen, vermutlich süddeutschen Dialekt sprechende Frau namens Petra fragt: „Wieso?“ – „Na weil das hier schon total eng ist. Wir wollen schließlich nachher auch noch atmen.“ (Ach was, echt jetzt?) Petras Antwort verstehe ich leider nicht mehr, es ist jedoch offensichtlich, dass es nach vorn einfach nicht mehr weiter geht und sie auch gar nicht die Absicht hat es zu versuchen.

Prinzipiell genießen die sehr bodenständig wirkenden Eindringlinge durchaus meine Sympathie, aber natürlich haben sie auch mir einen Teil meines knappen Platzes weggenommen, was nach angemessener Bestrafung schreit. Genau, Schreien ist die Lösung. Meine in unzähligen Stadiongesängen gestählte Stimme wird während des Konzertes zu Petras ständigem Begleiter, die sich so bei vielen Liedern vom ersten bis zum letzten Ton an meinem lautstarken „Gesang“ erfreuen kann.

Ach ja, das Konzert. Danke an alle, die bis hierher durchgehalten haben, jetzt soll es auch endlich um das wahre Thema dieses Artikels gehen.

Die Wartezeit nähert sich unübersehbar ihrem Ende, als kurz nach 19 Uhr die Tontechniker damit beginnen, ein letztes Mal die Instrumente zu überprüfen. Dann nehmen die Beleuchter ihre Plätze hoch über der Szenerie ein und die Aufregung im mittlerweile proppenvollen Stadion, in das durch das Marathontor immer noch massenweise Menschen strömen, steigt mit jeder Minute. Um 19:45 Uhr erklingt vom Band die Filmmusik aus „The Magnificent Seven“ und einer nach dem anderen erscheinen die Bandmitglieder sowie Bläser und Backgroundsängerinnen und –sänger auf der Bühne, bis als letzter der Boss unter frenetischem Jubel das Line-up komplettiert. Die gigantische, dreistündige „Berlin House Party“ nimmt ihren Lauf.

Zu Beginn wird erst einmal das Rätsel um den Soundcheck aufgelöst. Anlässlich des Abschiedes der diesjährigen Tour aus Deutschland erklingt als E Street Band-Premiere WHEN I LEAVE BERLIN, ein Song des englischen Folksängers Wizz Jones aus dem Jahr 1973, bevor mit WE TAKE CARE OF OUR OWN und WRECKING BALL das „reguläre“ Programm startet.

Mit sieben Songs, also einem Viertel aller gespielten Stücke, nimmt das aktuelle Album, das der Tour auch ihren Namen gegeben hatte, einen großen Teil des Abends ein. Dabei spart der Boss vor allem bei Zwischentexten nicht mit gesellschaftlicher Kritik, teilt ordentlich gegen Verursacher und Nutznießer der schweren Finanzkrise und ihrer Folgen aus, besonders eindringlich in diesem Zusammenhang JACK OF ALL TRADES. Das sehr intensiv gespielte und gesungene, teilweise gerappte ROCKY GROUND wird für mich sogar einer der unerwarteten künstlerischen Höhepunkte des Konzertes.

Bei der Auswahl der weiteren Songs bleiben musikalischen Überraschungen weitestgehend aus, Bruce setzt hier auf bewährte und bekannte Interpretationen seiner Klassiker, hervorragend unterstützt durch perfekt arrangierte und gespielte Bläsersätze und Backgroundgesang. Dabei verfällt die Band keineswegs in Alltagsroutine, es gibt viele emotionale Momente, die die Nacht von Berlin einzigartig machen.

Erster Stimmungshöhepunkt ist BADLANDS, der Song, mit dem 1988 das legendäre Konzert in Berlin-Weißensee begonnen hatte, und bei dem seit Jahren weltweit ganze Stadien beben, wenn das Publikum den Backgroundchor zur Bridge vor dem letzten Refrain singt.

Bei MY CITY OF RUINS stellt Bruce die Bandmitglieder vor, richtet dabei auch Grüße von seiner Patti aus, die sich zuhause um die Kinder kümmert. Dann wird zum ersten Mal an diesem Abend an zwei E Streeter erinnert, die nicht mehr dabei sind, nie mehr dabei sein werden. Bruce findet schöne Worte für Danny und Clarence: “If you’re here and we’re here, they’re here”.

Immer wieder sucht der Boss den direkten Kontakt zum Publikum, ob beim Tanz mit einer Sanitäterin im Bühnengraben oder beim Sammeln von Schildern mit Musikwünschen (so kommen HUNGRY HEART, TRAPPED und SAVE MY LOVE ins Programm). Bei WAITIN’ ON A SUNNY DAY macht ein vielleicht zehnjähriger Junge die erste Bühnenerfahrung seines Lebens gleich vor 50000 Zuschauern an der Seite eines der größten Rockstars aller Zeiten, und er schlägt sich tapfer.

Großartige Momente gibt es immer wieder, wenn Jake Clemons, Clarences Neffe, am Saxophon seine Soloeinsätze spielt und dabei sehr an den „Big Man“ erinnert. Das Leuchten in Bruces Augen am Schluss von THUNDER ROAD spricht diesbezüglich Bände.

Im Zugabenteil wird zunächst noch einmal die Erinnerung an die Nacht von Weißensee 1988 beschworen, bevor zu BORN IN THE U.S.A. und BORN TO RUN das komplette Stadion nur noch am Toben ist. Bei DANCING IN THE DARK schafft es die Band schließlich, einen jungen Mann buchstäblich aus seiner Hose zu rocken.

Den Abschluss bildet das erinnerungsbeladene, sehr emotionale TENTH AVENUE FREEZE OUT: In der dritten Strophe, bei „… and the big man joined the band …“ setzt die Musik aus, auf der Videowand erscheinen Bilder des vor einem Jahr verstorbenen Musikers, der mit Sprechchören vom Publikum gefeiert wird und dessen Geist so noch einmal über allen schwebt. Dann ist nach nicht ganz drei Stunden Schluss. Wieder geht in Berlin ein außergewöhnliches Konzert der E Street Band zu Ende, eine gigantische Party mit der wohl weltweit besten Liveband.

Nach ein paar Momenten der Besinnung, die jeder auch braucht, um wieder etwas „runter zu kommen“, dreht sich Petra um strahlt mich an und sagt „Gut g’sunga“. Ich brauche eine Weile, um zu begreifen, dass sie mein Gegröle gemeint hat. Für diesen Ritterschlag verzeihe ich ihr jetzt auch endgültig den Verdrängungsversuch vor dem Konzert. Dann „schwimme“ ich zusammen mit meiner ebenso begeisterten wie erschöpften Franzi langsam mit dem Strom Richtung Ausgang.

Beim Verlassen des Innenraumes will es das Schicksal, dass ich noch einmal an unserem potenziellen Traumpaar von vorhin vorbei gehen muss – eine glückliche Fügung, denn so schnappe ich am Ende noch auf, wie unser Freund die gerade gesehene „selbstironische Inszenierung als Rockstar“ analysiert. Also wenn er sie damit auch nicht herumgekriegt hat, dann weiß ich wirklich nicht.

Ach so, ich hatte ja oben erwähnt, dass der Typ mit einem Faible für Pictogramme, der keinen Appetit hat, wenn er mit Managern im Zug sitzt, von guten Taten als wiedergeborene Ameise träumt und ein dreistündiges, Energie sprühendes Rockkonzert für eine selbstironische Inszenierung hält, auch von regelmäßigen Stadionbesuchen erzählt hat. Welches mag wohl sein Lieblingsverein sein? Ich weiß es, denn auch das hat der seiner Zielperson stolz berichtet, aber es ist auch nicht schwer zu erraten, oder?

Die Setlist zum Konzert findet ihr u. a. bei German Tramps.

Nachtrag (04.06.2012): Eine tolle Boss-Fanseite habe ich heute entdeckt, ein Besuch lohnt sich unbedingt: Follow the Boss.

5 Kommentare zu “Manchmal hat auch der Weihnachtsmann Verspätung

  1. Schöner, flüssig geschriebener Artikel – man könnte daneben gestanden sein / haben, nach dem Lesen 😉

  2. Grossartiger Bericht. Macht richtig Vorfreude aufs Konzert in Zürich

  3. Danke für Deinen netten Link zu uns Yellow-Shirts!

  4. Oh ja, Konzerte mit Bruce sind immer ein fantastisches Erlebnis und wirken noch lange nach! In diesem Jahr war ich im Rhein-Energie Stadion in Köln und war tagelang begeistert und auf Wolke Sieben! Es ist wunderbar, Leute kennen zu lernen, die die gleiche Musik mögen, gemeinsam zu singen mit Bruce unter freiem Himmel, Herz und Seele berühren zu lassen von diesen großartigen Songs, Erinnerungen aufkommen zu lassen an Asbury Park und der E-Street Band in Atlantic City….was will man eigentlich mehr?
    LG von Rosie

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